Türchen 23: João Cancelo

Die Position des Außenverteidigers hat in den vergangenen Jahren eine interessante Entwicklung durchlaufen. Galt in den früheren Phasen der 2010er Jahren noch vermehrt die klassische 4-4-2 und 4-2-3-1 Variante mit doppelter Flügelbesetzung als Dogma, so sorgten vor allem die Erfolge von Trainern wie Julian Nagelsmann in Hoffenheim, Antonio Conte bei Inter oder zuletzt Thomas Tuchel bei Chelsea für eine Zunahme von Dreier- und Fünferkettensysteme mit einfacher oder flexibler Flügelbesetzung.

Dabei verändert sich das Anforderungsprofil an einen Außenverteidiger: Weg von solider, geradliniger Defensivarbeit und gelegentlichen Vorstößen mit einzelnen Flanken. Das erhöhte Anforderungsprofil erfordert andere Spielerprofile und immer mehr Trainer antworten beispielsweise mit früheren Flügelstürmen als Schienenspielern auf diese Entwicklung. Der moderne Außenverteidiger muss sich sowohl am Flügel aus auch im Zentrum bewegen können und sich gleichermaßen in engen Pressingsituationen wie in großem Raum wohl fühlen.

João Cancelo besitzt diese Fähigkeiten und kommt im angepassten 3-2-2-3 System von Pep Guardiola besonders zur Geltung. Wie oft erreicht ein Außenverteidiger eine Quote von einem Scorerpunkt pro Spiel in einer Champions League Gruppenphase?

Rechtsverteidiger, Linksverteidiger, Sechser, Spielgestalter, Alleskönner – Polyvalenz als Unikat

Cancelo wurde im Laufe seiner Karriere zwar überwiegend als Rechtsverteidiger eingesetzt, hat sich aber überall als vielseitig und anpassungsfähig erwiesen. In der Saison 2016/2017 startete er beispielsweise für Valencia in über 20 La Liga Spielen im rechten Mittelfeld, bevor es über den Umweg Inter Mailand zu Juventus nach Turin ging. Im Laufe seiner Zeit bei Juventus hat er sich dann als rechter Außenverteidiger etabliert, bis er im Zuge eines Tauschgeschäftes, das Danilo nach Turin und ihn zu Manchester City brachte, zu einem Spieler von Pep Guardiola wurde. Dort blühte er nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten dann in der Saison 2020/2021 völlig auf.

Seine exzellenten technischen Fähigkeiten halfen ihm, um unter Guardiola zu einem Hybridspieler zu werden, der im selben Spiel sowohl als Außenverteidiger als auch im zentralen Mittelfeld spielen kann. Mittlerweile hat er auch zahlreiche Spiele als Linksverteidiger bestritten. Cancelos Interpretation der Außenverteidiger Rolle erinnert ein wenig an die hybride Rolle, die Philipp Lahm unter Guardiola spielte. Bei genauerer Betrachtung lässt sich aber erkennen, dass Cancelo diese Hybridrolle anders umsetzt.

Grundsätzlich positioniert sich die Mannschaft von Guardiola in einem klassischen 4-3-3. Dabei verteidigen die Citizens nach wie vor mit Viererkette. Nur im Spiel mit Ballbesitz zeigen sich die Systemumstellungen von Guardiola. Die genauen taktischen Überlegungen dazu finden sich hier.

Aus dem 4-3-3 wird im Ballbesitz ein 3-2-2-3 mit Cancelo auf einer Höhe mit Rodri. Erste Aufbauvariante im 3-2-2-3: Cancelo rückt neben Rodri ins Zentrum; Flexible Mikroanpassung, die durch die technische Qualität von Cancelo möglich ist.

Diese 3-2-2-3-Idee mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen und ihren einstudierten Details wirkt regelrecht wie ein endlich finalisiertes Zusammenspiel aller Prinzipien Guardiolas: In der letzten Linie Breite und Tiefe zugleich, Breite in der ersten Linie des Aufbaus, flexibles Schaffen von Überzahl in der Mitte und auf den Flügeln, aber dabei doch in der Lage, sich gegen die Schwächen in der Konterabsicherung, die früher durch ähnliche Strukturen entstanden, zu schützen. Dies ist natürlich nicht nur durch den einzigartigen Einsatz der Außenverteidiger möglich, sondern auch dank der Qualität der Spieler.

Aus dem Artikel „Wie Guardiolas 3-2-2-3 (letztlich) das Abwehrspiel löst“

Durch ihre hervorragende Ballzirkulation und Konstanz hat City eine enorme Aktionsquantität im Ballbesitz, die einem technisch beschlagenen Dribbler wie Cancelo zu Gute kommt. Der Portugiese profitiert dabei von der flexiblen Spielidee Guardiolas und den Qualitäten seiner Mitspieler. Diese Flexibilität ist es auch, die City aktuell so stark macht. Aus einer gruppentaktischen Konstellation Cancelo – Bernado Silva – Mahrez können sich zahlreiche Muster und Rotationen ergeben. Jeder dieser Spieler besitzt die technisch-taktischen Fähigkeiten um zeitweise im Zentrum spielen, die Geschwindigkeit bzw. das Raumverständnis, um im richtigen Moment in die Tiefe zu starten und das Freilaufverhalten / Positionsverständnis, um Räume für die Mitspieler zu öffnen.

Ein anderes Offensivmuster: Silva kippt seitlich raus und öffnet den Raum für Cancelo.

Der Portugiese profitiert von der hohen Aktionsquantität, die Guardiola Teams auszeichnen und seiner hervorragenden Einbindung, die einen Spieler seiner Klasse besonders hervor stechen lassen.

Der Busquets der Außenverteidiger

Vor nicht allzu langer Zeit wurde Pep Guardiola von einem Journalisten gefragt, was für ihn bei der Bewertung potentieller Neuzugänge die wichtigste Fähigkeit sei.

“My first question is always, “Can this guy dribble?” I only want players who have that skill so that’s always what I look at. I want full backs and centre back and central midfielders and inside forwards and wingers who can dribble. Because you can learn control and good passing. So, yeah, dribbling, that’s the key.”

Genau diese Fähigkeit ist es, die Cancelo auszeichnet und City die benötigte Variabilität im Aufbau verleiht; er ist ein sehr starker Dribbler, dessen Fähigkeiten am Ball in Verbindung mit seinem Freilaufverhalten und den eingeübten Positionsrochaden gegnerische Pressingversuche im Keim ersticken lassen.

Cancelo fühlt sich im Ballbesitz sehr wohl und zeigt eine beeindruckende Gelassenheit, wenn er unter Druck steht. Seine hervorragende Athletik hilft ihm seine Gegenspieler mit kurzen, antrittsstarken Dribblings zu überspielen oder zu binden, um dann anschließend mit weiträumigen Pässen seine besser positionierten Mitspieler zwischen den Linien zu finden. Seine Beidfüßigkeit erlaubt es ihm in jeder Situation aus dem Stand heraus gefährliche Pässe hinter die letzte Kette zu spielen. In dieser Saison hat er so bereits 12 „through balls“ gespielt (mit diesem Wert liegt er auf dem 2. Platz in der Premier League, nur Bruno Fernandes liegt mit 14 Pässen vor ihm).

Gelegentlich entscheidet er sich auch dazu zwei Gegenspieler innerhalb von drei Sekunden per Hacke zu tunneln, oder per Außenristpass acht Spieler zu überspielen. Spätestens seit dem 18. Spieltag sollte man zudem auch außerhalb von Newcastle vor seinen Distanzschüssen gewarnt sein. Diese Fähigkeiten machen es äußert schwer ihn zu verteidigen und verleihen ihm eine enorme Pressingresistenz, um in Drucksituationen und engen Räumen die optimale Lösung zu finden. Sein Skillset erlaubt es ihm zudem in der kontrollierten Ballzirkulation als tiefer Aufbauspieler eingebunden zu werden.

Agiert er in höhereren Position, beispielsweise als rechter Achter, bewegt er sich geschickt zwischen den Linien und um seine Gegenspieler. Diese Bewegungen sind gruppentaktisch optimal abgestimmt und meist sehr sauber. Hier kann er seine physische Präsenz und technische Raffinesse nutzen, um den Ball abzuschirmen oder direkt weiterzuleiten.

Eine klassische 2-Mann Staffelung in der äußeren vertikalen Zone sieht man bei den Citizens im Ballbesitz zwar eher selten. Besetzt Cancelo aber im Laufe einer Positionsrochade die äußere Zone oder ist er tatsächlich als traditioneller Außenverteidiger aufgestellt (traditionell in dem Sinne, dass er auf dem Flügel bleibt und nicht ins Mittelfeld wechselt), kann er seine Vorstöße sehr gut timen und mit beiden Füßen gefährlich flanken. Dabei schlägt er seine Flanken mit viel Tempo, wobei er es vermeidet, sie in zu großer Höhe zu schlagen. Er zielt fokussiert genug auf einen bestimmten Mitspieler, in der Hoffnung, dass dieser die Geschwindigkeit seiner Flanke nutzen kann, um den Ball einfach in Richtung Tor zu lenken.

In defensiven Umschaltmomenten hält er den Abstand zu den Innenverteidigern so gering wie möglich und sticht nur bei Abfangmöglichkeiten aus dem Defensivverbund heraus. Dabei besitzt er ein sehr gutes Gespür dafür, wohin Bälle im Konter gespielt werden können. Diese Antizipationsfähigkeit – gepaart mit seiner Zweikampfstärke – macht ihn zu einem sehr guten Gegenpressingspieler, egal ob aus einer zentralen Position, oder in der vordersten Front. Zudem ist er sehr geschickt darin, den Ball nach nach einem gegnerischen Ballverlust zu sichern und unter Kontrolle zu bringen, so dass sofort ein weiterer Angriff gestartet werden kann. Teilweise hat er Probleme in defensiven 1-gegen-1 Situationen, bei denen er auf schnelle, dribbelstarke Spieler trifft. Oftmals ist er nach kurzen Tempo- und Richtungswechsel gegen seinen schwachen Fuß verwundbar.

Die Zukunft der Außenverteidiger und die Zukunft des Fußballs

Man hätte anstelle von Cancelo auch Trent Alexander-Arnold oder Reece James porträtieren können. Sie alle befinden sich unter den Top Zehn der Assistgeber in der laufenden Premier League Saison und sind für ihr jeweiliges System absolute Systemträger. Auch wenn sie teilweise gegensätzliche Rollen ausführen, zeigen sie die Richtung, in die sich der moderne Fußball entwickelt. João Cancelo ist nicht nur ein Teil seiner in ihrer Fluidität hervorragend ausgewogenen Mannschaft, sondern einer ihrer (vielen) Systemträger. Es wird interessant zu sehen sein, was verschiedene Teams diesem hypermodernen Positionsspiel entgegenstellen werden. Zugleich darf man gespannt sein, was die veränderten Anforderungen an Außenverteidiger für langfristige Entwicklungen im Jugendbereich nach sich ziehen werden.

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