Freitag, 24.10.2014

FC Augsburg – Hamburger SV 0:2

Die Grundformationen in der ersten Halbzeit

Hamburg steigert sich, Augsburg setzt zu sehr auf Flanken.

Beide Mannschaften traten ohne große Veränderungen im Vergleich zu den letzten Partien an, was besonders auf den HSV zutraf, der einzig den verletzten Jiracek ersetzen musste, für den mit Beister ein schnellerer und direkterer Spieler ins Team kam. Auf der anderen Seite musste mit Kapitän Verhaegh ebenfalls ein wichtiger Akteur passen, Reinhardt ersetzte ihn. Des Weiteren kehrte Jentzsch ins Team zurück, während der spielstarke und wendige Morávek anstelle des schlaksigen und athletischen Oehrl spielte.

Deckungsweisen, Verfolgen, Ballverluste – und Hamburgs Missverständnis beim Aufrücken

Gegen die spielbestimmenden Hamburger mit teilweise bis zu 70 % Ballbesitz wählten die Augsburger eine Defensivstrategie, die eine über viele Phasen aggressive Haltung im Pressing vorsah und deren Raumdeckung mannorientierte Tendenzen beinhaltete. Im Grundsatz wurde die defensive 4-4-2-Formation gehalten, doch behielten gerade die Mittelfeldspieler und Außenverteidiger einen Kontakt zu ihren direkten Gegenspielern und schalteten dann bei Positionsverschiebungen dieser Akteure auf eine mannorientiertere Vorgehensweise um, mit der sie den Gegenspieler unter Einhaltung des Abstandes verfolgten. So rückte beispielsweise Reinhardt gegen Beister aus der Viererkette, so wurden in vielen Fällen die vorschiebenden Diekmeier und Jansen verfolgt und so schob der eigentlich defensivere Augsburger Sechser, Kevin Vogt, gegen Tolgay Arslan heraus, wenn dieser nach halblinks in den geöffneten Raum abdriftete. Schließlich hielt sich auch Daniel Baier in einer losen Zuteilung an die Kreise von Rafael van der Vaart.

Das verfolgte Zurückfallen der Mittelfeldspieler war aber gerade bei gleichzeitig weitem Aufrücken der Außenverteidiger für die Hamburger in der Anfangsphassahene  problematisch. Sie hatten noch nicht ihren Rhythmus gefunden, konnten in tiefen Zonen keine wirklichen Überzahlen herstellen und die Mittelfeldspieler sahen sich in ihrem Rücken einer Bedrängung ausgesetzt. Dies alles führte zu einer ganzen Reihe an gefährlichen Ballverlusten im Sechserraum (alleine 3 in den ersten 10 Minuten), welche Augsburg aber nicht ausnutzen konnte – trotz der Tornähe, trotz der numerisch gut angelegten Situationen und trotz der fehlenden Kompaktheit der Hamburger aufgrund der Räume, die die offensiven Außenverteidiger hinterließen. Einmal schufen die Hamburger Mittelfeldspieler durch Läufe ohne Ball geschickt Raum und eröffneten den Pass zu Beister – mit etwas Glück beim Abpraller entstand dabei sofort die Führung durch Son mit dem ersten Hamburger Abschluss, nachdem Augsburg mehrere aussichtsreiche Szenen schwach ausgespielt hatte.

In der Anfangsphase hatten die Gäste also Probleme mit dem Augsburger Druck, der allerdings nur zu einem quantitativen Chancenübergewicht für die Schwaben sorgte. Im Verlaufe der ersten Halbzeit konnten sich die Hamburger durch das Zurückfallen Badeljs bis in das Innenverteidiger-Paar hinein allerdings mehr aus dieser Situation befreien, da der nicht mannorientiert verfolgte Kroate für Überzahl gegen die pressenden Augsburger Stürmer sorgte, welche anschließend die Verbindung zum Rest ihres Teams verloren.

Alle Schwierigkeiten waren damit aber noch nicht gelöst: Trotz der Führung und der konstanter gewonnenen Sicherheit im Aufbau fehlte es dem HSV auch weiterhin an Torgefahr vorne. Grund dafür war die Problematik, dass auf das übliche Zurückfallen von van der Vaart erneut nur ungenügend mit konsequenten Vorstößen reagiert wurde. Weil auch die beiden Außenverteidiger trotz ihrer hohen Stellung nicht gänzlich durchkamen und eher ineffektiv blieben, fehlten dem HSV besonders im letzten Drittel Unterstützung und Optionen – nur zwei Torschüsse in Durchgang eins waren die Konsequenz. In diesem Sinne eine Art Missverständnis beim Aufrücken, welches zu unbalanciert war – in den ersten Phasen des Aufbaus rückten tendenziell eher zu viele Spieler auf (wobei dies während der ersten Halbzeit bereits besser wurde), während später in den höheren Spielfeldzonen zu wenige Kollegen nachkamen und die Unterstützung fehlte.

Zu ungefährliches Flügelspiel bei Augsburg

Abgesehen von den aussichtsreichen Ballgewinnen besonders zu Spielbeginn versuchten die Augsburger vor allem über die Flügel nach vorne zu kommen (drei Viertel ihrer Angriffe). Bei den weiten Flügelwechseln auf die ballferne Seite wurden allerdings einige technische Defizite deutlich, bei den vielen Chip-Bällen der Außenverteidiger die Tatsache, dass sich die Hausherren schon im Aufbau zu schnell auf die engen Seiten treiben ließen. Die meistens direkt zu den Stürmern gespielten Pässe waren schwer zu verarbeiten und konnten bei Abprallern in den hohen Halbräumen kaum erobert werden, da diese meistens von den Hamburgern umstellt waren.

Am vielversprechendsten stellten sich die Augsburger Versuche dar, die Flügel konkret und geplant zu überladen, wozu Morávek die Seiten unterstützte, während auch Baier mit auf die linke Seite abkippte. Durch die fehlende Genauigkeit scheiterten eine Reihe solcher Versuche bereits früh, doch auch die erfolgreichen Situationen konnten kaum genutzt werden, da die Augsburger nicht wirklich wussten, was sie in einer solchen Szene mit der durch die Überladung erspielten Freiheit anfangen sollten. Letztlich endeten zu viele dieser Fälle in Flanken (39 laut whoscored), von denen viele geschlagen wurden, aber nur die wenigsten genau kamen.

Hamburger Verbesserungen im zweiten Durchgang

Zur zweiten Halbzeit waren es die Gäste aus dem Norden, die sich steigerten – und zwar in Bezug auf die Problematik des mangelnden Nachrückens. Einerseits schoben die tieferen Spieler gerade aus der Zentrale weiter mit nach vorne und erweiterten das Handlungsspektrum des HSV in den vorderen Zonen, andererseits bewegte sich van der Vaart deutlich weiträumiger und spielte damit eine seiner Stärken aus.

Taktische Formationen zum Zeitpunkt des 0:2

In diesem Zusammenhang war er nicht nur verstärkt hinter der Augsburger Mittelfeldlinie zu finden anstatt davor, er bewegte sich auch häufiger mit auf die (halb)linke Seite, um so aus dem Kontaktfeld Baiers zu entwischen. Oftmals erwuchsen dann Überladungen der Hamburger in genau diesem Bereich, der in Anbetracht des defensiveren Diekmeiers und des eingerückten Son schon vorher dominant gewesen war (46 % der HSV-Angriffe über links), was durch van der Vaart im zweiten Durchgang aber weiter befeuert wurde – wenngleich seine Steigerung in den Bewegungen auch das Angriffsspiel als Ganzes verbesserte.

Trotz der Unterlegenheit dieser Seite generierten die Hamburger auch im halbrechten Spielfeldbereich praktisch einen freien Mann, über den man Kombinationen aufziehen und mit spielerischer Überlegenheit den Augsburgern sämtlichen Zugriff  entziehen konnte – nur eben in seltenerer Frequenz. Was van der Vaart halblinks war, machte meistens Son halbrechts, der sehr weit eingerückt agierte und von Marcel de Jong nur teilweise verfolgt wurde. Beim 0:2 war genau jener Linksverteidiger isoliert, während Diekmeiers hohe und breite Stellung Werner gebunden hielt und für Räume im Zentrum sorgte. Dort nutzten Badelj, Arslan und Son dessen Freiheiten für schönes überladendes Zusammenspiel, welches schließlich über den verbindenden van der Vaart zu Rudnevs weitergetragen wurde. Das Spiel war – trotz der versuchten Augsburger Fluidität zwischen Werner, Musona und Petrzela und ihren späteren Flankenwellen – entschieden.

Fazit

Ein verdienter Sieg für die Hamburger, die nur in der Anfangsphase unter ernsthaften Druck gerieten, dann mit ihrer ersten Chance in Führung gingen, dem gegnerischen Anfangsdruck entgingen, Sicherheit gewannen und anschließend die Partie kontrollierten. Während die Augsburger beim Versuch auszugleichen nicht durchschlagskräftig und offensivstark genug waren, sondern häufig auf Flanken setzen mussten, steigerte sich der HSV in seinem Offensivspiel bezüglich Nachrücken und Interaktion mit zunehmender Dauer, was schließlich in der besten Kombination des Spiels zum entscheidenden 0:2 kulminierte.

fcblgar 27. Oktober 2012 um 10:46

Da habt ihr mal wieder sehr schnell eine gelungene Analyse geschrieben. Vielen Dank dafür. Allerdings die von euch gezeigten Veränderungen des HSV in der 2. Hälfte fanden meines Erachtens bereits Mitte der ersten Halbzeit statt, obwohl sie erst in der 2. Halbzeit voll zur Geltung kamen.

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