Das defenisve Verhalten eines Flügelspielers: Elfenbeinküste gegen Norwegen –SR

Beide Mannschaften durften sich zurecht Hoffnungen auf den Achtelfinal machen. Die Elfenbeinküste beeindruckte durch ihre Physis und ihre tollen Flügelspieler. Norwegen auf der anderen Seite hatte die Naturgewalt Haaland und Top-Spieler wie Antonio Nusa, Martin Odegaard und Sörloth in den eigenen Reihen. Schliesslich gewannen die „Wikinger“ aus dem hohen Norden dank eines Haaland-Treffes mit 2:1. In diesem Artikel werden nun aber nicht die typischen taktischen Verhaltensweisen behandelt. Was mich eher interessiert sind die kleinen Details einer Szene, und deren Effekte auf das Spiel, wenn sie verändert werden.

Taktische Ausgangslage

Die Grundstrukturen beider Mannschaften.

 

Die Elfenbeinküste verteidigte in dieser Szene (In der 32 Minute und 15. Sekunde) im 4-4-2-Mittelfeldpressing  mit einem engen Zwischenlinienraum. Késsie, der rechte Achter eines 4-3-3 schob vor und bildete mit Bonny einen Zweiersturm. Dadurch hatten sie mehrere positive Effekte auf die 2-3-2-3 Struktur der Norweger im Ballbesitz, deren Flügelspieler sehr breit standen, um die letzte Kette auseinander zu ziehen. Mit dem Doppelsturm konnten Késsie Berge in den Deckungsschatten nehmen und hatte Zugriff auf Heggem. Bonny schloss die Verlagerung auf Ajer. Sprich: sie deckten drei Spieler mit zwei ab.

Diese Unterzahl nutzten sie mit einem +1 in der letzten Linie, um Haaland zu doppeln, während die übrig gebliebenen zentralen Mittelfeldspieler die Halbraumzehner Norwegens  markierten. Der ballferne Sechser schwamm dabei zwischen seinem Halbraumzehner und dem Sechser Norwegens, um den Raum hinter diesem abzusichern. Auf den Flügel war die Zuteilung klar: die ivorischen Aussenverteidiger hatten die Flügelspieler der Norweger als Referenzpunkt und die Flügelspieler hatten die norwegischen Aussenverteidiger im Beschlag. Die Flügelspieler standen etwas eingerückt. Weshalb lässt sich nicht abschliessend sagen, ob sie auf der Breite der Norweger sein wollten, oder sie die Halbraumzehner mittels ihres Deckungsschattens isolieren wollten. Dafür müsste man sie oder den Trainer fragen. Meine Vermutung ist es, dass sie durch ihr Stellungsspiel den direkten Pass vom Innenverteidiger auf die Flügelspieler zustellten. Das Zentrum war somit , in Kombination mit allen genannten Aspekten geschlossen und der Flügel bot am meisten Raum für Norwegen.

Der Fokus ist nun auf die Flügelspieler im Mittelfeldblock gesetzt. Norwegen möchte diesen Block mithilfe des Raumes auf dem Flügel knacken.

Norwegischer Versuch der Flügelöffnung

Norwegen versuchte die Öffnung mit einem klassischen Muster: Sie wollten den Passweg auf Nusa und den Flügel mit einem inversen Lauf von Linksverteidiger Möller Wolfe öffnen. Pépé, der rechte Mittelfeldspieler der Elfenbeinküste übergab ihn aber nach hinten anstatt zu folgen und versuchte den Passweg in den Halbraum und auf dem Flügel vom andribbelnden  linken Innenverteidiger zu zustellen. Gleichzeitig kam Nusa kürzer, um sich aus dem Deckungsschatten von Pépé zu lösen. So entstand eine  asymmetrische 3-1-6-Staffelung der Norweger mit einem überladenen Zentrum im Zwischenlininenraum.

Solche flachen Staffelungen in der letzten Linie sind meiner Meinung nach nicht sehr effektiv. Klar hat ein falschfüssiger Breitenspieler (Nusa ist dies in diesem Fall) eine super Ausgangslage für die Folgeaktion ins Zentrum: Er kann mit seinem entgegenkommen Dynamik aufbauen, Den Ball mit seiner ganzen ballfernen Seite abschirmen und hat mit seinem nach innengerichteten Fuss super Pass und Dribbelwinkel. (Alles (strukturelle) Vorteile, die Olise, Yamal und Messi noch stärker machen.) Bei allfälligen erfolreichen Dribblings müssen vor allem mannorientierte Defensivsysteme viele Übergaben leisten, die zu einem Dominoeffekt und etwaigen freien Spielern führen können.

Wenn jedoch keine Tiefenläufe und Gegenbewegungen in der letzten Linie stattfinden, wird es schwierig für den Flügelspieler in der nachfolgenden Aktion. Denn die Spieler der verteidigenden Mannschaften haben den Blick von aussen nach innen (ergo haben den Blick meistens bereits auf dem Spieler den sie übernehmen sollten) und müssen meistens nur auf einem Vektor verschieben. (Ich bin offen für Diskussionen und Einwände.)

Zurück zur Ausgangslage: Nusa könnte angespielt werden und Pépé hat den Linksverteidiger an die hinteren Linien übergeben. Welche Optionen hätte er, um auf diese Situation zu reagieren? und welche Effekte hätten diese?

Mögliche Reaktionen auf das Flügelspiel

Nicola Pépé ist Linksfuss, drahtig und 1,78m gross. Sein Frame und seine verhältnissmässig langen Schritte machen ihn nicht so beweglich beziehungsweise nicht so reaktionsschnell, Dafür besitzt er einen starken Antritt. Sein scanning scheint nicht so stark zu sein. Jedenfalls bleibt er ständig auf dem Ball fixiert, als Heggem andribbelt. So bemerkt er nicht, dass sie der linke Flügel aus dem Deckungsschatten löst und kann erst darauf reagieren und auf Nusa rauspressen, als der Ball zu ihm unterwegs ist. Das ist eine der Optionen. Er hat natürlich noch weitere Optionen:

Pépé prisst heraus, daraus folgt eine potentielle Überzahl auf dem linken Flügel.

  1.  Ursache: Auf Heggem rauspressen. Wirkung: Der Pressingweg ist etwas lang und Heggem ist Linksfuss. Der Deckungschatten braucht also länger um zu greifen, als wenn er rechtsfuss wäre und nach links spielen würde. Dadurch, dass Nusa kurz kommt würde der Passweg auf ihn offen bleiben. Wenn dieser nun auch angespielt werden würde, hätte Norwegen eine 3vs2-Überzahl auf dem linken Flügel und könnte auf die letzte Kette zulaufen. Nusa hätte mehrere Möglichkeiten um das Spiel fortzusetzen und könnte auf die letzte Linie zulaufen.

Pépé folgt Möller Wolfe. Der horizontale Weg wird für Nusa frei und mögliche Passoptionen stehen offen.

2. Ursache: Pépé würde dem Linksverteidiger folgen und hätte einen Dynamiknachteil. Wirkung: Der Linksverteidiger wäre nicht anspielbar für Heggem anspielbar. Pépé würde im Restangriff fehlen und  Doué müsste bei einem allfälligen Pass auf  Nusa herausschieben. Das ist ungünstig, da sein Pressingweg lange ist Nusa einen räumlichen und zeitlichen Vorsprung hätte und die bereits obengenannten Vorteile voll ausnutzen könnte. Ausserdem wird ihm, aufgrund der Bewegung Pépés und des Pressingwinkels, der Dribbelweg in die Mitte geöffnet, wo er einen Dominoeffekt und eine Überzahl erzeugen könnte.

Interessanter Fakt: Bei den Position, Moment, Direction and Speed für die sich Pépé entscheiden kann um Möller Wolfe zu folgen sind die räumlichen Komponenten klar festgelegt er muss sich in dieser Hinsicht einfach an seinem Gegenspieler orientieren auch die Geschwindigkeit muss er an ihm anpassen. Einzige der Moment, ab dem er den linken Verteidiger in die Mannorientierung aufnimmt bleibt einigermassen variabel: Übernimmt er ihn zu früh öffnet sich vertikale Passweg in den Halbraum. Nimmt er ihn zu spät auf ist Möller Wolfe bereits weg.

Pépés Raumdeckung öffnet die Verlagerung.

3. Ursache: Beim Andribbeln von Heggem lässt sich Pépé vertikal nach hinten fallen und deckt den Raum. Wirkung: Der Zwischenlinienraum der Elfenbeinküste auf der linken Seite wäre enger und demnach schwieriger zu bespielen. Der Pressingwinkel von Pépé auf Nusa wäre horizontal und damit besser geeignet, um ihn unter Druck zusetzen. Doch Norwegen hätte vermutlich einen Spieler vor dem Block (vermutlich Möller Wolfe) und könnte die Verlagerung spielen. Nusa hätte aufgrund des horizontalen Pressingwinkels auch die Möglichkeit einen Pass in die Tiefe zu spielen.

Pépé deckt Nusa ab und öffnet zentrale Passwege.

4. Ursache: Pépé scannt nach hinten und sieht (früh genug), dass Nusa kurz kommt und bewegt sich nach aussen, um den Passweg zu schliessen. Wirkung: Der zentrale Passweg wäre für Heggem offen und Norwegen befände sich mit zwei Spielern im Block. Da Pépé überspielt wäre, könnte Norwegen auf die Kette zulaufen. Kleiner Exkurs: Dies ist eine typische „Dreieckssituation, die Auftritt, wenn ein Spieler in Unterzahl gegen drei Spieler steht. Ein Passweg ist immer frei, Druck auf den Ballführenden ist so kaum möglich. Solche Situationen sind mit zwei Verteidigern zu lösen, indem mit Deckungschatten gearbeitet wird und man so Zugriff kreiert. Pépé würde in dieser Situation gut daran tun der Faustregel: „Zentrum vor Aussen“ zu folgen, um Norwegen nicht einen erheblichen Vorteil zu schenken.

5. Ursache: Pépé bleibt einfach stehen (auch absurde Ideen haben ihren Platz verdient um das Wirken von Spielenden zu bestimmen): Die Situation wäre Situation 1 gar nicht so unähnlich. Einfach die Distanz beim Rückwärtspressing und der zeitliche Verlust vom abbremsen und umdrehen wären nicht so gross.

Was Pépé tatsächlich tat und die Effekte:

Pépé prisst heraus und schliesst so Dribbel- und Passwege von Nusa.

6.Ursache: Er scannt nicht so gut nach hinten, er weiss also nicht, dass Nusa sich anbietet und kann nicht entsprechend darauf reagieren. Die Antizipation von ihm ist aber gut. Sobald Heggem auf Nusa passt, prisst Pépé auf den Flügelspieler heraus. (Pässe als Pressingtrigger sind vorteilhaft, weil die ballbesitzende Mannschaft während der Ball unterwegs ist nicht auf das Pressing reagieren kann.) Mit seinem linken Fuss ist er ideal für die Verteidigung eines falschfüssigen Rechtenflügels geeignet. Sein Pressingwinkel, der diagonal nach hinten geht, ist jedoch ungünstig. Die Distanz zu Nusa ist aber kurz genug, um den Vorsprung des Passes aufzuholen.  Er ist nicht zu schnell oder zu langsam und sein Timing passt. Also stimmt seine Ausführung. Wirkung: Nusas Optionen sind alle zugestellt, weil Pépé bis zum 1. Ballkontakt sehr nahe kommen kann und somit einen starken Zugriff aufbaut. Nusa muss ins 1-gegen-1, da  Késsie die Rückverlagerung schliesst und die anderen Passwinkel geschlossen sind. Pépé geht zu schnell in den Zweikampf, weshalb Nusa ihn mit einem einfachen Beinschuss überspielt und die Anbindung in die Mitte hat, die zuvor bereits besprochen  wurde. Dank der Absicherung durch Sangaré kann Nusa aber schnell wieder unter Druck gesetzt und zum Abspiel gewzungen werden.

Diskussion der Optionen:

Meiner Meinung nach hat Pépé die beste Option gewählt, da er nicht überspielt wird und direkt in den Balleroberungsversuch hineinkommt. Es hapert am defensiven Zweikampf. Wäre er etwas vorsichtiger im Zweikampf gewesen, hätte daraus ein Ballgewinn resultiert. Es scheint klar, dass Optionen 1, 4 und 5 meist nur Nachteile mit sich bringen, da Pépé überspielt würde. Optionen 2 und 3 bilden die (guten) passiven Varianten, da Pépé sich nicht überspielen lässt und die Elfenbeinküste nicht in eine Unterzahl gerät. (Bei den defensiven Grundprinzipien halte ich mich an von Martin Rafelt postulierten defensiven Prinzipien. Gut ist…:a) …den Ball erobern. b) …nicht überspielt werden. Es ist natürlich am besten, wenn beide Prinzipien gleichzeitig erfüllt sind.)

Lehren

  • Bei einer Dreieckssituation (3vs1-Unterzahl in Form eines Dreiecks) sollte der Innenverteidiger die innere Option abdecken.
  • Wenn der defensive Flügelspieler dem diagonal einrückenden Aussenverteidiger folgt dann wird der Flügel geöffnet und der gegnerische Flügelspieler (meistens) im 1gg1 isoliert.
  • Ein falschfüssiger Flügel hat mit einem guten Anbietverhalten mehrere Vorteile: 1) (Diagonale) Anbindung nach innen 2) Meistens den Körper zwischen dem Ball und Gegner und somit eine gute Ausgangslage für ein Dribbling 3) Dynamik- und Raumvorteil, weil ihnen zugeordneter Spieler meistens später und zurückgezogener starten. 4) Bei einem erf0lreichen Dribbling in die Mitte könnte ein „Dominoeffekt* (=andere Defensivspieler müssen den dribbelnden Akteur aufnehmen, wodurch irgendwo auf dem ein andere Spieler frei wird.) ausgelöst werden.

SR mag Fussball.

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