4:4-Spektakel mit vielen Rhythmuswechseln

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Roger Schmidt sorgt gemeinsam mit seinen Spielern und dem AS Rom für eine spektakuläre Partie.

Die Roma sucht Breite in allen Linien

Von Anfang an fiel auf, wie breit die Gäste aus der ewigen Stadt sich positionierten. Im Spielaufbau fächerten die Innenverteidiger weit auf, um Szczesny einbinden und De Rossi abkippen lassen zu können. Die beiden Achter positionierten sich davor in den defensiven Halbräumen. Die Außenverteidiger suchten anfangs auch eine sehr hohe Grundposition, stellten sich jedoch mit fortschreitender Spieldauer tiefer und näher an den Innenverteidigern auf. Immer wieder standen sie in einem 3-4-3 oder einem 3-3-3-1 (in diesen Situationen Nainggolan höher, Pjanic tiefer) beim Aufbauspiel.

Die Passmuster gaben schon Einblick, worauf die Roma mit dieser Staffelung hinauswollte. Immer wieder gab es ruhige, passive Verlagerungen von einem Außenverteidiger über die Innenverteidiger und de Rossi auf den anderen Außenverteidiger. Ihr Ziel war es die Leverkusener zu langen Laufwegen zu zwingen, sie herauszulocken und die Herausrückbewegungen des Leverkusener Pressings zu bespielen.

Grundformationen

Grundformationen

Damit sollten Räume in den Halbräumen für die Achter sowie Möglichkeiten für Flügeldurchbrüche geschaffen werden. Dies zeigte auch die Besetzung der Sturmpositionen. Salah auf links, Florenz auf rechts sollten Breite geben, wobei das sehr schnell ad acta gelegt wurde. Nach dem frühen Rückstand und den Problemen der Anfangsphase agierte Salah auf rechts und Florenzi auf links mit unterschiedlichen Aufgaben.

Salah wurde breit angespielt, um sich zu drehen und mit seinen Dribblings in Richtung Mitte für Vorteile zu sorgen. Florenzi wiederum pendelte zwischen einer Position als Ablagestation im Zwischenlinienraum halblinks und einer noch weiter eingerückten Position als Zehner, wo er Räume für den nach links ausweichenden Gervinho öffnen sollte. Gervinho wich einige Male auch auf rechts aus und suchte immer wieder die Räume hinter den herausrückenden Außenverteidigern der Leverkusener.

Diese reagierten anfangs jedoch sehr gut darauf.

Leverkusen im 4-2-2-2 und im 4-4-2

Eigentlich spielen die Mannschaften von Roger Schmidt immer in einem 4-2-2-2. Die Flügelstürmer sind hierbei keine wirklichen Flügelstürmer, sondern zwei Zehner und teilen sich die Spielfeldbreite hinter den beiden Mittelstürmern und vor den beiden Sechsern im Pressing auf. Dieses Pressing gab es auch in der Anfangsphase zu sehen. Mithilfe der hohen Kompaktheit und dem Zentrumsfokus konnte man die Anspielstationen in der Mitte versperren und die Roma auf den Flügeln isolieren.

Allerdings gab es eine leichte Anpassung schon zu Beginn zu sehen. Das Herausrücken der Außenverteidiger bis auf die Höhe der Zehner gab es kaum zu beobachten. Desweiteren ließ sich der ballferne Zehner oft weit zurückfallen und es entstanden dadurch vielfach verschobene, asymmetrische 4-3-3-Staffelungen.

Außerdem ermöglichte die Führung einen weiteren Schachzug. Bereits gegen den FC Barcelona hatte Roger Schmidt von einem 4-2-2-2 auf ein 4-4-2 umgestellt. Dadurch machte man zwar weniger Druck auf den Gegner, doch durch die positionsorientierte Raumdeckung und das ballorientierte Verschieben sowie die verstärkte Breitenstaffelung in der zweiten Linie erhöhte man – zumindest auf dem Papier – die Stabilität in der Defensive und zwang den Gegner zu einer tiefen Ballzirkulation.

Passenderweise fiel das zweite Tor durch eine Balleroberung Kampls und Bellarabis beim gegnerischen Linksverteidiger Digne, der von beiden Seiten bei einem unnötigen Dribbling unter Druck gesetzt wurde. Die Roma ließ sich jedoch nicht hängen.

Pjanic und Co. zerbrechen das Leverkusener Pressing

Ungefähr aber der 20sten Minute startete die Roma mit einem deutlich aggressiveren Pressing und auch einem veränderten Spielaufbau. Insbesondere Pjanic übernahm das Ruder. De Rossi begann seltener abzukippen, Pjanic bewegte sich enorm weiträumig und bespielte die Räume hinter Chicharito und Bellarabi. Immer wieder konnte der Bosnier sich für Schnittstellenpässe der Innenverteidiger anbieten, den Ball unter Druck behaupten und intelligent nach vorne zirkulieren.

Dadurch überwand die Roma Leverkusens Pressing und drückte Bayer nach hinten. Mit Nainggolans enormem Aktionsradius öffnete dieser häufig Raum für Pjanic und unterstützte im Zwischenlinienraum auch die drei Angreifer. Bayer verlor im tieferen Pressing die Kompaktheit und auch die Zuordnungen waren problematisch. Sie öffneten nicht nur die Schnittstellen einige Male unnötig und gaben zu viele Standardsituationen weg, sondern besetzten auch die Verlagerungsmöglichkeiten und Rückpassoptionen der Roma nicht adäquat.

Pjanic konnte dadurch nicht nur das hohe Pressing überwinden, sondern gegen das tiefe Pressing den Ball wieder zurückfordern, verlagern und gefährliche Pässe Richtung Strafraum spielen. Die Bewegungen der Stürmer Romas konnten dadurch besser eingebunden werden.

Ein weiterer Faktor war das schwache Aufbauspiel Leverkusens. Papadopoulos und Tah bauten unter Druck häufig mit langen Pässen und unsauberen Staffelungen auf, Toprak hatte Probleme im Freilaufverhalten und Calhanoglu wirkte insgesamt isoliert vom Spiel. Einzig Kramer und Kampl konnte einige Male für guten Angriffsvortrag sorgen, obgleich sich Bellarabi und Chicharito durch ihre herausrückenden Bewegungen (ohne adäquate Reaktion der anderen Spieler) sowie ihre häufigen Tiefensprints teilweise selbst isolierten und lange (erfolglose) Bälle des Mittelfelds hinter die Abwehr Romas erzwangen. Donati als Rechtsverteidiger war ebenfalls ein Problem.

Kurzum: Die Rollenverteilung einiger Spieler sowie die individuelle Qualität unter Druck waren problematisch. Romas aggressives Pressing nach der Anfangsphase, häufig in einem asymmetrischen 4-4-1-1 (Salah auf rechts zockend, Florenzi tiefer) oder auch einzelnen 4-3-3/4-1-4-1-Staffelungen vergrößerte diese Probleme.

Standards entscheiden das Spiel

Letztlich waren es die Tore De Rossis nach Hereingaben bei ruhenden Bällen sowie Pjanics direktes Freistoßtor, welche die Partie drehten. Nach der Führung begann die Roma sich auf die Verteidigung zu konzentrieren und zog sich zurück. Die Flügelstürmer arbeiteten nun beide konstant nach hinten und konnten sich sogar neben die Außenverteidiger zurückfallen lassen.

Das sorgte für 5-4-1 und 6-3-1-Staffelungen. Es ermöglichte außerdem das abgesicherte Herausrücken der Außenverteidiger auf die Zehner und Mittelstürmer Leverkusens. So konnten einige Male Digne und Torodisis in den Zwischenlinienraum schieben, Florenzi und Salah wiederum standen dann kurzzeitig neben dem jeweiligen Innenverteidiger. Auch De Rossi konnte sich einige Male zurückfallen lassen und die Viererkette auffüllen, wenn nötig.

Leverkusen lief an, fand aber keine konstanten Durchbruchsmöglichkeiten. Die Einwechslungen von Brandt und Mehmedi brachten keine Veränderung. Kampl und Toprak auf der Sechs ergänzten sich ebenfalls nicht viel mehr als zuvor Kramer und Toprak, Calhanoglus Zurückfallen und seine Positionswechsel mit Kramer brachten keine Veränderung. Schließlich erzielte die Roma dank eines Konters noch das vierte Tor durch den eingewechselten Falque und vorentschieden damit das Spiel.

Leverkusen spielte in der Endphase letztlich extrem offensiv. Die Außenverteidiger agierten in der Schlussphase wie Flügelstürmer und die Offensivspieler bewegten sich frei in der Mitte, inkl. sogar Chicharito. Kampl baute das Spiel auf, war omnipräsent und auch Calhanoglu bewegte sich immer wieder ins Zentrum. Nach der Einwechslung Yurchenkos für Toprak spielten Kampl und Calhanoglu auf der Doppelsechs, liefen sich konstant im defensiven Halbraum frei, trugen das Spiel nach vorne und suchten dann die Anbindung an die Stürmer in der letzten Linie.

Ein paar Durchbrüche nach Einzelaktionen, z.B. nach Dribblings von Kampl, sorgten vorerst nicht für den Anschlusstreffer, doch ein brillanter Schuss Kampls führte zum 3:4. Direkt darauf fiel das 4:4, nun durch einen Schnittstellenpass Kampls und eine enorme Besetzung des gegnerischen Strafraums.

Fazit

Ein spektakuläres Spiel mit interessanter Taktik, vielen Rhythmuswechseln und einem dramatischem Verlauf. Nach einer frühen 2:0-Führung sind es drei Standards und ein Konter, welche für ein 2:4 aus Sicht der Leverkusener sorgen. Die Roma kann die Führung jedoch nicht verteidigen und erhält in der Schlussphase nach geschickten Wechseln Roger Schmidts noch zwei Tore. Beide Teams zeigten ihre schlechtesten Phasen, als sie passiver pressten und mit mehr langen Bällen aufbauten. Besonders die Anfangs- und Endphase der Leverkusener zeigte dies eindrücklich.

iflo 12. November 2015 um 02:23

Sicherlich vieles richtig wenn man sich alles durchließt.
Aber bei Standards sind Sie viel zu anfällig (Rom, Köln) die Tore fielen ja nur durch Standards.
Mit großen Leuten wie Toprak, Papadopoulos, Tah passiert hinten zu viel und vorne zu wenig!

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Edrik 21. Oktober 2015 um 19:26

So wie ich das gesehen habe gab es viel zu viel Platz zwischen den vorderen vier und dem defensiven Mittelfeld. Dadurch entstand das völlig untypisch schlecht abgestimmte Pressing bei Leverkusen. Klar ist Pjanic ein guter, aber er hatte es auch einfach: er musste einen Zweikampf gewinnen und hatte dann 20 m Platz vor sich. Ich glaube, dass da Toprak als Kapitän Schuld war: er hat sich instinktiv tiefer orientiert und dadurch Kramer neben sich mitgezogen und die Abwehr Richtung Tor gedrückt. Die offensiven haben Pjanic nicht verfolgt, weil er nach normalem Spielkonzept relativ schnell in Bender reingelaufen oder auf die Flügel ausgewichen wäre – da war aber keiner, und dem Leitwolf auf dem Platz wollte keiner Anweisungen geben. Calhanoglu als zu schlecht abzutun finde ich gewagt: er war am 1:0 und am 2:0 beteiligt, bei letzterem sogar mit einem Zuckerpass. Ja, er macht das Spiel manchmal langsam und will wie Özil den Ball ins Tor tragen, aber er ist in ein ganz fantastischer Spieler. Ähnlich wie bei Son wird mir viel zu häufig unterschätzt, wie viel er 90 Minuten lang für das Spiel tut, weil er nur selten spektakulär ist. Aber selbst da kann man ihm gestern wenig vorwerfen: viel spektakulärer als der Pass zum 2:0 geht kaum.

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MS 21. Oktober 2015 um 13:36

„Die Einwechslungen von Brandt und Mehmedi brachten keine Veränderung“.
Finde ich eine harte Aussage. Findets du nicht, dass Mehmedi im Gegensatz zu Bellarabi den Ball immer wieder bei sich behalten konnte und für diagonale und horizontale Bälle gesorgt hat, was dem zu vertikalen Spiel der Leverkusener mMn sehr gut tat, da sie folglich mehr und längeren Ballbesitz hatten. Der Wechsel vom Kampl in die Mitte (als Konsequenz der Brandt Einwechslung) öffnete durch seine schnellen Dribblings und durch das Überspielen von 1-2 Römern einige Räume für die Leverkusener und war hauptverantwortlich für die „Aufholjagd“.

Das Besetzen der defensiven Halbräume im Spielaufbau nach ca. 25 Minuten von Pjanic fand ich überragend und ausschlaggebend für den Momentumwechsel im Spiel. Für mich wirkte es fast, als ob Leverkusen keine Lösung hatte, wie denn nun gepresst werden soll und große Abstimmungsprobleme auf diese Adaption der Römer im Spielaufbau hatte.

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HP_Lehnhoff 21. Oktober 2015 um 12:42

„Die Einwechslungen von Brandt und Mehmedi brachten keine Veränderung.“
Ich behaupte: Die Einwechslungen von Brandt und Mehmedi haben das Spiel gedreht.
Zudem spielt Bellarabi seit X Spielen einen schlechten Fussball (immer Kopf unten, immer rennen und tricksen, wenn es ein einfacher Direktpass viel besser tun würde) ohne jede Konsequenz des Trainers, trotz Brandt und Mehmedi als Optionen für die Startelf.

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August Bebel 23. Oktober 2015 um 09:15

Ich finde ja, dass Bellarabi schon seit Schmidts Amtsantritt – vorher habe ich nicht auf ihn geachtet – so spielt: immer rennen, dribbeln und drauf auf die Hütte, egal von wo; bloß nicht abspielen. Das hat letzte Saison nur besser geklappt.

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Max 21. Oktober 2015 um 11:19

Brandt habe ich stärker gesehen. Mit ihm hat Leverkusen einen intelligenten Offensivmann gehabt, der die Zwischenräume im Mittelfeld anlief und in der Lage war offensiv zu entwickeln. Als Beispiel nenne ich mal das 4:4. Das hat Lev zuvor gefehlt, da Calhanoglu zu schlecht, Bellarabi zu linear nach vorne und Chicarito, wenn er sich denn mal fallen ließ, keinen Raumgewinn schaffte, da er zu sehr auf Höhe der IV schob. Allgemein fehlte es, wie bei Toprak beschrieben, an einem MF-Spieler, der die erste Station auf dem Weg nach vorne darstellte. Brandt schaffte das und war deswegen nicht nur vorm 4:4, sondern auch vorm 3:4 daran beteiligt, Lev überhaupt kontrollierten Ballbesitz im vorderen Drittel zu ermöglichen. Hat ja auch die Chance zum 5:4 vorbereitet.
Kampl gefällt mir in der zentraleren Rolle besser. Sein Schuss war gut, aber brillant? Ein starker Torhüter greift über und lenkt den an den Querbalken.
Das Experiment Toprak im ZMF sollte beendet werden und der Türke gemeinsam mit Tah die Innenverteidigung bilden. Damit hätte man auch eine höhere Spielstärke aus der Defensive raus, was ja auch angemahntwurde.
Donati und Calhanogu fehlt einfach die Qualität. Zumindest rechts hinten sollte Jedvaj Abhilfe schaffen.

Muss aber bekennen die dt Konferenz genossen zu haben, dementsprechend unter Vorbehalt^^

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king_cesc 21. Oktober 2015 um 00:07

Diesesmal wars stressiger den Artikel umzuschreiben oder? 😀

Danke für die schnelle Analyse! Mir gefällts wie die Feinheiten bei Leverkusen herausgearbeitet werden, die ja in den Mainstreammedian nur als Lauf und Freistossmannschaft dargestellt wird.

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