Nicht mehr alles Roger in Leverkusen

Die Niederlage im Derby gegen den 1. FC Köln war bereits die dritte in Folge für die Mannschaft von Roger Schmidt. In seiner knapp 15-monatigen Amtszeit ist das ein Novum. Rudi Völler sah sich nach der Niederlage am Samstag erstmals mit kritischen Fragen zu seinem Trainer konfrontiert. Auch wenn der Leverkusener Sportchef bemüht war, jegliche Zweifel aus dem Weg zu räumen, wird man das Gefühl nicht los, dass Leverkusen diese Saison nicht mehr die Mannschaft der vergangenen Saison ist.

Erste Anzeichen von Krise bereits im September

Die ersten Anzeichen einer Krise gab es schon nach der 0:3 Niederlage gegen den BVB im September. Nach der Partie ließ der Leverkusener Cheftrainer mit folgenden Aussagen aufhorchen: „Unser Erkennungsmerkmal, in Ballnähe Überzahl zu schaffen, ist im Moment nicht so auffällig. Wir müssen unseren Stil wiederfinden. Der ist etwas verloren gegangen.“. Und weiter: „Wir sind taktisch noch nicht so gefestigt.“. Bereits da hatte man in der Bundesliga gegen die Bayern, Darmstadt und eben Dortmund, gleich drei Niederlagen in Serie kassiert. Einzig der Champions-League Auftakt gegen BATE Borissow konnte die Statistik aufbessern.

„Wir müssen unseren Stil wiederfinden. Der ist etwas verloren gegangen.“ – Roger Schmidt nach der 0:3 Niederlage gegen den BVB

Gegen den BVB war die Schmidt-Elf über weite Strecken des Spieles klar unterlegen, das Hauptmerkmal der Leverkusener – nämlich das Angriffspressing – wurde nur äußerst schlecht durchgeführt. Den Leverkusenern gelang es jedoch danach eine handfeste Krise zu verhindern und durch Siege gegen Mainz sowie einer couragierten Leistung gegen den FC Barcelona wieder in die Spur zu finden. Selten konnte man jedoch seinen eigenen Spielstil über die vollen 90 Minuten stabil auf den Platz führen. Die zahlreichen englischen Wochen und die erstaunlich hohe Zahl an blessierten Spielern verhinderten zudem, dass die Mannschaft ihren Rhythmus fand. Im Gegenteil: Je weiter Roger Schmidt den Spielstil seiner Mannschaft in den vergangenen Wochen forcierte, desto mehr schien die Werkself auseinanderzufallen. Die Mängel, die der Trainer nach dem Dortmund-Spiel feststellte, sind inzwischen eklatanter denn je. Je mehr die Mannschaft versucht das kompakte Spiel mit und ohne Ball durchzuziehen, desto mehr kann man die Müdigkeit der Spieler erkennen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich weniger um körperliche als um die mentale Frische, die den Akteuren fehlt. Die Mannschaft agiert zunehmend unkompakt, kommt nicht mehr in die richtigen Pressing- und Gegenpressingsituationen und stellt dadurch die Restverteidigung teilweise vor unlösbare Aufgaben. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Die Inkonstanz auf der Sechserposition

Zu Saisonbeginn kristallisierte sich schnell die Kombo aus Christoph Kramer und Lars Bender als Stammpersonal auf der Doppelsechs heraus. Beide Spieler ergänzten sich gut, zudem wurde mit Charles Aranguiz ein Spieler verpflichtet, der scheinbar perfekt auf Roger Schmidts Spielidee zugeschnitten ist. Dieser verletzte sich jedoch nach wenigen Tagen schwer, Leverkusen gelang es nicht mehr, rechtzeitig Ersatz zu holen. Damit waren die Optionen im zentralen Mittelfeld bei einem Ausfall des Stammpersonals überschaubar. Schmidt überraschte zunächst mit Kevin Kampl, später mit Ömer Toprak auf dieser Position. Nachdem Kramer und vor allem Bender weiterhin mit hartnäckigen Blessuren zu kämpfen haben, wurden inzwischen Kampl und Toprak im zentralen Mittelfeld fast schon als fixe Doppelsechs etabliert.

Dazwischen kam es jedoch zu vielen Rochaden und unterschiedlichen Besetzungen, auch innerhalb der Spiele. Kampl, Bender, Kramer, Calhanoglu und Toprak haben alle bereits mit wechselndem Partner an ihrer Seite auf der Doppelsechs agiert. Dabei war jedoch nicht die oft wechselnde Besetzung der Sechserposition problematisch, sondern die inkonstante Besetzung des damit verbundenen Raumes. Vor allem wenn Kevin Kampl im zentralen Mittelfeld ranmusste, war das Leverkusener Spiel teilweise schlecht strukturiert. Das liegt vor allem an der Einbindung des Slowenen im Offensivspiel, wo er eine sehr fluide und vor allem hohe Rolle im einnimmt. Kampl schiebt im Ballbesitz nicht selten auf eine Höhe zu den Zehnern und Stürmern der Werkself. Dabei kommt es auch oft vor, dass der Ex-Dortmunder weit ausweichende Läufe bis an die Seitenlinie macht, welche vom Rest der Mannschaft nur mit Mühe korrekt eingebunden werden können; vor allem in Hinblick auf die defensiven Umschaltmomente führte dies einige Male zu Problemen.

kampl rolle

Kampl weicht weit auf die linke Seite aus und besetzt dort die Seitenlinie. Calhanoglu versucht diesen Laufweg einzubinden, doch die Staffelung ist unsauber.

Bei Ballverlusten hingegen ist Kampl extrem antizipativ und rückt sehr früh aus seiner Position um den Ballführenden unter Druck zu setzen, dabei ist oft die Absicherung seiner Läufe nicht ausreichend, wie auch beim 0:2 gegen die A.S. Roma ersichtlich wurde.

kampl pressing vor 2 null

Szeszeny baut das Spiel nach Angriff der Werkself neu auf, Kampl presst in der Position des rechten Zehners. Der Sechserraum verwaist dadurch. Zusätzlich dazu rücken, in weiterer Folge, sowohl Tah als auch Papadopoulous heraus und öffnen die Mitte.

Die Prinzipien der Restverteidigung unter Roger Schmidt sehen vor, dass man hinten immer einen Mann mehr hat, als der „zockende“ Gegner. Wenn der Gegner also zwei Stürmer für die offensiven Umschaltphasen in der Leverkusener Hälfte abstellt, dann reagiert die Werkself mit einer drei Mann starken Restverteidigung, die mannorientiert versuchen soll den Konter des Gegners zu unterbinden. Dabei sollen die restverteidigenden Akteure sich nicht zu früh fallen lassen sondern mittels herausrückender Läufe den Gegner unter Druck setzen und die vertikale Kompaktheit aufrecht erhalten. Wichtig ist dabei jedoch der unmittelbare Druck, welcher von den Stürmern vorne im Gegenpressing ausgeübt wird, um den Gegner daran zu hindern stabil mit der gesamten Mannschaft aufzurücken und dadurch die Überzahl in der Restverteidigung zunichte zu machen. Durch Kampls hohe Positionierung und teilweise verfrühtes Rausrücken, öffnet die Werkself Räume im 2. Drittel des Spielfeldes, in welche dann die restverteidigenden Leverkusener rausgelockt werden und die angesprochene Überzahl auflösen müssen.

1 zu null roma

Nach einem abgeblockten Schuss von Calhanoglu kann die Roma das Leverkusener Gegenpressing mit einem Pass ausspielen. Die Restverteidigung erfüllt nicht die Kriterien von Roger Schmidt. Papadopoulous ist eng am Mann, Donati am Weg zurück, Wendell schiebt raus auf den startenden Salah. Das Ganze endet in einer 3 gegen 2 Situation für die Römer.

Nicht umsonst sprach Roger Schmidt in der Pressekonferenz nach dem CL-Rückspiel in Rom, eben jene Schwächen an. Laut Schmidt war man in der 1. Halbzeit „nicht so gut vorbereitet für den Moment des Ballverlustes“ in der 2. Halbzeit war man dann „besser im Gegenpressing, besser organisiert in der Restverteidigung“.

Dabei darf man jedoch auch nicht vernachlässigen, dass Kevin Kampl trotz all diesen Kritikpunkten immer noch eine sehr wichtige Rolle in den Offensivbemühungen der Werkself innehat, diese jedoch auf der rechten Zehner Position bislang stabiler und konstanter einbringen konnte. Mangels Alternativen im zentralen Mittelfeld kann er diese Rolle jedoch zurzeit nicht ausfüllen. Erstaunlich ist an dieser Stelle jedoch die hohe Anzahl an Verletzungen im Kader von Roger Schmidt. Neben den leichten Blessuren, welche Kramer, Bender, Bellarabi immer wieder verfolgen, hat die Werkself mit Hilbert, Toprak, Aranguiz und Jedvaj auch eine beträchtliche Anzahl an Langzeitverletzten zu beklagen. Dies gibt vor allem deswegen Rätsel auf, da das Gespann Schmidt/Bartlett eigentlich für ihre sehr gute Trainingsperiodisierung und Verletzungsprophylaxe bekannt ist.

„Wir waren nicht gut vorbereitet für den Moment des Ballverlustes, brauchen besseres Gegenpressing, bessere Organisation in der Restverteidigung“ – Roger Schmidt zur 1. Halbzeit in Rom.

Der Clou mit dem Gegenpressing und dem Aufbauspiel

Ein gutes Gegenpressing zeichnet sich dadurch aus, dass man sich im Moment des Ballverlustes schnell formieren und dann zum Gegenangriff ausholen kann, um dem Gegner den Ball gleich wieder abzunehmen. Wenn man dominant spielen und sich in der Hälfte des Gegners festsetzen möchte, ist ein gutes Gegenpressing essentiell – nicht umsonst redet Pep Guardiola gebetsmühlenartig davon, dass man die Konter des Gegners unterbinden muss. Von daher ist es wohl auch nicht zulässig der Mannschaft von Roger Schmidt vorzuwerfen, sie wolle den Ball nicht haben. Das Gegenteil dürfte der Fall sein; man will den Ball vor allem weit weg vom eigenen Tor halten, den Weg bis zu Torhüter Leno maximal weit halten und dadurch die Konter des Gegners verhindern.

Um das zu erreichen, muss der Ball jedoch erst einmal nach vorne gespielt werden. Deshalb ist für die Effektivität des Gegenpressings auch das Aufbauspiel von höchster Bedeutung. Hierfür hatte die Bayer-Elf vergangene Saison größtenteils zwei Optionen parat. Einerseits wurde versucht durch scharfe Vertikalzuspiele mehrere Linien des Gegners zu überspielen und durch kluge Ablagen den Ballbesitz in der höheren Zone zu sichern. Andererseits versuchte man hohe Bällen auf die letzte Linie des Gegners zu spielen, wo der Kampf um den zweiten Ball möglichst an die Werkself gehen sollte. Jedoch greifen die Leverkusener in der Regel unter Druck vermehrt zur zweiten Variante. Letzte Saison hatte man mit Stefan Kießling auch einen Spieler, der die hohen Bälle konstant festmachen konnte und dadurch der Mannschaft im Laufe der Partie sehr oft die Chance gab, den zweiten Ball zu gewinnen. Das Team von Roger Schmidt ist bereits trainiert, solche Situationen für sich zu entscheiden und wenn diese innerhalb von 90 Minuten so oft vorbereitet werden, kann man mit Fortdauer der Partie ein Übergewicht herstellen und diese Kämpfe um den zweiten Ball immer öfter für sich entscheiden.

Diese Saison kam mit Chicharito ein anderer Spielertyp nach Leverkusen und verbannte Stefan Kießling auf die Bank. Die kleine Erbse hat ihre Stärken eher in der ersten Aufbauvariante mit den vertikalen Zuspielen, wo sie mit technisch anspruchsvollen – wenn auch inkonstant ankommenden – Ablagen glänzen kann. Vielleicht hat Roger Schmidt auch im Hinblick auf eine Stürmerverpflichtung in der Sommervorbereitung das Vertikalspiel des Innenverteidiger-Pärchens Toprak/Jedvaj forciert und verfeinert. Die schweren Verletzungen der beiden Innenverteidiger machten den Plan zunächst zunichte. Mit Tah und Papadopoulos wurden unter Druck wieder vermehrt hohe Bälle geschlagen. Die Leverkusener haben jedoch offensichtlich auch einen Plan um das Spiel kontinuierlicher aufbauen zu können. Dieser ist jedoch in einigen Punkten mangelhaft.

Im Aufbauspiel kippt einer der beiden Sechser konstant zu den Innenverteidigern ab. Dabei wechseln sich die beiden Sechser meist flexibel ab, kippen mal zwischen, mal links oder rechts von den beiden Innenverteidigern ab. Eine Aufbaudreierreihe entsteht dadurch jedoch mehr oder wenig konstant. Üblicherweise greifen Trainer auf den abkippenden Sechser zurück, um ihre Außenverteidiger nach vorne und/oder die offensiven Flügelspieler in den vorderen Halbraum zu schieben. Bei der Werkself ist jedoch neben dem abkippenden Sechser auch eine sehr konservative und tiefe Position der Außenverteidiger zu sehen. Nicht selten spielt die Mannschaft von Roger Schmidt dadurch im Spielaufbau mit fünf Spielern in einer mehr oder wenigen flachen Staffelung. Ein Einrücken der Zehner ist dadurch nur wenig stabil möglich, weshalb diese es entweder gleich lassen oder von horizontal ausweichenden Stürmern „ausbalanciert“ werden. In beiden Fällen entsteht ein mehr oder weniger ausgeprägter Flügelfokus, welcher in diesem Fall zwar gute Gegenpressing-Staffelungen bei Ballverlust ermöglicht, für den Gegner jedoch auch leicht zu isolieren ist. Vor allem in den Spielen gegen Darmstadt, Mainz und Augsburg waren diese problematischen Aufbaustaffelungen zu sehen.

flügelfokus

Der Außenverteidiger hat eine sehr tiefe Position inne, obwohl der Gegner keineswegs viel Druck ausübt. Man landet früh am Flügel und kommt von dort nicht mehr weg, der Gegner hingegen kann den Leverkusener Angriff einfach isolieren.

Die Positionierung der Außenverteidiger ist jedoch nicht immer so tief. Alternativ schieben sie auch bis in die Hälfte des Gegners hoch. Von hier aus dann den Spagat zu mehr Vertikalität zu schaffen ist genauso schwer wie es sich anhört. Es fehlen schlicht die Verbindungen nach vorne und fast jeder Laserpass muss gleich zwei Linien des Gegners überspielen. Bereits letzte Saison kam es dadurch zu brenzligen Situationen, wenn der Innenverteidiger diesen technisch hoch anspruchsvollen Pass nicht gut anbringen konnte.

verbindungen#

Aus der aufbauenden Dreierreihe gibt es kaum Verbindungen nach vorne.

Die eingangs erwähnte, zweite Variante mit den Hoch-Bällen kann mit Chicharito nicht mehr so stabil durchgeführt werden wie mit Kießling. Vor allem nach der Rückkehr von Toprak fiel auf, wie man versuchte leichte Lob-Bälle zwischen die Linien des Gegners zu spielen und den Kampf um den zweiten Ball ein wenig weiter weg von den Innenverteidigern des Gegners zu führen. Wenn der gegnerische Innenverteidiger nun aber großräumiger rausrücken sollte, visierte der schnelle Bellarabi in seinem Rücken die Tiefe an. Natürlich sind solche Aufbaumechanismen nicht gänzlich neu, sondern kamen auch vergangene Saison vor. Wenn jedoch Bellarabi neben Chicharito im Sturm spielte wurde diese Variante auffällig oft forciert, wenngleich auch hier sehr instabil in der Ausführung.

Die Fatalität des gewählten Rhythmus und die Leiden des jungen H.

Um also ein gutes Gegenpressing aufziehen zu können, ist wie erwähnt die Organisation vor dem Ballgewinn wohl das Wichtigste. Wenn bei einer Mannschaft jeweils 2 Spieler die Seitenlinien besetzen um dem Spiel maximale Breite zu geben, wird es schwer im Falle eines Ballverlustes dem Gegner im Gegenpressing den Ball abzujagen. Deshalb sind die Abstände wichtig, welche man bereits im eigenen Ballbesitz einhält; Pep Guardiola zum Beispiel spricht auch von 8-10 Pässen die nach einem Ballgewinn gespielt werden müssen um wieder eine adäquate Staffelung zum Gegenpressen nach erneutem Ballverlust herzustellen.

Roger Schmidts Gegenpressing-Ansatz dürfte in der Theorie hiervon wohl leicht abweichen. Dem gelernten Bauingenieur sind laut eigener Aussage „Tiefgang“ und „Vertikalität“ der angreifenden Akteure wichtig. Dementsprechend schnell versucht man bei Ballgewinnen nach vorne zu spielen. Wenn man sich selber jedoch im offensiven Umschaltmoment befindet, heißt das im Umkehrschluss auch, dass der Gegner in einer defensiven Umschaltsituation ist. Hinzu kommt, dass der Rhythmus der Leverkusener im Spiel nicht nur sehr wild, rasant und chaotisch ist, sondern diesen auch automatisch dem Gegner aufzwingt. Der Gegner kann sich nicht zurücklehnen und sein eigenes Spiel aufziehen, sondern muss sofort das Tempo der Werkself mitgehen und sich auf ihr Gegenpressing und Spieltempo einlassen. Von daher wird der Gegner automatisch dazu gezwungen seine defensiven Umschaltmomente auch aggressiv zu gestalten. Wenn also die Leverkusener im Gegenpressing den Ball erobern können, sehen sie sich fast immer mit einem zurück-gegenpressenden Gegner konfrontiert. Das schnelle Vertikalspiel wird hier ein Spiel mit dem Feuer. Man befindet sich im selben vulnerablen Zustand, in dem man eigentlich den Gegner kalt erwischen wollte. Das System von Roger Schmidt ist jedoch auf Gegenpressing vorprogrammiert, man ist in solchen Situationen die meiste Zeit nicht nur zahlenmäßig im Vorteil, sondern hat im Falle von diversen Fehlern auch meist die bessere Absicherung. Deshalb kann man sich auf dieses Spiel einlassen. Es kann zwar relativ leicht zu Fehlern kommen, diese können jedoch vom Kollektiv stets noch ausgebessert werden. Dieses ständige Ausbessern wirkt sich jedoch taktisch-psychologisch auf die Substanz aus. Man kommt immer öfter in brenzlige Situationen die immer schwieriger auszubessern sind, wenngleich man die Situation in der Theorie zu jeder Zeit unter Kontrolle haben sollte. Was sich dadurch jedoch auch ändert, ist der Rhythmus der Mannschaft in Ballbesitz – dieser wird im Laufe der Partie immer hektischer, unsauberer und zähflüssiger.

Im Spiel gegen den FC Barcelona war klar zu sehen wie Trainer Schmidt an der Seitenlinie bemüht war, seinem Team Entspannungsphasen in Ballbesitz zu verordnen und schnelle offensive Umschaltphasen vermeiden wollte. Wenn man jedoch einmal im Schmidt’schen Spielrhythmus feststeckt, kann auch die eigene Mannschaft sich diesem schwer wieder entziehen. Man wird aus taktisch-psychologischen Gründen mehr und mehr Opfer des eigenen Rhythmus‘ und kommt nicht mehr zur Ruhe. Vor allem bei Hakan Calhanoglu hat man das Gefühl, dass der Spielrhythmus ihm Probleme bereiten kann. Nicht zuletzt gegen den FC Barcelona war es der junge Türke, der vor dem Ausgleichstreffer nach einem Ballgewinn – entgegen der Anweisung seines wild gestikulierenden Trainers – schnell in die Tiefe spielen wollte und so den Gegenkonter des Gegners ermöglichte. Im Spiel gegen den Ball hingegen kommt es nicht selten vor, dass Calhanoglu in blindem Aktionismus verfällt und beispielsweise weite Sprints in Richtung Tormann macht, welche auf Kosten der Kompaktheit gehen. Inzwischen scheint es offensichtlich, dass der junge Türke eine Pause gut vertragen könnte.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es immer einfach klingt ein oder zwei Spieler herauszupicken, ihnen mangelnde Leistung vorzuwerfen und das Ganze als Analyse zu verkaufen. Die Leverkusener Spielidee ist jedoch nach wie vor stimmig und gut durchdacht, die Probleme beschränken sich dadurch umso mehr auf mangelhafte Einbindungen und problematische Rollenverteilungen.

Im Spiel ist eine bestimmte Spielphase essentiell für die mentale Erholung der Spieler: Spielunterbrechungen. Doch eben diese eigentlichen Erholungsphasen werden den Leverkusenern derzeit zum Verhängnis.

Standard-Misch-Masch schickt Leverkusen endgültig in die Krise

Leverkusen zeichnet in der Ära Schmidt schon seit Beginn eine gewisse Anfälligkeit bei gegnerischen Standards aus. Auch diese Saison fielen 12 der bisherigen 26 Gegentreffer aus Standardsituationen. Die alleinigen Gegentreffer in der CL waren sogar zu 50% aus Standards.

Wenn fast jedes zweite Tor aus einer ruhenden Situation fällt, könnte man meinen es ist ein Leichtes sich darauf vorzubereiten und dadurch auch im Schnitt halb so viele Tore zu bekommen. Hier kommt jedoch der Aspekt aus dem vorherigen Absatz ins Spiel. Die Leverkusener sind in der Lage, aus dem Spiel heraus wenig bis gar nichts zuzulassen und sozusagen alles wegzupressen. Dabei scheut man sich auch nicht mal einen Ball ins Aus zu befördern – denn diese Unterbrechungen sind ja als Ruhephasen essentiell. Dadurch ist auch der Anteil an Ecken und Freistoßflanken, welche man insgesamt verteidigen muss, höher als im Bundesliga-Durchschnitt. Bezeichnend ist auch, dass Augsburg und Werder Bremen in ihren Partien gegen Leverkusen jeweils ohne Schuss aufs Tor von Bernd Leno blieben. Dies ist dem FC Bayern bislang gegen keinen Gegner diese Saison gelungen.


Was bei der Standardverteidigung durchaus zu einer Art Teufelskreis führt, sind die immer wechselnden Ausführungen. Setzte man zu Saisonbeginn noch auf eine klare Raumdeckung, wurde diese anscheinend nach den ersten Rückschlägen ad acta gelegt und man setzt nun vermehrt auf eine starke Manndeckung, in der nur ein oder zwei Verteidiger den Raum am Fünfer decken. Hier kamen dann jedoch altbekannte Schwächen der Manndeckung zum Vorschein; gegen den 1. FC Köln reichte ein Lauf von Anthony Modeste vor den Block der Leverkusener um die Zuordnung der Leverkusener zu zerstören. Tah verfolgt Modeste mannorientert um den Block und steht dadurch Toprak im Weg der seinen Gegenspieler Maroh aus den Augen verliert und ihm den Siegtreffer ermöglicht.

wieso manndecken

Leverkusen spielt bei defensiven Ecken Manndeckung. Modeste sorgt mit seinem Laufweg dafür, dass Tah seinen Mitspieler Toprak abblockt und dieser wiederum Maroh aus den Augen verliert.

Wie kann Roger Schmidt den Negativtrend aufhalten?

dunga raute

Wie die Dunga-Raute bei Leverkusen aussehen würde. Credits für die Idee gehen hierfür an RM.

Nachdem die Spielidee der Leverkusener mehr oder weniger in Stein gemeißelt und sehr stark mit dem Schmidt’schen 4-2-2-2 zusammenhängt, ist es an dieser Stelle schwer, konkrete formative Änderungen vorzuschlagen, welche sich auch in einem realistischen Rahmen befinden. Wenn man jedoch einen kurzen Schwenk in die nähere Vergangenheit macht, gab es letzte Saison eine nicht unähnliche Situation bei Roger Schmidts Ex-Verein Red Bull Salzburg. Dort hatte Schmidts Nachfolger Adolf Hütter mit dem Vermächtnis seines Vorgängers große Schwierigkeiten, strukturierte das Gegenpressing jedoch auch viel unsauberer und chaotischer. Die Raumbesetzung war teilweise auch schwach organisiert, die Gegenpressingmomente schlechter abgesichert und teilweise überschießend. Auch hier war man nach einer gewissen Zeit nicht mehr in der Lage die Kompaktheit über die vollen 90 Minuten zu wahren. Auch hier schien es so, als ob man mit dem System überfordert war und dies zu einer Blockade führte. Red Bull hatte ebenfalls mit wechselndem Personal auf der Innenverteidiger- und Sechserposition zu kämpfen – Parallelen sind also durchaus vorhanden. Hütter beschloss also, entgegen des Rates von Ralf Rangnick, das Pressing eine Stufe zurückzuschrauben und – wohl viel wichtiger – formativ auf ein stabileres 4-3-1-2 zu setzen. Damit gelang es den Salzburgern ihre Leistung zu stabilisieren und sukzessive ihren Spielstil wiederzufinden.

Es wäre auch für Bayer Leverkusen eine Option eine formative Änderung vorzunehmen und entweder mit einer stabilisierenden Raute oder auch einer Dreierkette taktischpsychologische Reize zu setzen. Dabei muss man nicht einmal auf das hohe Pressing verzichten, kann jedoch in gewissen Situationen vermehrte Stabilität und simplere, wenn auch weniger ziel-/tororientierte Kompaktheit herstellen und der Mannschaft nicht zuletzt mental Abhilfe verschaffen.

Fazit

Bei aller Kritik sollte man jedoch nicht außer Acht lassen, dass Roger Schmidts System nach wie vor taktisch außergewöhnlich gut ist. Die Spielidee als Ganzes kann hier nicht wirklich als Kritikpunkt herhalten, dafür ist diese zu gut durchdacht. Viel mehr handelt es sich um die Ausführung der Vorgaben von Schmidt, welche aus verschiedenen Gründen zurzeit nur sehr suboptimal geschieht.

Roger Schmidt sieht sich in seinem 2. Jahr zum ersten Mal mit gröberen Problemen konfrontiert. In gewisser Art und Weise ist die medial negative Berichterstattung auch selbstverschuldet. Zu offensiv formuliert Schmidt die Überlegenheit seiner Spielidee, zu selten gibt er sich in der Öffentlichkeit selbstreflektiv. Die Personallage im zentralen Mittelfeld zwingt den Leverkusen-Trainer zu wechselnden Besetzungen und damit verbundener instabiler Raumbesetzung. Hier ist vor allem Kampl mit seinen hohen und teilweise ausweichenden Positionierungen schwer einzubinden und destabilisiert zuweilen das Spiel der Werkself. Der eigene Spielaufbau ist zu inkonstant, gute Ideen werden unter Druck zu schnell verworfen und die Staffelungen sind nicht immer ideal zum effektiven Gegenpressing. Das Ganze führt zu einem zähflüssigen Spiel, welches durch wiederholte Fehlerausbesserung in der Restverteidigung zu einem ungesund hektischen Rhythmus führt, der die Spieler auch mental zu belasten scheint. Vor allem im Hinblick auf die vielen englischen Wochen und dem 3-Tage-Rhythmus, in dem die Spiele stattfinden, scheinen die Spieler mit der Aufgabe zurzeit leicht überfordert bzw. wird von den Akteuren verlangt zu jeder Zeit am belastungstechnischen Limit zu wandeln. Hier könnte ein formativer Wechsel und eine Modifikation des Pressings Abhilfe verschaffen und vielleicht auch psychologische Erholung herbeiführen.

Dr. Acula 12. November 2015 um 22:35

ein wirklich beeindruckender artikel. genau zur richtigen zeit, gut strukturiert und verständlich. der titel ist sowieso das geilste!
kann ich nur den hut vor ziehen

Antworten

wewew87 12. November 2015 um 20:55

OT…. Was haltet ihr vom Begriff „Systemtor“? Ist mir gerade eingefallen… ich glaube ihr könnt euch vorstellen, was ich damit meine. Wenn ein Tor augenscheinlich aufgrund einer oder mehrerer Aspekte des eigenen oder des gegnerischen Systems fällt, Interaktion der Systeme inbegriffen, bla bla yada yada 😉
Wärr doch passend, oder?

Antworten

wewew87 12. November 2015 um 21:00

(während andere Tore nicht aufgrund gewisser Stärken oder Schwächen des Systems fallen, wie verlorene Kopfballduelle trotz ausgewogener Duelle bei Eckbällen oder direkte Freistoßtreffer bei nicht erhöhter Foulstatistik des Gegners in Strafraumnähe.. insofern wäre der Grat zwischen Systemtor und nicht-Systemtor schmal, aber man könnte es bei Verwendung mit „klassisches Systemtor“ besser klarstellen ;))

Antworten

luckyluke 13. November 2015 um 11:54

Wäre es nicht vielleicht besser, erst mal unabhängig vom System eine Klassifizierung vorzunehmen (Tor durch (Gegen-)Pressing, Kombination und was einem sonst noch einfällt) und das dann mit dem System und der dahinterliegenden Idee, wie Tore zu erzielen sind, abzugleichen?
So könnte man evtl. sogar ableiten, dass eine Mannschaft nicht für ein System „gemacht“/zusammengestellt ist, wenn bspw. überdurchschnittlich viele Tore durch eine nicht Systemkompatible Art fallen…

Das ist auf jeden Fall meine Überlegung dazu…

Aber wäre da nicht vielleicht ein Forumeintrag passender?

Antworten

Hh 12. November 2015 um 20:28

Roger Schmidt ist kein Bauingenieur sondern Maschinenbauingenieur 😉

Antworten

ES 12. November 2015 um 14:27

Ich leite immer noch aus der Graphik bezüglich der Pressingintensität, die in der Diskussion aus einem der letzten Beiträge entstanden ist -> https://infogr.am/copy_pressing_daten ab, dass die Pressingintensität deutlich weniger wichtig für den Erfolg einer Mannschaft ist wie die Fähigkeit passgenau unter gegnerischem Pressing zu spielen. Wenn ich also nicht eine Underdog-Strategie wie e.g. Darmstadt verfolge, steht am Anfang die Passgenauigkeit. Um diese zu erreichen, muss ich kompakt zusammenstehen, dafür muss ich wiederum wegen Kontergefahr Pressing- und Gegenpressingkonzepte beherrschen. Mir scheint, dass Roger Schmid das Pferd ein wenig zu hinten herum aufzäumt.

Antworten

FAB 12. November 2015 um 13:00

Eine Frage an die Leverkusen Experten. Ich meine ich hätte Leverkusen in der letzten Saison häufig in einem 4231 gesehen, mit Calhanoglu auf der 10 und den beiden Außenstürmern Bellarabi und Son. Speziell das Hinspiel gegen Atletico fand ich dabei herausragend, wobei Bellarabi und Calhanoglu durch die räumliche Nähe starke Kombinationen zeigten. Mit den 4222. welches schon Ende der letzten Saison, aber ganz konsequent diese Saison gespielt wird, hat man kaum mehr solche kombinativen Spielzüge mehr gesehen. Das Offensivspiel wirkt mit diesem 4222 sehr zerfahren und alles ist irgendwie zufällig.
Gab es also wirklich diesen Wechsel von 4231 auf 4222 gegen Ende der letzten Saison und geht evtl. auch damit der Qualitätsverlust von Leverkusen, insbesondere was das Offensivspiel anbelangt, einher?

Antworten

HP_Lehnhoff 12. November 2015 um 11:32

Mein Fazit fällt anders aus:
Dieses System hat keine Erfolgsstabilität. An guten Tagen mit vielen gewonnenen Zufallssituationen (i.e. hohe Pressingsituationen mit massiver Überzahl in Ballnähe und folgerichtig ein Loch mit der Größe Brandenburgs im zentralen Mittelfeld) ringt man fast jeden Gegner nieder. An schlechten Tagen ist es einfach, uns auszucoachen. Zuletzt gesehen gegen Köln. Man komme jetzt nicht mit der Argumentation, das seien ja bloß zwei Standards gewesen. Auch aus dem Spiel heraus war Köln besser und gefährlicher, mit einfachsten Mitteln. Noch effektiver gesehehn bei beiden Spielen gegen Rom. So wie viele Mannschaften vorher: Aus der Enge eine lange Verlagerung (und nein, ich denke dass ist nicht immer wegzupressen), und dann ab dafür.
Weiteres Argument, dass bei einem solchen Spiel keine Stabilität da ist: Lev gegen Stuttgart. Zwei fast gleiche Spielsysteme, zwei hochgelobte Trainer, und ein Spiel, das vom taktischen Niveau beinahe körperlich weh tat. Aber der Verlauf war für mich die logische Konsequenz der Spielsysteme.
Im Offensivspiel scheint es bei einem defensiven Gegner überhaupt kein effektives Konzept auf eigener Seite zu geben; der Einzige, der da durch tieferes Ballabholen und gutes Passpiel Bewegung schafft, ist Kampl, mit Abstrichen macht das auch Chicharito (Rom Hinspiel!).
Also von meiner Seite Zustimmung zu zwei Punkten: Calhanoglu füllt seine Position in keiner Hinsicht aus, und das Spielsystem muss stabilisiert werden; ohne Abkehr vom Harakiri-Pressing auch gegen Spielstarke Mannschaften ist langfristiger Erfolg, überspitzt gesagt, ausgeschlossen. Vor allem ist es ja auch eine Qualität eines Trainers, nicht stur an einem System festzuhalten, sondern es erfolgsmaximierend zu justieren. Das ist bis jetzt nicht erfolgt und könnte mittelfristig jobgefährdend sein für Schmidt.

Antworten

MA 12. November 2015 um 12:44

Zunächst einmal möchte ich mich für Ihr Feedback bedanken. Man erkennt, dass sie als Leverkusen-Fan zurzeit eine schwere Zeit durchmachen müssen. Ihrer Kritik kann ich jedoch nur wenig abgewinnen. Aussagen wie „Loch mit der Größe Brandenburgs im zentralen Mittelfeld“ und „Harakiri-Pressing“ lassen darauf schließen, dass sie die Spielidee Roger Schmidts nicht in seiner Integralität begreifen. Diese Dinge werden nämlich im System Schmidt allesamt berücksichtigt und überzeugend behandelt. Ich lege Ihnen hierfür die Teamanalyse meines Kollegen RM ans Herz: http://spielverlagerung.de/2014/03/05/red-bull-salzburg-unter-roger-schmidt-2014/

Zustimmung gibt es von meiner Seite zum ausbaufähigen Plan bei eigenem Ballbesitz.

LG, MA

Antworten

HP_Lehnhoff 13. November 2015 um 11:01

„Diese Dinge werden nämlich im System Schmidt allesamt berücksichtigt und überzeugend behandelt“.
Im Fussball von Schmidt/Bayer Leverkusen werden sie aber ganz und gar nicht überzeugend behandelt. Und da Fussball ein erstaunlich wenig utopischer Sport ist, ist eine Spielidee nur so gut, wie der Erfolg, der auf Ihr beruht. Und zur Zeit bekommt man viele Tore, schießt im Schnitt aber wenige.
Ich bin ja nicht der Einzige, der das so sieht. Simon Rolfes zum Beispiel: „[Letztes Jahr] haben wir eine gute Balance gefunden mit unserem Angriffspiel mit dem Umschalten, aber auch mit etwas Ballhalten.“
Es mag aber auch sein, dass weder die Mannschaft, noch Rolfes Spielidee in seiner Integralität begreifen.

Antworten

HP_Lehnhoff 13. November 2015 um 11:04

Korrektur zum letzten Satz:
„…Schmidts Spielidee in seiner Integralität begreifen.“.
Denkbar ungünstige Stelle für einen Schreibfehler.

Antworten

Eduard Schmidt 13. November 2015 um 11:13

Nach dem Lesen Ihrer Kommentare würde mich einmal Folgendes interessieren: Welche Alternative haben Sie selbst anzubieten? 4-4-2-Mittelfeldpressing mit Stabilitätsfokus?

Antworten

MA 13. November 2015 um 11:27

Also ich lese hier wie Simon Rolfes und Sie mir Recht geben:

Roger Schmidt hat ein äußerst gut durchdachtes System, welches letzte Saison gut ausgeführt (Zitat Rofles: „letztes Jahr gute Balance“) wurde und diese Saison (Ich zitiere Sie: „zur Zeit bekommt man zu viele Tore“) in der Ausführung und Rollenverteilung viel Luft nach oben hat.

Dieser Artikel soll eben dies belegen: die derzeitige Krise beruht auf schlechte Ausführung des Systems und mangelnder Einbindung einiger Spieler. Jedoch ist dies keineswegs ein Grund ein kohärentes System als Gesamtes infrage zu stellen, was Sie jedoch pauschal tun!

Antworten

koom 13. November 2015 um 11:43

IMO ist das System gut, auch wenn es natürlich Schwächen hat.

Das Kernproblem dürfte momentan die hohe Verletztenanzahl sein. Nicht auf allen Positionen hat man einen Idealspieler, nicht alle sind fit (geistig, körperlich) und dadurch wird das grundsätzlich gute, stabile System etwas porös.

Schmidt würde gut daran tun, übergangsweise – bis mehr Spieler wieder fit sind – tatsächlich eine etwas simplere stabilere Version zu bauen.

Antworten

HK 13. November 2015 um 12:11

Das System ist also perfekt, nur die Menschen nicht?
Erinnert mich an den auch nur knapp gescheiterten real existierenden Sozialismus.
Könnte vielleicht auch sein, dass diese Taktik für ein Spitzenteam (meistens alle drei Tage ein Spiel) auf Dauer (d.h. über Jahre) gar nicht durchzuhalten ist?
Im Artikel wird die große mentale und physische Belastung ja auch angesprochen. Gibt es eigentlich Beispiele wo eine Mannschaft das mal über mehrere Jahre erfolgreich praktiziert hat?

Antworten

Ein Zuschauer 13. November 2015 um 13:34

MA spricht von Rollenverteilung, Einbindung einzelner Spieler und schlechte Ausführung des Systems (fehlende Balance, sh.. Rolfes) und du machst daraus „das System ist also perfekt, nur die Menschen nicht?“
Hääääää???
Was???

HP_Lehnhoff 13. November 2015 um 14:11

Nun, zum einen sieht man das als Anhänger ja immer etwas fatalistischer; bei uns ist die Diskrepanz zwischen Kaderqualität und Ausbeute deutlich zu groß.
Zum anderen ist es schwer zu verstehen, wenn man Spiel um Spiel verliert oder mit viel Einsatz und Glück noch gerade eben drehen kann, und im nächsten Spiel werden dieselben Spieler gebracht, die in den selben Spielsituationen scheitern.
Also, möglichst emotionsfrei und unpauschal: Dass es generell funktionieren kann, hat die letzte Rückrunde gezeigt. Ich kritisiere hauptsächlich, dass Schmidt zur Zeit stur einer einzigen Spielweise folgt, ohne groß zu justieren. Zumindest bis man das Personal und die Physis wieder beisammen hat.
Außerdem kann man ja eine zugrunde liegende Spielidee auch in einem anderen Spielsystem zum Ausdruck bringen. Wie im Artikel vorgeschlagen, z.B. etwas tiefer pressen und Dunga-Raute installieren (schöner Name im Übrigen).
Auch in einem Spiel kann man mehr oder weniger große Änderungen vornehmen: Tempowechsel einstreuen. Oder: Wenn einem ein Punkt reicht UND man mit 10 Mann spielen muss, könnte man, statt immer das Gleiche zu spielen zu einer anderen, z.B. sehr defensiven Taktik wechseln (siehe: Juventus in Gladbach, siehe nicht: Leverkusen in Rom). Für in-game-Änderungen wird doch Pep hier regelmäßig abgefeiert.
Aber was das Festhalten an einer Spielweise angeht, ohne (bis auf Weiteres) die passenden Spieler in gutem Zustand zu haben, da halte ich es mit HK, dessen Bedenken ich teile.

Antworten

Eurika 12. November 2015 um 10:59

Sehr lesenswerter Artikel. Bei Leverkusen darf man auch nicht vergessen dass mit Rolfes, Castro, Spahic oder auch Reinartz viel Routine und Erfahrung den Verein verlassen haben.

Sowas muss sich auch erstmal bilden.

Die verbliebenen Spieler die Erfahrung aufweisen sind oft verletzt (Bender) oder fallen langfristig aus (Hilbert), dazu sind Kießling oder Toprak in einer sehr schlechter Verfassung, wobei Toprak auch lange verletzt war und jetzt in einer ungewohnten Rolle aushelfen musste.

Der ist Rest ist ziemlich jung oder eben auch neu in der Truppe. Chicharito war in vielen Spielen mit 27 der älteste Akteur der Werkself auf dem Platz. Die Transfers im Sommer waren allesamt top, da haben Boldt und der Rudi grandiose Arbeit geleistet. Vielleicht hätte man aber auch den ein oder anderen Spieler mit mehr Erfahrung holen sollen. Da wurden die Abgänge mMn unterschätzt.

Antworten

Triangolum 12. November 2015 um 10:29

Hallo,

die Kritik an Kampl oder Hakan kann ich nicht so ganz teilen.

Kampl spielt auf der 6er Position wofür er viel zu viele Aufgaben Ausüben muss. Zumal er defensiv steht statt Offensiv. Würde Leverkusen mit drei 6er spielen wovon Kampl die Spitze dieses Dreieck bilden würde könnte Leverkusen viel kompakter stehen und dazu auch Kampl und damit das ganze Spiel besser Absichern. Von solch einer Offensiv Ausgerichteten 6er Position kann Kampl auch seine teils gewollten und ihn stark machenden Läufe und Pressing nach vorne, an die Seiten durch führen ohne das Leverkusen dadurch Lücken öffnet. Wenn der Trainer Schmidt dagegen so Aufstellt wie die letzten Wochen muss sich in Leverkusen niemand wundern wenn es keinen Zugriff und Stabilität gibt.
Kampl hat und ist bereit durch seine hohe Laufleistung und auch mit seinen vielen Sprints Defensiv zu Arbeiten. Teils ist er im Leverkusener Spiel der einzige der bereits weit vorne Pressing gegen den Spielaufbau des Gegners spielt.

Der Trainer muss nicht einmal viel Umstellen wenn er zur Absicherung von Kampl Hakan auf eine von zwei defensiv stehenden 6ern stellen würde. Kampl hätte vorne mehr Platz um mit Mehmedi, Brand oder Bellarabi sowie Chicharito schnell und variabel zu spielen. Hakan kann aus der defensiven 6er Position seine vertikalen langen tiefen Pässe und Spiel Verlagerungen bringen ohne dabei an Qualität zu verlieren. Im Gegenteil, aus dieser Position war er in den wenigen Spielen viel stärker. Befreit vom Druck auf der 10er kann er sich dort viel leichter seiner Kräfte einteilen und mit Spielkontrolle ausgeruhter agieren. Seine Stärken im Defensiv Spiel kommen auch viel besser hier zum tragen. Neben Kramer oder Bender wäre Leverkusen somit sofort stabiler und nach vorne auch viel schneller und auch Effektiver da sich die Spieler so viel wohler führen da diese für ihre Stärken viel besser Positioniert.

Auch kommt in der Analyse das Experimentieren des Trainers mit Spielern und Positionen viel zu wenig Beachtung.

Warum Spiel Wendell auf RV und Boenisch auf LV gegen den 1. FC Köln? Warum sitzt der stärkere und konstant gut spielende Donati erneut auf der Bank wie schon im Liga Spiel vor dem Pokal Spiel? Wegen Schonung? Das selbe mit Form schwachen Spielern welche trotzdem spielen obwohl starke Spieler auf der Bank Platz nehmen müssen. Diese Wechsel Spiele tragen genau zu der weniger mentalen Kraft bei welche oben bemängelt wurde. Welcher Spieler schöpft Vertrauen in sich und seinem Spiel wenn Form schwache Spieler oder auch Spieler ohne Spielpraxis ihm vorgezogen werden? Zumal diese ständigen Umstellungen die Stabilität und Kompaktheit nicht zuträglich sind.

Das System Schmidt mag sehr gut funktionieren wenn alle Spieler dies auch Umsetzen können. Passiert dies nicht kann es nicht funktionieren. Das zeigen die Spiele der Leverkusener nur zu gut. Da sollte ein guter Trainer mit Anpassungen reagieren statt mit Experimente und unverständliche Nominierungen.

Antworten

MA 12. November 2015 um 10:58

Der Großteil Ihrer Kritik wird in meinem Artikel tatsächlich thematisiert; stellvertretend dazu zitiere ich folgende Stelle aus der Analyse:

„An dieser Stelle sei erwähnt, dass es immer einfach klingt ein oder zwei Spieler herauszupicken, ihnen mangelnde Leistung vorzuwerfen und das Ganze als Analyse zu verkaufen. Die Leverkusener Spielidee ist jedoch nach wie vor stimmig und gut durchdacht, die Probleme beschränken sich dadurch umso mehr auf mangelhafte Einbindungen und problematische Rollenverteilungen“

Ich bringe im letzten Absatz außerdem Lösungsvorschläge welche nicht sehr weit von Ihren Vorschlägen entfernt sind.

Antworten

a_me 12. November 2015 um 10:24

Die Dunga-Raute sieht super aus (bin allerdings grundsätzlich für jedes System, in dem Brandt seinen festen Platz bekommt ;))

Antworten

HK 12. November 2015 um 10:17

Schöne Analyse. Solche übergreifenden Betrachtungen sind mir meist noch lieber als einzelne Spielberichte.
Wobei ich die momentanen Probleme von Schmidt durchaus mit klammheimlicher Freude sehe. Ich kann mit dieser Spielphilosophie (erfolgreich oder nicht) einfach nichts anfangen. Mir fällt dazu immer das Rangnickzitat ein (sinngemäß): Im Grunde ist das schon eine andere Sportart.
So kommt es mir dann auch vor und das brauche ich nicht unbedingt.

Antworten

Bernhard 12. November 2015 um 08:55

Ich verstehe nicht, wieso Leverkusen letzte Saison viel weniger Verletzte hatte als heuer. Haben die die medizinische Abteilung umgekrempelt?

Antworten

koom 12. November 2015 um 10:09

Vermutung: Domino-Effekt. Erwischt es einen, ist die Belastung für die anderen direkt höher.

Und Roger Schmidts Fußballidee ist physisch wie psychisch sehr anspruchsvoll. Ständiges Attackieren und Pressing heißt: Viele Sprints, Richtungswechsel, Zweikämpfe. Alles hohe Belastung für Bänder und Gelenke. Und mit einsetzender Müdigkeit (weniger qualitativ gute Wechsel, Rückstände aufholen etc.) nimmt die Belastung wieder zu. Ein übler Kreislauf…

Leverkusen würde wohl allgemein ein etwas breiterer Kader gut tun, selbst wenn alle fit wären.

Antworten

Bernhard 12. November 2015 um 10:11

Letztes Jahr war die Belastung genauso hoch, und es war fast niemand verletzt, mit Ausnahme von Jedvaj, der anscheinend kein gutes Heilfleisch hat.
Ja, ein größerer Kader wäre nicht schlecht, obwohl er eh besser und breiter ist als letztes Jahr.

Antworten

koom 12. November 2015 um 17:24

Im Grunde ist das doch auch die Antwort: Die Belastung war letztes Jahr auch schon sehr hoch. Der Verschleiss bei den Spielern wird aber nicht komplett durch die Sommer- oder Winterpause behoben, nur etwas abgesenkt. Ergo ist hier einfach ein kritisches Niveau erreicht worden. Ist natürlich nur vereinfacht und versimplifiziert gesagt, aber ich denke schon, dass genau das eine Rolle spielt.

Unter Klopp war die Verletzungsquote anfangs auch gut. Später brach da viel auseinander, auch hier weil Klopp lieber mit kleinen Kadern und Stammmannschaften arbeitet, anstatt mit Rotation. Und auch da weil die Grundtaktik sehr laufintensiv ist.

Antworten

gs 13. November 2015 um 12:23

Wie weiter unten schon geschrieben wurde, ist das wohl die „Regression zur Mitte“, sprich es hängt auch verletzungsmäßig nicht 100 Jahre auf eine Seite.
Letztes Jahr waren BVB und Bayern massiv betroffen (wobei es der FCB mit Ausnahme der CL durch den extrem ausgegelichenen Kader größtenteils auffangen konnte), diesmal scheint die „Seuche“ Leverkusen befallen zu haben.

Da hiflt dann die ganze schöne Theorie der Trainingsperiodisierung und Belastungssteuerung nichts – shit happens …

Und selbst beim Rekordmeister hat man ja gesehen, dass Spieler einfach nie 1:1 zu ersetzen sind, auch wenn jeder Ersatzmann das Spielsystem genauso aus dem ff beherrscht. Das ist ja das Schöne am Fussball: die Taktik ist immer nur das Gerüst, das im Idealfall die individuellen Fähigkeiten der Spieler optimal zur Geltung bringt. Diese (die individuellen Fähigkeiten) sind aber unverzichtbar und oft genug spielentscheidend.

Antworten

luckyluke 13. November 2015 um 14:09

Haben denn der BVB und vor allem die Bayern tatsächlich so viel weniger Verletzungstage? Oder fällt es einfach nur nicht so auf, weil die beiden Kader verbessert wurden…

Antworten

Buttersack 12. November 2015 um 07:52

Sehr schöner Artikel!
MA ist ein großer Gewinn für SV!

Die nächsten Wochen werden sehr interessant in und um Leverkusen. Sehr schade, dass du dich nun mit Grausen abwendest. 😉

Antworten

Deisler 12. November 2015 um 04:20

interessant.

Antworten

Josef 11. November 2015 um 23:39

Könntest du vielleicht noch kurz ausführen, inwiefern sich Kramer und Bender gut ergänzen (würden)? Ich habe sie nie zusammen gesehen, hätte aber gedacht, dass es auch dort Probleme geben könnte, u.a. weil beide ein gewisses vertikales Element in ihrem Spiel haben. Könnten bei den beiden nicht auch „Kamplsche Löcher“ entstehen?

Antworten

Robert 11. November 2015 um 23:38

Sehr schöne Analyse 🙂

Ich wüsste gerne eure Meinung:
Sind die vielen Verletzungen auf den intensiven Spielstil zurückzuführen?
Ich sehe hier eine Parallele zu den vielen Verletzten unter Klopp beim BVB.
Auch da war der Stil sehr intensiv.

Antworten

HK 12. November 2015 um 10:09

Ich würde fürs Erste mal den Ansatz „Regression zur Mitte“ in Betracht ziehen.

Antworten

MA 11. November 2015 um 22:52

In eigener Sache:
Diese Problemanalyse bedeutet auch das vorläufige Ende meines bisherigen Bayer-Leverkusen-Fokus‘.

In Zukunft wird man hier von mir vermehrt Analysen zu anderen Teams lesen können.

LG
MA

Antworten

mk 12. November 2015 um 00:06

Erfolgs-Analyst! Sobald es mal nicht läuft wendest du dich ab! 😉

Antworten

Kurt C. Hose 12. November 2015 um 09:00

hmmm … Wenn ich einen Wunsch dazu äußern dürfte: Vielleicht lesen wir ja in Zukunft hier tatsächlich mehr Analysen zur Entwicklung des in dieser Saison unvermutet erfolgreichen Rivalen der Werkself von der anderen Rheinseite? 😉

Ich als effzeh-Fan jedenfalls 😉 würde mich sehr freuen, mehr und mehr „in-depth“ zum effzeh und dessen Spielweise und Kader-Optionen zu lesen. Der FC spielt zwar bisher insgesamt taktisch vergleichsweise simpel – aber erfolgreich! Aus meiner (Fan-)Sicht hat Peter Stöger in den zurückliegenden zwei Jahren einen Riesen-Job darin gemacht, eine starke Zweitliga-Truppe mit begrenzter Kader-Qualität zu einem erfolgreichen Bundesligisten zu entwickeln. Das ist sicher kein Zufall sondern Folge einer nachhaltigen und den Möglichkeiten des Teams angepassten auch taktischen Entwicklung des FC – bei der übrigens Stögers Co und Video- und Taktik-Analyst Manfred Schmidt eine högschd wichtige Rolle spielt…

Mehr „Skandal-Spiele“ (Köln spielt Ballbesitz! zumindest phasenweise…) und Analysen über die gelungene taktische Einbindung und „Vernetzung“ der individuellen Stärken (und die resultierende Nivellierung der jeweiligen Schwächen!) wichtiger Spieler (Lehmann, Vogt, Osako, Hector, ggf. auch Heintz) dieser Mittelklasse-Mannschaft fände ich jedenfallls äußerst lesenwert. 😀

Antworten

koom 12. November 2015 um 13:05

Solangs nicht noch mehr Bayern-Analysen sind… 😉

Spaß beiseite: Den Artikel fand ich sehr gut und ich freue mich drauf, ähnliches über andere Teams zu lesen. Muss ja auch nicht unbedingt kriselnd oder aussergewöhnlich sein. Ingolstadt, Hertha und Köln wären da natürlich die naheliegenden Teams.

Eine Beleuchtung von Brentford fände ich aber auch reizvoll.

Antworten

demetrios 11. November 2015 um 22:39

Kampl ist Slowene. Keine Sorge, ist schon Präsidenten der Vereinigten Staaten und, um einen Fußballbezug herzustellen, einem Präsidenten des AC Milan passiert. 😉

Antworten

MA 11. November 2015 um 22:52

Schon ausgebessert 🙂 !

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*