Rasenschach Teil 2: Das Verhalten eines Zehners – SR
Cristiano Ronaldos Traum eines WM-Titels ist geplatzt. Gegen ein flexibles Spanien und aufgrund mangelnder Druckentwicklung hatte Portugal schlussendlich zu wenig Durchschlagskraft. In der Szenenanalyse werden die Probleme der Portugiesen und weshalb Spanien trotz fehlenden Top-Spielern Frankreich einen Strich durch die Rechnung machen könnte behandelt. Anhand des Beispiels von Daniel Olmo wird ein wenig „Rasenschach“ gespielt.
Portugals Blocken und Spaniens Fluidität
Spanien trat in einem 4-2-3-1 an, während Portugal sich im Mittelfeldpressing in einem 4-1-4-1 formierte. Dabei war Ronaldo als einzige Spitze sehr passiv. Er versuchte durch eine lose Markierung Laporte aus dem Spiel zu nehmen. Durch die Unterzahl hatte Portugal sonst auf dem Feld einen +1 Spieler. Dieser war entweder einer der beiden Innenverteidiger oder Ruben Neves. Sie sollten die fluiden Olmo und Oyarzabal in Schach halten. Die Kommunikation unter den dreien war gut. Vor allem Neves tat sich mit seinen guten Aufnahmen der sich fallenlassenden Spieler hervor. Das Mittelfeld von Portugal musste die Unterzahl gegenüber den spanischen Innenverteidigern und Sechsern dennoch kompensieren. Dies tat man, indem die beiden Achter Vitinha und Bruno Fernandes mannorientiert auf die spanischen Sechser rauschoben und Fernandes bei nicht zu weiten Laufwegen Cubarsi anlief. Das Ziel der Achter war es den Zwischenlinienraum zu schliessen und das Passspiel der spanischen Doppelsechs einzudämmen. Aber die beiden Regisseure hatten andere Mittel, um den Zwischenlinienraum zu öffnen (generell ist Spanien extrem stark im zentrale Räume aufziehen. Bei weiterem Interesse einfach Minute 45+1:20 anschauen) . Sie positionierten sich halblinks auf dem Feld (Spaniens Überladungen auf links dienten auch dazu, um Yamal auf dem rechten Flügel zu isolieren). Dadurch wurden Vitinha und Fernandes auf diese Seite gezogen, was für Cubarsi sehr viel Raum und meistens einen idealen Passwinkel in den rechten Halbraum bedeutete. Die Überzahl in der 1. Linie (und der passive Ronaldo), sowie die vielen Spieler vor dem portugiesischen Block garantierten den Spaniern eine sichere und stabile Ballzirkulation. Portugal konnte nur hinterherlaufen und Blocken.
Wie hätte Spanien diese gute Ausgangslage, die sich durch das ganze Spiel zog, ausnutzen können? Um diese Frage zu beantworten möchte ich die verschiedenen Optionen Dani Olmos in dieser Situation und deren Effekte durchgehen (Natürlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, hier ist ein Bruchteil abgebildet).
Olmos Möglichkeiten

Rodri wird von Vitinha gepresst. Olmo befindet sich in der Blindside vieler Spieler. Aber er ist momentan nicht anspielbar.
Dani Olmo ist ein klassischer offensiver Spielmacher. Er ist zwar nicht der schnellste, der grösster oder der stärkste, dafür hat er eine sehr gute Vororientierung, weiss sich im Raum zu bewegen und kann dank seines hervorragenden rechten Fuss diesen als Nadelspieler bespielen. In der folgenden Szene befindet sich der Zehner des FC Barcelonas im rechten Halbraum. Portugal befand sich ins Fallen in einen Mittelblock, da sie im hohen Pressing aufgrund einer einfachen Überzahl Spaniens und mangelnder Intensität nicht ins Pressing kamen und Rodri so bis ins Mittelfeld andribbeln konnte. Welche Optionen hat Olmo der eigentlich nur Neto, Mendes, Yamal und Porro nicht im Blick hat, nun?
1. Ursache: Er geht in den linken Halbraum.

Neves folgt Olmo. Durch den Pressingwinkel von Vitinha ist der zu besetzende Raum nicht anspielbar. Dafür wird der rechte Halbraum geöffnet und die Verlagerung auf Cubarsi wäre für Rodri offen.
Wirkung: A) Neves folgt ihm. Dadurch wird der rechte Halbraum noch weiter geöffnet und für Yamal und Cubarsí bespielbar. Da Olmo aus dem Toten Winkel kommt, haben die anderen Spieler ihn zunächst nicht auf dem Schirm. Sie müssen untereinander kommunizieren, wer ihn übernimmt, was wiederum Zeit kostet. Olmo hätte dadurch einen zeitlichen Vorsprung, aber dieser nützt ihm nichts. Denn Vitinhas Pressingweg zu Rodri ist kürzer als Olmos Laufweg. Das bedeutet, dass Olmo im Deckungsschatten wäre und Rodri den Ball bereits früher weiterspielen müsste. Dasselbe wäre bei Option B der Fall.

Neves folgt Olmo nicht, doch Dias übernimmt ihn. Es kann aber auch sein, dass er gar nicht rausrückt und lieber die Tiefe sichert.
B) Neves folgt Olmo nicht und Dias übernimmt den Zehner. Was sich in dieser Situation verändern würde, ist, dass Neves den Raum vor der Abwehr sichern könnte. Der rechte Halbraum wäre dadurch abgesichert und schwieriger zu bespielen. Dafür wäre Dias in der letzten Kette gebunden, wodurch Oyarzabal durch einen Pass in die Tiefe gefährlich werden könnte.
2. Ursache: Olmo kommt kurz.

Olmo kommt kurz und zieht Neves und Neto mit sich. Er wird somit anspielbar und der rechte Flügel und er Zwischenlinienraum werden geöffnet.
Wirkung: Wieder würde eine Unklarheit entstehen, wer ihn übernimmt, da er aus der Blindsight einiger Spieler kommen würde. Dadurch und durch seinen früheren Start hätte er einen Vorsprung gegenüber seinen Gegenspielern. Neves würde ihm sehr wahrscheinlich folgen und Neto unbewusst etwas einrücken („Looking at you, Leverkusen 23/24“). Olmo wäre für Rodri anspielbar. Aufgrund seines Laufweges würde Olmo mit dem Rücken zum gegnerischen Tor stehen, wodurch es durch den vertikalen Druck von hinten schwierig wäre, sich aufzudrehen und nach vorne zu spielen. Durch die Bewegungen von Neto und Neves würden Räume auf dem Flügel und im Halbraum entstehen. Spanien könnte dadurch Yamal einsetzen, der mit seinen inversen Dribblings gefährlich werden könnte. Vorausgesetzt, Spanien spielt die Verlagerung schnell genug und Neves sowie Neto verschieben zu langsam.
3. Ursache: Er bleibt stehen.

Olmo bewegt sich nicht. Rodri hat zwei Passoptionen und das System von Portugal wird nicht durcheinander gebracht.
Wirkung: Der Halbraum und der Flügel werden nicht geöffnet. Rodri hätte keine überraschende Anspielstation und würde wahrscheinlich eine Verlagerung suchen. Portugal würde dadurch nicht aus seinem defensiven Ablauf gebracht werden und könnte die Situation ohne grössere Kommunikationsprobleme verteidigen. Die Portugiesen wären somit nicht vor grössere Probleme gestellt.
4. Ursache: Er bewegt sich auf den rechten Flügel
Wirkung: A) Olmo hätte einen zeitlichen und räumlichen Vorsprung. Es kann sein, dass Neves etwas länger braucht, um ihn zu übernehmen, da Olmo nicht direkt an ihm vorbeigeht. Dadurch hätte Olmo mehr Zeit für den ersten Ballkontakt und die Anschlussaktion. Aufgrund der flachen Staffelung am Flügel sind die Passwinkel auf Olmo und Porro jedoch nicht optimal, weshalb die portugiesischen Verteidiger leicht verschieben könnten. Da Neves Olmo folgt, würde Raum im Zentrum entstehen, der allerdings nicht ideal bespielbar wäre. Neto würde einen inversen Lauf von Porro aufnehmen. Yamal wäre durch Veiga und Mendes abgesichert, während Oyarzabal sich vom Tor wegbewegen müsste. Bei einer Ballannahme müsste er sich gegen seine Laufrichtung aufdrehen oder hätte neben einem Rückpass auf Cubarsí nur Anschlussoptionen auf dem stark überladenen rechten Flügel.
B) Wenn Neves nicht folgen würde, hätte Spanien eine 3-gegen-2-Überzahl auf dem rechten Flügel, die sie ausspielen könnten, sofern Spanien die Situation schnell genug verlagert oder Portugal zu langsam verschiebt.
5. Ursache: Was Olmo tatsächlich tat: In die Tiefe gehen
Der Spieler des FC Barcelona schaut während Rodri einen Doppelpass mit Cucurella spielt, vom Ball weg in die Tiefe. Als der Ball zurück zum Mittelfeldregisseur kommt, beschleunigt er auf Höchstgeschwindigkeit in Richtung des gegnerischen Tores.
Wirkung: Dadurch, dass er aus der Blindside kommt, hat er einen Timingvorteil. Aufgrund von Panik oder mangelnder Absprache nehmen Veiga, Neves und Mendes den Lauf von Olmo auf. Mit diesem Lauf drückt Olmo die gegnerische Abwehrkette nach hinten, hindert sie daran, den Zwischenlinienraum zu sichern, und vergrößert diesen sogar.
Die gegnerischen Spieler können seinen Timingvorsprung und Richtungsvorteil wettmachen, indem sie sich zwischen ihn und das gegnerische Tor stellen (darum bringt man dies bereits den F-Junioren bei). Doch anstatt Olmo in die Tiefe zu schicken, spielt Rodri den sich anbietenden Pedri an. Dadurch wird die Anspielstation beziehungsweise der große Zwischenlinienraum nicht genutzt.
Hat sich diese Bewegung von Olmo dann überhaupt gelohnt?
Diskussion der Optionen
Wie in meinem vorherigen Artikel nehme ich die Grundprinzipien von Martin Rafelt, um die verschiedenen Optionen zu bewerten: Gut ist wenn… A) …der Ball behalten wird, B) …Gegner überspielt werden. (Beides zusammen ist natürlich am besten.)
In dieser Situation haben wir es mit ballfernen „off-the-ball-runs“ zu tun. Das bedeutet, dass der Spieler schwierig anzuspielen ist und somit eher Raum zieht. Die dadurch geschaffenen Räume oder Anspielstationen müssen schnell bespielt werden. Für das Gelingen dieser Optionen ist ein adäquates Verhalten der Mit- und Gegenspieler notwendig.
Option 1
A) Diese Option ist nur einigermassen sinnvoll, wenn Yamal einrücken würde und anschliessend schnell genug angespielt werden könnte oder Rodri Pedri findet und dieser per One-Touch auf Olmo ablegt.
B) Diese Option kann sehr effektiv sein, wenn Rodri in die Tiefe auf Oyarzabal spielen kann. Die Frage ist, ob Vitinha bereits zu viel Druck auf Rodri ausübt und dieser den Pass überhaupt spielen kann. Zudem stellt sich die Frage, ob Oyarzabal schneller beziehungsweise standfester als Veiga ist.
Option 2
Diese Möglichkeit überspielt zwar keine Gegenspieler, kann aber dafür andere Spieler gut einsetzen. Zum Beispiel, wenn Rodri das Spiel schnell genug verlagert und die Anschlussaktionen stimmen. Es könnte dadurch sogar eine 2-gegen-1-Überzahl auf dem rechten Flügel entstehen.
Option 3
Würde Olmo diese Option wählen, würde zunächst nichts auf dem Feld passieren und Spanien könnte weder Gegenspieler überspielen noch Raum öffnen. Allerdings würde Olmo sich alle Optionen offenhalten. Falls der Ball auf die rechte Seite gespielt werden sollte, könnte er beispielsweise eine Anbindung für Yamal kreieren.
Option 4
A) Wie bereits oben besprochen, wäre diese Möglichkeit nicht besonders gut. Aufgrund der ungünstigen Startposition von Oyarzabal und weil Yamal von zwei Spielern abgesichert wird, hat Spanien hier kaum Spieler, die den geöffneten Raum besetzen könnten. Die Spanier könnten natürlich auch versuchen, die Gleichzahl auf dem Flügel auszuspielen. Ich bin offen für Ideen, wie man das bewerkstelligen könnte.
B) Diese Option wäre bei einer schnellen Verlagerung sehr nützlich – ein klassischer struktureller Vorteil. Mittlerweile kann fast jede Mannschaft eine Überzahl erkennen und ausspielen. Warum sollte das Spanien, das Land des „Juego de Posición“, nicht können?
Option 5
Diese Option ist nüchtern betrachtet die “beste“. Man würde zehn Gegenspieler überspielen, falls Olmo an angespielt werden würde. Das Schwierige ist jedoch, dass der Pass erst ankommen muss. Denn ob Olmo trotz des Richtungsvorteils schneller als die Innenverteidiger oder Neves, beziehungsweise robuster ist oder die Passgewichtung stimmt, lässt sich bezweifeln. Ausserdem bin ich der Meinung, dass Rodri diesen Pass gar nicht spielen könnte, da Vitinha ihn, wenn auch langsam, aber aufgrund der kurzen Distanz dennoch effektiv – unter Druck setzt. Sollte meine Annahme zutreffen, wäre es ein Kommunikationsfehler von Olmo, der zu einer falschen Entscheidung führt. Am besten wäre es natürlich, wenn Yamal mit Dynamik in den geöffneten Raum einrücken würde. Dadurch hätte Spanien hervorragende Möglichkeiten für Anschlussaktionen. (Wieso? Siehe hier, hier und hier)
Fazit
Müsste ich wählen, wären Option 1A und Option 5 die besten Möglichkeiten, aber nur, wenn Yamal einrücken würde. Ausserdem wäre auch 4B günstig, da man einen strukturellen Vorteil hätte, falls Neves dem Lauf nicht folgen würde. Eigentlich finde ich keine der Optionen wirklich unpassend. Alle haben ihre Wirkung, bei Option 3 vielleicht erst zeitverzögert, aber mit den richtigen Anschlussaktionen wäre auch daraus etwas herauszuholen. Schlussendlich hängt die Bewertung wohl von den Präferenzen, Prinzipien und der jeweiligen Spielphilosophie ab. Gerne diskutiere ich über die Gewichtung der einzelnen Optionen.
- Pressing erzwingt immer eine Reaktion vom Ballführenden (fast die einzige universelle Regel im Fussballkontext, soweit ich weiss.)
- Bewegung – ob offensiv oder defensiv – kann Unruhe erzeugen. Wenn sich offensiver ein Spieler richtig bewegt kann er Schaden und/oder Unordnung anrichten. Wenn sich ein defensiver Spieler bewegt und der offensive Spieler erst im richtigen Moment eben so. (Siehe das typische Messi-Tor vom Strafraumrand, wenn der Pass von links kommt.)
- Bewegt sich ein Spieler muss ein mannorientierter Gegenspieler sich fragen, ob er ihm folgt oder nicht, bzw. welcher anderer Spieler ihn übernehmen könnte.




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