FC Bayern München – FC Augsburg 3:0

Mit dem 37. Spiel in Folge ohne Niederlage stellen die Bayern einen Bundesligarekord auf. Dabei zeigten sie in der Partie gegen Augsburg, wie man sich auch als individuell stärkere Mannschaft an den Gegner anpassen kann. In diesem Artikel sollen einzelne Aspekte des Münchner Spiels, Daniel Baier und die grundlegenden taktischen Versuche der Augsburger geschildert werden.

Bayerns Aufbauspiel mit Variabilität auf den Flügeln

Waren die Bayern in den letzten Wochen noch phasenweise wieder zu einer 2-3-2-3-Formation im Aufbauspiel zurückgekehrt, so agierten sie dieses Mal über weite Strecken hinweg wieder mit einer klaren Dreierkette in der ersten Phase des Aufbauspiels in der Abwehr. Javi Martinez ließ sich von seiner nominellen Position im defensiven Mittelfeld zurückfallen und kippte zwischen Dante und Boateng ab. Diese agierten enorm breit und teilweise gab es eine 3-3-3-1-Formation zu sehen, in welcher Dante und Boateng manchmal sogar am weitesten auf außen positionierten Spieler gaben.

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Die Außenverteidiger bewegten sich nämlich enorm weit nach innen, insbesondere Rafinha in der Anfangsphase ging weit in die Mitte und fand sich in der sechsten Minute sogar im linken offensiven Halbraum wieder. Dies war möglich, weil sowohl die Achter als auch die Flügelstürmer leicht asymmetrisch in ihren Laufwegen agierten.

Auf links rückte Franck Ribéry immer wieder in die Mitte ein, Kroos trieb sich primär vor der Dreierabwehr herum und verteilte die Bälle. Mario Götze und Philipp Lahm hingegen hatten mehr Aktionen auf dem Flügel, Götze blieb in der Anfangsphase sehr oft auf der Auslinie und Lahm sicherte bei Rafinhas Läufen gelegentlich auf halbrechts ab und hielt sich dann breiter.

Philipp Lahm als taktisches Perpetuum mobile und dessen Auswirkungen

Generell war Lahms Rolle ein weiteres Zeugnis seiner Klasse: Dieses Mal agierte er nicht als Sechser vor der Abwehr, sondern spielte als höchster der drei Mittelfeldspieler und besetzte immer wieder den Zwischenlinienraum, wo er als pressingresistente Anspielstation agierte. Wohl kein anderer Fußballer der Welt kann von sich behaupten, dass er in den ersten acht Minuten eines Spiels eine sehr enge Situation nahe des gegnerischen Strafraums auflöste, einen tödlichen Pass spielte, im Positionsspiel wenn erforderlich die Außenverteidigerposition einnahm und sich einmal situativ im Pressing auch die Position des Mittelstürmers übernahm.

Zusätzlich kam er auch noch immer wieder intelligent zurück und unterstützte Kroos im Aufbauspiel, wenn das asymmetrische Augsburger 4-4-1-1 nach vorne schob und Martinez die Passwege versperrte. Im weiteren Spielverlauf wurde diese Aufteilung aber etwas verändert: Rafinha agierte zunehmend vertikaler und linearer (40% der bayrischen Angriffe kamen über den rechten Flügel, Rafinha am Ende mit sehr hoher Grundposition, höher als Alaba sogar), Götze schob verstärkt in die Mitte (mittigere Durchschnittsposition als Ribéry am Ende), wodurch Lahm weniger nach vorne schob, sondern sich ungefähr auf Höhe Kroos‘ im Mittelfeldband bewegte und den Spielaufbau unterstützte.

Mit Kroos und Lahm sowie den vielfach hereinkippenden Außenverteidigern, die durch die breite Dreierkette in Ballbesitz abgesichert wurden, und die freien Außenstürmer hatte Bayern deutlich mehr vom Ballbesitz. Sie ließen nur selten gefährlichen Situationen zu, konnten dank der Führung den Ball zirkulieren lassen und sich auf Stabilität konzentrieren.

Manuel Neuer wurde immer wieder bei versuchten Angriffspressingintervallen der Augsburger eingebunden, mit seinen 29 Pässen (bei Augsburg hatte einzig Baier mehr) und 97% Passgenauigkeit war er abermals eine wichtige Stütze im Spielaufbau. Allerdings gab es eine weitere Anpassung in der Defensive, welche ihnen diese Stabilität bescherte.

Bayern gegen Baier

Abermals zeigte Baier eine gute Leistung, allerdings tat er sich deutlich schwerer präsent nach vorne zu sein und das Angriffsspiel seiner Mannschaft aus der Tiefe aufzubauen. Insgesamt wurde Baier 3mal gefoult (nur Ribéry und Altintop öfter), verlor die fünftmeisten Bälle aller Spieler auf dem Platz (hinter Dante, Ribéry, Martinez und abermals Altintop) und konnte lediglich einen Torschuss vorbereiten. Das Pressing der Bayern wurde eigentlich nur leicht angepasst, aber in der defensiven Positionsfindung wurde ein besonderes Augenmerk auf Baier gelegt.

Dieser sollte nämlich immer von einem der höheren Spieler in den Deckungsschatten genommen werden, um nicht angespielt werden zu können. Dank seiner guten Bewegung konnte er sich dennoch öfters freilaufen, wurde dann aber in eine situative Manndeckung der Achter genommen. Hierzu gibt es gleich zwei interessante Szenen.

Bayern vs Baier - Szene 1

Bayern vs Baier – Szene 1

In dieser Szene treibt Klavan den Ball nach vorne und sucht nach einer Anspielstation. Mandzukic läuft ihn an und versperrt ihm die Möglichkeit zu einem Querpass, wodurch Klavan nun einen langen Ball spielen müsste. Baier steht zu nahe an einem Gegenspieler, sprintet aber zurück und bietet sich für Klavan an; allerdings wird Baier gleichzeitig von Lahm mannorientiert verfolgt, wodurch er sich nicht drehen oder einen spielverlagernden Pass machen kann. Stattdessen spielt Baier zurück auf Klavan in den Raum und es gibt eine ähnliche bzw. noch schwierigere Situation als zuvor.

Jedoch habe ich zuvor erwähnt, dass Baier trotzdem eine gute Partie zeigte; die Ursache ist einfach. Einerseits war er defensiv gut, konnte einige Angriffe unterbinden, war sehr gut im Gegenpressing und in seinem Stellungsspiel. Andererseits hatte er dennoch gute Szenen in der Offensive, die er dank seiner Qualität und dank seiner speziellen Stärke hatte. Seine erste spezielle Stärke ist das intelligente Bewegen, um sich freizulaufen. Diesem Umstand wollte man mit den Manndeckungen Rechnung tragen, wie die zweite Szene darlegt.

Bayern vs Baier - Szene 2

Bayern vs Baier – Szene 2

Götze stand vor Baier und hatte diesen Deckungsschatten, daraufhin lief er Klavan an. Baier bewegte sich kurz in Richtung des Raumes zwischen den beiden Innenverteidigern, worauf Götze aber reagierte und Klavan bogenartig von der anderen Seite anlief. Baier reagierte sehr schnell (ich möchte ihm nicht unterstellen, dass er das Abkippen antäuschte, um Götze aus dem Spiel zu nehmen) und bewegte sich in die andere Richtung. Klavan konnte ihm dorthin einen Pass spielen, doch Kroos sprintete sofort auf Baier und setzte ihn mannorientiert unter Druck.

Diese Bewegung dürfte wohl auch zeigen, dass Guardiola Baier gesondert unter Druck setzen wollte. Vogt wurde in der Szene zuvor schon viel Raum gelassen, in dieser Szene orientierte sich dann sogar Kroos auf Baier, da dieser die Möglichkeit eines Passes auf Baier zuerst erkannte und die Priorität im Deckungsspiel auf dem Ausschalten des Augsburger Spielgestalter lag.

Augsburg kurz besprochen und ein Fazit

Baiers zweite besondere Stärke war jene, die Augsburg einige Ballgewinne im Gegenpressing und Schüsse aus diesen Situationen ermöglichte. Dies ist auch der Grund, wieso Baier schwer aus dem Spiel zu nehmen ist. Man kann ihn zwar im Aufbauspiel isolieren (wie es Mainz vergeblich tat) oder ihn aggressiv bedrängen (wie es Bayern erfolgreich tat), aber bei Gegenpressingaktionen oder bei zweiten Bällen schaltet Baier enorm schnell, erobert viele Bälle und kann dann sofort Pässe spielen. Diese Pässe sind nicht nur Kurzpässe aus der Bedrängnis heraus, sondern teilweise direkte Bälle über 20 oder 30 Meter, die offene Räume bespielen.

Augsburgs Problem war aber, dass sie im Gegenpressing der Münchner, in den individuellen Zweikämpfen und beim Abschluss nicht mithalten konnten, wodurch sie zwar dank ihres guten Aufbau- und Pressingspiels zu beachtlichen neun Schüssen kamen, aber keiner davon aufs Tor ging. Die frühe Führung für die Bayern tat ihr Übriges, auch die guten Angriffe über rechts bei Augsburg (42%) mit dem gewohnt kombinationsstarken Paul Verhaegh (95% angekommene Pässe, ebenso wie der in engen Räumen gut spielende Moravek) konnten gut abgefangen und isoliert werden.

Augsburgs defensive Spielweise mit den losen Mannorientierungen auf den Flügeln mit Übergeben und dem pendelnden Moravek im 4-4-1-1/4-4-2 und 4-1-4-1 wurde von Bayern in der Anfangsphase gut bespielt, funktionierte aber danach über weite Strecken gut. Augsburgs Kompaktheit und der Druck in zentralen Räumen sorgten übrigens für ein relativ amüsantes „Mandzukic-Paradoxon“: Da der Kroate viel auswich, aber gut isoliert wurde, taucht er in der „Durchschnittsposition“ bei Whoscored im zentralen Mittelfeld auf.

Dies lag daran, dass er sich beim offensiven Umschalten manchmal kurz zurückfallen ließ und im Mittelfeld als Ablagestation fungierte, andererseits hatte er auch Ballkontakte bei Defensivstandards und nur wenige Bälle in und um den gegnerischen Strafraum. Hätte man das Spiel nicht und stattdessen nur die Durchschnittspositionen gesehen, dann würde man wohl eine Manndeckung des Kroaten an Baier und Götze als Mittelstürmer erwartet haben. Schade, dass das nicht gemacht wurde, uns hätte es gefreut.

Aber auch so war der Sieg für die Münchner verdient. Die Bayern konnten allerdings schon in der Anfangsphase früh treffen, ließen den Ball laufen und setzten immer wieder mit schnellen Kombinationen Nadelstiche, während Augsburg Durchschlagskraft vermissen ließ.

Strafraumautist 14. November 2013 um 16:19

Wenn’s eine mentale Barriere ist, dann lässt sich das Problem kaum taktisch analysieren. Eigentlich lässt es sich dann von außen gar nicht analysieren.

Ich kann zur zeit nur wenige Spiele ganz verfolgen, wie sieht es den mit den Torschüssen der Bayern aus? Haben sie viele oder wenige? wenn’s viele gute Chancen sind, dann ist das Problem wohl wirklich nicht taktisch und wäre keine Sache des spielverlagerungs Teams.

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Theodor 14. November 2013 um 14:37

Ich frage mich, ob nicht langsam einmal die Schwierigkeit der Bayern, aus dem Spiel Tore zu erzielen, etwas näher analysiert werden sollte.
Zumal ich das Gefühl habe, daß in der Bayernoffensive seit geraumer Zeit (eigentlich schon die ganze Spielzeit hindurch) der Wurm drin ist.
Natürlich ist man durch die Konditionierung geneigt, Resultate wie 1:0, 2:0, 2:1, 3:1, etc. als die Norm zu betrachten, da sieht ein 3:0 auf den ersten Blick natürlich gut aus…
Doch betrachtet man die spielerische Überlegenheit, so frage ich mich, ob nicht eher Ergebnisse wie 5:0, 6:0 etc. normal sein müßten, wenn denn die psychischen Voraussetzungen erfüllt sind…

Aus taktischer Sicht ist mir in diesem Spiel aufgefallen, daß Mandzukic eigentlich recht oft am rechten Flügel war, während Götze vorne drin war.
Während mich Mandzukic in dieser Rolle positiv überraschte (hatte viele gute Zuspiele, die ich ihm nicht zugetraut hätte), war andererseits Götze ziemlich isoliert, bzw. konnte nichts brauchbares zuwege bringen.
Dann frage ich mich auch, ob Alaba in der oft zentralen Position nicht verschenkt ist. Sicher, er bindet da Gegenspieler; ist aber meist nicht anspielbar. Über die Flanke erzeugt er – in Verbindung mit einem Flankenabnehmer im Zentrum (MM o. TM) dann doch mehr Gefahr.
Die aktuelle Euphorie über Riberys Leistung gegen Augsburg, wie vielerorts zu lesen, kann ich übrigens auch nicht teilen. Da war viel brotlose Kunst dabei, Aktionen, die schön aussahen, aber strukturell bereits im Keim zum Scheitern verurteilt waren.
(Das ist ohnehin ein Hauptkritikpunkt an der aktuellen Bayernausrichtung; man setzt den Gegener oft „Schach“, aber eigentlich selten „matt“)

dazu kommt eine Abschlußschwäche, bei der ich zT auch schon den Verdacht habe, daß sie inzwischen psychisch bedingt sein dürfte.
Sicher, bei Alaba ist es nicht ungewöhnlich, daß 2/3 seiner Schüsse das Tor großräumig verfehlen, das war letzte Saison nicht anders.
Aber bei Kroos u. seiner an sich exzellenten Schußtechnik frag ich mich inzwischen, ob da nicht irgendwo eine mentale Barriere drin ist…

(Natürlich ist das zum gegenwärtigen Zeitpunkt Jammern auf hohem Niveau, aber in der fortgeschritteneren Phase der Champions League ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß sich ein derartiger Umgang mit Torchancen rächen wird)

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Coarl 14. November 2013 um 16:44

Das ist beim Augenblicklichen Erfolg wirklich Jammern auf sehr hohem Niveau. Ich finde es ist nicht nur Abschlussschwäche. Man kommt einfach nicht oft genug wirklich gefährlich in den Strafraum. Wenn man den Gegner so sehr nach hinten drückt wie aktuell, werden die Räume einfach sehr eng. Oft sieht es für mich so aus, dass man versucht sich durch Engstellen zu kombinieren und dann stecken bleibt. Dann kommen oft die Abschlüsse aus der Halbdistanz oder Halbfeldflanken, die meistens nichts einbringen. Muss man dann die Tore erzwingen spielt man dann wie letzte Saison viel mit Flügelüberladungen, was aber nicht mehr ganz so eingespielt aussieht.
Kombiniert mit der aktuellen Konterschwäche erinnert mich das in manchen Spielphasen erschreckend an Chelsea 2012.

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scharf 15. November 2013 um 00:21

Die mentale Barriere ist seehr interessant!
Klar ist das immer sehr schwer zu „beweisen“, aber Mannschaften, die sehr dominant auftreten und den Ballbesitz zelebrieren, haben meist auch eine deutlich schwächere Chancenverwertung als Mannschaften die mit schnellen Angriffen den direkten Weg zum Tor suchen!
Eine Erklärung dafür sehe ich darin, dass der mentale Druck beim Abschluss viiel höher ist, da diese Torchance durch viel Arbeit und viele Stationen kreiert wurde. Deshalb entsteht auch auf der Eindruck man wolle den Ball ins Tor tragen, stattdessen will man aber viel lieber den Abschlussdruck auf einen anderen Spieler schieben und vertändelt sich dann oft wie zum Beispiel Mario Götze in Pilsen.

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blub 15. November 2013 um 00:33

Bayern macht immernoch überpropertional viele Schüsse rein, nur halt nicht mehr ganz so viele wie letztes Jahr.
Zieh dir einfach mal ein paar zahlen zum Thema rein. Im Prinzip ist das ne redundante Phantomdiskussion.

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HansAlaba 12. November 2013 um 00:21

Mir machts bissl Sorgen, dass alle 3 Treffer aus Standards resultieren (Ecke, freistoß, Elfer). Gegen den BVB wirds die wahrscheinlich nicht geben allerdings nicht geben…aber des zeigt wie gut der FCA war 😉

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Kappe 12. November 2013 um 14:21

Du meinst den BVB der die Mehrzahl seiner Gegentore nach Standards bekommen hat? 😉

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manu 12. November 2013 um 14:56

also Manuel Friedrich ist seeehr kopfballstark..

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Foxtrott 11. November 2013 um 23:51

„Hätte man das Spiel nicht und stattdessen nur die Durchschnittspositionen gesehen, dann würde man wohl eine Manndeckung des Kroaten an Baier und Götze als Mittelstürmer erwartet haben.“

Heh, die Heatmaps sind ja wirklich schön. Demnach hat Bayern mit der „falschen Neun“ Mandzukic gespielt 😉

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TW 11. November 2013 um 21:35

Wiedermal eine Super Analyse. Die Aktion von Rafinha, der sich in der 6. Minute als Rechtverteidiger im linken offensiven Halbraum bewegte fand ich auch sehr cool. Was mir immer noch nicht so gut gefällt ist das Ausspielen der Konter. Zudem finde ich die Absicherung bei Ballverlust noch verbesserungswürdig. Ich denke gegen stärkere Gegner, wie Dortmund werden solche Ballverluste (glaube Ende der ersten Halbzeit gab es ein paar, die dann von Augsburg nicht gut genug ausgespielt wurden) bestraft. Mich würde noch deine Meinung bezüglich des kommenden Spiels gegen Dortmund interessieren, wo Philipp Lahm wertvoller ist. RV oder ZM und wenn RV, wer dann seine Position im ZM übernehmen könnte?

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