Türchen 7: Santiago Arias

September 2018. Atletico kommt in der neuen Saison weiterhin noch nicht so richtig in die Gänge. Gegen Celta de Vigo steht es nach knapp einer Stunde schon 0:2, der nächste Rückschlag droht. In der 68. Minute wird Santiago Arias eingewechselt, doch auch er kann die Niederlage nicht verhindern. In der darauffolgenden Länderspielpause, zieht sich Arias zu allem Überfluss noch einen Rippenbruch zu und fällt wochenlang aus.

Ob sich der 26-jährige seinen Start in Madrid so vorgestellt hat? Eher nicht. Erst mit 26 Jahren war ihm der Wechsel zu einem der Top Teams von La Liga vergönnt. Zuvor spielte er fünf Jahre lang in den Niederlanden bei Serienmeister PSV. Die Ablöse, welche Atletico Madrid bezahlte, war mit elf Millionen Euro vergleichsweise recht moderat.

Inzwischen steht PSV trotz des Abgangs von Arias souverän an der Tabellenspitze und in Madrid ist sein direkter Konkurrent auf der Rechtsverteidiger-Position kein Geringerer als der inzwischen 33-jährige Juanfran. Auf den ersten Blick wirkt Santiago Arias alles andere als prädestiniert für diesen Adventskalender.

Doch im Gegensatz zu unserem anderen Kolumbianer im Adventskalender, ist Santiago Arias kein Spielertyp den man nur mit Müh und Not in eine funktionierende Startelf einbauen kann. Der 26-jährige besitzt ein vollständigeres Skillset und es dürfte keine allzu große Überraschung werden, sollte der Kolumbianer bei Atletico Madrid tatsächlich irgendwann den alternden Juanfran ersetzen.

Am 27. Oktober schlägt erstmals so etwas wie die Stunde von Santiago Arias. Juanfran steht nicht im Kader, Arias rutscht in die Startelf und feiert mit seiner Mannschaft einen souveränen 2:0 Erfolg gegen Real Sociedad. In den folgenden fünf Ligaspielen steht Arias jedes Mal in der Startelf. Atletico verliert kein einziges dieser fünf Spiele, holt gegen Athletic Club und den FC Barcelona vier Punkte. Auch gegen Monaco in der Champions League gelingt Arias und Co. ein Sieg. Der kleine Kolumbianer scheint sich gemausert zu haben.

Arias der Spielentschleuniger

Auch wenn Arias alle Fähigkeiten mitbringt, um auf dem höchsten Level zu spielen, so kann der erste Blick täuschen. Arias ist kein vorstoßender Tempo-Außenverteidiger, der bedingungslos hinterläuft oder versucht mit Schärfe an die Grundlinie zu gehen, um zu flanken. Dies liegt aber keineswegs daran, dass Arias diese Bewegungen und Abläufe nicht in seinem Repertoire hätte – ganz im Gegenteil: sowohl seine hinterlaufenden Angriffsbewegungen, als auch seine Flanken haben eine überdurchschnittliche Erfolgsquote. Doch auf den ersten Blick erwartet man sich solche Bewegungen vom 26-jährigen schlichtweg nicht.

Nicht selten ist der erste Kontakt des Kolumbianers spielentschleunigend. Zwar kann er das Spiel bei Bedarf auch zu Gunsten seiner Mannschaft beschleunigen, doch dies ist im ersten Ballvortrag selten gefragt. Dementsprechend wirkt es auf den ersten Blick eher so, als würde Arias den Spielfluss seiner Mannschaft stören. Entweder er kriegt den Ball in einer geschlossen Postion oder er schließt sich auch teils bewusst selber die Spielrichtung. Er kriegt also den Ball und dann ist erstmal Pause. Entscheidend ist jedoch was passiert danach? Und die Antwort auf diese Frage lautet: Alles ist möglich.

Santiago Arias nimmt sich oft einen kurzen Moment Zeit, scannt die Bewegungen seiner Mitspieler und entscheidet dementsprechend wie er die Läufe und Bewegungen seiner Mitspieler ideal einbauen kann. Wie agiert sein Flügelspieler? Wie agiert der ballnaher Achter? Wie der Ballferne? Abhängig davon greift Santiago Arias mit einer bemerkenswerten Konstanz zur passenden Entscheidung, um seine Mitspieler entsprechend einzubinden.

Ob mit vertikalen Long-Line-Pässen gepaart mit unerwarteten Freilauf-Bewegungen oder diagonal-raumöffnenden Dribblings: der 26-jährige hat auch viele unübliche Lösungsansätze, um den Angriff seiner Mannschaft am Leben zu erhalten. Interessant ist dabei auch die initiale Positionsfindung des Kolumbianers. Er variiert seine Ausgangshöhe abhängig von der Positionierung seiner Mitspieler, greift dabei aber fast exklusiv auf zwei Spielhöhen zurück: entweder aus einer sehr tiefen Positionierung heraus, fast auf Höhe der Innenverteidigung und klar im Blickfeld seines direkten Gegenspielers. Oder aus einer extrem hohen Position als Breitengeber und im Rücken des Gegenspielers. Arias Haupt-Orientierungspunkt ist dabei stets sein direkter Gegenspieler. Zwischenpositionen werden fast nie eingenommen und zeigen die Konsequenz mit der Arias die Bewegungen von Mit- und Gegenspieler einbindet.

Man hat sogar vereinzelt das Gefühl, dass die Lösungsansätze dermaßen durchdacht sind, dass sogar das wilde Herumlaufen seines Rechtsaußen plötzlich sinnvoll erscheint. Alles eine Frage der Einbindung und Santiago Arias weiß ganz genau wie er seinen Partner in Szene setzen kann.

Vor allem in der strikt mannorientierten Eredivisie kamen Arias Abläufe mit dem Ball gut zur Geltung. Mit diesen kann er nicht nur seine eigenen Gegenspieler, sondern auch jene seiner Mannschaftskollegen zu teils unlösbaren Entscheidungen zwingen. Und wenn die gegnerische Formation erstmals ausreichend destabilisiert wurde, verpasst der Kolumbianer seinem Spiel auch noch die Extraportion Speed und Durchschlagskraft.

Es dürfte wohl außer Frage stehen, dass ein solcher Spielertyp bei einer Mannschaft mit dominanter Spielanlage eher zur Geltung kommen dürfte, in solch einem Setting spiegelt Arias jedoch die ideale Balance zwischen Stabilitätsfokus und durschlagskräftiger Spielgestaltung.

Arias zerlegt Feyenoords Mannorientierungen

Feyenoord gegen PSV Eindhoven ist einer dieser berühmt-berüchtigten Klassiker. Beide Mannschaften haben eine langjährige Geschichte, die Fans fiebern diesen Derbys wochenlang entgegen und die Duelle zwischen den beiden Mannschaften sind stets geprägt von einer geladenen Atmosphäre, Kampf, Fouls und viele Karten. Dass es für den Schiedsrichter durchaus kein Vergnügen ist solch ein Spiel zu pfeifen zeigte unlängst das vergangene Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften vor einer Woche.

Die andere Sache auf die man sich bei diesem Duell immer verlassen kann, sind die ausgeprägten Mannorientierungen welche gegen den Ball verwendet werden. Das hat weniger etwas mit dem Derby zu tun und mehr mit dem grundlegenden Defensivverständnis beider Mannschaften in der holländischen Eredivise.

Vor allem im Mittelfeld werden Sechser und Achter des Gegners in mehr oder weniger strikte Manndeckung genommen und auch über längere Distanzen am Platz verfolgt. Die direkte Konsequenz einer solchen Spielweise ist das frühzeitige Verlagern des Balles auf den Flügel. Dort wird der Außenverteidiger in der Regel nicht zu eng bewacht und „darf“ das Spiel machen. Nachdem seine Anspielstationen jedoch weiterhin manngedeckt werden, kommt der nächste Ball nicht selten hoch und weit an die letzte Linie des Gegners.

Die Top-Teams der holländischen Liga haben sich dementsprechend an die Fahnen geheftet die Mannorientierungen des Gegners zu brechen. Das gelingt manchen Teams besser als anderen. Eine Mannschaft, die dies in den vergangenen Jahren stets ausgezeichnet lösen konnte, war PSV Eindhoven. Viele Positionsrochaden und freilaufende Bewegungen abseits des Balles sorgten immer wieder für Durchbrüche über den Flügel und durch die Mitte. Der Ausgangspunkt hierfür war in der Vorsaison stets Santiago Arias.



Arias positioniert sich bewusst tief, kommt fast auf die Höhe der Innenverteider Ismat-Mirin und Schwaab (ja, der Schwaab!). Der Pass von Schwaab auf Arias ist naturgemäß frei und vom Gegner auch explizit so gewollt. Arias kriegt den Ball mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor und wartet erstmals ab. Das muss er auch, weil alle seine Anspielstationen vorne in Manndeckung stehen. Feyenoord rechnet hier schon mit einem hohen Ball. Nachdem eine Reaktion der Mitspieler zunächst ausbleibt folgt ein scharfer und geschlossener Pass auf den Rechtsaußen Bergwijn. Dies bewirkt einerseits, dass Bergwijn keine andere Möglichkeit hat, als den Ball zurückprallen zu lassen, ist jedoch gleichzeitig ein Signal des Rechtsverteidigers Mechanismen gegen die Manndeckung in Gang zu setzen. „Gesagt“, getan: Bergwijn versucht seinem Gegenspieler Haps zu entwischen und rochiert in den Halbraum, van Ginkel reagiert darauf und weicht seinerseits auf den Flügel aus. Das machen beide zwar ein wenig wild und unkoordiniert, doch Santiago Arias schafft es trotzdem beide Bewegungen exakt einzubinden und legt im richtigen Moment auf Bergwijn quer, womit die beiden jeweiligen Gegenspieler Vilhena und Boetius aus dem Spiel genommen werden können. In weiterer Folge kann man sich über das Zentrum auf die linke Seite durchspielen und den schlussendlich entscheidenden Siegtreffer erzielen.


Arias beherrscht es (fast) jede Positionierung seiner Mitspieler sinnvoll zu veredeln. Doch er gibt seinen Mitspielern auch immer wieder vor, wie sie sich zu positionieren haben. Das macht er wie bei der ersten Szenengrafik gesehen mit einem geschlossen Pass, greift jedoch auch auf andere Kommunikationsmittel zurück, um den Mitspielern die Positionsfindung zu erleichtern.  In diesem Beispiel wird der Ball über die linke Seite zu Schwaab rezirkuliert, Arias schiebt konsequent vor und besetzt eine sehr hohe, breitengebende Position. Dadurch bleibt der Raum rechts von Schwaab zunächst frei, Arias zeigt mittels Handgeste wie es weitergehen soll. Van Ginkel reagiert und kippt halbrechts ab, um diesen Raum zu besetzen. Damit zieht er naturgemäß seinen direkten Gegenspieler Vilhena aus dem Zentrum heraus. Bergwijn reagiert ebenfalls auf die hohe Positionierung von Arias und rochiert leicht ins Zentrum. Schwaab spielt den Ball am Manndeck-Päarchen Vilhena-van Ginkel vorbei zu Arias. Der,von van Ginkel und Bergwijn freigeblockte Raum wird wiederum von Arias für ein einrückendes Dribbling genutzt. Der gegnerische Außenverteidiger Haps nimmt die Verfolgung von Arias auf und entblößt die linke Abwehrseite von Feyenoord. Pereiro startet im Rücken von Arias und schüttelt dabei seinen Gegenspieler ab, doch das Bespielen diese Raumes ist nichtsdestotrotz schwierig. Arias schafft durch genaue Planung seiner Schrittfolge im Dribbling mit rechts ins Zentrum zu ziehen und mit links den Ball – an Haps vorbei – zu Pereiro durchzustecken. PSV kann somit mittels einer individuellen Ballaktion von Arias die ganze linke Seite des Gegners zu öffnen.

Nachdem wir nun etabliert haben dürften, dass die Mischung eines Arias mit Gesicht zum gegnerischen Tor und einem Minimum an Zeit für einen manndeckenden Gegner potenziell tödlich sein kann, stellt sich die Frage wie der gegnerische Trainer den Spielaufbau über den Kolumbianer besser kontrollieren kann. Eine sinnvolle Anpassung wäre es, Santiago Arias am Ball aggressiver anzulaufen und die Manndeckung zugunsten von Intensität gegen den Ball zu opfern. Doch weit gefehlt, der Kolumbianer scheint an diesem Tag auf alles eine Antwort zu haben.

 

Arias bekommt wieder einmal einen Ball von Innenverteidiger Schwaab. Dieses Mal jedoch in einer denkbar ungünstigen Situation. Umzingelt von drei Gegenspielern scheint es so, als gäbe es für den Kolumbianer dieses Mal kein Weiterkommen. Man erkennt auch, dass Feyenoord zugunsten des aggressiven Pressings die Mannorientierungen fast komplett aufgegeben hat. Im Deckungsschatten der drei pressenden Rotterdamer, sind sowohl Sechser Hendrix, als auch die beiden Achter van Ginkel und Pereiro frei. Doch das kann den Gästen ja prinzipiell egal sein, haben sie doch maximalen Zugriff auf Santiago Arias, oder? Nein! Arias überrumpelt den Gegner mit einem punktgenauen Lupfer über alle drei Gegenspieler hinweg. Der Ball landet punktgenau bei van Ginkel, während Arias sich blitzschnell aus dem Deckungsschatten des Gegners löst und sich so für den direkten Doppelpass freilaufen kann. Von dort geht der Ball zum ballentfernten Achter Pereiro, der wiederum über van Ginkel Bergwijn findet. Der Gegner wurde nach allen Regel der Kunst zerlegt. Wieder war es eine – auf die jeweiligen Gegebenheiten punktgenau gewählte – individuelle Aktion von Santiago Arias. Spätestens nach dieser Aktion war Feyenoord stehend k.o.

Gegen die Aufbau-Übermacht der rechten Eindhoven Seite war kein defensives Mittel der Giovanni-van-Bronkhorst-Elf gewachsen. Die Betonung liegt hierbei bewusst auf „Elf“. Kurz vor der Halbzeit gerät Feyenoord in Unterzahl, doch dies wurde für Feyenoord tatsächlich zur einzig verbliebenen Chance nochmal ins Spiel zurückzufinden.

Arias wehrt sich gegen den Kontrollverlust

Mit dem Mute der Verzweiflung haut Feyenoord alles nach vorne und versucht maximalen Druck auf den Gegner aufzubauen. Und die Gastgeber – allen voran Keeper Zoet – geben diesem Druck schnell nach. Es entwickelt sich ein Spiel, welches von Feyenoord-Seite schnurstracks Richtung gegnerisches Tor geführt wird. Feyenoord versucht möglichst viele Bälle ins letzte Drittel und zu den Flügelspielern zu bekommen. Dabei wird bei den Gästen der kontinuierliche Spielaufbau endgültig verabschiedet, hohe Bälle dominieren das Geschehen. Und PSV passt an, und zwar sich selbst dem Gegner. Obwohl fast jeder Rotterdamer-Angriff in einem Abstoß für PSV endet, schickt Zoet seine Innenverteidiger konsequent weg, lässt keinen Abstoß mehr kurz spielen, sondern lässt sich von den hoch zustellenden Gästen den Schneid abkaufen – zum Ärger von Arias.

Die faktische Überzahl wird zu einer gefühlten Unterzahl, alle Elemente welche PSV bis dahin stark gemacht haben, gehen verloren. Feyenoord ist von nun an am Drücker und produziert im Minutentakt gefährliche Aktionen. Arias versucht sich nach Kräften zu wehren und passt immer wieder seine Rolle an, um den Gegebenheiten gerecht zu werden.

Gegen zehn Gäste rückt Arias immer wieder in den Halbraum und versucht von dort das Spiel aufzuziehen und zu beruhigen. Dies gelingt recht gut, er verzichtet jedoch auch in seiner zentraleren Rolle nicht auf seine hinterlaufenden Angriffsläufe, womit er das offensive Momentum zwar verstärken kann, dem Bedürfnis der Gastgeber nach Stabilität jedoch nicht zu 100% gerecht wird.

Auch wenn die Aktionen, in denen Arias seine Beine im Spiel hat, wieder vergleichsweise durchdacht und strukturiert sind, so entstehen trotzdem viele Szenen in denen entweder Zoet den Spielfluss mit seinen langen Bällen frühzeitig zerstört, oder der Ball auf der linken Seite bei Brenet und Locadia verendet.

Ein Derby hat schlussendlich wohl doch eigene Gesetze, Eindhoven und Arias machen ein Spiel welches sie zunächst komplett im Griff hatten, in Unterzahl noch ein wenig spannend, bringen am Ende jedoch die drei wichtigen Punkte unter Dach und Fach.

Die nächste Möglichkeit in einem Derby aufzuzeigen und für seinen Arbeitgeber drei Punkte mit nach Hause zu nehmen, hat Santiago Arias im Februar 2019, da steigt nämlich das Derby gegen Real Madrid. Trotz seines unüblichen Karriereverlaufes mit insgesamt fünf Jahren in der Eredivisie sollte man ein genaues Auge auf den weiteren Werdegang von Santiago Arias werfen.

McHanson 9. Dezember 2018 um 16:44

Ein Meisterwerk

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JSA 7. Dezember 2018 um 09:01

Das mit Überzahl und Unterzahl hab ich noch nicht recht verstanden… für mich sieht das widersprüchlich aus, aber vielleicht habe ich nur ein Verständnisproblem…

Ansonsten, wie immer, großartiger Text.

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studdi 7. Dezember 2018 um 12:09

Denke es ist do gemeint das Eindhoven die Überzahl nicht mehr ausspielt und nur lange Bälle schlägt. Feyernord somit Feldüberlegen wird, es sieht also so aus als ob eher Feyernord einen Mann mehr hätte und nicht einen Mann weniger.

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MA 7. Dezember 2018 um 14:02

Genau so war es gemeint.

Lg
MA

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