Türchen 12: Christopher Trimmel

Hinter dem zwölften Fenster versteckt sich ein Außenspieler: Christopher Trimmel trug einen wesentlichen Anteil dazu bei, dass Union Berlin sich in der Bundesliga etablieren konnte.

Systemträger spielen im Zentrum – zumindest, wenn man diesem Kalender glauben möchte. Egal, ob wir die Systemträger im zentralen Mittelfeld, im offensiven Zentrum, in der Innenverteidigung oder sogar im Tor verorten: Sie alle haben gemein, dass sie sich in der zentralen Achse des Spielfelds positionieren. Außenspieler haben in diesem Kalender bisher nur einer periphere Rolle gespielt.

Das ist kein Zufall: Wer auf den Außenpositionen spielt, befindet sich in der Peripherie des Spielfelds. Neben den Außenspielern endet das bespielbare Feld. Die Spielfortsetzung ist auf den Außenpositionen begrenzt, genauso wie die defensiven Optionen. Es ist nicht allzu leicht, hier eine tragende Rolle im System einer Mannschaft zu spielen. Das hat am Ende wenig mit den Spielern an sich zu tun, sondern eher mit der Logik des Fußballs. Wäre eine Profi-Mannschaft gezwungen, den fußballerisch auf Kreisliga-Niveau kickenden Autor dieser Zeilen aufzustellen, käme kaum einen Trainer in den Sinn, dafür einen Sechser zu opfern. Stattdessen dürfte ich eher auf einer der Außen-Positionen landen; irgendwo, wo ich möglichst wenig Schaden anrichten kann.

Wird ein Rechtsaußen plötzlich zum Schlüsselspieler einer Mannschaft, verrät dies am Ende viel über die strategische wie taktische Ausrichtung des Teams. Einem Außenspieler eine derart große Rolle zu geben, dass er (zumindest in Teilen) das System trägt, ist immer auch ein Risiko. Schließlich lässt sich in der Peripherie des Spielfelds viel schlechter auf das eigene Team einwirken, als wenn man im Wortsinne „mittendrin“ ist im Geschehen.

Der österreichische Flankengott

Christopher Trimmel spielt bereits seit einer halben Ewigkeit bei Union Berlin. 2014 wechselte er aus seiner österreichischen Heimat in die zweite deutsche Bundesliga. Seitdem gehören Trimmel und Union zusammen wie die Alte Försterei und Liedgut von Nina Hagen. Trimmel etablierte sich zunächst in der Zweiten Liga als Stammspieler. Im Aufstiegsjahr von Union stieg er auf zum Kapitän. In der ersten Bundesliga wuchs er zu einem der Top-Vorlagengeber der Liga. 2019/20 legte er elf Tore auf, 2020/21 kam er auf zehn Vorlagen.

Genau diese ersten beiden Jahre in der Bundesliga sollen an dieser Stelle näher beleuchtet werden. Trimmel war nach dem Aufstieg der Berliner ein wesentlicher Schlüsselspieler; das Urteil kann angesichts seiner Torvorlagen gar nicht anders lauten. Im ersten Bundesliga-Jahr leitete Trimmel jedes vierte Union-Tor ein, vergangene Saison immerhin jedes fünfte. Ohne Trimmels Vorlagen hätte Union im ersten Jahr nicht die Klasse gehalten, im zweiten Jahr wäre ihnen nicht die Qualifikation zur Conference League gelungen.

Trimmels Stärke als Vorlagengeber speist sich in erster Linie aus seiner herausragenden Fähigkeiten bei Flanken. Trimmel schlägt punktgenaue Pässe von der Seite in den Strafraum. Das trifft auf seine halbhohen, vor allem aber auf seine hohen Bälle zu. Trimmel flankt nicht nur von der rechten Seite Bälle in den Strafraum. Er ist zugleich designierter Standard-Schütze seines Teams – und was für einer! In der ersten Bundesliga-Saison bereitete er acht Tore direkt durch ruhende Bälle vor, im Jahr darauf immerhin vier.

Trimmel als balancierter Rechtsverteidiger

Ein Schlüsselspieler ist jedoch nicht sogleich ein Systemträger. Die Vorlagen alleine genügen nicht, um Trimmels Wichtigkeit für das Union-Spiel zu erklären. Gerade Schützen für Standardsituationen sind im Zweifel austauschbar, wie auch das Beispiel Union belegt: Ihre Quote an Standardtreffern pro Spiel ist seit Bundesliga-Aufstieg gleich geblieben, auch wenn die Zahl der (direkten) Vorlagen Trimmels zurückgehen. Das liegt schlicht daran, dass Union mit Max Kruse, Cedric Teuchert und Niko Gießelmann weitere starke Standard-Schützen gewonnen hat.

Nicht ersetzbar gewesen wäre in den ersten beiden Jahren jedoch Trimmels Rolle als balancierender Rechtsverteidiger. Im ersten Bundesliga-Jahr setzte Union vor allem auf hohe Bälle auf Zielspieler Sebastian Andersson. Trimmel spielte nicht nur zahlreiche dieser langen Bälle. Er musste zugleich das richtige Timing im Aufrücken finden, um nach einem erfolgreichen Festmachen der zweiten Bälle Präsenz in der letzten Linie zu schaffen. Das war eine wesentliche Aufgabe im 5-3-2-System der Unioner: Die langen Bälle auf Andersson sollten den Gegner zusammenziehen, Trimmel erhielt nach dem erfolgreichen Gewinn des zweiten Balls Zuspiele auf dem Flügel. Diese flankte er postwendend in den Strafraum.

Im zweiten Bundesliga-Jahr sank der Anteil langer Bälle im Union-Spiel. Dennoch übernahm Trimmel weiter eine balancierende Rolle: Er sicherte nicht nur hinten ab, sondern schuf auf der rechten Seite immer wieder Dynamik. Das war angesichts Kruses Angewohnheit, nach links auszuweichen, nicht unwichtig. Trimmel und Kruse stellten den Gegner vor das Problem, welche Seite fokussiert werden soll. Nicht jeder Gegner fand hier die richtige Antwort.

Trimmel als Strategie-Träger

Trimmels Rolle als Breiten- und Flankengeber trug vor allem deshalb das System, weil sie in der gesamtstrategischen Herangehensweise wichtig war; im ersten Jahr noch stärker als im zweiten. Union spielte einen risikoscheuen Fußball. Die defensive Stabilität stand in allen Spielphasen im Fokus. Nie rückten zu viele Spieler im Konter auf, immer galt es, eine hohe Kompaktheit zu wahren. In Konter wollte Union genauso wenig laufen wie sie selbst darauf aus waren, Umschaltsituationen mit vielen Mann im letzten Drittel auszuspielen. Stabilität war das Zauberwort.

Trimmel war für diesen Stabilitätsfokus ein wichtiger Eckpfeiler. Denn durch seine punktgenauen Flanken gab es trotz aller Vorsicht im Spielaufbau stets eine einfache Möglichkeit, in das letzte Drittel zu gelangen. Trimmel konnte mit Halbfeldflanken aus dem Nichts Stürmer Andersson einsetzen. Oder aber er holte auf der Seite Eckstöße und Freistöße raus – nur um diese im Anschluss als gefährliche Waffe zu nutzen. Anders ausgedrückt: Trimmel war der einfachste Weg, trotz Stabilität die nötige Durchschlagskraft zu entwickeln.

Das erklärt auch ein Stück weit, wieso Trimmel in der Vergangenheit Systemträger der Union war – in dieser Saison jedoch keine so herausgehobene Rolle mehr einnimmt. Unions Geschichte in der Bundesliga ist eine der fußballerischen Weiterentwicklung. Die Zahl der langen Bälle ist von 71 pro Spiel im ersten Jahr auf 61 pro Spiel in dieser Saison gefallen. Die Zahl der kurzen Pässe stieg von 288 im ersten auf 361 im zweiten Jahr, aktuell liegt sie bei 325.

Trimmels Flanken und Flügelläufe sind immer noch wichtig; sie sind aber nicht mehr das bestimmende Element im Unioner Spiel. Dank Awoniyi sind Konter eine zunehmend starke Waffe, auch flache Kombinationen sind dank Haraguchi und Kruse wichtiger. Trimmel ist immer noch ein Schlüsselspieler, aber eben nicht mehr der Systemträger. Kein Wunder: Um auf den Außen diese Rolle auszufüllen, muss alles zusammenpassen: Spielerstärken, Mannschaftsprofil, Gesamtstrategie. Unions erste beiden Jahre in der Bundesliga waren der perfekte Ort für einen Systemträger, der von Außen kommt.

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