Kurz ausgeführt: Überladende Nationalteams

Das Überladen einer Seite oder eines bestimmten Halbraumes erfreut sich auch bei den Nationalmannschaften immer größerer Beliebtheit.

Angesichts der sich bietenden Vorteile ist diese Entwicklung allerdings auch nicht ungewöhnlich. Dabei ist das Überladen eher ein grundsätzlicher Aspekt der Spielanlage einer Mannschaft und stellt in diesem Zusammenhang einen generellen Ausbruch aus einer sehr schemenhaften und fest formierten Raumanordnung sowie eine Positionsverschiebung dar – in diesem Sinne also ein allgemeiner Schritt in eine Richtung, in die sich der aktuelle, immer mehr auf nahe Verbindungen und kombinative Elemente aufbauende Fußball entwickelt.

Ein hervorragendes Beispiel für die konkrete Effektivität und die Vorzüge des Überladens ist der letztjährige Saisonstart der Bayern, die bis zum Herbst einen hervorragenden Lauf mit 30:2 Toren in 10 Bundesligaspielen hatten: Die Münchener funktionierten die Asymmetrie ihrer 4-2-3-1-Grundformation zu einer starken Waffe um – mit dem herausragenden Ribéry, dem unterstützenden inversen Außenverteidiger Lahm und den auf die Seite abdriftenden Mittelfeldspielern Schweinsteiger und Kroos stellte man eine Überzahl auf der halblinken Seite her. Dieses Viereck wandelte immer wieder seine Gestalt, zog so Gegenspieler auf sich und konnte durch die angesprochene Überzahl den Ball dennoch effektiv zirkulieren lassen. Stets waren genügend verschiedene und fluid wechselnde (Anspiel-)Optionen vorhanden, über welche die ballsicheren Akteure auch in den engen Räumen hervorragende Kombinationen starten konnten – weil das Gegenpressing in der Enge gut funktionierte, war man auch defensiv abgesichert.

Allerdings ist das Überladen bei weitem nicht das einfache Allheilmittel, nach dem es vielleicht klingt: Es benötigt Eingespieltheit und Abstimmung zwischen den Spielern, Akteure mit ausreichenden technischen und spielerischen Fähigkeiten sowie Spielintelligenz, die richtige Balance beim Ausspielen der Situationen und eine passende Anbindung der Überladungen an den Rest des Teams, also eine Einbettung ins Mannschaftskollektiv.

Das Überladen bei Spanien – Frankreich

Mittlerweile wagen sich aber auch immer mehr Nationalmannschaften daran, ihr Angriffsspiel in einer kontinuierlichen Entwicklung auf dieses erhöhte Niveau zu heben oder zumindest das Überladen für die Effektivität von Umschaltmomenten oder das einfache Durchbrechen von Flügelangriffen mit Flanken zu verwenden. Ein Paradebeispiel dafür war das gestrige Topspiel zwischen Spanien und Frankreich.

Die Grundformationen bei Spanien-Frankreich in der ersten Halbzeit. Zur zweiten Halbzeit kam bei Frankreich Valbuena statt Gonalons und ging ins offensive Mittelfeld.

Der Welt- und Europameister, mit Xabi Alonso, Xavi und Iniesta im Dreier-Mittelfeld sowie Busquets in der Innenverteidigung, dominierte das Zentrum, wollte aber auch die von den sehr eng verteidigenden Franzosen geöffneten Außenbahnen nicht ungenutzt lassen. Wie schon bei der Euro griffen sie vor allem über links an und fuhren letztlich mehr als 50 % ihrer Offensivaktionen über diese Flanke. Dabei wurden Santi Cazorla und der sehr offensive Jordi Alba immer wieder von Pedro unterstützt, der von rechts mit auf die Seite schob, was derzeit die wohl am meisten verbreitete Art des Überladens ist – eine Kombination dieser drei Spieler provozierte den Elfmeter, den Fábregas verschoss, sowie eine weitere schön erspielte Doppelchance in der ersten Halbzeit.

Auf der anderen Seite konzentrierten sich auch die Franzosen stark darauf, die linke Seite zu überladen. Zunächst einmal passierte dies vor allem in Umschaltmomenten, als Ribéry und der nach links abkippende Benzema die Räume hinter dem aufrückenden Juanfran attackieren sollten, was allerdings aufgrund des starken spanischen Gegenpressings sowie den französischen Schwächen im Hinblick auf die Verbindungen zwischen Mittelfeld und Sturm sowie auf das Nachrücken nicht funktionierte. Erst im Verlauf der zweiten Halbzeit, mit dem Zunehmen von längeren Ballbesitzphasen und der Einwechslung Valbuenas änderte sich dies: Der wendige Offensivspieler verband die Franzosen besser miteinander und spielte genau jene Interpretation der Zehnerposition, die er auch in Marseille – das ist die Außenbahn- und Flankenmannschaft der Ligue 1 – ausfüllt: Rochaden auf die Seiten, um dort zu überladen. Besonders auf links mit Ribéry und Evra gelang dies gut, wobei Alonsos Probleme, alleine die Halbräume zu decken, und Fábregas schwache Defensivarbeit auf der rechten Seite (nach der Einwechslung Torres´) ihnen auch in die Karten spielte. Dass Frankreich häufig nur Flanken oder Hereingaben und noch keine diagonal nach innen gezogenen Kombinationen produzierte, reichte dank Ribéry und dem effektiven Giroud in der Nachspielzeit dennoch für den Punktgewinn.

Die Grundformationen in der ersten Halbzeit bei Polen-England

Das Überladen bei Polen – England

Ähnlich wie der Außenseiter im Estadio Vicente Calderon versuchten auch die Polen beim zweiten Versuch des „Regenspiels“ gegen England die Außenseiten zu überladen. Dabei nahm der ebenfalls in Frankreich spielende Obraniak eine ähnliche Rolle wie Valbuena ein und kombinierte mit dem jeweiligen Außenspieler sowie dem nachrückenden Außenverteidiger – viel häufiger natürlich auf rechts. Allerdings fehlte auch hier die Durchschlagskraft der Ansätze, weil die Polen ebenso zögerlich aufrückten und meist nur Lewandowski sowie der nicht beteiligte Außenspieler diagonale Anspielstationen für die überladende Gruppe waren. Durch die etwas diagonaleren Läufe Obraniaks und die bessere Eingespieltheit der Polen, die auch schon bei der EM zumindest auf der „Dortmunder Seite“ oft mit Obraniak überladen hatten, waren ihre Flankenpositionen aber oftmals hochwertiger als jene der Franzosen – oft tornäher und mit mehr erspieltem Freiraum.

Interessant war, dass die Engländer in ihrer Ausrichtung durchaus Parallelen zu den Spaniern gegen Frankreich aufwiesen: Auch sie brachten viele Spieler ins Mittelfeldzentrum und wollten ausgehend von ihrer Balldominanz gelegentlich mit Hilfe der offensiven Außenverteidiger die Halbräume überladen. Mit den nominellen Außen Milner und Cleverley hatte das Team von Roy Hodgson keinen wirklichen Flügelspieler, so dass der einer der beiden gelegentlich mit in den gegenüberliegenden Halbraum verschob.

Zu Beginn hatten die Engländer noch Probleme gehabt, weil die Polen das Abkippen von Gerrard und Carrick hinter die englischen Außenverteidiger mutig verteidigten, indem ihre Stürmer das Herauskippen verfolgten. Im Laufe der Zeit versuchte England dann, beide polnischen Stürmer auf eine Seite zu locken, meist nach links, um den anderen Halbraum entweder für Milner oder Cleverley (häufiger war es der abkippende Milner auf halbrechts) zu öffnen, den die Polen durch einen herausrückenden Sechser verteidigen mussten. Aufgrund des fehlenden Aufrückens der englischen Innenverteidiger und den geringeren konstruktiven Beiträgen Jagielkas fehlte England im weiteren Verlauf aber vorne die Präsenz, um mit den ohnehin wenig erfolgreichen Pässen aus dem Halbraum etwas anzufangen (vielmehr sorgten ihr längeren Bälle für Ballverluste, die zu vielen Kontern gegen die offene und verschobene Formation führten, welche von den ebenfalls über den Platz gezogenen und im Umschalten wenig geordneten Polen aber nicht genutzt werden konnten). Erst mit dem vermehrten Verschieben des ballfernen Außenspielers (meist Cleverley von links kommend) Richtung des ballbesitzenden Spielers im Halbraum oder auf der Seite (Milner) wurde es besser und führte zu Englands stärkster Phase. Ebenso wie später die Polen beim Ausgleich gelang ihnen der Erfolg des Überladens allerdings auch nur, indem sie eine Ecke herausholten und so für den Treffer sorgten.

Das Überladen in weiteren WM-Quali-Spielen

Bei ihrem 3:1-Sieg gegen die Dänen zeigten auch die Italiener aus ihrer Rautenformation heraus solche Ansätze des Überladens der linken Flanke. Während Balzaretti links die Breite hielt, kombinierten sich Marchisio, der nach außen driftende Balotelli sowie der letztliche Torschütze und mit Linksdrang spielende Zehner Montolivo durch den linken Halbraum und bis unmittelbar vor den Strafraum.

Durch die flexiblen van der Vaart und van Persie konnten die Niederländer beim 4:1 in Rumänien situativ in verschiedenen Räumen Überzahl herstellen, wenngleich das Überladen nicht so deutlich war wie beispielsweise gegen Belgien und die Türkei, als die diesmal verletzten Sneijder und Robben auf links kombiniert hatten.

Nicht nur in Europa, sondern auch in Südamerika finden sich Beispiele für das Überladen: Im letzten Drittel fokussierten sich die Argentinier stark auf die linke Seite und konnten gegen den Copa-América-Sieger Uruguay 3:0 gewinnen. Mehr dazu gibt es hier.

Und schließlich zeigte auch die deutsche Mannschaft gegen Schweden schönes Überladen vieler kombinierender und beweglicher Zwischenraumspieler – im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen dieses Artikels war das Spiel der Deutschen durch die Ergänzungen und das Verständnis der besonders spielstarken Offensivakteure allerdings erstens noch einmal deutlich fluider und zweitens weitflächiger, da durch immer andere Bereiche kombiniert wurde.

Kurzfazit

Halten wir fest: Überladungen können sehr nützlich sein, werden immer populärer, können in verschiedenen Bereichen, auf verschiedene Weisen und in verschiedenen Ausführungen (funktional, pragmatisch, direkt und nach festem Schema; aber auch fließend, variabel, elaboriert und in wandelbarer Kollektivbewegung) vorgetragen werden, sind aber nicht einfach so ohne weiteres zu spielen – all das zeigte auch dieser WM-Qualifikationsspieltag auf.

Lino 19. Oktober 2012 um 10:39

Den interessantesten Aspekt zum Thema Überladen habe ich bei den Franzosen entdeckt: Die haben mit der Einwechslung Valbuenas die rechte spanische Abwehrseite in der Kontersituation überladen – und zwar immer nach einem ähnlichen Schema, bei dem sich Ribery (links breit) und Valbuena (halblinks) schon ohne Ballbesitz links positionierten: 1. französischer Ballgewinn auf der rechten französischen Abwehrseite 2. diagonaler Ball nach links mit sofortiger 2 vs. 1 Situation zu Ungunsten des spanischen Rechtsverteidigers –> Folge: einfaches Verschieben der spanischen 4er-Kette funktioniert nicht, da der Außenverteidiger entweder auf ein Kreuzen zu Mitte hin reagieren muss, was zwangsläufig Raum auf Außen schaffte oder den Platz auf Außen deckt und somit einen einfach Ball in die Mitte zulässt. In jedem Fall war es den Spaniern nicht möglich, sofort zu pressen und die Franzosen hatten ohne großen Aufwand schnell großen und gefährlichen Raumgewinn.

PS: hat jetzt irgendjemand verstanden, was ich sagen will 😉 ???

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PAD 18. Oktober 2012 um 00:03

„Das Überladen einer Seite oder eines bestimmten Halbraumes erfreut sich auch bei den Nationalmannschaften immer größerer Beliebtheit.

Angesichts der sich bietenden Vorteile ist diese Entwicklung allerdings auch nicht ungewöhnlich. Dabei ist das Überladen eher ein grundsätzlicher Aspekt der Spielanlage einer Mannschaft und stellt in diesem Zusammenhang einen generellen Ausbruch aus einer sehr schemenhaften und fest formierten Raumanordnung sowie eine Positionsverschiebung dar – in diesem Sinne also ein allgemeiner Schritt in eine Richtung, in die sich der aktuelle, immer mehr auf nahe Verbindungen und kombinative Elemente aufbauende Fußball entwickelt.“

Auch wenn der Kommentar vom Körperklaus vielleicht etwas drastisch ist, finde ich ebenfalls, dass der Artikel weniger auf das Überladen selbst eingeht, sondern darauf, dass dieses Phänomen halt in ein paar Mannschaften vorkommt. Vielleicht hätte man da einfach mal zwei exemplarische Teams rauspicken, und anhand derer die Überladungen etwas gesonderter auf verschiedene Aspekte untersuchen und diskutieren können.

Gerade im Bezug auf die Nationalmannschaften kann man dann auch mal Bezug zu Blockbildungen nehmen, die ja gerade bei Überladungen ne wichtige Rolle spielen, siehe Piszczek, Kuba, Lewandowski bei Polen, oder der Barca-Block bei Spanien.
Bei Blockbildung ist ja auch das russische Team mit ihrem Mittelfeld interessant, aber das geht wohl an den Überladungen vorbei. Was ich aber mal interessant fände, wäre Natios mit Vereinsmannschaften auf taktischer Basis zu analysieren und zu vergleichen 🙂

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Körperklaus 17. Oktober 2012 um 23:04

was eine analyse!

„Überladungen können sehr nützlich sein, werden immer populärer, können in verschiedenen Bereichen, auf verschiedene Weisen und in verschiedenen Ausführungen (funktional, pragmatisch, direkt und nach festem Schema; aber auch fließend, variabel, elaboriert und in wandelbarer Kollektivbewegung) vorgetragen werden, sind aber nicht einfach so ohne weiteres zu spielen“

wow! inhatlicheer mehrwert tendiert gen 0…

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Phil 17. Oktober 2012 um 22:32

Danke, danke, danke!

Ich hatte schon vor einiger Zeit unter einem anderen Artikel gefragt, ob sich mal jemand mit dem Thema „Überladen“ und die daraus resultierende Taktiken beschäftigen könnte. Sehr schön erklärt, da hab ich einiges worüber ich nochmal in Ruhe nachdenken muss!

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