Leipzigs Dreierketten und Weiterkommen gegen die Spurs

Wie Julian Nagelsmanns Ausrichtung gegen unterschiedliche Defensivansätze der Spurs jeweils einen guten Ballvortrag brachte.

Zwei Siege und ohne Gegentor: RB Leipzig hat sich im Champions-League-Achtelfinale verdient gegen Tottenham Hotspur durchgesetzt. Nach dem Auswärtserfolg in London vor drei Wochen stellten die Mannen von Julian Nagelsmann im Rückspiel die Weichen früh auf Sieg und spielten die Partie letztlich ruhig zu Ende. Schon bei der ersten Begegnung hatten die Leipziger mehr Feldanteile und hielten lange Zeit die Zügel in der Hand. Auch die Umstellung von José Mourinho für das Rückspiel brachte sie beim 3:0 vor heimischer Kulisse nicht nachhaltig in Verlegenheit.

Über die letzten Wochen hat sich bei Leipzig eine Dreier- bzw. Fünferkette etabliert, in der die gelernten Außenverteidiger Klostermann und Halstenberg die beiden Halbpositionen neben dem zentralen Abwehrspieler einnehmen. Mit ihrem recht gutem Raumgefühl und ihrem starken Nachrückverhalten sorgen sie auch bei offensiver Ausrichtung für gute Absicherung. Dank der besonderen Athletik von Upamecano, der im Hinspiel insgesamt gut von Ampadu vertreten wurde, können sie noch etwas höher und enger durch die Halbräume vorschieben. Das ermöglicht wiederum den Sechsern ein aggressiveres Bewegungsspiel. Insgesamt ist es für Leipzig daher möglich, reichlich Physis nach vorne zu schieben, um den Gegner wirksamer einzuschnüren.

Hinspiel (1:0): Raumöffnen halbrechts gegen ein 4-4-2

Gegen das Defensiv-4-4-2 der Spurs im Hinspiel hatte RB über die Halbverteidiger der Dreierkette zunächst gute Möglichkeiten zum Andribbeln. So ergab sich für Nagelsmanns Team eine recht kontrollierte Ausgangssituation, in der es stets etwas Raum diagonal neben den beiden gegnerischen Stürmern fand und bei Problemen oft zumindest dorthin ausweichen konnte. Im defensiven Mittelfeld bewegten sich Sabitzer und Laimer zwar recht eng im kompakten Viererblock zwischen den zwei Angreifern und den zwei Sechsern der Spurs, waren dadurch gar nicht immer so gut anspielbar. Allerdings gelang es ihnen dafür sehr gut, diese Akteure des Gegners mit kleinräumigen Bewegungen zu beschäftigen und somit zu binden.

Offensivformation Leipzig und Defensivformation Tottenham im Hinspiel

Innerhalb der Mittelfeldreihe bei Tottenham wurde während der normalen Leipziger Zirkulation der horizontale Abstand nach außen mitunter zu groß. Bei den Gästen stand Mukiele als Flügelverteidiger beispielhaft dafür, wie stark sich einzelne Spieler unter Nagelsmann verbessert haben. In seinem Fall betreffen die Fortschritte das Bewegungsspiel: Mukiele fand ein gutes Timing, wann er sich weiter nach vorne und/oder etwas weiter nach außen ziehen sollte. Bei gleichzeitigem Andribbeln von Klostermann oder auch mal einem Sechser konnte Leipzig dann den zurückfallenden Nkunku immer wieder in der Schnittstelle halblinks innerhalb des gegnerischen Mittelfeldbands freispielen.

Dadurch ließen sich in der Folge stabile Aufrückmomente generieren. Über Schicks Ablagen kam Leipzig schließlich auch recht gut in den linken Halbraum, aus dem sie vermehrt gefährlich zu werden versuchten. Etwaige Nachrückbewegungen der Sechser fokussierten sich vermehrt auf jenen Bereich. Zudem setzte sich Nkunku insgesamt geschickt in offene Räume ab, pendelte ohnehin recht flexibel durch die Übergangsbereiche. Als unterstützende Kraft zwischen Mittelfeld und Angriff in der 3-4-3-artigen Ausrichtung des Teams kommt seine Spielweise gut zum Tragen. Der starke Leipziger Start in die Rückrunde mit der neuen Dreierkettensystematik speist sich auch daraus, dass sie für viele derzeitige „Stammkräfte“ passgenaue Rollen bereit hält.

Wenn RB das 4-4-2 der Spurs dementsprechend mittig und gerade halblinks zusammenziehen konnte, ließ sich viel Wucht über die Vorstöße von Angeliño erzeugen, der für eine Viererkette unter diesen Umständen nur noch schwer aufzunehmen war. Wiederum traten individuelle Gesichtspunkte hinzu: Das saubere Timing des Argentiniers bei diesen einfachen Vorstößen. Gleichzeitig heißt das auch, dass die Leipziger an dieser Stelle einen für das Konstrukt sinnvollen Spielertypen dort integrierten. Das Timing von Angeliños Vorwärtsbewegungen sollte auch im Rückspiel wieder wichtig werden: Bei Verlagerungen kam er oft zum Zuge. Dafür gab es bei RB in den ersten Aufbaumomenten, auch über die Sechsereinbindung, einen leichten Rechtsfokus, der Tottenham leicht herüberzog.

Rückspiel (3:0): Mourinho versucht zu spiegeln

Für diese zweite Partie setzte José Mourinho nach der Niederlage in London auf einen anderen Ansatz. Er wechselte die Grundformation seines Teams auf ein 5-2-3: Dadurch standen drei Spieler gegen die drei Leipziger Verteidiger, um diese zuzustellen. Dahinter waren Mannorientierungen auf die Sechser möglich und die Flügel konnten ballnah ebenfalls direkt über Herausrückbewegungen von eigenen Außenspielern gepresst werden. Damit spiegelte Mourinho also die Anordnung des Gegners, um direkteren Zugriff vorbereiten zu können. In der ersten Linie interpretierte sein Team die Formation über viele Phasen für ein hohes, passives Zustellen. Leipzig sah sich früher den gegnerischen Staffelungen gegenüber, doch ein aggressives Anlaufen daraus erfolgte bei Tottenham aber nur bedingt, abgesehen von den ersten Minuten.

Offensivformation Leipzig und Defensivformation Tottenham im Rückspiel

Für die Mannen von Julian Nagelsmann war es in diesem Zusammenhang wichtig, die Räume neben dem höheren 2-3-Zentrumsblock der Spurs flexibel genug zu besetzen. Eine Schlüsselrolle spielte dafür Timo Werner, der in der laufenden Saison ohnehin wesentlich weiträumiger auch bis in tiefere Zonen agiert und dessen einleitende Dribblings schon oft entscheidender Dynamikgeber für das Spiel seiner Mannschaft waren. Diesmal half es den Leipzigern, wenn sie ihn gewissermaßen aus der Formation herauskippen lassen und als sichere Anspielstation für den zweiten Pass im Aufbau und für Verlagerungen in den Halbräumen, gerade halblinks, einbinden konnten.

Durch Werners Rolle hatte der Gastgeber die Möglichkeit zur Überzahlbildung im zweiten Drittel und im Übergang und gewann somit Stabilität in Ballbesitz. Aus der recht mannorientierten Grundorganisation der vorderen Linien brauchte Tottenham dagegen etwas zu lange bzw. war zu inkonstant, um daraus in diesen Situation dynamisch umzuformen und hinterher zu verschieben. In den Folgeaktionen verbuchte Leipzig einige gute Ansätze, die die Feinheiten und die kleine besondere Note ihrer aktuellen Spielweise andeuteten: Offene Positionierungen in Zwischenräumen und Dribblings wurden gut durch ein bis zwei kleinräumige Läufe zum Ball ergänzt.

Etwaige Positionsstrukturen bzw. positionsspielartige Teilelement werden vermehrt auch situativ, temporär, partiell und wechselnd in unterschiedlichsten Räumen jeweils neu abgerufen und dazwischen verlagert statt bestimmte Räume jeweils zu verbinden. Die kleingruppentaktische Unterstützungsbildung dafür setzt das Team phasenweise sehr gut um, mit Nkunkus ausgleichender und Sabitzers eher attackierender Raumfindung als entscheidenden Faktoren. Allerdings stehen und fallen diese Aktionen und die entsprechend darauf gründende Vorgehensweise in leicht überdurchschnittlichem Maße stärker mit der reinen individuellen Entscheidungsfindung, was bei dem einen oder anderen weniger durchschlagskräftigen Auftritt zuletzt beigetragen haben dürfte.

Recht hohe Durchschlagskraft hatten die Gastgeber in dieser Partie gerade in der Anfangsphase. Das hatte zunächst einmal simple Gründe: Gute Verlagerungen spielten eine Rolle, ebenso die aggressiven Vorwärtsbewegungen von Sabitzer. Seine Nachstöße in die Tiefe waren in zwei entscheidenden und in einigen anderen Szenen einfach effektiver als der Rückzug der gegnerischen Sechser. Wenn er durch die erste Auftaktaktion einen Bewegungsvorsprung hatte, war dies für Lo Celso aus den Mannorientierungen heraus nur schwierig aufzuholen, so beim zweiten Tor. Das 1:0 bildete das Paradebeispiel für die bessere Rückraumbesetzung seitens Leipzig: Drei Spieler setzten sich gut ab, Winks musste sehr tief entsprechend der Kettenhöhe unterstützen, die Abwehrreihe blieb fast zu flach gestaffelt.

Dementsprechend gab es für Tottenham noch in anderen Situationen Probleme mit dem Raum vor der Abwehr bzw. hinter dem Mittelfeld, etwa mal bei Versuchen Nkunkus, sich zwischen den Linien zu positionieren. Für diesen Bereich lastste viel auf den vorderen Defensivreihen, da aus dem Zentrum der Dreierkette nur wenige Herausrückbewegungen (außerhalb von Mannorientierungen) in der Vertikalen erfolgten: Dort überwog eine sehr enge und vorsichtige Ausrichtung, wahrscheinlich als Fokus auf die sehr unmittelbare Absicherung. Letztlich wurde dieser aber schon zu groß: Beim 2:0 hätte Tottenham nach der Verlagerung auf Angeliño die Breite der Fünferkette noch mehr zum Durchschieben nutzen können, in einigen anderen Szenen hielten sich alle drei Verteidiger noch zentraler.

Fazit

Jedoch spielte bei beiden wegweisenden Toren sowohl in den Abschlüssen als auch in den Vorbereitungen jeweils das Matchglück zu Gunsten der Leipziger mit. Es waren für die frühe Führung nicht unbedingt ganz saubere und zwingende Top-Szenen. Dass Laimer in der Entstehung des 1:0 schnell reagierte und einen guten Laufweg anbrachte, stellte nun wiederum keinen Zufall dar, sondern resultierte aus Erarbeitung seitens der Leipziger – als gewissermaßen notwendige Basis. Bei der vorigen Passstafette lief es zwei Mal vom Timing aber sehr knapp zu Gunsten der Gastgeber und im entscheidenden Übergangsmoment fehlten nur Sekundenbruchteile, bis aus dem Auflösen der Mannorientierungen von „oben“ ins Nachschieben hinein ein Doppeln gegen Sabitzer geworden wäre.

In der Gesamtbetrachtung spielten dann am Ende vor allem die Ruhe und Ballsicherheit der Leipziger aus dem Aufbau heraus die entscheidende Rolle für den erfolgreichen und verdienten Einzug ins Viertelfinale. Die tiefen, ausweichenden Positionierungen von Werner und die Unterstützungsbewegungen im Rück- sowie das Andribbeln und das Raumöffnen im rechten Halbraum im Hinspiel sorgten dafür, dass die Mannen von Nagelsmann stets sehr gut in der Partie waren und zu einem stabilen Ballvortrag in die vorderen Bereiche kamen. Diese sichere Gemengelage im eigenen Ballbesitz bildete das Fundament für ein in der Summe letztlich souveränes Weiterkommen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*