Derbys und ihr Eigenleben

2:4

Manchmal nehmen Spiele besondere Bahnen, mit denen man kaum rechnen kann. Es sind solche Erfahrungen, wegen der vom Derby als eigener Angelegenheit für sich gesprochen wird. Dortmund versucht gegen ein 5-3-2 anzuspielen und dann ereignen sich unerwartete Vorgänge.

Der eigentliche und quantitative Kernpunkt

Offensivformation Dortmund, Defensivformation Schalke

Lange Zeit lief das Spiel vor allem auf ein vorherrschendes Thema hinaus: Schalke stellte sich in einem zurückhaltenden 5-3-2 auf und Dortmund versuchte, gegen diese Defensive durchzukommen. Insgesamt funktionierte das zwar nicht besonders gut und zwingend, vor allem strukturell zu unstetig, aber nun auch nicht als Fehlschlag und viele Dinge machten die Gastgeber doch zumindest solide. Sie konnten das aus der Zirkulation heraus nicht dynamisch genug anspielen, da Schalke mit den Stürmern bereits gegenüber den Sechsern der Borussen viel Kompaktheit hatte.

Das Freilaufverhalten von diesen Position aus oder innerhalb des Zentrums war nicht scharf genug strukturiert im Moment, wenn der Ball nach außen oder zunächst einmal zum Halbraum hin lief. So konnte Schalke beim Herausrücken des ballnahen Stürmers im Pressing gleichzeitig noch einen vergleichsweise hohen Anteil des Mittelfeldraums über den Deckungsschatten mit abdecken. Besonders auf der rechten Seite machte sich das bemerkbar, wo die horizontale Unterstützung aus der Offensivabteilung zudem inkonstanter hergestellt wurde und Wolf dementsprechend früher unter Druck gegen Oczipka oder Serdar geraten konnte.

Gelegentlich ließ sich ein Dortmunder Sechser kurz nach außen in den Halbraum neben die gegnerischen Angreifer fallen, auf jener rechten Seite begab sich zusätzlich Sancho vom Flügel einige Male in vergleichbare Positionen. Meistens konnte dagegen aber bloß der ballnahe Schalker Achter diagonal in die nächsthöhere Linie vorschieben, den Raum in seinem Rücken abschirmen und den Ballführenden leicht nach außen zu drängen versuchen, wogegen Dortmunds Optionen mittig dann schon zu sehr reduziert waren. Am ehesten gelang aus solchen Konstellationen über die Einbindungen Sanchos ein einleitender Dynamikeffekt, da er mit Andribbeln wirksamer und vorbereitend in den Zwischenraum hinter Sturm- und vor Mittelfeldreihe eindringen konnte.

Ansätze und Versuche über halblinks

Insgesamt gestaltete sich die gesamte Gemengelage so, dass Dortmunds Bemühungen vor allem von der linken Seite ausgingen. In der Ausgangssituation spielte dort Diallo viele Eröffnungen, teilweise auch aus dem Halbraum, Guerreiro startete zunächst breiter neben der gegnerischen Fünferkette und ließ sich später zurückfallen, wenngleich er manchmal auch selbst die einleitende Aufgabe übernahm. Götze und Reus pendelten anfangs irgendwo in der Offensive im Bereich zwischen den Linien, lösten sich schließlich – mal mehr, mal weniger stark und insgesamt etwas unstetig – im Fortgang der Szenen mit auf jene Seite, also eher nachträglich und dafür aus der Bewegung heraus.

Dafür zeigten sich verschiedene Muster, Abläufe und Varianten: Nach dem ersten Pass von Diallo gab es häufig sofortige Folgeablagen von Guerreiro wieder in die Schnittstelle von Flügelläufer und Achter, um den Antritt des eigenen Linksverteidigers auszunutzen. Wenn sich der erste Spieler aus dem Offensivzentrum einschaltete, zog er meist in den Bereich seitlich neben Mascarell. Entweder würde er dort als Blocker für Pärchenbildungen vom Flügel agieren und/oder sich mit kurzen Ablagen einbinden, oder er würde alternativ seine Ausgangsbewegung ausweichend fortsetzen, um dadurch den gegnerischen Sechser noch weiter mit zur Seite ziehen zu können.

Das führte beispielsweise einige Male dazu, dem zweiten Akteur den geöffneten Bereich für kurze Einbindungen vorzubereiten und in der Folgedynamik der Situation seinen vom Flügel zurückkehrenden Kollegen eventuell noch integrieren zu können. Wenn der eine Offensivakteur durch seine Ausgangspositionierung den ballnahen Halbverteidiger weiter herauslocken würde, ergab sich für den anderen die Chance, in dessen Rücken diagonal zur Seite zu starten. Vom Ansatz her sah das bei den Dortmundern also nicht schlecht aus, so dass sich nicht unbedingt wenige Anfangsstadien schneller Kombinationsstafetten entwickelten.

Dortmunds Schwierigkeiten

Allerdings gab es eine Reihe von Unwägbarkeiten: Diese begannen zunächst bei der Ausgangssituation. Da Dortmund die Sechser nicht so effektiv eingebunden bekam, lag bei der vorbereitenden Ballverteilung viel auf der ersten Linie und einzelnen Positionierungen als solchen. In dieser Konstellation konnte die Borussia nicht so viel Druck auf Schalkes Block ausüben, unter dem diese im Nachschieben und Timing unsauberer geworden wären. Die Unterschiede und Abstufungen bestimmten, wie hochwertig die Dortmunder Passwege sein konnten.

Funktionierte die Vorbereitung aus der Zirkulation heraus nicht so gut, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass Zuspiele unter leichter Bedrängnis gespielt werden mussten oder wegen „kleinerer“ Passkanäle leichte Anpassungen des Empfängers aus einer eigentlich etwas besseren Vorposition heraus erzwungen wurden. Beim Bewegungsspiel selbst stellte sich mitunter ebenfalls die Frage nach der Präzision. Einige Male wurden etwaige Zwischenräume nicht gezielt oder zu spät angesteuert. Bei ausweichenden Aktionen aus dem Zentrum fehlte im Dortmunder Spiel die Konstanz in der Umsetzung von ergänzenden Folgebewegungen des nächsten Spielers.

Häufiger gerieten sie in Gefahr, sich über Läufe von Götze oder Reus nach außen zu schnell zum Flügel abdrängen zu lassen, wenn der entsprechende Akteur zu frühzeitig eingebunden wurde und/oder der jeweilige Kollege nicht folgte, um mögliche Überladungen zu ergänzen. Mit zunehmender Spieldauer wurde Isolation am Flügel durch Timingprobleme oder in Vereinzelung eingebundene Ausweichaktionen zur eigentlichen Überzahlbildung ein drohendes Problem beim BVB.

Schließlich betraf eine weitere potentielle Schwierigkeit das Ausspielen von Offensivaktionen, insbesondere der gut angefangenen Kombinationsansätze. In der nächsten Umgebung um den lokalen Ausgangspunkt verblieb dagegen bei den Schalkern grundsätzlich noch viel Defensivpräsenz. Da Dortmund bei solchen Szenen oft beide Stürmer schon weit zum Ball gezogen hatte, standen ihrerseits eher wenige Tiefenoptionen weiter vorne bereit. Sie mussten die Bewegungen in die Spitze also aus der Dynamik heraus abrufen. Offensiv hatte Dortmund zwar viel Präsenz im Halbraum und von dort zur Seite, aber wenig im Zentrum. Die Schalker zogen sich in ihren zwei präsenten Defensivreihen recht geschlossen wieder zusammen und das machte es für den BVB auch einfach schwierig.

Vor diesem Hintergrund hätte es interessanter werden können quasi durch Veränderungen beim vorigen Schritt: Die Borussia versuchte es nach einleitenden Pässen viel mit Direktspiel, insgesamt fast etwas zu viel. Aus den Zwischenräumen um die Mittelfeldreihe der Schalker agierten sie fast immer mit Ablagen, an die sich die explosiven Folgebewegungen anschlossen. Situativ hätte das aber noch häufiger mit mehr Ballmitnahmen, Drehungen und/oder Dribblings variiert werden sollen für die Spielfortsetzung, die zu bestimmten Situationen etwas besser gepasst hätten. Daraus wären dann auch noch einmal in anderen Kontexten Verlagerungen – hier also als Folgeaktion schon etwas weiter vorne – möglich geworden, die Dortmund sonst von links nicht so gut ins Spiel bekam.

Kontinuität bei einzelnen Vorfällen und eine nicht unwichtige Änderung

Mehr oder weniger lief die Partie noch bis weit in die zweite Halbzeit so weiter, bei einem für die Dortmunder unglücklichen Stand von 1:2. Im Normalfall wäre es angesichts der klaren Spielanteile für die Borussen zunächst einmal gar nicht so problematisch gewesen, dass sie nicht allzu viel Durchschlagskraft entwickelten – wenn eben „Königsblau“ nicht einfach zwei Tore bei vereinzelten Kurzaufenthalten vorne erzielt hätte. Beim Ausgleich profitierten sich sicherlich von der Behandlungspause Sanchos, aber in diesem Fall auch von ihren hohen und im Aufrücken teilweise recht sauber organisierten Achtern, um dadurch einen riskanten Vorwärtspass noch weiterleiten, Dortmund kurz in den Rückzug zwingen und die Flankenmöglichkeit vorbereiten zu können. Der zweite Treffer aus einer Ecke hatte sich zuvor nicht wirklich angedeutet.

Eine Änderung gab es aber doch: Dortmund versuchte zwischenzeitlich mehrfach aus einer Dreierkette mit Witsel zwischen den Innenverteidigern aufzubauen, um sich so eine Überzahl in der ersten Linie zu bilden und sich weiter nach vorne zu schieben, brachte dann mit der Einwechslung von Alcácer für Delaney und der Ausrichtung gewissermaßen auf Witsel als alleinigen Sechser mehr Offensive. Beides waren grundsätzlich andere Ansatzpunkte, aber sie hatten in einer Hinsicht doch einen ähnlichen Effekt: Die Gastgeber wurden etwas offener im hinteren Mittelfeldbereich.

Nach der Auswechslung spielte Götze höher als Delaney, um Witsel herum blieb also etwas mehr Raum. Baute der Belgier zuvor zwischen den Innenverteidigern auf, hieß das neben Delaney eine gewisse Verringerung der Präsenz. Der mögliche Vorteil eines Dreierkettenaufbaus kam in den entsprechenden Abschnitten nur bedingt zum Tragen, da für Weigl und Akanji aus den höheren Halbverteidigerpositionen auch der „Puffer“ zum gegnerischen Mittelfeldband und dessen Herausrückmöglichkeiten geringer war. Das hätte sich nicht unbedingt als problematisch auswirken müssen. Nur in Kombination mit der Art und Weise, wie Dortmund die eigenen Offensivbewegungen auslöste, führt es aber in den ersten Momenten des Aufrückens eher zu Schwierigkeiten mit der Optionsherstellung.

Indem Dortmund also auf unterschiedlichen Routen das Aufrückverhalten intensivierte und dabei eher aus dem zentralen Mittelfeld die Präsenz „entnahm“, kam Schalke zu mehr Konteransätzen oder -anfängen im zweiten Drittel. Daraus wurden selten wirkliche Konterchancen im Sinne von Abschlüssen oder gefährlich weitergeführten Offensivaktionen, da nicht zuletzt Dortmunds Endverteidigung, besonders Weigl, einen starken Auftritt hinlegte. Aber zumindest sorgte es dafür, dass Dortmund häufiger nach hinten zurückschieben musste. Genau solche Umschaltsituationen durch bzw. innerhalb von Zwischenlücken waren es auch, in denen sie sich mit zwei übermäßigen Aktionen die beiden Roten Karten einhandelten.

Man mag darüber diskutieren, welche spezifischen Umstellungen die Gastgeber in Unterzahl noch hätten versuchen können oder sollen. Bei gleich zwei Platzverweisen geht es aber nicht nur um die generelle Vorbereitung auf ein solches Szenario. Es hängt für die jeweiligen Reaktionsmöglichkeiten auch viel von der konkreten Konstellation der verbleibenden Spieler ab, inwieweit die Varianten kurzfristig umsetzbar sind. Die Dortmunder formierten sich zu neunt nun nicht unbedingt schlecht, versuchten strukturell auch mal wechselnde Ansätze. Letztlich war das nicht mehr der zuvorderst entscheidende Punkt. Schalkes insgesamt suboptimaler Umgang mit der Situation, mit kleinen Ausnahmen wie der Rudy-Einwechslung, ließ es sogar kurzzeitig spannend werden, aber selbst das änderte nichts mehr daran an der Verteilung der Punkte.

Fazit

Schalke rief einen disziplinierten, geschlossenen Defensivauftritt ab und profitierte für den Sieg dann in starkem Maße von den Umständen. Mit viel Geduld hätten die Dortmunder zum Ende der Partie vielleicht noch einen Zähler herausarbeiten können, die beiden Platzverweise in schneller Abfolge bedeuteten aber eine erhebliche Schwächung auf diesem Weg.

JK 29. April 2019 um 20:46

Für mich ist das Hauptproblem der Dortmunder, dass man seit Wochen ohne Außenverteidiger spielt. Diallo und Wolf geben offensiv ein so schwaches Bild ab, dass ein effektives Spiel über die Außen nur läuft, wenn sich die Außenstürmer und mind. 2 Mittelfeldspieler zum Überladen einschalten. Dann wiederum stehen sie sich gegenseitig auf den Füßen. Für mich unbegreiflich, dass Favre nicht wenigstens Schmelzer bringt, der über bald 10 Jahre seine Qualitäten als Anspielstation bewiesen hat.

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tobit 1. Mai 2019 um 22:59

Was ich auch nicht verstehe ist das dogmatische Festhalten an der 4er-Kette in allen Spielphasen. Gerade mit Wolf und Diallo als „AV“ könnte man doch wunderbar asymmetrisch spielen. Damit das aber ins System passt, müsste man die beiden seitenverkehrt aufstellen. Dann könnte Wolf links weit aufrücken und Guerreiro seine Freirolle ermöglichen und Diallo könnte rechts aus der Tiefe diagonal andribbeln. Ist aber jetzt sowieso hinfällig, weil wir jetzt das Löw’sche Patentrezept von den vier IV zu sehen bekommen werden ohne dadurch irgendeine defensive Stabilisierung zu erfahren.

Aber die AV sind ja eigentlich seit Jahren eine Baustelle, deren Schließung man konsequent verweigert hat. Diese jetzt notwendige Generalüberholung könnte man natürlich für so manche taktische Spielerei (einrückende AV, bitte bitte) ausnutzen – wird man aber wohl nicht, sondern die nächsten technisch inkonstanten Dauersprinter verpflichten oder mal wieder einen Offensivspieler umschulen.

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AG 28. April 2019 um 10:01

Danke für den Artikel. Richtig auch angedeutet, dass Schalke sich richtig ärgerlich verhalten hat nach den zwei Roten Karten. Was ist das denn für ein Zustand, wenn man zwei Spieler Überzahl nicht in Tore umzumünzen versucht? Defensive Zirkulation ohne Ziel. Das wurde dann ja wirklich ein wenig besser, aber 5-3-2 war auch in der Situation einfach nicht hilfreich. Dortmund hat ja irgendwo zwischen 4-3-1 und 4-2-2 gewechselt, mit einem 4-3-3 hätte man gleichzeitig im Zentrum als auch am Flügel Überzahl herstellen können. Völlig unverständlich für mich, wieso Schalke nicht eine so einmalige Chance genutzt hat, um im Derby den BVB richtig zu demütigen, statt mit einem glücklichen 4:2 zufrieden zu sein. So groß war die Gefahr des Abstiegs jetzt auch nicht.

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Daniel 29. April 2019 um 10:54

Das ist ein völlig normaler Zustand, wenn man zwei Tore in Führung liegt und mitten im Abstiegskampf steckt. Ich bin normalerweise ein Freund davon, spielerische Entwicklung vor kurzfristige Ergebnisse zu stellen, aber wenn man in Schalkes Situation am 30. Spieltag gegen einen Meisterschaftsanwärter mit zwei Toren führt riskiert man nix mehr, sondern lässt den Ball in den eigenen Reihen kreisen und nimmt die drei Punkte mit.

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