Türchen 21: Ronaldinho

Magie, Marotten, Millionen. Ronaldinho verkörperte die Schönheit des Unvollkommenen. Und ließ Kritiker wie Fans verwundert zurück.

Kaffeehausszenarie irgendwo in einer europäischen Großstadt. „Gestern Abend das Spiel gesehen?“ – „Netter Versuch von den Unseren. Aber ein gutes Kollektiv schlägt diesen Haufen von Einzelkönnern.“ – „Klingt wie der Marxsche Leitsatz des Fußballanalysten.“ – „Nach all den Jahren habe ich das Spiel nun wirklich verstanden. Wenn du mir nicht glaubst, frag Guardiola.“ – „Guardiola müsste es eigentlich besser wissen.“ – „Inwiefern?“ – „Manchmal reicht ein Genie. Der zerstört die beste Gruppe.“ – „Messi zählt nicht.“ – „Ich meine nicht Messi … Ronaldinho, mein eingebildeter Freund!“ – „Wer ist Ronaldinho?“ – „Wenn ich das nur wüsste.“

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Wer ist nun dieser Ronaldinho, frage ich mich. Seine biografischen Eckdaten geben wenig Aufschluss. Er war eine Fußballsensation in Brasilien, brillierte im Futsal, kam mit 21 nach Europa. Wie Tausende andere aus seinem Land. Zunächst kickte er für Paris, dann für Barcelona eine Zeit lang, später noch bei Milan und zum Ende seiner Karriere wieder auf der anderen Seite des Ozeans. Er schoss regelmäßig Tore, gewann eine Weltmeisterschaft, einmal die Champions League und eine Reihe an kleineren Titeln. Aber die Genialität Ronaldinhos lässt sich mit Zahlen und harten Fakten nicht einfangen. Nicht mal ansatzweise.

„Wenn du mit ihm zusammenspielst und siehst, was er mit dem Ball anstellt, wundert dich nichts mehr. Einestages wird er den Ball zum Reden bringen.“ —Eiður Guðjohnsen
(Photo by Denis Doyle/Getty Images)

Profifußball ist ein Unterhaltungsgenre. Und Ronaldinho war der größte Entertainer unserer Zeit. Er verkörperte das Spektakel wie kein anderer. Aus der Obskurität des linken Flügelraums kommend narrte er Gegner mit verrückten Tricks und einem Lachen, das die eigenen Fans – gerade jene in Barcelona – verzauberte und den Konkurrenten wie Hohn vorgekommen sein muss. Dabei war Ronaldinho kein überheblicher Schnösel, kein Snob im Angriffsgeschwader von Barça. Er wusste um seine eigenen Unzulänglichkeiten, doch noch besser wusste er um die Unzulänglichkeiten seiner Gegenspieler. Wenn diese zu Boden gingen, um ihn im Tackling zu stoppen. Wenn diese versuchten, seinen schmächtigen Oberkörper zu verdrängen, ihn vom Ball zu trennen. Es war ein persönlicher Angriff auf Ronaldinho. Nur er wollte bestimmen, wann der Ball, sein verlässlicher Wegbegleiter, seinen Fuß verlassen würde.

Seine wackelnden Bewegungen, die Anlehnungen an den Samba kreierten eine Einzigartigkeit. Eine ökonomische Spielweise lag ihm fern. Er war kein lakonischer Passspieler wie Xavi, kein seriöser Torjäger wie Eto’o. Auch verband ihn wenig mit anderen Mitspielern, dem ewig melancholischen Iniesta, dem mechanisch-präzisen Messi, dem arrogant-süffisanten Ibrahimović. Ronaldinho war eine eigenwillige, den Adjektiven ihre Grenzen aufzeigende Licht- und Schattengestalt.

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In ihm schlummerte ein großes Kind. Nicht gemacht für den knallharten Profifußball, für ein Leben immer im Blick der Kameraobjektive. Ronaldinho feierte durch Pariser Nächte, füllte seinen Magen mit Fast Food und war an hartem Training wenig interessiert. Wenn es je ein schlampiges Genie gab, dann war es dieser brasilianische Offensivkünstler. Er wurde mit einem Talent geboren und kostete seine Begabung bis zum Äußersten aus.

„Er vermittelt große Freude und Liebe zum Spiel. Er hat derartige Fähigkeiten, sodass ihn jeder auf der Welt bewundert.“ —Frank Rijkaard (Photo by Lluis Gene/AFP/Getty Images)

Nur kühle Pragmatisten hätten Ronaldinhos Fähigkeiten gerne kanalisiert und versucht ihn in einen seriösen Weltklasseathleten wie Cristiano Ronaldo zu verwandeln. Es hätte Ronaldinho seiner Besonderheit beraubt. Das Genie durfte nicht von rationalen Überlegungen eingegrenzt, die Flamme des Unkalkulierbaren nicht durch einen harten Windstoß von Sachlichkeit zum Erlöschen gebracht werden.

Doch genau diese Außergewöhnlichkeit lässt bis heute Raum für Spekulationen. In einer Welt, die nach Titel und Rekorden lechzt, wird die Frage aufgeworfen: Hätte Ronaldinho dieses oder jenes mit einer ernsthaften Einstellung zu seinem Beruf erreichen können? Genau darin liegt der Trugschluss. Ronaldinho war der bestbezahlteste Berufsuntätige. Millionen wanderten auf sein Konto, weil er seinem Hobby in aller Öffentlichkeit nachging. Ob nun Elasticos in einer abgewirtschafteten Turnhalle in Porto Alegre, Rabonas am Strand von Rio oder Pedaladas auf dem heiligen Rasen des Nou Camp, es spielte keine Rolle. Ronaldinho war der letzte Straßenfußballer auf Weltklasseniveau.

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Bei all dieser Liebe zum Spiel war er aber auch einer, der die Anerkennung genoss und nach ihr durstete. Das Bad in der Menge entfesselter Katalanen, das Schulterklopfen der Landsmänner im Trikot der Seleção, die Adelung durch andere Größen des Sports. Ronaldinho brauchte diese Bestätigung nicht etwa, damit sein Ego so schnell wuchs wie sein Vermögen. Es waren die Selbstzweifel, die ihn umtrieben.

„Ronaldinho kam als grinsenter Magier zu Barça und hatte den Club für drei glorreiche Spielzeiten verzaubert. Er wird als verzweifelte Figur gehen.“ —Simon Baskett, Reuters (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Auf dem Rasen blieb Ronaldinho bis zum Ende seiner Karriere ein Pendel. Mal schlug er zur einen Seite aus und verkam zum Egoisten, der es mit einer ganzen Verteidigung allein aufnahm. Mal schlug er zur anderen Seite aus und suchte füßeringend die Unterstützung, den Kontakt seiner Mitspieler.

Verlor er plötzlich sein Lächeln, wuchsen die Fettpölsterchen am Bauch, wurde der Bart ungepflegt. Dunkelheit zog auf. Den sonst so fröhlichen Ballliebhaber umgab plötzlich eine Aura des Traurigen. Dann war Ronaldinho nur noch schwerlich wiederzuerkennen. Seine Kritiker fühlten sich bestätigt. Außer ein paar Tricks und Tore war da nicht viel. Ihm fehlte es an Biss und Ernsthaftigkeit, an Intelligenz und Weitsicht. Lediglich eine Fußnote im Reigen der großen Maschinen, der Messis und Cristianos.

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Es wird nie wieder einen zweiten Ronaldinho geben. Eine Mozartsche Singularität in einem Fach, in dem sich Abermillionen versuchen. Und doch waren seine Fähigkeiten ein Fingerzeig für nachfolgende Generationen. Jene, die nur ansatzweise mit einer ähnlich starken Begabung gesegnet sind, könnten seinem Beispiel folgen. Außerhalb klassischer Muster denken und handeln. Die vermeintliche Stabilität taktischer Systeme auf unorthodoxe Weise sprengen.

Ronaldinhos Instinkt erlaubte und ermöglichte ihm, frühzeitig zu erkennen, was der Gegner im Schilde führte, wie er sich bewegen würde, wo Freiräume entstehen konnten. Seine plötzlichen Richtungswechsel bei Ballannahmen, die explosiven Haken im Kontrast zum Plumpen des Verteidigers kreierten eben jenes unkalkulierbare Element, das Statik und Stillstand aufbrechen konnte. Der FC Barcelona in seiner Hochphase unter Frank Rijkaard war bereits ein taktisches Monstrum und trotzdem brauchte es das Besondere des Ronaldinhos.

Wir werden nie erfahren, was Pep Guardiola mit Ronaldinho angestellt hätte. Es ist eine dieser vielen konjunktivistischen Fragen, die eine Retrospektive seiner Karriere begleitet, die uns manchmal staunend und gleichfalls zweifelnd zurücklässt.

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„Und wer war nun dieser Ronaldinho.“ – „Ich weiß es nicht, ich wüsste es gern.“

Gh 22. Dezember 2017 um 15:25

mM hat ronaldinho eine sehr zielorientierte spielweise gehabt, auf schnellen raumgewinn, vorstoßen in gefährliche offene räume, auf abschluss oder assist fokussiert, zudem kamen ganz klare spielmacherische elemente von der linken seite, besser gesagt war er der spielmacher bei barca, aber eben aus einer etwas ungewöhnlichen position heraus. das barca system von rijkard war im vergleich zu pep weniger zirkulationslastig, bzw die zirkulationen weiträumiger (größere abstände zwischen den spielern) und vertikaler (deshalb auch weitaus risikoreicher und ballverlustlastiger), hierfür waren ronnie (und zB etoo) die perfekten spieler.
dass er bei unterzahlangriffen oft die hochrisiko-aktion bevorzugte als den klatschpass oä steht ausser frage, das war damals aber auch wesentlich üblicher im prä-umschalt-fußball.
auch war ronnie nie en faules genie auf dem platz. wenn das tiefe spielmachen über xavi und deco hakte, ließ er sich auch in diese räume fallen, er beteiligte sich (wieder: wie damals üblich) zwar nur punktuell am pressing, dies dann aber qualitativ sehr hochwertig.
er war äußerst robust, ganz schwer aus dem gleichgewicht zu bringen (er hatte KEINEN schmächtigen oberkörper)
seine tricks hat er sogut wie nie „halt so“ abgerufen, sie waren in der betreffenden situation meistens die beste alternative.

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ST 22. Dezember 2017 um 15:01

Ach Ronaldinho, deine Ära war so kurz! Deutschland hat sich auf dich gefreut, damals, als das Sommermärchen noch unschuldig war. Dein Konterfei war auf Titelseiten, immer du und der Ball. Leider war dieses Tunier für dich der Anfang vom Ende, ein Untergang im Kärrnerdienst für die alten Egoismen einer bereits im Niedergang befindlichen brasilianischen Mannschaft.
Dennoch… dein Zauber wird immer bleiben…

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Camp Mou 21. Dezember 2017 um 22:27

Ein schönes Porträt für einen besonderen Spielerm wenn auch ungewöhnlich unanalytisch für diese Seite.

Wie sieht eigentlich seine GI-Kurve aus? Wie „effektiv“ war R10?

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HK 21. Dezember 2017 um 22:39

Ja, eher lyrisch als analytisch. Und das meine ich positiv.

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CE 22. Dezember 2017 um 11:56

null
http://www.goalimpact.com

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Camp Mou 25. Dezember 2017 um 19:22

Danke.
Interessant, demnach war 2006 sein stärkstes Jahr und sein Niedergang unerwartet schnell.

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Gh 26. Dezember 2017 um 12:28

hat sich nach der mailand misere andere ziele gesetzt (in brasilien –> copa de libertadores) und diese erreicht. goal impact nutzt auch nur was, wenn mans mit der biographie übereinanderlegt.
im artikel wird auch von einer „reihe an kleineren titeln“ gesprochen, dahinter verbergen sich aber ein paar große titel (copa america, copa de libertadores, la liga, scudetto). ich bin ehrlich gesagt etwas enttäuscht vom artikel, da er letzlich die übliche klischeehafte sicht auf ronaldinho wiederholt.
mal zur einordnung: ronaldinho hat mehr titel als maradona gewonnen (und genauso wichtige)

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Tobit_Wilson 21. Dezember 2017 um 20:34

Danke, endlich eine sehr treffende Analyse meines größten Kindheitst und Jugendidols. R10 der letze „Sokrates“. Ich sehe seine genialen No Look Passes, die Ballannahmen, die Schnelligkeit, seine Eleganz, und zwei Hände über seinen Kopf erhoben zu seiner eigentümlichen Jubelgeste, quasi vor meinen Augen!!!

https://m.youtube.com/watch?v=Cnj64DsO8T8

https://m.youtube.com/watch?v=-JUyHL3v1QQ

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TK 21. Dezember 2017 um 18:07

Schönes Portrait, aber weshalb ist er ein Spielertyp der Zukunft? Ist er nicht viel eher das Gegenteil? So in Richtung disziplinloses Genie.

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CE 21. Dezember 2017 um 18:08

Individualtaktischen Wahnsinn sollte es immer geben.

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Trequartista 21. Dezember 2017 um 18:06

Immer dieser Pep…, selbst bei einem Artikel über Ronaldinho muss dieser irgendwie untergebracht werden, diese Taktik Nerds können es einfach nicht lassen…

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CE 21. Dezember 2017 um 18:09

Wenn wir nicht wenigstens einmal am Tag das „Pep unser“ sprechen, kommen wir in die Hölle. Dort läuft englischer 90er-Jahre-Fußball in Dauerschleife. Versteht sich von selbst.

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Bernhard Marchwicki 21. Dezember 2017 um 17:15

Danke! Habe mir schon immer ein Porträt über ihn gewunschen.

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OceanBeach 21. Dezember 2017 um 16:19

Interessant. Für mich verkörpern Spieler wie Ronaldinho (und viele andere insb. Brasilianer) etwas, was ich im Fußball nicht mag: Das gewisse zirkushafte, Dinge die man tut, nicht weil sie effektiv oder taktisch wertvoll sind, sondern dazu da sind, die Zuschauer zu unterhalten. Ich kann absolut verstehen, warum Ronaldinho so beliebt ist und weshalb so häufig gesagt wird, dass „dafür die Leute ins Stadion gehen“ und er es so gut wie kaum ein anderer geschafft hat, diese beiden Pole miteinander in Einklang zu bringen, dennoch mag ich, ohne Ronaldinho die Klasse absprechen zu wollen, die „brasilianische“ Art, Fußball zu spielen (also aus dem Fußball Unterhaltung und Zirkus zu machen) nicht so. Dagegen war ich schon immer ein Bewunderer der argentinischen Art des Fußballs, schnörkellos, effektiv, jede Aktion mit dem daraus resultierenden taktischen Vorteil im Hinterkopf, aber dennoch unheimlich elegant. In diesem Türchen hätte ich lieber ein Boca Juniors Emblem mit Riquelme dahinter gesehen, aber sei’s drum 😉

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tobit 21. Dezember 2017 um 16:56

Riquelme gab es glaube ich irgendwann schonmal.
Stimme dir inhaltlich an vielen Stellen zu. Diese gewisse Geradlinigkeit (fast schon Schlichtheit) und Geschmeidigkeit hat ihre ganz eigene Schönheit – bei einigen wenigen auch Eleganz. Messi finde ich z.B. nicht gerade elegant, der ist dafür zu sehr „Maschine“ (und zu überlegen um ihn da wirklich würdigen zu können).

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Pelle Lundkvist 22. Dezember 2017 um 18:29

Riquelme wurde von TR in einer Blick ueber den Tellerrandausgabe (kurz) besprochen: https://spielverlagerung.de/2015/11/10/blick-ueber-den-tellerrand-folge-30/

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HK 21. Dezember 2017 um 22:37

Man kann beides lieben. Sage ich als großer Riquelme und Ronaldinho-Bewunderer.

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P_N_M__123 21. Dezember 2017 um 15:25

Irgendein Autor von euch hat mal gesagt: „Ronaldinho ist das, wofür die Leute Zidane fälschlicherweise halten.“

Das trifft es gar nicht schlecht.

Er wird auf jeden Fall immer einer meiner absoluten Lieblingsspieler bleiben.

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