Absetzen im Aufstiegsrennen

Dank der engen Konstellation an der Spitze der zweiten Liga gibt es dort in der Endphase der Saison eine Menge Spitzenspiele. So hätte nach dem Montagsspiel zwischen Stuttgart und Union Berlin das Führungsquartett punktgleich sein können. Dafür, dass es dazu nicht kam und sich Stuttgart absetzen konnte, sorgte ein dominanter Sieg des VfB, der das Zentrum dominierte und über die Außen offensiv effektiv war.

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Die Aufstellungen zu Beginn

Grundausrichtung

Union spielte wie gewohnt in seinem pressingfokussiertem 433, von dem es in den letzten Monaten nur bei einem gescheiterten 442-Versuch in Düsseldorf abrückte.

Hannes Wolf änderte dagegen die Besetzung der offensuven Mittelfeldreihe im 4231. Alexandru Maxim, zuletzt auf Links in die Mannschaft zurückgekehrt, rückte ins Zentrum, um einen zusätzlichen „Dynamikspieler“ (Wolf) in die Mannschaft zu bringen: Josip Brekalo, der auf Rechtsaußen spielte. Maxim fungierte so als pass- und dribbelstarkes Verbindungsglied zwischen den Außen und dem zentralem Mittelfeld, in das Christian Gentner zurückgezogen wurde.

Stuttgart dominiert das Zentrum und fokussiert die Außen

Aus dieser Grundformation spielte der VfB eher passiv gegen den Ball, kam aber trotzdem immer wieder zu Ballgewinnen. Dazu trugen vor allem die fehlenden Verbindungen in Unions Aufbauspiel bei, in dem sich die Mannschaft von Jens Keller unnötig weit streckte und so die Kompaktheit, die für Ballbesitzspiel notwendig gewesen wäre, verlor.

Das Spielfeld war heute wahnsinnig groß, dadurch hatte der VfB im Mittelfeld Überzahl, auch die Räume für uns waren sehr, sehr weit. Das hätten wir besser machen müssen.
Stephan Fürstner

Im Einzelnen kam das durch die zurückfallenden Bewegungen von Achter Felix Kroos und das oft zu frühe Aufrücken von Zehner Damir Kreilach zu Stande. Kroos Ausweichen neben die Innenverteidiger war unnötig, weil diese (bis zur Einwechslung von Ginczek nach einer Stunde) selten akut unter Druck standen. Statt, wie von Stuttgart-Blogger Jonas (vfbtaktisch) als Mittel vorgeschlagen, schnell in und durch das Zentrum zu spielen, verschleppte Union damit das Tempo (vor allem, wenn Kroos auf die ballferne Seite fiel) – und nahm sich außerdem eine der ohnehin raren Anspielstationen im Zentrum.

So hatte Stuttgart dort einfache, teils gar doppelte Überzahl. So war es für Ofori und Gentner nicht nur leicht, Bälle zu erobern, sondern auch, sie zu verteilen – mit Vorliebe auf die Außen, wo der VfB sowohl im Eins-gegen-Eins als auch in Laufduellen in die Schnittstellen deutliche Vorteile hatte.

Phasen mit mehr Ballbesitz hatte Union nur jeweils in der Mitte beider Halbzeiten, als es Polter besser gelang, lange Bälle festzumachen und die Sechser und Außenverteidiger konsequenter nachschoben.

Insua als radikales Element

Verschärft wurden Unions Probleme im Zentrum noch durch das mitunter extrem aggressive Aufrücken des VfB Linksverteidigers Insua. Er bot nicht nur im offensiven (sic!) Halbraum eine zusätzliche Anspielstation, sondern eroberte auch kurz vor dem Berliner Strafraum im Gegenpressing Bälle. Die Überladungen der linken Seite wurden komplettiert durch Maxim oder vereinzelt auch einen auf den Flügel ausweichenden Terodde.

Damit – und mit der laufintensiven und weiträumigen Arbeit nach hinten von Asano sowie dessen offensiver Präsenz – wurde auch Unions rechte Seite offensiv weitgehend aus dem Spiel genommen, nachdem sie zuletzt gegen Kaiserslautern noch sehr prominent war. Die Gefahr, die Außenverteidiger Trimmel und -stürmer Skrzybski ausstrahlen können, zeigte sich so nur in wenigen Szenen, darunter allerdings das 2-1 durch Sebastian Polter nach einer – dank passender individueller Qualitäten ordentlich eingebundenen – Halbfeldflanke von Trimmel. Diese Szene blieb aber eine Ausnahme, woran sich auch nichts änderte, als Skrzybski und Redondo zwischenzeitlich die Seiten tauschten.

Union gegen den Ball

Obwohl es (auf mich) während des Spiels nicht diesen Eindruck machte, war die Intensität des Gegenpressings von Union recht hoch. Das verdankte sich nach eigenen langen Bällen auf Polter oder Skrzybski auch der suboptimalen Staffelungen im Ballbesitz, da der hoch aufgerückte Kreilach die letzte Linie schnell unterstützen konnte.

Weil aber die Viererkette Union auf Grund der Geschwindigkeitsvorteile der Stuttgarter Außen eine recht tiefe Position einnahm, ging Union auch gegen den Ball jede Kompaktheit ab. Am deutlichsten illustriert wurde dieses Problem durch das 2-0, vor dem Skrzybski mit vier Unionern vor sich den Ball verlor und Felix Kroos ohne jeden Zugriff ein paar Schritte in Richtung Gegenpressing machte. So öffnete sich sehr viel Raum im Zentrum und auf der rechten Seite für Ofori, der Brekalo ins eins-gegen-eins mit Pedersen schickte. Dieses Duell hatte den ganzen Abend über nur einen Sieger und endete in dieser Szene mit einer Vorlage für Terodde.

Zwar war die tiefe Positionierung der Außenverteidiger Unions angesichts der Probleme, Pässe und Läufe in die Schnittstelle zu verteidigen, verständlich. In der Endverteidigung war aber auch die tiefere Position nur bedingt erfolgreich, da auch in statischen Duellen die Stuttgarter auf beiden Seiten deutliche Vorteile hatten.

Späte Umstellungen

Mit der Einwechslung von Ginczek für Asano verschoben sich die Akzente in Stuttgarts Spiel ein wenig. Ginczek spielte im Zentrum etwas tiefer als Terodde, Maxim übernahm von Asano den linken Flügel. Damit zielten die Angriffe Stuttgarts eher auf die Räume hinter der Innenverteidigung Unions ab. Dieser gelang es nicht – wie ansonsten in dieser Saison fast immer – bei hohen Anspielen in die Spitze dominant zu sein, auch weil diese Anspiele dank der Qualitäten der Stuttgarter Innenverteidiger sehr präzise waren. So konnten Terodde und Ginczek Bälle abgeben und kam Brekalo noch zu einigen Durchbrüchen im rechten Halbraum.

Stuttgart presste außerdem nun vereinzelt etwas höher, und provozierte damit das 3-1, bei dem Leistner zuerst Fürstner so anspielte, dass der Sechser den Ball nur zurück prallen lassen konnte, und ihn anschließend gegen Ginczek verlor, der letzte Zweifel an Stuttgarts Sieg ausräumte.

Nachdem Union ein bisschen besser ins Spiel gekommen war schießt Stuttgart das 3-1, weil Fürstner Leistner unter Druck anspielt und der Innenverteidiger unter Druck von Ginczek den Ball verliert. Danach ein paar Standardwechsel, positionsgetreu Zimmermann-Ofori und Hedlund-Skrzybski, außerdem Hosiner-Kreilach. Mit letzterem stellte Keller zwar formal von 433 auf 442 um, in Wirklichkeit hatte Kreilach aber ohnehin 424 Staffelungen hergestellt, sodass Hosiner die Position fast ‚Zehner-hafter‘ ausführte.

Fazit

Stuttgart zeigte sich dem Konkurrenten aus der Hauptstadt individuell und taktisch überlegen und gewinnt genau in dieser Höhe verdient (expected Goals 3,27 – 1,02).

Musiclover 4. Mai 2017 um 13:03

Das 4-4-2 in Düsseldorf war meiner Meinung nach nicht der Grund für das dortige Scheitern (Punkt) sondern individuelle Fehler bzw. schlechte Leistungen der Einwechselspieler. Das System hat bis zum 2:0 besser als das 4-3-3 funktioniert.

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dr 10. Mai 2017 um 11:40

ist zwar hier ein bisschen off topic, aber: man muss zwei Defizite von Union gegen Düsseldorf auseinanderhalten, erstens die Leistung über das gesamte Spiel, zweitens dass es nicht gewonnen wurde. Für ersteres war das 442 und was darin nicht funktioniert hat verantwortlich, für zweiteres vielleicht nicht unmittelbar. Aber ein Stück weit schon, und ich würde auch nicht unbedingt die genannten Faktoren herausstellen. Das Problem für Union war vielmehr, dass sie nicht in der Lage waren bei 0-2 Führung das Spiel zu kontrollieren und zu beruhigen. Stabile Ballzirkulation, die es im 442 nicht gab, hätte da schon geholfen.

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