Was uns erwartet: Fünf Aspekte zur WM 2014

Der Start der Weltmeisterschaft rückt immer näher und damit auch die Anspannung bei allen Beteiligten, die SV-Autoren eingeschlossen. Eine kleine Vorschau:

Der Liebling der Hipster

Will man sich von der allgemeinen Masse der Fußball-Berichterstattung absetzten, sucht man gerne nach den vermeintlichen Außenseitern, die aber an sich grandiosen Fußball spielen, taktisch herausragend sind oder sogar etwas verrückt wirken. Dieser Fokus fällt bei der WM eindeutig auf Chile. Doch die Mannschaft von Jorge Sampaoli ist mehr als nur ein Liebling der Hipster oder Taktik-Nerds. Die Anden-Kicker sind Geheimfavorit und wollen ihren bisher größten Erfolg, den dritten Platz bei der Heim-WM 1962, übertrumpfen.

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Eine von zahlreichen Formationsmöglichkeiten der Chilenen

Was spricht dafür? Man hat aus der jüngeren Vergangenheit gelernt. Denn vor nicht allzu langer Zeit war Chile noch die Schießbude Südamerikas, kassierte in der WM-Qualifikation zahllose Treffer. Unter Trainer Claudio Borghi probierten die Chilenen auch hohe Pressingattacken, waren aber nicht kompakt genug und schlecht abgesichert. Zudem ist die Mannschaft nicht für tiefes Strafraumverteidigen geschaffen. Nach ernüchternden Auftritten musste Borghi im Herbst 2012 seinen Hut nehmen. Sampaoli übernahm den Posten und formte eine vielseitige Mannschaft, die recht locker zwischen Dreier- und Viererkette in der Abwehr hin und her wechseln kann und auch ansonsten von großer Intensität in allen Belangen lebt. Wer hohes Pressing, großen Einsatz in der gegnerischen Hälfte und kluges Agieren mit Deckungsschatten sehen möchte, ist bei Chile genau richtig. In Partie der Südamerikaner brennt der Rasen und sie werden trotz des Klimas auch in Brasilien nicht davon abrücken. Schlussendlich spricht eigentlich nur die ungünstige Auslosung gegen ein weiteres Vorrücken im Turnier. In der Gruppenphase warten Spanien und die Niederlande, im Anschluss könnte es gegen Gastgeber Brasilien gehen. Eine große Herausforderung. Aber Vidal, Alexis und Co. werden davor nicht zurückschrecken.

Der Tüftler

In der Gruppe B findet sich auch die Mannschaft von Bondscoach Louis van Gaal wieder. Der niederländische Nationaltrainer ist nicht selten Objekt von Charakterisierungen und medialen Erzählungen. Aber der 62-Jährige bietet ebenso genügend Stoff für Geschichten. Deutsche Fußballfans werden sich an so manche Gegebenheit in van Gaals Zeit bei Bayern München erinnern. Sein Faible für junge Akteure ist hinlänglich bekannt und auch das Oranje-Team wurde runderneuert. Im Mittelfeld muss er aber auf Roma-Star Kevin Strootman verzichten. Kurzerhand änderte er die Grundformation vor der WM in ein 3-5-2/5-3-2. Prompt kam Kritik am Bondscoach auf, da er das „niederländische“ System des 4-3-3 aufgrund einer Verletzung über den Haufen wirft und innerhalb kürzester Zeit neue Abläufe einstudieren lässt. Insgesamt wird die Niederlande etwas reaktiver auftreten und van Gaal möchte im Zentrum mit zwei Sechsern den Verlust von Stabilisator Strootman ausgleichen.

Zudem hat er einen größeren Feyenoord-Block und weitere eher unerfahrenere Kräfte in den Kader installiert. Die Heitingas und Emanuelsons sind den Martins Indis und Janmaats gewichen. Für Nicht-Kenner des niederländischen Fußballs mag die Elftal zum Teil wie eine No-Name-Truppe mit einigen verbliebenen Stars an der Spitze wirken, wobei selbst Wesley Snejder lange zittern musste. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Einerseits beharrt van Gaal auf einigen seiner taktischen Prinzipien, wie der geduldigen Ballbesitzzirkulation, aber weiß zugleich, wie hervorragende Individualkünstler wie Arjen Robben einzusetzen sind. Die Niederlande ist eine große Unbekannte. Für sie gilt ähnliches wie für Chile. Die Gruppe und auch die darauf folgenden KO-Spiele wirken wie eine immense Herausforderung. Van Gaal wird sein Amt nach der WM räumen und in Richtung Manchester weiterziehen. Verbrannte Erde hinterlässt er aber nicht. Vielmehr können die Oranje und Nachfolger Guus Hiddink von der Vorarbeit des eigenwilligen Trainers profitieren.

Der potenzielle Weltmeister

Es ist ein altes Lied. Eigentlich ist die Mannschaft Englands vom Personal her gut ausgestattet. Eigentlich müssten die Three Lions doch um den Titel mitspielen. Aber so richtig will es nicht funktionieren. Bei dieser WM ist die Quantität an Talent vielleicht so hoch wie lange nicht mehr. Wilshere, Barkley, Sterling, Oxlade-Chamberlain, Sturridge, Welbeck, Shaw, Jones – Namen, bei denen Fußballgenießer mit der Zunge schnalzen. Doch anscheinend versucht Roy Hodgson das Unterfangen WM-Titel zu sabotieren. Anders ist so manche Entscheidung nicht zu verstehen. Beim Test gegen Honduras durften sich sogar die Altmeister Stevan Gerrard und Frank Lampard für wenige Minuten als Duo im Mittelfeld versuchen. Es ist nicht überraschend, dass nach dem mageren 0:0 gegen die Lateinamerikaner die englische Presse Hodgson in der Luft zerriss.

Einst war der 66-Jährige eine Art Vorreiter in neuen taktischen Aspekten. Doch anscheinend ist er irgendwann hängen geblieben und stagniert seitdem. Das englische Team ist vollständig auf kompaktes Verteidigen im 4-4-2 und anschließendes Kontern ausgerichtet. Zudem sind die Offensivmechanismen sehr ausrechenbar. Hodgson vermag nicht aus der Struktur mit vielen Flanken und teils voneinander isolierten Mannschaftsteilen sowie klarer Pärchenbildung auszubrechen.

Es stehen gerade in der Offensive viele verschiedene Spielertypen mit unterschiedlichen Stärken zur Verfügung. Aber Hodgson wirkt nicht selten antiquiert und wird die talentierten Kadermitglieder wohl nur unzureichend nutzen können. Natürlich darf an dieser Stelle nicht maßlos übertrieben werden, doch eigentlich haben die Three Lions auch bei dieser WM Potenzial für den goldenen Pokal. Darauf wetten sollte aber keiner.

Das Comeback

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Dreier-(oder Fünfer-)Ketten darf man unter anderem von Mexiko, den Niederlanden und Costa Rica erwarten.

Während die Engländer auf ein 4-2-3-1-artiges  System vertrauen, wird andernorts davon abgerückt. Die Standardformation vormaliger Turniere ist nicht mehr allgegenwärtig, was selbstverständlich der Spannung und Unterhaltung nicht abträglich ist. Kollege TE formulierte bei seinen WM-Thesen auf Twitter unter anderem: „Die Taktikfreunde werden sich an diese WM als die Rückkehr der Dreierkette auf die ganz große Bühne erinnern.“

Nun gut. Liverpool und diverse italienische Städte gelten wohl nicht als „ganz große Bühne“. Insofern kann dies wirklich stimmen. Die Viererkette als Abwehrreihe schien seit langer Zeit fest zementiert zu sein. Doch die Squadra Azzurra spielte schon in der Vergangenheit mit drei zentraleren Verteidigern, wie es auch bei Juventus typisch ist. Mexiko um den Libero-artigen Rafa Márquez gesellt sich genauso wie van Gaals Niederlande, Chile oder Costa Rica hinzu. Zentrumskontrolle heißt das Zauberwort und ist der Gegenpol zu den flügellastigen Mannschaften, die es ebenso bei dieser WM geben wird. Passstärke in der Mitte und Laufstärke auf den Außenbahnen, die von jeweils einem Flügelläufer abgedeckt wird, prägen das Bild. Hinzu kommt die Flexibilität beim Überladen der Halbräume und Flügel sowie die grundsätzliche Dominanz aufgrund nummerischer Vorteile in wichtigen Zonen. Guardiolas 3-4-2-1 im DFB-Pokalfinale war anscheinend der Auftakt zum Comeback der Dreierkette, das sich nun bei der Weltmeisterschaft fortsetzen wird. Brendan Rodgers und Antonio Conte sehen es sicher mit Genugtuung.

Where the hell is Baier?

Zum Schluss sollten noch diejenigen gewürdigt werden, die vollkommen zu unrecht das Nationenturnier lediglich am heimischen Fernseher verfolgen werden. Wenn ein hochtalentierter Spielmacher im besten Alter namens Daniel Baier beim FC Augsburg Woche für Woche überragende Leistungen bringt und mit sammeresquer Spielintelligenz brilliert, scheint das nicht zu reichen. Nebenher stimmen auch seine Quoten in der Bundesliga: 3,5 Tacklings, 3,4 Balleroberungen, 1,9 Dribblings pro Spiel. Trotzdem war der 30-Jährige wohl nie eine ernsthafte Option für Joachim Löw. Doch Daniel Baier ist nicht der einzige.

Ever Banega ist womöglich eine Art argentinischer Baier, wobei dieser Vergleich auch hinkt. Am 25-Jährigen, zuletzt von Valencia an Club Atlético Newell’s Old Boys ausgeliehen, scheiden sich die Geister. Banega war sogar im erweiterten WM-Kader der Albiceleste. Aber er schaffte den Cut nicht, wodurch ein eigentlich genialer Spieler dem argentinischen Team abhanden kommt. Im 4-3-1-2 der Südamerikaner hätte Banega eine kreative Halbposition einnehmen können. Er verkörpert das schlampige Genie nahezu perfekt. Seine Dribblings sind oft schludrig, seine Fitness schwankend, seine Form nie wirklich konstant. Dafür bringt Banega eine hohe Spielintelligenz gepaart mit präzisen Pässen, engen Bewegungen und so manchem brillanten Tackling ein. Eine Raute mit Ángel di María und Banega auf den Halbpositionen bleibt vorerst ein Traum. Wer gesellt sich noch zur Liste der Nicht-Nominierten hinzu?Filipe Luís, Kostas Mendrinos, Radja Nainggolan, Samir Nasri, Carlos Tevez, Luis Perea, Giuseppe Rossi, Kevin Volland, Carlos Vela, Michu…um nur einige zu nennen.

Wer detaillierte Analysen zu allen Teams lesen und zugleich erfahren möchte, warum Jorge Sampaoli ein „Wahnsinniger“ ist und wie man Spanien knacken kann, der sollte sich noch das Vorschauheft zur WM zulegen.

Mario 19. Juni 2014 um 15:47

Schön auch, dass die Dreierkettenmannschaften Holland, Mexiko und Costa Rica alle positiv überraschen konnten

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Adebar Storch 13. Juni 2014 um 09:55

Ich hab das Gefühl das Löw auch mit einer halben Dreierkette plant.
Dazu erstmal die Positionen:

Durm LV
Hummels LIV
Mertesacker RIV
Boateng RV

Lahm RDM
Khedira LDM

sieht für mich danach aus, dass man hinten sehr flexibel mit 3er, 4er und sogar 5er Kette spielen kann. letzteres eher um Ronaldos dunstkreise auf der rechten seite einzuschränken wenn er von da kommt.

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Micoud 13. Juni 2014 um 06:35

An die Redaktion: Habt ihr zufälligerweise das Doppelinterview der Zeit mit Bela Rety und Marcel Reif gelesen? Da hat der Reif sich ganz schön lustig gemacht über eure Art, auf Fußball zu blicken. Er habe im noch nie im Leben einen dieser abknickenden 6er, falschen 9er oder gar sich verschiebende Mannschaftsteile entdecken können, die gewisse „IQ-Analytiker“ dauernd ausmachen würden. Man dürfe Fußball nicht verkopfen, Fußball sei Emotion. Und Bela Rety blies so ungefähr ins selbe Horn.

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HW 13. Juni 2014 um 10:04

Zur Verteidigung von Marcel Reif. Er als Kommentator hat natürlich eine andere Aufgabe als Schreiber eines Fußballblogs.

Natürlich ist Fußball Emotion. Aber nicht Emotion alleine. Emotionen müssen ja erstmal geweckt werden. Dies geschieht durch die Verbindung des Fans zum Sport und zu einer Mannschaft. Dann muss das Spiel emotional mitreißend sein. Es gibt ja Sprüche wie, „Das Spiel lebt von der Spannung“ oder „… ist nur etwas für Taktikfreunde“, oft sind die totaler Quatsch.
Aber Emotion und Intellekt schließen sich nicht aus. Die menschliche Welt teilt sich nicht in Roboter und Tiere. Wie entstehen denn spannende Spiele? Auch durch Taktik und Strategie. Und Taktik ist auch immer Ausdruck des Charakters von Trainern, Spielern oder sogar Vereinshistorie. Natürlich spielt also auch die Emotion in der Taktik eine Rolle.

Fernsehsender verkaufen Emotionen. Es schauen mehr Leute Liebesfilme als Schachturniere. Dass Marcel Reif also die emotionale Bindung betont ist verständlich. Jeder gute Verkäufer baut eine emotionale Bindung zwischen Kunde und Produkt auf und verlässt sich nicht alleine auf Fakten.

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once-in-a-while 13. Juni 2014 um 20:55

Emotionen zu betonen ist das Eine – aber beschleicht nicht auch andere bei diesem Interview das Gefühl, dass es keine bewusste Entscheidung für Emotionen und gegen mehr Taktik-Hintergrund ist, sondern dass diese Herren gar kein Interesse daran haben zu verstehen, wie das Spiel „funktioniert“? Ich war, ehrlich gesagt, über dieses Lustigmachen (das ich genauso gelesen habe) ziemlich entsetzt und fand es unfreiwillig entlarvend für den Interviewten.

Als die ZEIT anfing, eine Fußball-Seite in die Print-Ausgabe aufzunehmen, dachte ich, es würde auch dort mehr von den durchaus für mich oft erfreulichen Online-Ansätzen von Dobbert, Fritsch, Spiller & Co. geben. Aber dieses Interview hätte man doch genauso gut in Sport-Bild drucken können. Ich bin wirklich kein Experte und komme mir hier bei SV oft vor wie der Blinde, dem man von den Farben vorschwärmt; aber ich verdiene auch nicht mein Geld damit. Wie man sich professionell damit zufrieden geben kann, Fußball immer nur auf dem niedrigsten, boulevardeskesten Niveau abzuhandeln, ist mir schleierhaft. [Und auf der Basis solcher Diskussionen wird dann hinterher der Trainer gefeuert.]

Sorry for the rant.

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HW 14. Juni 2014 um 09:00

War meine Bezeichnung von Marcel Reifals Verkäufer nicht Kritik genug? Vielleicht sieht Reif wirklich keine abkippenden Sechser. Vielleicht bezeichnet er das auch nur anders oder er will es aus Kalkül nicht zugeben. Mir ist das egal. Kommentatoren sind nichts anderes als Marktschreier, die teuer eingekaufte Senderechte an die Masse bringen sollen. Manch einer setzt dabei auf Fachwissen, aber alle müssen die emotionale Schiene bedienen.

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HW 14. Juni 2014 um 09:03

PS Vielleicht fühlt sich Reif auch in seiner „Kompetenz“ bedroht und bagatellisiert durch schlechten Witz die Berichterstattung über Taktik?

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karl-ton 14. Juni 2014 um 18:09

Naja, Emotionen sind ja toll und sicher auch nötig. Aber bei diesen Typen klingt das immer so als würden sich Emotionen und Kenntnisse ausschließen. Ein Punkt den ich nach wie vor nicht nachvollziehen kann. Ich schaue ja auch gerne auf ein Spiel und gehe da mit und könnte sicher keine Analyse danach schreiben (mit Glück erkenne ich das System). Aber wenn ich zumindest einige Zusammenhänge erkennen kann und entscheiden kann ob mien Mannschaft scheiße spielt oder die anderen so gut oder beides, dann hilft das schon enorm.

Abgesehen davon: Das ganze ist ein typisch deutsches Nichtargument. Wenn ein einzelner tatsächlich nur Emotion oder Kopf könnte, dann kann man ja ganz einfach zwei dahin setzen. Problem solved…

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Koom 16. Juni 2014 um 13:06

Im Grunde sind es 2 Sichtweisen auf den Fußball, die zwingend zusammengehören. Man kann es jeweils getrennt besprechen und thematisieren, wird damit aber nie „die ganze Wahrheit [tm]“ erfassen.
Taktik finde ich hochspannend und finde es (wie du) toll, wenn man gewisse Dinge (abkippen, überladen, Deckungsschatten) dann feststellen kann. Das sind kleine, coole Details. Letztlich entscheidet sich Fußball erschreckend oft aber in sehr kleinen Szenen, die manchmal wenig mit der Taktik der Teams zu tun hatten. Wird hier auf SV.de idR aber auch gut dargelegt.

Gewissermaßen ist Fußball wie Boxen: Ein Boxer kann stilistisch perfekt boxen und würde nach Punkten gewinnen. Er macht es durch das punktwertigere Boxen auch wahrscheinlicher, dass er selbst keinen Schlag abbekommt und der Gegner mehr, was auch einen KO wahrscheinlicher macht. Letztlich reicht aber ein Lucky Punch des Gegners und er verliert trotzdem.

Fußball ist wirklich wahnsinnig variantenreich, merkt man an Analogien. Da kann man Vergleiche mit Schach oder Boxen ziehen, was sich zumindest beim ersten Hinsehen einfach stark unterscheidet.

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fussballdiaspora 13. Juni 2014 um 11:27

Wie das in der Realität sich anhört, durfte man gestern wieder beim Eröffnungsspiel miterleben. Was für ein Geschwätz!!

Die zentrale Fähigkeit als Fußball-Fernsehmoderator scheint zu sein, Gedanken lesen zu können. Der gute Bela hat gestern wieder so oft einzelnen Spielern oder der jeweiligen Mannschaft Überlegungen unterstellt, die nur mit direktem Draht zu deren jeweiligen Hirnen zu bekommen wären. (Kann die NSA vielleicht sowas?)

Fußball mag ja von Emotionen leben, aber die närrischen Kommentatoren reden gar nicht über Fußball, sondern malen bunte Eigenwelten mit Spuren von DADA.

Das Problem von diesen Leuten ist Jürgen Klopp. DER hat es nämlich geschafft, beide Welten, die Fußball-IQ und Fußball-Emotion, miteinander zu verbinden.

Seinerzeit als Experte beim TV hat er einem breiten Publikum vorgeführt, dass es beim Fußball mehr gibt als das Offenkundig (und vom Kommentator zusammenphantasierte) und zwar auf eine unterhaltsame Weise. Das hat die Latte für viele Fußball-Interessierte so hoch gelegt, dass die Kommentatoren nur noch darunter durchspringen können.

Übrigens: Die Bildführung bei der Übertragung neigt sich immer weiter weg vom Fußball. Ich werde noch einmal mit einer Stopp-Uhr ein Spiel verfolgen und aufzeichnen, wie viele

– Spielzüge und Bewegungen der kompletten Teams
– ekstatisch zuckende Zuschauer / blöd glotzende Promis
– Nahaufnahmen in Zeitlupe von Spieler-/Trainer-Gesichtern
– Superzeitlupeaufnahmen von Zweikämpfen an der Seitenlinie (wirklich großartig)
– …

gezeigt werden. Man muss m.E. nicht allzu boshaft sein, um die Meinung zu vertreten, dass das auch längst eine visuelle Phantasie-Show um den Fußball ist, der vom Fußball immer weiter wegführt.

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HW 13. Juni 2014 um 13:19

That’s entertainment!

Die Kameraführung nervt z. T. richtig. Super Zeitlupen in HD von Spielernahaufnahmen nach(!) einer Aktion (Oh Spieler X schaut enttäuscht). Und dann drei oder vier Nahaufnahmen am Stück. Qualität hat heute ja mehr mit HD und zig Kameraeinstellungen zu tun, als mit dem Spiel. Total sinnlos, außer man will die emotionale Verbindung zum Zuschauer. Die besteht nicht mehr automatisch, weil nicht nur Fans der Teams vorm Fernseher sitzen, sondern ‚Neutrale‘. Das ist halt keine Berichterstattung wie vor 50 Jahren.

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RM 13. Juni 2014 um 16:46

Er hat „IQ-Analytiker“ genutzt? Was soll das denn heißen?

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Guergen 14. Juni 2014 um 00:54

Das ist ein Liveticker über den Anus einer Kuh.

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TonyS 14. Juni 2014 um 12:42

Gestern beim Chile-Spiel hat Wolf-Dieter Poschmann gezeigt, dass es auch anders geht. Ist zwar nicht taktisch ins Detail gegangen, aber das kann man auch nicht erwarten von einem Kommentator. Aber im Gegensatz zu Rethy, Reif usw. ist er zumindest auf Offensichtliches (Abkippen von Diaz, wechselnde Staffelungen der Chilenen, v.a. im Mittelfeld, extremes Pressing, Offensivfluidität bei Chile und gegenteiliges bei Australien, solche Sachen halt) eingegangen und hat den taktischen Hintergrund nicht geleugnet. Ich finde das kann man von einem Kommentator schon erwarten, daran könnten sich andere mal ein Beispiel nehmen. Und so oft wie er Diaz hervorgehoben und gelobt hat, könnte man fast meinen er hätte den Artikel in der Vorschau über ihn gelesen 😉

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S. Epp 13. Juni 2014 um 00:40

Auch wenns vielleicht nicht so richtig zur WM passt, aber das 3-5-2 war Thema im Artikel: Denkt ihr, dass 3-5-2-artiges künftig im Klubfußball öfter zu sehen sein wird? Oder anders gefragt: Warum spielt das derzeit (fast) niemand?

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HW 13. Juni 2014 um 09:07

Einerseits ist das natürlich eine Phase. Es gab auch mal ne Zeit in der in Deutschland kaum mit 4er-Kette, aber dafür mit Libero gespielt wurde.

Wenn immer mehr Teams anstatt klassischer Flügelspieler, inverse Winger oder Spielmacher einsetzen und damit die Flügelarbeit hauptsächlich den Außenverteidiger über lassen, dann werden wir bestimmt auch mal wieder die 3er-Kette sehen. Situativ gibt es das im Aufbauspiel ja schon länger, jetzt muss sich nur noch ein Trainer dazu durchringen auch in der defensiven Phase die Linie beizu behalten.
Experimente konnte man schon sehen (gerade von den Top-Teams: Dortmund, Bayern, die Nationalelf). Die Frage bleibt aber ob es sich dabei um ein sehr offensives, pressingbetontes System handelt oder ob einfach zur defensiven Stabilisierung eine 5er-Kette aufgebaut wird.

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Maratonna 14. Juni 2014 um 11:17

„Habe noch nie einen abkippenden Mittelfeldspieler gesehen“! Hält er das das immer noch für den Libero oder was? Wie ignorant und überheblich kann man nur sein…Das auf Taktikseiten Analysen und Diskussionen manchmal zu theoretisch und vage sind ist klar, aber wenn die schon die offensichtlichsten Dinge nicht erkennen oder verstehen………

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Kölner 12. Juni 2014 um 11:36

Sehr interessanter artikel.. ich frage mich wie man chile nicht als geheimfavorit ansehen kann mit dem spielermaterial und dazu noch der entwicklung die sie genommen haben unter sampaoli. Ich freu mich auf die duelle mit spanien und niederlande unglaublich!

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Michael 12. Juni 2014 um 09:48

Chile Geheimfavorit? Das ist doch wirklich albern…
Im Normalfall wird Chile hinter Spanien und Holland Dritter in Gruppe B und fährt nach der Vorrunde nach Hause. Und wenn es Super läuft werden sie Zweiter und scheiden im Achtelfinale gegen Brasilien aus….

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PP 12. Juni 2014 um 11:14

Chile hat nach dem 1. Spieltag vorr. 3 Punkte auf dem Konto. Spanien möglicherweise nur 1 Punkt. Nicht auszuschließen, da Spanien traditionell sehr gemächlich in die Turniere startet (siehe 1-0 Niederlage gegen die Schweiz bei der letzten WM). Außerdem war das letzte Aufeinandertreffen Spanien-Holland auch sehr ausgeglichen (1-0 n.V.)

Dann muss Spanien erstmal gegen Chile gewinnen. Im besten Fall knüpft Chile den Spaniern ebenfalls einen Punkt ab. Das Zeug dazu haben sie. (was sie beim 2:2 gegen Spanien und 0:1 gegen Deutschland auch schon bewiesen haben)

Ausgangslage vor dem letzten Gruppenspiel Chile 4 Punkte, Spanien 2 bzw. 4 Punkte, Holland 4 bzw. 3 Punkte. Spanien gewinnt sein letztes Spiel gegen Australien und kommt weiter. Holland steht gegen Chile möglicherweise unter Druck. Ein Punktgewinn bzw. ein Sieg Chiles ist unter den Vorrausetzungen auch nicht unrealistisch.

So schwer die Gruppe Chiles auch sein mag, sind die Spielansetzungen in ihrer Chronologie perfekt für die Truppe meiner Meinung.
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass Chile die Gruppe gewinnt und Spanien im Achtelfinale auf Brasilien trifft. Hätte doch was.

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blub 12. Juni 2014 um 11:18

Die sehen zwar nicht aus wie die stärkste Mannschaft des Turniers, aber:
One does not simply beat Chile at a game of football.

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RM 12. Juni 2014 um 11:23

Chile hat halt das Pech, dass sie als eine der Top-8-Mannschaften des Turniers direkt in einer Gruppe mit einem strategisch wohl unangenehmen und individuell stärkeren Gegner (der Niederlande) sowie einer Top-3-Mannschaft (Spanien) sind, dazu kommt als möglicher Gegner die nächste Top-3-Mannschaft. Aber: Fußball und insbesondere Weltmeisterschaften mit drei Spielen in einer Vierergruppe sind zufallsbasiert. Am Ende kann Chile vielleicht Erster werden (glückliches Unentschieden gegen Spanien, knapper Sieg gegen Niederlande, klarer Sieg gegen Australien) oder Brasilien wird irgendwie Zweiter (Unentschieden im Eröffnungsspiel wegen Drucks und konservativer Ausrichtung und Mauervorstellungen mit knappen Ergebnissen in den Folgespielen) und plötzlich steht Chile im Viertel- oder Halbfinale. Oder sie haben Pech / schlechte Tagesform gegen Australien und werden Letzter. Darum ist für mich eine Top-8-Mannschaft immer ein Mit- bzw. Geheimfavorit, unabhängig von der Gruppe. Kann halt so oder so laufen.

Und richtet man sich rein nach der Wahrscheinlichkeit und Rationalität, dann muss man entweder so gut wie jede Mannschaft als Geheimfavoriten bezeichnen (jeder hat eine Chance) oder niemanden, weil Spanien oder Brasilien eh gewinnen (kollektiv wie individuell stärkste Mannschaft versus sehr starke Mannschaft mit Heimvorteil). Aber das wäre ja langweilig.

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Michael 12. Juni 2014 um 15:39

Der Heimvorteil wird ohnehin überschätzt (Bei den letzten acht Turnieren hat es gerade mal Frankreich als Heimmannschaft zum Titelgewinn geschafft) und abgesehen davon hat Brasilien eine brutal schwere Auslosung. Wenns normal läuft im 8F Holland, dann wahrscheinlich im VF England, im SF Deutschland und im Finale Italien, Spanien oder Argentinien. Vier Spiele gegen solche Topteams hintereinander zu gewinnen ist praktisch unmöglich, daher: Brasilien wird wahrscheinlich nicht Weltmeister….:)

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Soulcollector 13. Juni 2014 um 06:51

Also Heimvorteil heißt nicht automatisch, dass man das Turnier auch gewinnt. Aber eine besonders gute Leistung darf man dem Heimteam schon zutrauen.
2010 war Südafrika nicht unbedingt das beste Beispiel.
2006 kam Deutschland bis ins Halbfinale, was vorher niemand gedacht hat (schon gar nicht nach dem 1:4 gegen Italien in der Vorbereitung).
2002 kam Südkorea ebenfalls bis ins Halbfinale; das beste Ergebnis dieser Nation bei einer WM.
1998 hat sich Frankreich den Titel geholt.
1994 kamen die USA ins Achtelfinale, sind aber nur knapp gegen den späteren WM ausgeschieden.
1990 wurde Italien Dritter. Auch nicht unbedingt schlecht.

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uves 13. Juni 2014 um 12:50

Wenn du schon von 2 der top 3 spricht, wüsste ich schon noch gern den dritten deiner Meinung nach: Argentinien wegen Südamerika WM oder Deutschland?

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rodeoclown 12. Juni 2014 um 12:44

In meinem WM-Tipp wird Chile sogar Gruppenerster, um in ihrer ganzen Begeisterung dann gegen Badelj, Modric und Kovacic zu oft ins Leere zu laufen. Um dem #SV-Hipster getreu zu werden darf da aber auch Japan nicht im Finale fehlen.
Kurzpasskonter > Nadelsechser > Angriffspressing > Ballbesitz > Kurzpasskonter

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blub 19. Juni 2014 um 00:08

Bitte. Danke. Herzlichen Glückwunsch zu dieser gelungenen Einschätzung.

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HW 19. Juni 2014 um 16:01

Was soll man machen? Die Spanier sollen sich gefälligst an die Wettquoten halten.

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Chris 12. Juni 2014 um 08:56

Toller Artikel!!
Da so oft die Rede von „Halbräumen“ bzw. „Halbräume bespielen“ ist, wollt ich mal fragen, ob ihr mir vl. erklären könnt, was ihr genau damit meint. Sind das die Räume zwischen den Viererketten?? Find da leider nix eindeutiges im Internet.

Vielen Dank und bitte weiter so 😉

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CE 12. Juni 2014 um 09:16

Die Räume zwischen Ketten/Linien sind die Zwischenlinienräume. Das sind also mehr die Zwischenräume vertikal gesehen. (http://spielverlagerung.de/zwischen-den-linien/)

Mit Halbräumen sind hingegen die Zonen zwischen den Außenbahnen und dem Zentrum gemeint. Da ergeben sich häufig Schnittstellen in den Formationen. Es gibt vielleicht gewisse Lücken, in die man dynamisch eindringen kann. (Hier ein Artikel von 2012 zu Bremens Anfälligkeit in den defensiven Halbräumen um den zentralen Sechser herum: http://spielverlagerung.de/2012/09/25/kurz-ausgefuhrt-bremens-halbraume/)

Ich hoffe, das hilft weiter.

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mk 12. Juni 2014 um 10:31

RM wollte vor Monaten (!) ja angeblich „in den nächsten Wochen“ (!) einen Taktiktheorie-Artikel zu Halbräumen schreiben. Aber ich hatte damals schon das ungute Gefühl, dass er nur mit unseren Gefühlen spielt.
Ab heute Abend hat er natürlich auch noch einen guten Grund, keine Zeit mehr zu haben. Diese Österreicher… 😉

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RM 12. Juni 2014 um 10:51

Sorry, durch das WM-Heft und den Stress in den letzten Monaten kam das nicht ganz zustande. Sind aber schon immerhin 4800 Wörter, das wird schon. Irgendwann diesen Sommer.

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mk 12. Juni 2014 um 11:24

Jaja, kein Stress! Wollte nur ein bisschen sticheln. Man weiß ja, dass ihr viel zu tun habt (bzw. hattet, WM-Heft ist der Wahnsinn; „SV-Hipstar“ ist ne nette Kategorie). Man munkelt ja ihr hättet sogar noch ein Leben abseits von SV.de… Von daher gedulde ich mich einfach noch solange wie es eben braucht.

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ehrmantraut 12. Juni 2014 um 14:33

Hier geht es sehr ausführlich um Halbräume und wie man sie bespielt (auf Englisch):
adinosmanbasic.wordpress.com/tag/half-spaces/
adinosmanbasic.wordpress.com/2013/12/20/halfspaces-part-2-mixed-positions/

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