Türchen 2: Vladimir Darida

Hertha BSC befindet sich am Scheideweg – mal wieder. Bei all den Umbrüchen der vergangenen Jahre erscheint ein Spieler wie ein Pfeiler der Kontinutität: Vladimir Darida hat noch jeden Trainer überlebt. Er ist der Systemträger der Hertha. Die Frage nur: Wie lange noch? Und ist das überhaupt gut?

Einen Systemträger ausfindig zu machen, kann manchmal ganz einfach sein. Hertha BSC hat in dieser Saison im Schnitt 1,08 Punkte pro Spiel geholt. Stand Vladimir Darida in der Startformation, waren es 1,67 Punkte pro Spiel. Ohne Darida errangen sie im Schnitt 0,67 Punkte. Klar, diese Daten werden von der Tatsache verfälscht, dass Darida beim 0:6 gegen Bayern München erst in der 78. Minute das Feld betrat. Zugleich fehlte er aber auch beim 2:1-Sieg gegen Fürth. Die unbesiegbaren Bayern und die un-unbesiegbaren Fürther, das gleicht sich Bundesliga-technisch aus.

Was noch viel eher für Darida spricht, sind die überschwänglichen Worte seines Trainers Pal Dardai. Dieser bezeichnete ihn in der jüngeren Vergangenheit als „Schlüsselspieler“. Den schlechten Auftritt im Derby gegen Union Berlin führte Dardai auch darauf zurück, dass Darida verletzt fehlte.

Daridas augenscheinlichste Qualität ist seine Laufstärke. Darida hält aktuell den Bundesliga-Rekord für die meisten gelaufenen Kilometer in einem Spiel mit 14,65 Kilometer. Es gibt praktisch kein Spiel, in dem Darida unter 12 Kilometer herauskommt; meist pendelt sich seine Laufleistung zwischen 13 und 14 Kilometer ein. Das ist selbst auf der laufintensiven Position im zentralen Mittelfeld mehr, als neunzig Prozent der Bundesliga-Spieler erreichen. Was die Höchstleistungen pro Spieltag betrifft, liefert er sich seit einiger Zeit Woche für Woche ein Duell mit Joshua Kimmich.

Laufstärke alleine bringt einem Spieler wenig, wenn er nicht weiß, wie er sie nutzen soll. Oder wie Ralph Gunesch einst so schön sagte: Wenn sein Team drei Tore geschossen hat, hatte er immer höhere Lauf- und Sprintwerte als sonst, weil er zum Jubeln an die gegnerische Eckfahne gerannt ist. Darida weiß aber auch, wohin er zu laufen hat, gerade in der Defensive.

Mittelfeldpressing-Stabilisator

Dardai setzte Darida meist als Zehner in einem 4-2-3-1-System ein. Hier kann er seine klassischen Stärken einbringen: Im Mittelfeldpressing seiner Mannschaft verschiebt er in der vordersten Linie und schließt Passwege. Der Tscheche schießt aber auch immer wieder heraus, wenn seine Mannschaft zum Pressing übergehen will. In der Defensive befindet sich Darida stets auf dem Sprung, sei es als Achter in einem 4-3-3- oder 5-3-2-System oder als Zehner in einem 4-2-3-1.

Am Besten kann er seine Weiträumigkeit aber als Zehner in einem 4-2-3-1-System einsetzen. Gerade im Spiel gegen den Ball treibt er seine Mannschaft gnadenlos an: Er rückt vor, startet das Pressing manches Mal sogar auf dem Flügel und hilft auch in der eigenen Hälfte mit. Nicht immer positioniert er sich optimal im Raum, nicht immer steht er optimal zum Ball. Aber man kann sicher sein, dass Darida nach einer gegnerischen Aktion geistig im Spiel bleibt und sofort seine Position anpasst.

Diese Weiträumigkeit findet sich auch im Spiel mit dem Ball. Gerade in früheren Jahren kippte Darida fast permanent ab. Unter Bruno Labbadia war er häufig auf der Außenverteidiger-Position zu finden, vorrangig rechts. Unter Dardai nutzt Darida seinen Bewegungsdrang eher in Richtung nach vorne: Diagonal läuft er auf den Flügel heraus, um die langen Pässe entlang der Seitenlinie zu erwischen. So oder so: Seine Kilometerzahl spult er nicht nur bei gegnerischen, sondern auch bei eigenem Ballbesitzspiel ab.

Laufen mit System für das System

Den Ausführungen lässt sich entnehmen, was für eine Art Strategie Darida zugutekommt: Je höher der Akzent auf Verschieben im Raum, auf Sprints in die Tiefe oder auf das Überbrücken des Mittelfelds durch direkte Bälle gelegt wird, umso wohler fühlt sich Darida. Er kann die Bälle vom ersten ins letzte Drittel selber spielen, sie annehmen oder im Zweifel auch als Ein-Kontakt-Verbindungsspieler im Zwischenraum agieren.

Dabei ist gar nicht so sehr die Geschwindigkeit des Umschaltspiels relevant. Darida ist nicht der schnellste Spieler, weder in der Entscheidungsfindung noch in der Umsetzung von Entscheidungen. Er setzt seine Aktionen aber stets klar um. Wer Darida auf dem Feld hat, weiß, was er bekommt. Das ist in den seltensten Fällen der überragende Vierzig-Meter-Pass, dafür aber eine konsequente Spielfortführung.

Es ist also keineswegs Zufall, dass Hertha mit Darida erfolgreicher ist, wenn sie weniger Ballbesitz haben als der Gegner. Dann kann Darida seine Weiträumigkeit im Spiel gegen den Ball und im Umschaltspiel einbringen. Er wird hier der Systemträger, weil er mit seiner nicht aufdringlichen Omnipräsenz Lücken schließt, Gegner attackiert und Räume für sein Team öffnet.

Systemträger – aber für welches System?

Die Frage lautet weniger, ob Darida tatsächlich Systemträger ist. Keiner der anderen Hertha-Spieler kann das Skillset von Darida ersetzen. Serdar verfügt über die Weiträumigkeit und ist am Ball sogar besser, aber denkt weniger mannschaftsdienlich. Kevin-Prince Boateng fehlt diese Weiträumigkeit, Lucas Tousart und Santiago Ascacibar wissen ihre Box-to-Box-Fähigkeiten nicht annähernd so mannschaftsdienlich einzusetzen wie Darida.

Die Frage lautet eher: Wird Darida Systemträger bleiben? Der Dardai-Fußball stieß schon am Ende seiner ersten Amtszeit an Grenzen. Das reaktive Verschieben mit den recht simplen Kontermustern hat auch in dieser Saison nur funktioniert, wenn sie selbst in Führung gingen und anschließend mit hoher Kompaktheit (und Darida) die Führung verteidigen konnten.

Die große Schwachstelle der Herthaner lag hingegen im Offensivspiel, genauer gesagt: im Ballbesitzspiel. Gegen einen formierten Gegner Chancen zu erarbeiten, ist nicht gerade ihre Stärke. Kein anderes Bundesliga-Team – nicht einmal Fürth! – hat derart wenige Torschüsse vorzuweisen. Aus dem Spiel heraus haben sie sieben Treffer erzielt, nur Bielefeld liegt in dieser Statistik hinter ihnen. Von den acht Spielen, in denen sie in Rückstand geraten sind, haben die Herthaner sieben verloren. Nur gegen Fürth konnten sie einen Rückstand drehen – und Fürth sollte eigentlich in keine Bundesliga-Statistik ernsthaft einberechnet werden.

Der neue Trainer Tayfun Korkut steht vor einem Dilemma, das eigentlich jeder Hertha-Trainer der vergangenen Jahre lösen musste. Der Kompaktheitsfokus der Vergangenheit funktioniert nicht mehr, erst recht nicht, nachdem sämtliche Konterstürmer der vergangenen Jahre verkauft wurden. Die Implementation eines neuen Spielstils braucht jedoch eine zündende Idee, wie man das Mittelfeld strukturieren möchte – und eine Idee, die ohne Darida funktioniert, hat noch keiner präsentieren können.

Fakt ist: Je mehr Ballbesitzspiel ein Trainer wagen will, umso wichtiger wird die Organisation des Mittelfelds. Darida organisiert seine Mannschaft durch die vielen Läufe eher spontan, als dass er einem vorgefertigten Schema folgt. Genau aus diesen Gründen steht er aber häufig falsch, würde man die Hertha-Mannschaft nach klassischen Positionsspiel-Kriterien bewerten. Zumal Darida mit seinen Laufwegen ja häufig eher unterstützt, als dass er seiner Mannschaft Impulse gibt. Seine mit den Jahren schlechter werdende Technik sowie Geschwindigkeit machen die Sache nicht leichter: Seine Passquote sank von 80% in der ersten Dardai-Amtszeit auf rund 70% in dieser Spielzeit. Auch die Zahl seiner Ballgewinne liegt auf dem schwächsten Niveau, seit er 2015 von Freiburg nach Berlin gewechselt ist.

Noch trägt Darida das System seiner Mannschaft. Die Frage lautet eher: Trägt das System die Mannschaft? Schon so manch ein Hertha-Trainer hat einen Neuanfang gewagt, in dem Darida keine Schlüsselrolle übernehmen sollte. Korkut könnte – auch aufgrund seiner Rolle als Interimscoach bis zum Saisonenede – weiter auf Darida als Stabilisator setzen. Mittelfristig wird die Hertha jedoch die Frage beantworten müssen, wie ein funktionsträchtiges System ohne Darida aussehen kann.

Vinnie 11. Dezember 2021 um 20:24

Gegen Bielefeld gab es auf einmal ziemlich viel Ballbesitz UND Darida. …und einen Hertha-untypischen Haufen an Chancen. Faszinierend.

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