Der wahre Jahrhundertkampf

3:0

Der FC Barcelona gewinnt gegen die Münchner Bayern mit 3:0. Ein wechselhaftes Spiel entschieden die Katalanen durch individuelle Qualität, Fehler und letztlich auch schlichtweg die bessere Leistung für sich.

Guardiolas riskante Anfangsausrichtung

Die Bayern begannen in einer überraschenden Ausrichtung. Rafinha startete – wie gegen den BVB – als linker Halbverteidiger, Benatia besetzte die gleiche Position auf der halbrechten Position und Boateng übernahm die Rolle zwischen ihnen. Interessant war allerdings, dass es in gewisser Weise bei eigenem Ballbesitz keinen zweiten Flügelverteidiger gab.

Anfangsausrichtung

Anfangsausrichtung

Nominell war es Thiago Alcantara, der diese Rolle zumindest auf dem Papier ausüben sollte. Doch wenn die Münchner den Ball hatten, rückte Thiago von der Außenbahn meist weit in Richtung Mitte, besetzte primär den rechten Halbraum und versuchte die zentralen Zonen zu überladen. Bernat wiederum blieb auf links und gab Breite, während Müller in vorderster Linie nach rechts pendelte und auf dieser Seite Breite gab.

Die Bayern bauten darum in der Anfangsphase verstärkt über links auf, ließen die Halbverteidiger situativ nach vorne stoßen und Alonso fiel immer wieder zwischen Boateng und Rafinha zurück. Schweinsteiger und Lahm besetzten mit dem einrückenden Thiago das Mittelfeld, wobei Schweinsteiger eine höhere Rolle innehatte. Durch die grundsätzlich linksfokussierte Ausrichtung konnte man zwar bisweilen den Ball tief laufen lassen, hatte aber Probleme bei der Besetzung der höchsten Räume und wurde auch auf der Seite isoliert. Verlagerungen auf Thiago? Fehlanzeige. Barcelona kam dadurch auf überraschend viele Balleroberungen, ob im Pressing oder nach langen Bällen.

Das wirkliche Problem hatten die Bayern jedoch gegen den Ball. Hier kehrte Thiago auf seine Position auf dem rechten Flügel zurück und sie kreierten ein 3-4-1-2, in welchem Thiago und Bernat eben die Flügelverteidigerpositionen besetzten. Allerdings hatten sie unterschiedliche Orientierungen; Thiago ließ sich eigentlich nie neben die Abwehrkette zurückfallen, sondern blieb in einer Linie mit den anderen Mittelfeldspielern. Bernat hingegen orientierte sich an den Bewegungen der Verteidiger hinter sich und fiel situativ zurück, um eine Viererkette herzustellen. Auch Alonso im Zentrum kippte immer wieder nach hinten ab, um die Bewegungen der Verteidiger auszugleichen und mehr Breitenstaffelung zu erzeugen.

Insgesamt funktionierte das passabel, wenn auch nicht perfekt. Am instabilsten waren die Münchner jedoch in den vielen Umformungsbewegungen, die daraus entstanden, und im hohen Pressing. Dort spielten sie ein klares 3-4-1-2 mit nur drei Spielern in der letzten Linie und vielen Mannorientierungen bzw. fast schon Manndeckungen, wenn die Katalanen aufbauen wollten.

Man könnte es mit Bielsas Pressing vergleichen – abgesehen davon, dass sogar Bielsa nicht verrückt genug ist komplett auf einen freien, absichernden Spieler zu verzichten. Bayern hatte die drei Verteidiger gegen Barcelonas drei Stürmer, sie hatten die Flügelverteidiger gegen Barcelonas Außenverteidiger, die beiden Sechser (Alonso und Lahm) manndeckten die gegnerischen Achter und Schweinsteiger kümmerte sich um Busquets.

An sich ist das keine schlechte Idee, aber Barcelonas Stürmer sind nicht nur zu schnell und dribbelstark, sondern auch zu intelligent. Sie machten die Abwehrreihe Bayerns extrem breit, Barcelonas Mittelfeldspieler zogen Lahm und Alonso nach vorne, während Ter Stegen zeigte, wieso ein mitspielender Torhüter Gold wert sein kann. Ein langer Ball in Bayerns Schweizer-Käse-Formation genügte, um Suarez ein 1-gegen-1 gegen Manuel Neuer verschießen zu lassen.

Daraufhin stellte Guardiola die Formation pünktlich nach 15 Minuten komplett um.

Zentrumskompaktheit, Stabilitätsfokus und flexible Reaktion auf Messi

Nach dieser Viertelstunde voller Spaß, Schock und Horror wechselte Rafinha auf die Position des rechten Außenverteidigers und die Bayern liefen fortan mit einer Viererkette auf. Messi wurde nun mit situativen Mannorientierungen aus dem Spiel genommen beziehungsweise es wurde auf diese Art und Weise versucht. Mal war es Boateng, der Messi verfolgte, mal war es Bernat oder auch einer der zentralen Mittelfeldspieler. Zwar konnte Messi oft nur mit Foul vom Ball getrennt werden und erhielt weiterhin viele Bälle, sein genereller Einfluss auf das Spiel konnte aber etwas eingedämmt werden.

Formationen nach der Umstellung

Formationen nach der Umstellung

Messi selbst reagierte allerdings ebenfalls darauf. War er zu Spielbeginn eigentlich nur auf rechts zu finden, so zog er nach der bayrischen Umstellung direkt in die Mitte, verblieb dort einige Minuten und pendelte dann immer wieder zwischen der rechten Außenposition und seiner Mittelstürmerposition. Bayern hatte letztlich mit dieser Ausrichtung einen freien Spieler in der Abwehr und einen freien Mann im Mittelfeld, ließ jedoch die katalanischen Außenverteidiger offen.

Dadurch konnte Barcelona schnell nach vorne aufrücken. In der Ballzirkulation waren die Außenverteidiger anspielbar, schoben das Spiel nach vorne und bespielten im Kurzpassspiel intelligent die Lücken. Barcelona forcierte auch bewusst die rechte Seite, wo sich Rakitic in seiner üblichen ausweichenden und im Wechsel vorstoßenden Rolle gut bewegte, Messi wie üblich die fleischgewordene Pressingresistenz darstellte und Alves sich vereinzelt sehr gut einrückend positionierte und den Ball gut behauptete.

Dazu folgten gute Verlagerungen auf den offenen, breit stehenden Iniesta und Bayern musste zwischen einem hohen, aggressiven Pressing sowie einer tieferen Stellung wechseln. Ähnlich erging es aber auch Barcelona. Bayern hatte durch die enorme Präsenz in der Mitte und lange Bälle nach vorne sowie überraschend gutes One-Touch-Spiel in die Vertikale – u.a. von Xabi Alonso – ebenfalls die Möglichkeit das Mittelfeld weiträumig zu überspielen. Desweiteren war Barcelonas Kompaktheit nicht optimal, obgleich sie natürlich Busquets haben. Kompaktheit ist somit relativer zu sehen als bei anderen Mannschaften.

In weiterer Folge entwickelte sich ein extrem intensives, ansehnliches und schlicht beeindruckendes Fußballspiel, nur von kleineren Fouls und Fehlpässen unterbrochen.

Zweite Halbzeit: Mehr Präsenz und Zirkulation für Bayern

Nach dem Seitenwechsel waren die Münchner kurzzeitig stärker. Müller ließ sich auf rechts öfter tiefer zurückfallen, Schweinsteiger und Thiago spielten etwas linksorientierter, desweiteren gab es viele 4-1-3-1-1artige Staffelungen mit Müller eben auf rechts etwas tiefer geschoben. Bayern baute auch stärker mit kurzen Pässen und Verlagerungen auf, wodurch sie besser hinter die Angriffslinie Barcelonas kamen.

In jener Phase wirkte es auch so, als ob Bayern konstant Druck entfalten und durch Ballbesitz verteidigen könnte. Doch sie hatten weiterhin Probleme, weil sie im Angriffsspiel nicht ordentlich die Verbindungen im letzten Drittel herstellten. Vielfach griffen sie ohne Breite an, konnten zwischen den Halbräumen den Ball nicht verlagern und hatten in diesen durch die mangelnde oder oft nur einseitige Breite Probleme in der Ballbehauptung. Die breiten Stürmer sollten das kompensieren, hatten aber eher wenig Effekt und auch die einzelnen eingestreuten Diagonalbälle gingen nicht auf.

Besonders problematisch war jedoch das Nachstoßen der tieferen Spieler. Bayern konnte sich wegen der in der zweiten Hälfte etwas auffälligeren Kompaktheits- und Umschaltprobleme Barcelonas nach vorne kombinieren, geriet dann aber fast durchgehend und in jeder Zone in undynamische Situationen, vielfach in Unterzahl. Spätestens im letzten Drittel war im Normalfall Schluss.

Guardiola stellte in der Schlussphase zwar noch um, brachte Götze für Müller (Anmerkung: Niemals Müller auswechseln), schob Lahm breiter und sorgte für einen deutlich offensiveren Fokus, aber hier bzw. die Minute darauf war das Spiel schon de facto vorbei. Man lag durch einen Doppelschlag 2:0 hinten und Guardiola musste einfach das Auswärtstor suchen, weil mit einem 2:1 das kleine Wunder noch gelingen kann, das große Wunder mit 2:0 aber schlichtweg unmöglich ist. Es wurde letztlich ein 3:0.

Barcelona war insofern für ein solches Duell die besser gewappnete Mannschaft, weil sie mehr offensive Durchschlagskraft erzeugen kann. Defensiv waren sie nicht perfekt, aber stabil genug. Ihre situativ erzeugten 4-1-4-1, 4-1-3-2, 4-3-3, 4-4-2 und 4-4-1-1-Formationen mit nur sporadisch aktivem Messi waren nicht immer perfekt, aber ausreichend, in guten Phasen sogar herausragend. Früher oder später würde eine ihrer Offensivmechanismen funktionieren. Und genau das geschah nach einer ungünstigen Situation auf dem linken Flügel für Bernat, als dann Barcelona zum entscheidenden 1:0 kam.

Lionel Messi

Deus ex machina.

Fazit

28:3 Dribblings illustrieren den Unterschied zwischen den beiden Mannschaften. Bayern fehlte es an den nötigen Spielern, die unter Druck Angriffe kreieren oder fortführen können, dazu war die Raumbesetzung in der Offensive schwach und undynamisch. Barcelona hatte zwar kleinere Probleme – Bayern konnte phasenweise Chancen wirklich gut verhindern – und war potenziell anfällig, letztlich waren sie aber eigentlich durchgehend gut bis sehr gut, was letztlich in einem 3:0 mündete. Dieses Ergebnis war womöglich für die Phase nach der Münchner Umstellung etwas zu hoch, aber trotzdem verdient. Barcelona war an diesem Abend die bessere Mannschaft gegen interessante Bayern, denen es aber an einzelnen Punkten gegen dieses Starensemble – mit Busquets und Messi in den Hauptrollen – fehlte.

Peter Vincent 17. Juli 2015 um 13:48

Wie plant Pep? Ich sehe Vidal als Außenverteidiger und damit als idealen Gegenpart zu Alaba in der Dreierkette. Für die Rolle des rechten Schienenspielers ist der Chilene m.E. zu schwach im Dribbling und im ZM ist er für meinen Geschmack zu wild/Rennpferd („unechter ZM“).
Wenn man es auf die Spitze treiben möchte, könnte noch ein Upgrade zu Bernat kommen,
d. h. ein schneller, relativ dribbelstarker Außenspieler.

—————–Lewy—————————Robben—————- // Müller, MS
———————————Götze———————————— // Ribery
(Bernat)———Thiago—————Lahm—————–Costa // LSL, PEH, Kimmich, Rafa
———-Alaba————–Boateng—————–Vidal———- // Badstuber, Javi, (Alonso) Mehdi
——————————–Neuer———————————— // Ulreich, Starke

=> Einen LSL (Di Maria?) und einen MS-Backup (Coman?) könnte ich mir noch vorstellen.
Rode, Dante könnten noch gehen.

Antworten

SuperMario33 13. Mai 2015 um 10:20

Das Sequel des Jahrhundertkampfes hatte dann eher was von Harlem Globetrotters gegen Washington Generals. Nur Müller schien von allem nichts zu wissen und musste deswegen vom Platz.

Antworten

FAB 13. Mai 2015 um 11:12

… und lei