Heiße Luft in Amsterdam

1:1

Louis van Gaal spielt 2014 reloaded, Deutschland bindet die Flügelverteidiger und hat Ruhe – bis zu späten Umstellungen und nachlassender Entscheidungsfindung.

Wer die dritte Amtszeit von Louis van Gaal als Bondscoach bisher noch nicht eingehender verfolgt hatte, der brauchte nicht lange, um Bekanntes zu entdecken: Im Testspiel gegen die DFB-Elf ließ der legendäre Tulpengeneral in den extremen Mannorientierungen verteidigen, die seine Teams auch schon in den Jahren unmittelbar vor seinem zwischenzeitlichen Karriereende ausgemacht hatten. Oranje spielte über den gesamten Platz in 1gegen1-Zuordnungen, natürlich torseitig ausgerichtet und ballfern jeweils etwas weniger eng, um den Anschluss an die Mitspieler nicht zu verlieren.

Typischerweise musste Blind weit gegen Müller herausgehen, der sich oft im Zentrum tummelte. In der Anfangsphase starteten Sané und Havertz im Wechsel ballfern viele Sprints hinter die Abwehr, denen de Ligt und de Jong zunächst hinterhergehen mussten, um in den Momenten dazwischen die Gegenspieler über Abstände von drei oder vier Metern tauschen zu können. Insgesamt nahmen die Mannorientierungen viel Luft aus der Partie, da sich die Niederländer in dieser Anlage auch weiter zurückziehen mussten. Es gab punktuell zwar einige sehr intensive Momente, aber dazwischen hatte die Begegnung doch vergleichsweise viele „Standzeiten“.

Auflösen über (Eck auf) Kehrer

Die niederländischen Mannorientierungen gegen die deutsche Aufbauformation

Zumal gestaltete die deutsche Mannschaft ihren Aufbau gegen diese Mannorientierungen strukturell eher zurückhaltend, ohne zu viel an der Organisation verändern zu wollen. Im Zentrum gab es manche Rochaden zwischen Gündogan, Musiala und den Offensivspielern, aber auch das Bemühen, möglichst nicht zu viel rotieren zu wollen, und weiterhin keine größeren positionellen Umformungen.

Wenn die Niederländer vorne mit den zwei Stürmern gegen die zwei Innenverteidiger standen, hielt sich vor allem der linke Angreifer – in der Regel Depay – passenderweise etwas breiter, um Kehrer als den flacheren Außenverteidiger mit im Deckungsschatten zu versperren. Das typische Vorgehen der deutschen Mannschaft lautete dagegen: Irgendwann kam im Zentrum einer der dortigen Akteure dynamisch zum Ball, bot sich an und verlagerte – häufig mit dem ersten Kontakt – nach rechts auf Kehrer heraus. Über ein solches Dreiecksspiel ließ sich Depays Position im Passweg knacken.

Nach diesen Aktionen hatte Kehrer viel Raum und konnte aufrücken. Eigentlich hätte nach der niederländischen Mannorientierungslogik Malacia gegen ihn herausschieben müssen. Das funktionierte aber aus mehreren Gründen nicht gut und nochmals deutlich weniger als im Duell von Dumfries gegen Raum auf der anderen Bahn. Zwei relativ simple Faktoren als Basis: Erstens war Kehrers Startposition flacher und daher in vielen Szenen der Weg für Malacia recht weit, so dass er es vorzog, in der Kette zu bleiben. Zweitens war er genau dazu und zu Aufgaben in der Absicherung ohnehin vermehrt gezwungen, da Blind gegen Müller die letzte Linie so oft verlassen musste.

Drittens spielte die Ausrichtung der DFB-Elf als weiterer Faktor entscheidend hinein. Das deutsche Team kam im Laufe der Anfangsphase schnell dahinter, wie man diese Aufrückräume forcieren und so den Gegner weit zurückschieben konnte – durch das Binden der Flügelverteidiger. Wechselnd wichen die Offensivspieler nach außen aus und besetzten genau den Raum vor Dumfries und vor allem Malacia. So wurden diese beschäftigt und taten sich schwerer, schnell herauszuschieben. Auf der rechten Seite war es immer häufiger Havertz, der während des Aufbaus ohne Ball nach außen wich und Malacia band. (Vom Prinzip ähnlich ließ Pep Guardiola mal gegen Roger Schmidts Pressing mit vorrückenden Außenverteidigern die Stürmer breit spielen.)

Beispiel, wie Deutschland auf den flach positionierten Kehrer öffnen konnte: Musiala kommt mit Auftaktbewegungen dynamisch entgegen und verlagert raus

Die Herausforderung, den Kehrer-Freiraum gut zu nutzen

Selbst wenn Deutschland auf diese Weise Kehrer „befreien“ konnte und phasenweise enorm leicht ins Angriffsdrittel aufzurücken vermochte: So groß die Räume auch wirken, ist es dennoch für den jeweiligen Spieler, der den Ball treiben kann, gar keine ganz leichte Aufgabe, sie auch geschickt zu nutzen. Einerseits muss man ein gewisses Tempo und Zug ins Dribbling bringen, damit der Raumgewinn auch effektiv wird – bevor die überspielten Reihen zurückschieben (hier in Person der niederländischen Stürmer weniger das Thema) und/oder der Gegner sich im Mittelfeldzentrum wieder neu orientieren und klar organisieren kann.

Andererseits darf man nicht zu schnell und hektisch vorstürmen, weil man dann leicht dazu tendiert, in die letzte gegnerische Linie „hineinzurennen“ (und ggf. die Mitspieler zu ebenfalls zu vertikalen Bewegungen zu veranlassen) statt nochmalige Verlagerungsmöglichkeiten mit einzubeziehen. Kehrer musste erst einmal die richtige Balance finden. Gleichzeitig waren die unterstützenden Bewegungen der Mitspieler wechselhaft: Erst wegzugehen und Raum zu öffnen, bevor im richtigen Moment ein Kollege kurz zum Herstellen eines 2gegen1 wieder dazukommt – das gelang nicht immer.

Die niederländischen Verteidiger wiederum agierten für ihren Teil geschickt: Sie fielen gegen Kehrers Dribblings recht schnell und vor allem geschlossen zurück, hielten die horizontalen Abstände enorm eng und rückten erst sehr spät, dann aber äußerst dynamisch auf Gegenspieler im Rückraum heraus. Die deutschen Spieler konnten sich häufig einige Schritte nach hinten ins Zentrum absetzen, hatten dann aber gegen Herausrückbewegungen fast nur noch seitliche Anspielstationen, die die Niederländer noch einigermaßen verzögern konnten. Vereinzelt kamen Spielzüge durch wie bei Sanés Chance in der Anfangsphase.

Auch das deutsche Tor gehörte dazu. Bei diesem Treffer spielte eine wichtige Komponente mit herein, die es ansonsten nur in wenigen Angriffen so gab – ergänzendes Aufrücken aus der Innenverteidigung. Nachdem Deutschland den Gegner wieder an den Strafraum gedrängt hatte und nochmal neu nach halblinks verlagern konnte, stellte Schlotterbeck einen Zusatzspieler her. Der Freiburger löste sich im Rücken von Malen nach vorne weg für den Querpass von Gündogan und besetzte einen offenen Halbraumbereich. So war der erste Ball auf Raum effektiver und dieser wiederum konnte bei seinem Rückpass in eine deutlich kontrolliertere Situation zurückspielen. Dadurch schließlich war mehr Zeit da, in denen die folgenden Bewegungen wirksam vorbereitet werden konnten – insbesondere Musialas wichtiger diagonaler Tiefenlauf.

Solche Freilaufbewegungen aus dem Rücken des Stürmers nach vorne sind für viele Verteidiger sehr unintuitiv, weil sie einer klassischen Absicherungslogik widersprechen, aber in den letzten zwei bis drei Jahren sieht man sie doch langsam mehr und mehr (siehe auch Blinds Orientierung in der einen Szenengrafik weiter unten). Im Hinblick auf die Restverteidigung konnte die deutsche Mannschaft grundsätzlich stets auf den ballfernen Außenverteidiger setzen, aber dafür war die extreme Mannorientierungsspielweise des Gegners doch unangenehm: Prinzipiell deckten Depay und Malen fast von oben im 1gegen1 und fast die Rückpasswege, blieben meistens also sehr hoch und so war es für das DFB-Team gar nicht so einfach, einer 2gegen2-Gleichzahl in der letzten Linie zu entkommen.

Höheres Vorrücken: Notwendigkeit und Risiko

Nach dem Rückstand zur Halbzeit versuchte Oranje, das Pressing etwas weiter nach vorne zu verlagern. Theoretisch hört sich das auf Basis der starken Mannorientierungen leicht an, da man nur jeden direkten Gegenspieler höher und aggressiver anlaufen müsste. Praktisch ist man aber doch von den genauen Positionen und ggf. Positionsveränderungen der anderen Mannschaft sowie deren Abständen abhängig. Tendenziell versuchten die niederländischen Flügelverteidiger höher auf Sprung zu stehen, um die deutschen Außenverteidiger früher anlaufen zu können. Auf der linken Seite wichen die Niederländer in einigen Szenen davon ab: Malacia schob nicht höher, sondern Kehrer wurde anders verteidigt, wahrscheinlich wegen der Abstände. Oft musste Depay ihn aufnehmen und Berghuis schob als nomineller Zehner halblinks in die erste Pressinglinie.

Das verstärkte nochmals die ohnehin schon erhöhte Notwendigkeit auch für die zentralen Spieler, aggressiver und weiter vorschieben zu müssen. Das gab manch kuriosem Effekt, wenn etwa de Ligt zwischenzeitlich am deutschen Strafraum verteidigte. Genau darin lag die Schwierigkeit für den Gastgeber: Wenn man höher pressen und dafür aggressiver verfolgen wollte, reichte nur ein einziger Spieler, der sich in einer beliebigen Situation doch nicht trauen würde, so weit aus seiner Position herauszuschieben – und schon wäre eine Anspielstation für den Gegner offen und das ganze Gebilde könnte in sich zusammenfallen.

Die Herausforderung für die Niederlande im höheren Pressing, alle zentralen Optionen schließen zu können (hier allerdings gegen eine der eher schlechteren deutschen Aufbaustaffelungen mit sehr hohen Außenverteidigern und dann späte, suboptimale Unterstützung von vorne) – nur möglich über weiträumiges Verfolgen der Verteidiger. Sané ist hier im ersten Moment hinter Berghuis zwar nicht anspielbar, nach Rüdigers Rückpass auf Neuer könnte sich das aber ändern. Daher muss Blind weit ins Mittelfeld rücken. Neuer verhält sich clever und dribbelt bzw. geht mit Ball einige Schritte nach vorne. Nachdem Blind Sané aufgenommen hat, versucht Havertz als weitere Option dazuzukommen. Auch er könnte die Situation potentiell auflösen. Hier reagiert Depay (tiefer gegen Kehrer) geschickt und schiebt etwas an den entsprechenden Raum heran. Als Neuer dann zum Flugball ausholt, orientiert er sich schnell wieder zurück.

Zunächst brachte die höhere Spielweise die Niederländer also nicht voran. In der Anfangsphase von Durchgang zwei blieb weiter das DFB-Team etwas gefährlicher und schien die besseren Aussichten zu haben, die Partie noch stärker zu den eigenen Gunsten zu bewegen. Nachdem die eine oder andere Torchance nicht genutzt wurde, ließ mit der Zeit aber die Entscheidungsfindung nach. Gegen die vermehrten Herausrückbewegungen des Gegners neigten die deutschen Spieler dazu, zunehmend vertikaler und hektischer die direkten Vorwärtswege zu suchen und sich schneller zum unbedachten Tiefenball auch in Situationen hinreißen zu lassen, in denen sie zuvor noch überlegter agiert hatten.

DFB-Team wird unruhiger, Oranje passt spät an

So gingen Spielanteile verloren und es entstand eine nachteilige Eigendynamik, die den Eindruck von Unruhe brachte. Nachdem von niederländischer Seite der Freiraum vor Kehrer recht lange zugelassen und nur zwischenzeitlich durch die veränderte Aufteilung zwischen Berghuis und Depay bekämpft worden war, gab es zum Ende der Partie hin schließlich noch eine größere Anpassung bei Oranje: Oft schob einer der defensiven Mittelfeldakteure (oft der eingewechselte Wijnaldum) bei Verlagerungen oder Flugbällen auf den deutschen Rechtsverteidiger dynamisch heraus und/oder stand schon auf dem Sprung.

So hatte Kehrer schneller einen Gegenspieler vor sich. Malacia (später Aké) konnte in der Abwehr bleiben und einen Offensivspieler aufnehmen. In jener Konstellation, in der Kehrer früher gestellt wurde und vermehrt kurze Unterstützung brauchte, wurde die breite Besetzung der rechten Seite für Deutschland von einem Vorteil zumindest zu einem kleinen Ballast. Der dortige Spieler konnte aus hoher Startposition nicht viel mehr machen als die nächste Gleichzahlsituation zu schaffen und hatte auch nicht die besten Winkel für eigene Aktionen, was der eingewechselte Brandt zu spüren bekam.

Wenn ein anderer Akteur aus dem Zentrum unterstützte, hatte man jeweils die Gefahr, den Raum weiter zuzulaufen. Es war keinesfalls zwingend, dass die deutsche Mannschaft jene Gleichzahlsituationen gruppentaktisch nicht auch hätte ausspielen und zu den eigenen Gunsten lösen können – sondern es war absolut möglich und grundsätzlich erst einmal mit einer theoretischen 50%-Chance, nur eben keine ideale Ausgangslage. Manchmal gelang das auch und führte noch zu manchem Ansatz, wegen der zunehmend unruhigen Entscheidungsfindung in Summe letztlich deutlich seltener, als es normalerweise zu anderen Zeitpunkten, beispielsweise einem geordneten Spielbeginn, gewesen wäre.

Niederländischer Ballbesitz gegen deutsches Pressing

Folglich kamen die Niederländer besser in die Partie und nutzten jene Phase zum Ausgleich. Daneben gab es noch den überraschend zurückgenommenen Elfmeter, aber darüber hinaus gar nicht so viele weitere größere Chancen. Exemplarisch wurden in den beiden Szenen die wichtigsten Elemente des Spiels der Elftal im eigenen Ballbesitz: Viele Flug- und Diagonalbälle einerseits, wie bei der Verlagerung de Jongs auf den zurück köpfenden Dumfries vor dem 1:1, und kleine lokale Pärchen- oder Dreiecksbildungen, die schnell ausgespielt wurden, andererseits.

Auf diesen zwei Säulen ruhte der Ansatz der Niederländer über das gesamte Spiel hinweg, in den unterschiedlichsten Zonen des Feldes, ob im Umschalten oder aus dem Aufbau heraus. Stilistisch erinnerte das sogar recht stark an die Ausrichtung der WM 2014 – allerdings in aufgepepptem Gewand, da einfach besser und zielorientierter ausgeführt. Während van Gaals letzter Amtszeit als Bondscoach hatte Oranje über eineinhalb Jahre hinweg auf dem Weg nach Brasilien seinerzeit im 4-3-3 immer wieder viele gute Ansätze. Beim Turnier selbst waren Aufbau- und Ballbesitzspiel aus einer 3-4-1-2-Grundordnung dagegen ein großes Problemfeld und schon in der grundlegendsten Basis unsauber – bezüglich der Struktur als solcher wie auch bezüglich der Qualität der reinen Ballzirkulation.

Die Problematik hatte sich damals bis in van Gaals anschließende Zeit bei Manchester United weitergetragen, in der aktuellen Phase als Bondscoach setzt sie sich nicht mehr fort. Gegen Deutschland blieb Oranje in der Spieleröffnung vom Torhüter aus aber zumindest nicht frei von Problemen. Gegen die niederländische Dreier-/Fünferkette konnte das deutsche Team mit vier Offensivspielern (zwischen 4-2-3-1, 4-2-1-3 und 4-2-2-2) immer aus Zwischenpositionen zwischen den fünf nominellen Abwehrspielern das Anlaufen starten. Auf dieser Basis war es auf verschiedene Weisen möglich, flexibel und asymmetrisch in 3gegen3-Gleichzahlsituationen zu schieben und den jeweils ballfernsten Akteur immer zusätzlich auf dem Sprung zu den gegnerischen Sechsern zu haben.

Eine frühe Pressingszene des deutschen Teams: Müller schiebt hier ballfern ein und Werner kann auf einen Rückpass hin ins Anlaufen starten (worauf Oranje kurz nur über van Dijk noch lösen könnte, der darin aber unsauber agierte), die Doppel-Sechs enorm kompakt ballseitig, Außenverteidiger schiebt ballnah bei Bedarf hoch

Damit hatte das deutsche Team mehr Handlungsmöglichkeiten gegen den Ball als der Gegner auf der anderen Seite und einfacher die Möglichkeit, überhaupt im vordersten Drittel zu verteidigen. Es konnte schneller reagieren und kam insgesamt auch zu einer – im Verhältnis zur kurzen Trainingszeit im Nationalmannschaftskontext – soliden Umsetzung. Auch aus dieser Perspektive trug der Unterschied der Pressingspielweisen entscheidend dazu bei, dass in Halbzeit eins die Spielanteile stärker auf deutscher Seite lagen. Gelegentlich konnte sich de Jong gegen 4-2-1-3-Staffelungen seitlich neben den Zehner absetzen. Ansonsten gab es viele schnelle Rückpässe auf Flekken, der letztlich oft mit Flugbällen auf die Flügelverteidiger neu zu eröffnen versuchte.

Extremes Auffächern schafft (nur) Ballsicherung

Nach kurzer Zeit begannen die Niederländer mit verschiedenen Umformungen: Unter anderem ging Blind zwischenzeitlich weiter ins Mittelfeld nach vorne, Malacia bewegte sich flacher, um kürzer anspielbar zu werden, und teilweise ging Depay währenddessen früher nach außen. Vor allem das extrem breite Herauskippen von Koopmeiners rechts zwischen den weiterhin auffächernden de Ligt und den außen bleibenden Dumfries oder gar zwischen de Ligt und van Dijk nahm mehr und mehr eine Schlüsselrolle an. Die Niederländer schienen darauf abzuzielen, die Struktur möglichst großräumig anzulegen und möglichst viele Spieler um den deutschen Block herum zu positionieren.

Gleichzeitig gab es die Vielzahl an möglichen Umpositionierungen, die jeweils dazu zwangen, sich neu zu orientieren. Im Verbund machten diese Faktoren es dem deutschen Team zunehmend schwieriger, durchgehenden Zugriff in der ersten Linie zu schaffen. Punktuell entstanden weiterhin gute Pressingmomente auf den gegnerischen Keeper, aber gegen das enorme Auffächern und das Andeuten statischer Flugbälle wurde es kaum praktikabel, jeden Querpass und jede Verlagerung zuzulaufen. Die Anzahl der Szenen, in denen Deutschland sich um 10 bis 20 Meter zurückziehen musste, nahm zu. Die niederländische Ballbesitzstruktur funktionierte zumindest insoweit gut, dass sie dem Gegner den Zugriff in der vordersten Linie wegnahm – aber eben hauptsächlich dort.

Selten entstand aus entsprechenden Szenen mehr als ein kleiner Raumgewinn. Die Niederländer konnten dem gegnerischen Druck entweichen, den Ball sichern und vielleicht einige Meter aufrücken – aber selten brachten selbst das weite Herauskippen von Koopmeiners und die verschiedenen Flugbälle mehr als das. Diese Umformungen im Aufbau sorgten erst einmal dafür bzw. waren insoweit „erfolgreich“, gegnerische Vorteile zu verhindern oder zu neutralisieren, aber sie wirkten nicht so weit, dass sie klar eigene Vorteile brachten. Sie stellten gewissermaßen eine Pattsituation her, reduzierten Druck und dienten vor allem der Ballsicherung.

Gute niederländische Ansätze in Anschlussaktionen von außen

Kurz gesagt: Jenseits dieses Effekts der Ballsicherung produzierte der Aufbau der Niederländer kaum Situationen, die wirklich klares und vielversprechendes Potential für Angriffe hergegeben hätten. Um nach vorne zu kommen, musste Oranje statt auf die Qualität der Ausgangslage – also die größere Struktur als Grundlage – auf das gruppentaktische Verhalten der Beteiligten setzen.

Weiterer und „offensiverer“ Raumgewinn gelang dann einige Male in den Folgemomenten, da die Niederländer auch gute Ansätze zeigten, wenn es darum ging, von den Flügelverteidigerpositionen (bzw. allgemein nach Verlagerungen) Anschlussaktionen herzustellen.

Berghuis nach einem Ballgewinn ausweichend, um den Ballbesitz zu sichern: Aus der Dynamik haben sich die Positionsbesetzungen vertauscht; im Grunde ist Berghuis in dem nun folgenden Ballbesitzmoment praktisch in der Position des Flügelverteidigers (Malacia), Malacia in der des Halbverteidigers (Blind) und Blind in der des Sechsers (de Jong). Blind verhält sich dann auch stellvertretend so: Mit dem erneuten Pass zurück auf den Flügelverteidiger (hier eben Berghuis statt Malacia; von dem Raum her gesehen, in dem er sich bewegt) löst er sich zentral als Anschlussoption in den Raum. Genauso kommt Depay in dem Moment als diagonale Option ins Mittelfeld.

Zum einen betraf das die ballführenden Spieler: de Ligt hatte beispielsweise beim Andribbeln einige Male ein hervorragendes Timing für den Moment des Tiefenballes, wie vor der gefährlichen Szene mit Malen zu Spielbeginn. In jener Aktion glänzten zudem die gegenläufigen Bewegungsmuster der Angreifer, die gut trainiert wirkten: Die beiden formierten sich vor dem Lauf eng aneinander und lauerten in kurzen Abständen auf den Sprint in die Spitze. So stellten sie die Verteidiger vor eine Aufgabe in einer Szene, in der eigentlich von vornherein klar, dass nur genau jene Aktion ein gefährliches Mittel für den Durchbruch würde sein können – letztlich aber mit der Frage, wer von beiden wie den entsprechenden Weg machen würde.

Malacia tat dem niederländischen Spiel mit seiner sauberen Orientierung in der Diagonalen sehr gut. Er erkannte schnell die vorhandenen Räume und Wege ins Mittelfeld hinein und befand sich dadurch in verhältnismäßig günstiger Ausgangsposition, sofern er außen im 1gegen1 von Kehrer oder einem Offensivspieler gepresst wurde. Wenn sich de Jong als kurze Anspielstation anbot und ein entsprechender Pass umsetzbar war, ergriff Malacia ziemlich zuverlässig solche Gelegenheiten. Auf jener Seite unterstützte Depay zudem gut, indem er sich gegenläufig diagonal zum Ball zurückfallen ließ, oft in kleine Zwischenräume des deutschen Mittelfelds (hierzu eben die Szenengrafik oben).

Zum anderen kamen, wie in einem solchen Fall, die kleinen Pärchenbildungen ins Spiel. Die niederländischen Offensivkräfte sorgten an unterschiedlichen Stellen für kleine Ballungen, die sie mitunter attackierend bis riskant ausspielten – ob einer der Stürmer in direkter Nähe zum Flügelverteidiger, beide Stürmer eng im Zwischenlinienraum oder einer von ihnen im Duett mit Berghuis überladend auf einem der Flügel. Diese kurzen, lokalen Engenbildungen bieten für die ersten Momente nach Verlagerungen, solange der Gegner noch nicht komplett hat nachschieben können, hohes Potential: Man lockt damit die unmittelbaren Gegenspieler an, vergrößert so die Anschlussräume zum Rest und kann sich dynamisch genau dort hinein lösen, um den Spielzug wieder zu beschleunigen.

Spielerqualität hilft van Gaal(s Spielweise)?

In diesen Szenen stach Depay auch individuell gesehen hervor und setzte damit fort, was er schon letzten Sommer bei der EM gezeigt hatte. Wenn er von den Flügelverteidigern im Zentrum oder Halbraum angespielt wurde, konnte er im Zweifel auch über Einzelaktionen den Übergang in die Spitze herstellen. Seine Vorlage zur Großchance von Malen stand beispielhaft dafür – beeindruckend, wie bruchlos und dynamisch er nach dem wegspringen Ball im Duell mit Gündogan aus der Bewegung zum Ball direkt einen dann enorm scharf gewichteten Pass anschließen konnte.

In diesem Zusammenhang noch eine letzte kleine Hypothese, warum Elemente von van Gaal‘schem Offensivspiel momentan vielleicht etwas besser funktionieren als „früher“: Wenn man auf die vergangenen Jahre zurückblickt, dann war es rein gruppentaktisch in van Gaal-Teams eigentlich oft so, dass viele Spieler eine gute Zwischenraumbesetzung entwickelten (nur bei United dann weniger; in der vorigen Amtszeit als Nationaltrainer zumindest wechselhaft; bei Bayern seinerzeit aber für die damaligen Verhältnisse ziemlich ausgeprägt; bei AZ davor ohnehin).

Daraus entstand damals ein relativ geringer Effekt. Heute gibt es viel mehr Spieler, die einerseits viel selbstverständlicher in diesen Bereichen zurechtkommen – auch unter Druck und/oder in suboptimalen Situationen – und die andererseits selbstverständlicher die Orientierung auf diese Bereiche haben und sie vor allem selbst dann halten, wenn eine Isolation droht. Dementsprechend bekommt man einzelne gute Bewegungen in Zwischenräume hinein auch aus einer vergleichsweise breiten, festen Positionsstruktur ganz automatisch öfter und besser angespielt und genutzt.

Fazit

Wegen der enormen Mannorientierungen (und der dadurch erzwungenen passiven Strategie) der Niederländer verlief der Klassiker zwischen den Nachbarländern (gefolgt von einem post-match-Spektakel, das Unterhaltung bot) letztlich in vielen Phasen recht unspektakulär. Vor acht Jahren erreichte die van Gaal‘sche Elftal bei der WM mit genau dieser Defensivlogik (und damals noch weniger Qualität bei eigenem Ballbesitz) immerhin einen dritten Platz, aber dafür musste auch sehr vieles günstig zusammenlaufen. Ob man sich noch einmal darauf verlassen kann, scheint zumindest fraglich – und es war eben vor acht Jahren.

Aus Sicht der deutschen Mannschaft lässt sich aus dieser Partie vielleicht gar nicht so viel mitnehmen, weil die Spielweise des Gegners so extrem angelegt, damit auch eher bedingt „repräsentativ“ ist und man in der großen Mehrzahl der Partien doch auf andere Art und Weise gefordert sein wird. Insgesamt war es ein ordentlicher Auftritt des deutschen Teams. Die Ausweichbewegungen der Offensivakteure zum Binden der gegnerischen Flügelverteidiger stellten ein gutes Element dar, mit dem die DFB-Auswahl in Halbzeit eins passend auf den Gegner reagierte.

Hansi Flick dürfte optimistisch stimmen, dass sein Team im Pressing die in Phasen enorm weiträumige Aufbaustruktur des Gegners doch einigermaßen gut überstand – angesichts dessen, dass sein Bayern-Team Probleme am ehesten gegen massives Verlagerungsspiel im zweiten Drittel hatte. Allerdings dürfte dies auch daran gelegen haben, dass Deutschland letztlich doch zu selten – dank der ausgeprägten Möglichkeiten, sich im eigenen Ballbesitz auszuruhen – auf Mittelfeldhöhe verteidigen musste, als dass sich das Thema wirklich hätte auswirken können. Wenn es doch passierte, dann brachten die Niederländer im zweiten Drittel ihre Verlagerungen gar nicht immer so dynamisch und attackierend an. Gleichzeitig spielt man im Nationalmannschaftsumfeld dann doch nicht so aggressiv und auch nicht mit so hoher Linie auf Abseits, wie das der FCB als Vereinsteam mitunter tat.

MaHo27 7. Juni 2022 um 23:16

Mal eine Frage an die Community hier, weil mir das zuvor nie so aufgefallen ist. Habe aber zum Beispiel auch das Spiel gegen Italien nicht gesehen. Hatte heute das gesamte Spiel über das Gefühl, dass Kimmich sich frei bewegt hat und Gündogan die meiste Zeit damit beschäftigt war, dessen Bewegungen auszubalancieren bzw. die Struktur aufrechtzuerhalten. Ist mir besonders in der ersten Halbzeit im eigenen Ballbesitz aufgefallen, wo Kimmich immer wieder sehr nah an Gündogan heran gelaufen ist, wenn der Ball auf dem Weg auf die linke Seite gewesen ist. Dadurch wurde der Raum dort sehr eng, während der Weg für eine mögliche Seitenverlagerung innerhalb der englischen Formation sehr weit war. Hatte sonst eigentlich immer das Gefühl, dass Kimmich zumindest im Ballbesitz eigentlich ein ganz gutes Raumgefühl hat. Habe ich mich da getäuscht oder war das heute eher eine Ausnahme? Ist schade gewesen, weil Gündogan so seine eigentlichen Stärken im Ballbesitz nicht zu hundert Prozent ins Spiel einbringen konnte, womit man den Engländern noch gefährlicher hätte werden können.

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WVQ 13. Juni 2022 um 16:11

Ich habe es ähnlich gesehen. Grundsätzlich – und man verzeihe mir, daß das relativ polemisch klingt – scheint mir das Problem schlichtweg zu sein, daß Gündogan nicht Goretzka ist und die Nationalmannschaft nicht Bayern. Konkret: Bei Bayern spielt Kimmich die Sechs mehr oder weniger alleine, unterstützt von sehr engen HV, während Goretzka (oder alternativ bspw. auch Musiala) im Ballbesitz stark aufrückt bzw. „schlimmstenfalls“ zwischen Sechs und Zehn pendelt. D.h. Kimmich ist es gewohnt, sowohl horizontal als auch vertikal seinen Raum frei wählen zu können, ohne daß er sich dadurch enorm weit von seinen Nebenspielern entfernt und ohne daß ihm einer im Weg steht. In der Nationalmannschaft spielen die HV breit, wodurch Kimmich viel öfter tiefere Räume besetzen muß (→ Abkippen) und der zweite Sechser wiederum wirklich im Sechserraum gebraucht wird. Das geht in der N11 sowohl mit Goretzka als auch Gündogan noch ganz gut, Goretzka fällt dann eher aus höherer Grundposition zurück, Gündogan ist mehr oder weniger schon da. (Allerdings gehen da regelmäßig Verbindungen in Zehner- und Halbräume verloren, sofern die denn überhaupt sinnvoll besetzt sind.) Das große Problem mit Gündogan entsteht, wenn Kimmich nicht abkippt bzw. wieder vorrückt und folglich beide im Sechserraum sind. Gündogan ist stark strukturschließend veranlagt, d.h. er bewegt sich ohne Ball ständig sehr umsichtig, um Verbindungen herzustellen. Kimmich ist hingegen ist sehr aktionszentriert, d.h. fordert den Ball und drängt dann auf vertikale Aktionen. Das beißt sich fürchterlich, wenn der eine Raum besetzt und der andere dann in genau diesen Raum will. De facto stehen sie sich dadurch schlichtweg immer wieder auf den Füßen und statt Synergien entsteht die (von Dir beschriebene) Notwendigkeit für Gündogan, wieder aus dem Weg zu gehen bzw. aus der Situation irgendwie wieder eine brauchbare Struktur herzustellen (die aber eh kaum genutzt wird, weil Flick zentral vertikale Lösungen will und ansonsten Bespielen der Flügel).

Finde es selbst sehr schade, daß ein dermaßen hochveranlagter Spieler wie Gündogan vom Typ her im Grunde einfach nicht in die Nationalmannschaft paßt, aber genau so ist es. Flick will keinen kontrollierten, stabilen Spielaufbau (wofür Gündogan perfekt wäre), er will den Gegner mit Tempo zerspielen (was paradoxerweise oft für Tempolosigkeit sorgt, weil man dann ja doch nicht ständig einfach drauflosrennen kann und für diesen Fall keinen Alternativplan außer – auch sehr anfälligem – Ballsichern hat, aber es hilft natürlich nichts, wenn bloß ein einziger Spieler überhaupt versucht, auf ein strukturierteres Vorrücken und das Nutzen von Zwischenräumen hinzuwirken, während die anderen im wesentlichen darauf aus sind, diese Zwischenräumen zu überspielen).

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Taktik-Ignorant 14. Juni 2022 um 18:56

Strukturiertes Vorrücken ist schwierig, wenn dafür auf den Verteidigerpositionen die passenden Spieler zum (mit-)aufrücken fehlen; wenn man gegnerisches Pressing umspielen will, muss man paßsichere Spieler haben, die auch den Blick für ihre Position und die der Mitspieler haben. Flicks Idee war ja dann doch eine andere, nämlich das sehr schnelle, steile vertikale Zuspiel. Aber dafür sind die meisten deutschen Spieler der hinteren Reihe zu langsam (im Kopf). Bis die sehen, dass sich weiter vorne jemand vielversprechend löst, steht der Betreffende entweder im Abseits (oft Werner, auf den dann die Kritik einhagelt) oder wurde vom gegnerischen Mittelfeld „zugestellt“. Die Alternative wäre das langsame, geordnete Vorrücken in die Nähe des gegnerischen Strafraums und dann die plötzliche Beschleunigung, um Lücken in die dichte Abwehrmauer des Gegners zu bringen. Dafür ist Gündogan im Prinzip sehr geeignet.
Aber das Bewegungsspiel der deutschen Offensive in solchen Momenten, von denen es in den letzten Spielen einige gab, lässt schon länger zu wünschen übrig. Sieht allerdings bei anderen Nationen nicht viel besser aus (Frankreich, Spanien).

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MaHo27 15. Juni 2022 um 14:01

Vielen Dank für die ausführlichen Antworten. Vermutlich passt dann ein vertikal-orientierter Spielertyp wie Goretzka eher zu den Bewegungsmustern von Kimmich. Was wirklich schade ist, weil Gündogan in meinen Augen individuell der Beste, weil der sauberste und spielintelligenteste der ganzen 8er im deutschen Kader ist, auch wenn Gündogan seinen Peak vielleicht schon überschritten hat. Vielleicht bekommt die Nationalelf es ja aber bis zur WM und insbesondere in der direkten Vorbereitung darauf hin, ein Konstrukt zusammen mit Kimmich und Gündogan aufzubauen. Gegen Italien hat dies ja auch schon besser funktioniert, auch wenn Italien wirklich nicht gut war.

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Taktik-Ignorant 15. Juni 2022 um 21:57

Gündogan dürfte sogar im Moment vor Goretzka in der Hierarchie stehen, weil Goretzka wie einige Bayern-Spieler in der zweiten Saisonhälfte mit einem Formtief zu kämpfen hatte, das immer noch nicht überwunden scheint. Er ist jung genug, um der Nationalmannschaft bis zur Heim-EM 2024 erhalten zu bleiben. Eine irgendwie geartete „Unvereinbarkeit“ mit Kimmich ließ sich gestern gegen Italien jedenfalls nicht feststellen.
Mich wundert immer wieder, wie sehr nach dem Italien-Spiel Sané kritisiert wurde. Bei ihm war die Spielintensität deutlich höher als in den Spielen zuvor, er wirkte frischer, explosiver, und zeigte einige gute Ideen, auch wenn nicht alle Pässe gelangen und alle Entscheidungen (wann abspielen und an wen) überzeugten. Aber er war deutlich auffälliger als die Spiele zuvor. Schade nur, dass ihm die zentrale Rolle inzwischen wirklich besser zu liegen scheint als der Flügel, denn zentral spielen eigentlich schon genug andere.

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Taktik-Ignorant 6. April 2022 um 19:30

Ich sehe Werner auch bei Chelsea nicht so schlecht, dort spielt er m.E. eine sehr gute Rolle, auch im Spiel gegen den Ball, selbst wenn er nicht als „hauptamtlicher“ Torjäger fungiert (in der vergangenen Saison hat Chelsea im Sturm ja sehr variabel gespielt, personell und positionell sehr flexibel und dabei sehr erfolgreich, was natürlich bei der extremen Terminbelastung gerade im englischen Fußball optimal ist; in dieser Saison war als 9er Lukaku anfänglich gesetzt, und Werner kam häufiger neben ihm zum Einsatz, allerdings scheint Lukaku mit Tuchel zu fremdeln und kommt jetzt kaum noch auf Einsatzzeiten). Ich sehe ihn also nicht wirklich schlecht, auch in der Besetzung als 9er, aber leider hängt er in der NM immer etwas in der Luft, weil auf seine Laufwege nicht oder nicht schnell genug eingegangen wird.

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Taktik-Ignorant 7. April 2022 um 15:39

Sorry, war unten als Antwort auf AG gedacht….

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tobit 7. April 2022 um 18:36

Werner braucht jemanden, der für ihn mit dem Rücken zum Tor spielt. Dann ist er super, weil er das Spiel tief machen kann und für IV sehr unangenehm zu spielen ist. Was mir an ihm besonders gefällt ist, dass er nicht so Ballkontaktsüchtig ist wie andere Halbstürmer. Er tut sein Ding da wo du ihn hinstellst, füllt ab und zu mal die Flügel oder zwischen den Linien auf und vertraut ansonsten darauf, dass das Team den Ball schon zu ihm bringen wird, wenn es drauf ankommt. Ist finde ich einfach ein angenehm zu beobachtender Spielertyp.

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Daniel 4. April 2022 um 17:33

Danke für den Artikel, ich freu mich immer, wenn hier mal wieder was veröffentlicht wird 🙂 Bei momentan aber grad mal ca zwei Beiträgen pro Monat ist es aber schon schade, wenn ein Artikel für ein so witzloses Testspiel vergeudet wird wie dieses. Acht Monate vor der WM in den wichtigsten Wochen des Vereinsfußballs hatten die Spieler beider Mannschaften exakt eine Aufgabe: unverletzt zu ihren Vereinen zurückzukehren. Daraus irgendwelche Schlüsse für die WM abzuleiten ist ungefähr so sinnvoll wie aus dem Franz-Beckenbauer-Pokal der Saisonvorbereitung die Endtabelle der Bundesliga herauslesen zu wollen.

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Taktik-Ignorant 4. April 2022 um 23:29

Natürlich ist es zu früh, Rückschlüsse für die WM abzuleiten. Auf der anderen Seite ist es aber verständlich, wenn nicht nur der Vereinsfußball beleuchtet wird, sondern der wichtigste Fußball- (und wenn es nach den für Senderechte gezahlten Summen geht, Sport-)wettbewerb der Welt, der jetzt schon seine Schatten vorauswirft, in den Mittelpunkt rückt. Überhaupt halte ich den Nationalmannschaftsfußball für unterschätzt; langfristige Trends und Neuerungen lassen sich an ihm viel besser ablesen als an Vereinsspielen, die im kollektiven Fußballgedächtnis selbst der Vereinsfans eher kurzlebig bleiben. Ich habe mich gerade darüber gefreut, dass es einen Artikel zur Nationalmannschaft gab und Flicks Suche nach der richtigen Spielweise und Formation somit auch fachlich-analytisch kompetent begleitet wird.

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Koom 5. April 2022 um 09:44

Nationalmannschaften sind für mich aus 2 Gründen interessant: Es gibt einen Überblick über die „fußballerisch Ausbildung“ im Lande. Und sehr reizvoll: Es geht sehr viel weniger um Geld, sondern tatsächlich nur um den Sieg und den Titel. Sicherlich gibts auch gute Siegprämien, aber generell spielt das weniger eine Rolle.

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Daniel 6. April 2022 um 16:57

Ich halte nicht Nationalmannschaftsfußball für uninteressant, ich halte Freundschaftsspiele für uninteressant. Sich ausgerechnet das Testspiel zur Analyse auszusuchen finde ich halt sehr erstaunlich in einer Zeit, in der es jede Woche mehrere Spiele um Aufstiege, Abstiege, Meisterschaft und Weiterkommen in K.O-Runden gibt. Freundschaftsspiele sind auf Nationalmannschaftsebene auch nicht spannender oder aussagekräftiger als auf Vereinsebene. Wer sich ein Urteil über Weigls Eignung für die N11 bilden will wird wohl oder übel portugiesische Liga schauen müssen (oder bis zur WM warten), da hilft auch kein Scherzspiel gegen Holland.

@Taktik-Ignorant
Im ersten Satz sagst du, die WM sei der wichtigste Sportwettbewerb der Welt. Direkt danach meinst du aber, der Nationalmannschaftsfußball werde unterschätzt. Die beiden Aussagen krieg ich irgendwie nicht zusammen…

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AG 6. April 2022 um 18:38

Tatsächlich konnte man auch gestern Weigl in der Champions League gegen Liverpool beobachten (und zum Rückspiel)! Hat auch ein ordentliches Spiel gemacht, soweit ich auf ihn geachtet habe – sicher aber kein einfacher Gegner.

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Taktik-Ignorant 6. April 2022 um 19:23

Kurz zu meinem scheinbaren Selbstwiderspruch: Der Begriff „unterschätzt“ bezog sich auf die Kritik, die manchmal (auch in diesem Forum) an der Qualität des NM-Fußballs im Verhältnis zum Vereinsfußball geäußert wird. Demgegenüber meinte ich mit „wichtigstem“ Wettbewerb, dass einer WM (weltweit) wesentlich mehr Publikumsinteresse und Medieninteresse entgegenschlägt als Vereinswettbewerben (und zwar auch dort, wo beide im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden). Ablesbar auch an der Zahl der Buchpublikationen und Sonderhefte zu den verschiedenen Ereignissen. Insofern sehe ich da keinen Widerspruch. Danke für die Gelegenheit zur Klarstellung.

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Daniel 6. April 2022 um 20:32

Für mich persönlich wird der Nationalmannschaftsfußball in den letzten Jahren zunehmend interessanter bei proportional abnehmendem Interesse am Vereinsfußball, der zunehmend mehr einer endlosen Partie Monopoly gleicht. Auf Nationalmannschaftsebene ergibt es noch Sinn, sich über die vermeintlichen oder tatsächlichen Schwachstellen einer Mannschaft zu unterhalten, während die reichsten Vereine eben alles in Geld ersäufen und sich kaderplanerische und taktische Fragen kaum noch stellen.

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Taktik-Ignorant 7. April 2022 um 15:38

Ich denke, das trifft vor allem auf die Vereine in der Premier League zu. Und auf PSG. Real Madrid ist bereits auf diverse Staatshilfen angewiesen, und der FC Barcelona konnte sich zu Saisonbeginn noch nicht einmal die Weiterbeschäftigung Messis zum halben Gehalt leisten (frage mich allerdings, woher das Kleingeld für die Winterverstärkungen kam). Und bei Bayern gehen inzwischen wieder viele Spieler, weil sie anderswo das Gehalt bekommen, das ihnen der FC Bayern nicht zu zahlen gewillt ist. Dort gibt es schon Anlass, über Schwachstellen im Kader zu diskutieren. Aber grundsätzlich stimmt es schon, Vereine können auf dem Markt nach Anforderungsprofil einkaufen, Nationalmannschaften können nur aus dem Reservoir schöpfen, das den richtigen Pass hat, und müssen darauf hoffen, dass Anforderungsprofil und Qualität passen.

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tobit 7. April 2022 um 16:26

Das Geschäft hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Big3 haben kein Abo aufs CL-Halbfinale mehr und bekommen entsprechend von den Spielern auch keinen „Rabatt“ mehr. Man hat halt auch als absoluter Topverdiener eines der anderen Top10-Vereine dieselbe Chance auf einen CL-Titel wie wenn man für ne ganze Ecke weniger bei Bayern spielt.

Barca hat im Winter nochmal neue Kredite aufgenommen und die Namensrechte am Stadion verkauft. Gesund ist das sicherlich nicht, was sie da veranstalten, aber ist halt wie mit den großen Konzernen in anderen Branchen: too big to fail
Auba ist zwar teuer, war aber immerhin ablösefrei und liefert erstmal, Adama ist geliehen und Ferran wird nicht weniger wert werden (da war ich von der „geringen“ Ablöse sehr überrascht). Wenn sie sich damit sportlich konsolidieren können, wonach es ja durchaus aussieht, stört sie dann der zu lange Auba-Vertrag auch nicht mehr.

Daniel 14. April 2022 um 12:27

Das trifft schon auch auf die Bundesliga zu. Mit Ausnahme von Florian Wirtz spielen die besten 30 Spieler der Bundesliga doch ausnahmslos in München, Dortmund oder Leipzig. Leipzig ist sehr schwach in die Saison gekommen, Bayern und Dortmund spielen prinzipiell eine unterdurchschnittliche Runde und dennoch werden diese drei Vereine ihre jeweiligen Ziele in der Bundesliga problemlos und mehrere Wochen im Voraus erreichen. Es ist eben auf den ersten drei bis vier Plätzen einfach kein echter Wettbewerb mehr. In der PL ist das Gefälle durch unterschiedlich reiche Eigentürmer sicherlich nochmal extremer, aber grundsätzlich ist es überall das Gleiche.

@tobit
Einen nennenswerten „Rabatt“ wird Bayern nur in ganz wenigen Situationen bekommen haben. Aber durch sehr hohe Einnahmen im Merchandise und Kartenverkauf konnte Bayern die Gehälter in manchen Fällen noch mitgehen. Dieses Geschäftsmodell ist aber für zwei Jahre durch Corona komplett eliminiert worden, weswegen das jetzt nicht mehr möglich ist.


Taktik-Ignorant 31. März 2022 um 17:10

Vielen Dank für die ausführliche Analyse.
Mich hätte interessiert, wie die Taktik der Niederländer in der ersten Halbzeit, das Spiel auf Kehrer zu lenken (Raum wurde weniger Raum gelassen, er galt offensichtlich als der gefährlichere Außenverteidiger), besser hätte bespielt werden können. Kehrer kam mir oft ziemlich ratlos vor, da die Niederländer deutsche Freilaufbewegungen recht gut durch ihre eigene Staffelung verpuffen lassen konnten. Für den Rechtsfuß Kehrer war es schwer, die geeignete Anspielstation zu finden, und oftmals musste wieder hinten herum zurück gespielt und neu aufgebaut werden.
In der zweiten Halbzeit, wo sich die deutsche Mannschaft zu Beginn noch einmal steigern konnte und einige Male vielversprechend vor das niederländische Tor kam, war der Bruch nach ca. 10 Minuten, als die Niederländer den Druck beim Anlaufen nochmals intensivierten und die Abspiele der Deutschen hektischer und ungenauer wurden. War das vielleicht auch eine Folge der Müdigkeit nach dem intensiven Pressing in Halbzeit 1, bei dem die deutschen Mittelfeldspieler und Stürmer lange Wege laufen mussten?

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tobit 31. März 2022 um 19:38

Ich weiß nicht ob der offene Kehrer wirklich das Ziel war oder eher ein Nebenprodukt der Spielertypen auf seiner Seite. Blind vs. de Ligt, Malacia vs. Dumfries, Frenkie vs. Berghuis, Memphis vs. Malen sind jeweils sehr verschieden und wirken entsprechend auch unabhängig von den Mannorientierungen anders zusammen.
Eine Lösung wäre natürlich ein präsenter, pressingresistener Sechser gewesen. Die beste Annäherung daran mit der realen Besetzung wäre ein Seitentausch von Gündogan und Musiala gewesen um Kehrer eine konstantere Anspielmöglichkeit zu geben. Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, Müller und Havertz klarer halbrechts starten zu lassen und mit ihnen entweder Raum für Kehrer freizublocken den dieser dann anläuft oder mit Gegenbewegungen doch mal einen Passweg zu öffnen. Generell fand ich Havertz Positionen gegen (zentral/halblinks) und mit dem Ball (rechts breit) zu weit voneinander entfernt. In den Positionen kommt er zwar eigentlich in sehr gute Situationen für sein Spiel, aber er kam oft zu spät in die Positionen, weil die Umschaltmomente zu schnell und zu häufig waren.

Ein Faktor für den stärkeren Druck der Niederländer nach der Pause war für mich Wijnaldum, der in meiner Wahrnehmung deutlich attackierender gespielt als Koopmeiners und das Mittelfelddreieck ein bisschen „gedreht“ hat. Auch wichtig war, dass Gündogan und Kehrer seltener kurzen Anschluss an die IV hielten und sich eher zu den vier Zehnern bewegten. Dadurch waren die Rückstöße der deutschen Zehner noch leichter zu verfolgen und es konnte öfter mal ein ZM auf den Aufbau rausstoßen und so viel dynamischeren Druck auf Rüdiger erzeugen. Das hat Malen auf seiner Seite auch in der ersten Halbzeit schon öfter mit etwas tieferen Startpositionen geschafft, Memphis aber eher nicht (einer der Gründe für die vielen Anspiele auf Kehrer in eher langsamen Situationen).

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tobit 31. März 2022 um 19:52

http://sharemytactics.com/178583/
Der Zehner kann sich nach vorne orientieren, weil die deutschen sich halblinks zu eng staffeln und so mit weniger Personal abgeschnitten werden können.
Mit Klaassen wirkte die Besetzung der drei Mittelfeldpositionen auch noch etwas flexibler, da kamen auch mal Frenkie oder Wijnaldum in diese Position. Oder Frenkie/Malacia schob auf Kehrer und Memphis erzeugte die Dynamik auf Rüdiger.

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Taktik-Ignorant 31. März 2022 um 20:19

Danke für die Erläuterungen, die sind mir in der Tat schlüssig.
Dass ich den Niederländern Absicht unterstellt hatte, in Bezug auf Kehrer, mag mit der Erinnerung an ein altes Spiel der NM zusammenhängen, das WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien. Da haben die Spanier alle früh attackiert, außer wenn Arne Friedrich am Ball war; bei dem haben sie lediglich die Passwege (insbesondere zu Lahm und Schweinsteiger) zugestellt und ihn bis an ihren eigenen Strafraum mit dem Ball am Fuß durchlaufen lassen. Dort haben sie dann den Ball auf die eine oder andere Weise (Fehlschuss, Fehlpass von Friedrich) erobert. Und Kehrer als gelernter IV auf einer AV-Position ist eben auch nicht die optimale Lösung, es gibt halt in der deutschen NM derzeit auch nicht für alle Positionen Top-Besetzungen.

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tobit 31. März 2022 um 21:03

Kehrer ist wenn ich mich richtig erinnere gelernter Sechser. Und er ist ja in seinem ganzen Habitus auch kein gewöhnlicher IV. Von daher finde ich nicht, dass er als AV eine Schwachstelle darstellt. Erst recht nicht im spielerischen Bereich. Dagegen spricht auch, dass Memphis sich in der zweiten (stärkeren niederländischen) Halbzeit eher mal Kehrer passiv zugestellt hat wenn der tief blieb und dann Rüdiger eben erst verzögert attackiert wurde.
Kehrer war ja auch in der ersten Halbzeit eher nicht wegen der starken Verteidigung so verloren, sondern weil er wieder und wieder angespielt wurde während sich sämtliche Spieler vor ihm nach links orientierten. Am ehesten könnte man die Falle der Niederländer finde ich darin sehen, dass sie ihn das ganze Spiel über in eine immer offensivere Positionierung gelockt haben, wo er dann nicht mehr so stark ist wie aus der Tiefe. Mich hat es daher auch etwas gewundert, dass Henrichs erst kurz vor Schluss reindurfte, der in diesen Situationen theoretisch deutlich besser zurecht kommt.

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Taktik-Ignorant 1. April 2022 um 16:29

Zu Kehrer: ich glaube (meine Erinnerung kann mich täuschen), er war bei Schalke IV, bevor er von PSG weggekauft wurde. Insgesamt gefällt er mir als IV auch besser. Für das Spiel gestern, besonders in Halbzeit 1, wäre vielleicht tatsächlich Hofmann die beste Besetzung auf der Position gewesen, da von Haus aus Mittelfeldspieler. Aber ich befürchte, dass seine Defensivqualitäten für das hohe Niveau bei Spielen gegen die Top-10 der Welt dann doch nicht reichen.

Das Offensivspiel der NM wird sicherlich insgesamt flexibler und unberechenbarer, wenn Sané und Gnabry bei der WM fit und in Topform sein sollten; mit Gnabry und Goretzka (falls er zurückkommt) ist auch nochmal Einiges an Torgefahr mehr vorhanden. Man sieht auch, dass die Personalreserven nicht unbeschränkt sind, die Wechsel in Halbzeit 2 zogen doch einen Qualitätsverlust nach sich.
Abwehr: Ginter scheint in der Hierarchie zurückzufallen. Es ist nicht seine Saison und er war immer zwar solide, auch offensiv hin und wieder torgefährlich, aber letzten Endes doch kein Verteidiger der allerersten Güteklasse. Ich sehe in der IV Rüdiger, Süle und jetzt auch Schlotterbeck vor ihm, ebenso Kehrer, so dass es zwischen ihm und Tah auf ein Zielphoto-Finish für den letzten IV-Kaderplatz hinauslaufen könnte. Aber alles Spekulation, Wetten auf das WM-Aufgebot lohnen sich erst 2 Wochen vor Turnierbeginn, wenn man sieht, wer überhaupt zu dem Zeitpunkt unverletzt ist. Schade, dass der NM wegen des Kalenders nur eine Woche Vorbereitungszeit bleibt.

Es bleiben nämlich noch einige Baustellen im Spielverhalten offen; die Defensive ist nach wie vor zu anfällig (die Niederlande haben einige vielversprechende Situationen nicht sauber genug zu Ende gespielt, sonst hätte es dicke kommen können), und das Offensivspiel muss an Durchschlagskraft zulegen; dazu gehören auch Ballstafetten, die nicht improvisiert aussehen, sondern gekonnt.

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tobit 3. April 2022 um 20:44

Ja, als Profi hat er überwiegend in der Abwehr gespielt. Aber ausgebildet wurde er meine ich als Sechser.
Das ist die Schwierigkeit bei großen Spielen. Wenn man keinen Lahm hat, hat man nicht für jede Situation den perfekten Außenverteidiger. Hofmann hätte in Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte besser gepasst, gegen den Ball und im tiefen Aufbau wäre er nicht besser (eher schlechter) als Kehrer gewesen.

Gnabry als Faktor habe ich vor den aktuellen Länderspielen auch unterschätzt. Er passt einfach perfekt auf RA, weil er so vielseitig spielen kann. Je nachdem was man gerade braucht. Theoretisch würde ich das Havertz auch zutrauen, aber der wird von Flick bisher noch sehr auf seine Spezialsituationen fokussiert eingesetzt. Gnabry ist halt (wenn in Form) dazu auch noch abschlussstark aus allen Lagen, was den anderen Optionen da bisher sehr abgeht. Und klar, Tempodribbler in Topform heben das Offensivspiel immer auf ein neues Level, erst recht wenn sie dann so präsent spielen wie die beiden.

Die Kaderbreite kann definitiv nicht mit den Topnationen mithalten. Man kann halt die Spieler 15-23 nicht so krass nach Formstärke vor dem Turnier aussuchen. Dafür kann man aber mit den klaren Top30 oder so etwas intensiver arbeiten als Spanien oder Frankreich mit ihren 50-60 potentiellen Nationalspielern.
Für die Klarheit der Spielanlage bin ich weiterhin erstmal optimistisch. Flick hat jetzt 4 Lehrgänge in 10 Monaten gehabt und die besser genutzt als Löw die letzten 3 Jahre zusammen. Im Sommer ist man für die Nationsleague auch mal länger zusammen, da dürfte sich auch etwas mehr machen lassen als in den paar Tagen die man normalerweise hat. Allgemein werden aber alle Teams verhältnismäßig unvorbereitet in die WM gehen, weil sie halt mitten in der Saison ist.
Die Defensive wird generell noch länger ein Problem bleiben, weil sie individuell nicht so hochklassig besetzt ist wie bei anderen und bei Flick auch so gar nicht der Fokus ist. Ginter ist da halt genau der falsche Spieler für, auch wenn er nicht wirklich schlechter ist als Rüdiger oder Schlotterbeck. Aber ihm fehlt halt die Dynamik und Durchsetzungsstärke um permanent das halbe Feld zu kontrollieren.

Ein Zuschauer 3. April 2022 um 21:26

Als Schalker möchte ich dazu ergänzen dass Kehrer unter Weinzierl eher als Sechser und vor allem Flügelläufer in der Fünferkette gespielt hat. Unter Tedeso war er Halbverteidiger in der Dreierkette und dabei der fokussierte Spieler im Aufbau. In der Dreierkette sehe ich persönlich ihn ja auch am besten, zweitbeste Position wäre fûr mich defensiver Außenverteidiger in einer Dreierkette – Abidal-style. Ich fand in den Spiel ja auch die Bewegung der Spieler vor Kehrer in den entsprechenden Situationen nicht so gut, aber das hat TR ja auch beschrieben.
Zum Spiel muss ich ja generell sagen, dass ich als jüngerer Zuschauer immer wieder verwirrt bin von Mannorientierungen. Ich habe dann immer so einen wer-spielt-denn-da-auf-welcher-position-und-wieso-sieht-das-alles-so-komisch-aus-Moment bis ich dann checke: ach so, die machen Manndeckung.

Taktik-Ignorant 4. April 2022 um 13:17

@Zuschauer: ich frage mich, wie Sie sich als Zuschauer fühlen würden, wenn Sie sich mal eine Konserve (z.B. ein Spiel aus den 79er Jahren) ansähen, wo die Manndecker ihre Gegner bis auf die Toilette verfolgten…
Ansonsten sehe ich die deutsche Mannschaft realistischerweise da, wo sie auch die Weltrangliste einordnet. Die Mittelfeldpositionen sind sehr gut besetzt (abgesehen von der 6er-Position), gute Tempodribbler haben wir auch, bei den IV ist die Luft etwas dünn, aber so schlecht sind Rüdiger und Süle als (vermutliche) Erstbesetzung nicht, beide schon CL-Sieger auf ihrer Position), nur die zentrale Stürmerposition und die AV sowie die Kaderbreite lassen zu wünschen übrig. Es bleibt abzuwarten, wer dann im Herbst wirklich unverletzt ist. Wie schnell es gehen kann, haben wir an Florian Wirtz gesehen.

AG 5. April 2022 um 14:10

Die AV sehen doch eigentlich gar nicht schlecht aus: links gibt es mit Gosens und Raum gleich zwei richtig gute offensive AV, und für rechts gibt es verschiedene defensivere Varianten (Kehrer, Süle, oder natürlich auf höchstem Niveau Kimmich). Die IV finde ich sogar sehr gut, im Sturm sieht es auch gar nicht so schlecht aus, wenn Havertz dort auch eingesetzt wird wie immer mal wieder bei Chelsea (und natürlich Werner).

Das, was dringend fehlt (und vermutlich die meisten hier auch so sehen) ist ein defensives Mittelfeld. Wir alle träumen von einem Sechser auf dem höchsten Niveau, aber ein Zerstörer wäre erstmal auch okay (und vielleicht noch ein defensiver Ballverteiler wie Weigl). Die sehr offensive Spielweise macht es der IV sehr schwierig, und ein oder zwei sich zurückhaltende und ausbalancierende Sechser könnten da eine Menge abschirmen. Kimmich und Goretzka bilden ein geiles Duo, das mit der Klasse fast alles wegregelt, aber die können auch nicht immer durchspielen.

Taktik-Ignorant 6. April 2022 um 13:36

Die Sicht kommt mir etwas zu optimistisch vor. Auch die Kombi Kimmich/Goretzka in der zentrale lässt nach hinten viele Löcher, wie sowohl bei den Bayern als auch bei der NM zu beobachten war. Und wenn Kimmich auf der 6 spielt, kann er nicht auch noch den RAV machen. Links sehe ich auch Raum oder Gosens, wobei ich auch bei beiden defensive Defizite sehe, und Gosens ist wirklich vor allem ein linker Läufer vor einer 3er-Kette; in einer 4er-Kette würde ich eher Raum sehen. Rechts ist mir Hofmann immer noch zu sehr eine Verlegenheitslösung als auf AV umgeschulter Mittelfelder, der sich gegen internationale Hochkaräter in der Rolle noch nicht bewährt hat. Süle ist für mich Innenverteidiger, der nur hin und wieder bei Bayern als RAV ausgeholfen hat. Auch Kehrer sehe ich allenfalls als rechtes Glied einer 3er-Kette oder als IV in einer 4er-Kette, aber nicht wirklich ganz auf dem Flügel. Er hat diese Position zwar auch schon bei PSG öfter bekleidet, aber so richtig prickelnd fand ich ihn da nicht.
Mittelstürmerposition: Havertz ist ein sehr vielseitiger Spieler, und Werner hat seine Trümpfe, aber richtige Torjäger (also ein Typ wie Silva bei Eintracht/RB, Lewa bei Bayern, Haaland beim BVB oder Schick bei Bayer oder auf internationaler Ebene Benzéma oder Kane) fehlen halt unter den Spielern mit deutschem Pass.
6er-Position: Für mich derzeit Kimmich, mangels Alternative. Und er hat ja auch jede Menge gute Seiten.

AG 6. April 2022 um 18:51

Ist sicher etwas optimistisch, aber sonst gibt es ja nichts zu diskutieren 🙂 Kimmich / Goretzka hinterlassen sicher Löcher, die könnten aber auch zurückhaltender spielen (und das gut!), wenn der Trainer das will. Oder die AV könnten tiefer agieren – letztendlich die Frage, wie Offensive und Defensive ausbalanciert sind.

Deshalb finde ich auch, dass ein offensiver und ein tieferer AV gut passen, solange die Sechser sich nicht wie z.B. bei Liverpool stark zurückhalten. Deshalb auch die genannten RV, die da sicher nicht zu Hause sind; mit etwas Recherche fallen bestimmt auch noch andere Namen ein. Kimmich hatte ich nur genannt, falls beide AV offensiv bestimmen sollen und das Mittelfeld die Absicherung gibt, sonst ist der für mich auch klarer Sechser.

Und ja, ein Weltklassestürmer wäre toll. Werners letzte Saison bei RB sah sehr nach Elite aus (2/3 xG pro Spiel plus 1/5 xA ist verdammt gut), leider ist er bei Chelsea nie so 100% angekommen (ohne schlecht zu sein). Gibt nur bei der Nationalmannschaft nicht so viele Situationen, in denen er seine Geschwindigkeit optimal ausspielen kann. Havertz muss seine Position noch finden, aber seine xG-Werte entwickeln sich sehr gut, er wäre prinzipiell als Stürmer ganz anderer Art gut geeignet. Die Torquoten von Lewa, Haaland, Benzema oder Kane wird er leider vermutlich nie erreichen (wäre nicht traurig, wenn diese Vorhersage nicht eintrifft ;)).

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