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Die Krankenakte der Bundesliga

2015-06-18_Ribery_Verletzungen

Im Jahr 2001 startete die UEFA eine Elite Club Injury Study, welche vom VizeprĂ€sidenten des Medizinischen Komitees, Jan Ekstrand, geleitet wird. Das Ziel war von vornherein klar definiert: Der Kontinentalverband möchte die Anzahl und Schwere an Verletzungen reduzieren. Mittlerweile hat man ĂŒber eine Million Trainingseinheiten und Spiele ausgewertet, Verletzungen per Datenbank erfasst und so einen großen Pool an Informationen angesammelt. 75 Klubs aus 18 LĂ€ndern waren dabei behilflich. Die Ergebnisse selbst sind aber aus datenschutztechnischen GrĂŒnden fĂŒr die Öffentlichkeit nicht einsehbar. Schade.

Denn Ekstrand sagt deutlich: “Unsere Daten zeigen sehr klar”, welche Trainer mit hohen Verletztenquoten zu kĂ€mpfen hĂ€tten. Die Bundesliga wĂŒrde derweil vorbildlich arbeiten, wenn es darum ging, den Spielern genĂŒgend Zeit zur Rehabilitation zu geben.

Das klingt plausibel, hat man doch top-ausgebildete Trainer und Fachpersonal in der Bundesliga zur VerfĂŒgung. Mit Hans-Wilhelm MĂŒller-Wohlfahrt war sogar ein wahrer Guru ĂŒber Jahrzehnte hinweg beim deutschen Rekordmeister Bayern MĂŒnchen beschĂ€ftigt – bis zum ZerwĂŒrfnis vor wenigen Monaten.

Denn es trat zuletzt auch FragwĂŒrdiges ans Licht. Als bei Holger Badstuber in der RĂŒckrunde ein Muskelriss im linken Oberschenkel diagnostiziert wurde, verwunderte das zunĂ€chst. Denn im Spiel gegen den FC Porto am 21. April hatte er noch die kompletten neunzig Minuten durchgespielt. Erst am Abend des 23. April wurde aber die Diagnose öffentlich. Beim Auslaufen am Mittwochmorgen – das Spiel gegen Porto war am vorherigen Abend – nahm Badstuber locker am Training teil. “Badstuber hat also augenscheinlich die Schmerzen sehr lange nicht in dem gewöhnlichen Ausmaß verspĂŒrt”, spekulierte danach der kicker. “Weil er zuvor Spritzen bekam? Das Verabreichen von Schmerzmitteln gehört bei Bayern, wie anderen Klubs, zum Repertoire.”

2015-06-18_Ribery_Verletzungen

Schweres Leben als Profifußballer: Franck RibĂ©rys Verletzungen in den vergangenen Jahren. Verletzungen im Sprunggelenk oder MuskelverhĂ€rtungen traten mehrfach auf.

Das Magazin Sport Bild schrieb einmal zum Disput zwischen MĂŒller-Wohlfahrt und Guardiola: “MĂŒller-Wohlfahrt hatte fĂŒr seine Argumentation eine Statistik mitgebracht und Guardiola vorgelegt. Die medizinische UEFA-Studie wies Bayern als Nummer eins in Europa aus.” Diese Angabe darf man guten Gewissens in Frage stellen. Doch der Report meint, die Bayern-Profis hĂ€tten “die wenigsten Verletzungen, die kĂŒrzesten AusfĂ€lle durch Muskelverletzungen, die wenigsten Behandlungszeiten.”

Dortmunds Sportdirektor Micheal Zorc hatte zudem vor einiger Zeit ganz andere Angaben parat. “Eine Langzeitstudie der UEFA zeigt, alle deutschen Mannschaften, die international vertreten sind, haben im Vergleich deutlich mehr Verletzungen als die europĂ€ische Konkurrenz zu beklagen”, so Zorc gegenĂŒber dem kicker.

Weiter schreibt das Magazin selbst: “Bei vielen Klubs fehlt es an einfachsten wissenschaftlichen Standards, dazu an Personal.” Eben fĂŒr jenen Ekstrand “sind das allergrĂ¶ĂŸte Problem in der Vorsorge von Verletzungen noch nicht einmal fehlende Mittel, sondern fehlende interne Kommunikation.” Ärzte, Athletiktrainer, Physiotherapeuten wĂŒrden kaum gehört.

“Die Mehrheit der Superstars denke, es hĂ€ngt mit purem Pech zusammen”, sagt Stephen Smith. Er ist CEO von Kitman Labs, die sich auf die statistische Evaluierung von Profiathleten spezialisiert haben. GegenĂŒber Wired gab er an, dass er einen Trend ĂŒber alle Sportarten hinweg ausgemacht habe: Es gĂ€be große Unterschiede zwischen jenen Teams, die aufgrund von Verletzungen viel Geld verlieren, und jenen, die wenig verlieren – was fĂŒr ihn klar den Schluss zuließe, dass es nichts mit GlĂŒck zu tun hĂ€tte. Smiths Unternehmen habe in einem dreijĂ€hrigen Versuch mit den MLB-Teams San Francisco Giants und LA Dodgers dem jeweiligen Trainerteam simpel aufbereitet eine große Anzahl an Daten zum Zustand der Spieler zur VerfĂŒgung gestellt. Kitman Labs “macht es möglich, dass der Trainer sein Mobiltelefon aus der Tasche zieht und sieht, welche Spieler mit Risiko spielen.”

Zumindest wird mittlerweile das Problem – auch im Fußball – wahrgenommen und nicht mehr nur mit “Pech” oder etwaigen “höheren MĂ€chten” abgetan. Denn die Bundesliga im Speziellen hat ein Problem. “Ja, wir haben zu viele Muskelverletzungen”, gab Horst Heldt im Interview mit Bild vor Beginn der letzten Saison zu. GeĂ€ndert hatte sich daraufhin insbesondere bei Schalke nichts. Andere Vereine hingegen stehen geradezu vorbildlich da, vergleicht man sie mit den Ligakonkurrenten.

Spielverlagerung möchte das Thema Verletzungen nicht außen vor lassen und widmet sich deshalb mit einer eigenen Serie der Problematik. ZunĂ€chst stellen wir in aller KĂŒrze die statistischen Gegebenheiten der vergangenen Jahre dar. Dazu greifen wir dankenswerterweise auf die Erhebungen der Seite Fußballverletzungen zurĂŒck, die uns zur VerfĂŒgung gestellt werden und die Saisons von 2011/12 bis 2014/15 enthalten. Daran anschließend möchten wir gewisse Ursachen aufzeigen und zum Beispiel etwaige Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich der Trainingsteuerung aufzeigen.

2015-06-19_Ausfalltage_Entwicklung

Entwicklung der Ausfalltage gesamt (links) und pro Kaderspieler (rechts) in der Bundesliga

Eine erste Feststellung dĂŒrfte ĂŒberraschen. Die Verletztenraten haben sich in den letzten Jahren nicht negativ entwickelt. Die abgelaufene Spielzeit war sogar im Vergleich zu 2011/12 von niedrigeren Ausfallquoten geprĂ€gt. Damals waren es 45,06 Ausfalltage pro Kaderspieler. Drei Jahre spĂ€ter sind es nur noch 41,46. Im Zuge dessen haben sich allerdings einige Verletzungshochburgen wie Werder Bremen, der Hamburger SV, Schalke 04 oder Borussia Dortmund entwickelt. Eine Mannschaft wie der SC Freiburg, die unter Christian Streich in erster Linie von der enormen SpielintensitĂ€t lebt, hat damit weniger Probleme, wĂ€hrend Gladbach beziehungsweise insbesondere Lucien Favre schon lange ein Sonderlob verdienen.

2015-06-19_Ausfalltage-pro-Spieler_Bundesliga

Ausfalltage pro Kaderspieler in den letzten vier Bundesligasaisons

Zur differenzierteren Betrachtungsweise sollten allerdings Verletzungstypen klassifiziert werden. Schließlich können BĂ€nderrisse unterschiedliche Ursachen haben. “Angestaute Erschöpfung aufgrund ungenĂŒgender Erholung verlangsamt das Nervensystem. Das Signal vom Gehirn zum Muskel wird langsamer”, sagte Fitness-Guru Raymond Verheijen vor einiger Zeit gegenĂŒber The Guardian. “Wenn das Signal vom Gehirn spĂ€ter beim Muskel ankommt, bedeutet das, das Gehirn hat weniger Kontrolle ĂŒber den Körper bei explosiven Aktionen im Fußball. Es gibt also genĂŒgend Beweise, dass unzureichende Erholung, angesammelte Erschöpfung und ein langsameres Nervensystem das Verletzungsrisiko dramatisch ansteigen lassen.”

GrĂŒnde fĂŒr einen BĂ€nderriss und Ă€hnlich geartete Verletzungen können somit alleinig im Impuls des Gegenspielers liegen oder im Zusammenspiel mit der Erschöpfung des verletzten Spielers verursacht werden. Doch genauso können ungĂŒnstige PlatzverhĂ€ltnisse eine Rolle spielen. Ergo, es gibt nicht den einzig wahren Grund, aber zur Vorbeugung ist ein entsprechendes KrĂ€ftemanagement vonnöten.

Ursachen fĂŒr Muskelverletzungen hingegen sind besser einzugrenzen, weshalb auch einzelne Statistiken, die wir ausgewertet haben, nochmal unter diesem Gesichtspunkt unterteilt wurden. Probleme an verschiedenen Muskelpartien, was im Fußball oftmals Faserrisse, VerhĂ€rtungen und Ă€hnliches bedeuten, wurden so entsprechend herausgefiltert.

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Die Saison 2014/15 unter dem Gesichtspunkt der muskulÀren Verletzungen.

2015-06-19_Anteil-Muskelverletzungen_2011-12_2014-15

Der Anteil an Muskelverletzungen blieb ungefÀhr gleich: Links ist die Saison 2011/12 mit 24,38 Prozent, rechts die letzte Spielzeit mit 24,58 Prozent.

Die deutschen Spitzenteams Bayern MĂŒnchen und Borussia Dortmund hatten zuletzt mit zahlreichen AusfĂ€llen zu kĂ€mpfen. Beim BVB zeichnet sich dieser Trend schon seit geraumer Zeit ab. Seit dem Weggang von Athletiktrainer Oliver Bartlett im Jahr 2012 nahm die Negativentwicklung ihren Lauf. Dieser arbeitet mittlerweile fĂŒr Roger Schmidt und war in den letzten knapp zwölf Monaten fĂŒr Bayer Leverkusen tĂ€tig.

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Radikale Pressingmaschine: Ausfalltage bei Bayer Leverkusen in den letzten vier Jahren

In der abgelaufenen Saison war die Anzahl an Ausfalltagen beim BVB sogar zurĂŒckgegangen. Die Anzahl an Muskelverletzungen allerdings gestiegen. Ligaprimus Bayern geriet in jĂŒngerer Vergangenheit nicht nur durch den Disput zwischen Mannschaftsarzt und Cheftrainer in die Schlagzeilen, sondern auch wegen diverser Verletztengeschichten. Neben der bereits angesprochenen Misere um Holger Badstuber musste Arjen Robben zum Beispiel nach einem Kurz-Comeback gegen Borussia Dortmund seine Saison beenden. Die Odyssee um Thiago AlcĂąntara wurde von einer angeblichen Behandlung mit Cortison oder Wachstumsfaktoren begleitet.

2015-06-19_Ausfalltage-gesamt-Muskel_Bayern-BVB-BMG

Verletzungen sind nicht nur SchicksalsschlĂ€ge fĂŒr Fußballer, die dadurch in ihrer Entwicklung zurĂŒckgeworfen werden und statt sich auf der großen BĂŒhne prĂ€sentierten und brillieren zu können eher in der Reha anzutreffen sind. Doch Verletzungen spielen genauso eine ökonomische Rolle fĂŒr die Klubs, wenn ihre Investments nicht zum Einsatz kommen. Zudem haben gerade viele Bundesligaspieler “individualvertragliche Vereinbarungen mit ihrem Verein darĂŒber, dass die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht die ĂŒblichen sechs Wochen, sondern deutlich lĂ€nger dauert”, schreibt die SĂŒddeutsche Zeitung.

Zudem ergab eine Studie, die vom Lehrstuhl fĂŒr Sportmedizin der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum gemeinsam mit der Verwaltungsberufsgenossenschaft und den SpitzenverbĂ€nden im Fußball seit Anfang der 1990er-Jahre in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden durchgefĂŒhrt wurde: “Die Kosten fĂŒr Verletzungen im Profifußball summieren sich, Behandlungskosten und Personalkosten zusammengefasst, auf etwa 90 Millionen Euro pro Saison. Der Gesamtumsatz der drei ersten Ligen betrĂ€gt circa zwei Milliarden Euro pro Saison.” Weiter heißt es, dass Knieverletzungen als gravierendste Verletzungen Kosten in Höhe von 33 Millionen Euro, also 37 Prozent der Kosten verursachen. Verletzungen an den Sprunggelenken mit 14 Millionen und Oberschenkelverletzungen mit zehn Millionen Euro folgen auf den nĂ€chsten PlĂ€tzen. Eine Grafik der Bundeszentrale fĂŒr Politische Bildung findet man hier.

Das Ausmaß lĂ€sst sich nicht wegdiskutieren. Und dass bestimmte Trainerteams beziehungsweise Klubs ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum höhere Quoten aufweisen als andere, muss zu denken geben, ob hier nicht PrĂ€ventionsmaßnahmen und Belastungssteuerungen versagt haben oder gar keine wirkliche Anwendung fanden. Dazu mehr im nĂ€chsten Artikel


Der Dank gilt nochmals Fabian Siegel von der Seite Fußballverletzungen.

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