Türchen 6: Stefan Ortega Moreno

Überraschung! Ein Torhüter hat sich in unseren Adventskalender verirrt. Stefan Ortega trägt seine Bielefelder Mannschaft. Und das liegt nicht nur an seinen überragenden Paraden.

Ein Torhüter als Systemträger. Das klingt zunächst nach einem Widerspruch. Wie soll ein Spieler, der am extremen Rand der taktischen Formation agiert, das System seiner Mannschaft tragen? Oft wird der Torhüter nicht einmal genannt, wenn es um taktische Formationen geht. Auch wir bei Spielverlagerung sprechen nicht vom 1-4-3-3 oder vom 1-3-4-3. Das wäre schlie´ßlich redundant, immerhin bildet der Torhüter (fast) immer die 1.

Dennoch kommt an dieser Stelle ein Torhüter vor: Stefan Ortega Moreno. Trotz seiner relativ geringen Körpergröße von 1,85 Metern hat Ortega es geschafft, ein ganz Großer der Bundesliga zu werden. Bei seinem Heimatverein Bielefeld ist er nicht mehr wegzudenken. Sogar die Bayern sollen im Sommer angeklopft haben, nach dem Klassenerhalt der Bielefelder kassierten sie jedoch einen Korb. Ortega blieb in Bielefeld – und möchte weiterhin einen wesentlichen Teil dazu beitragen, dass die Ostwestfalen erstklassig bleiben.

Shotstopper

Ein Torhüter trägt in erster Linie eins bei zum System seiner Mannschaft: Er bildet die letzte Bastion vor dem eigenen Tor. Er muss gegnerische Torversuche abwehren. Diese Facette beherrscht Ortega zweifelsohne: Er hat in der vergangenen Spielzeit so manche denkwürdige Parade gezeigt, in vielen Spielen hielt er sein Team im Spiel. (Eine tiefergehende Analyse seiner Stärken als Keeper findet ihr bei den 11Freunden.) Vergangene Saison war sein Post-Shot-Expected-Goals minus die tatsächlich kassierten Tore bei +1,1, sprich: Er hat mehr Schüsse gehalten, als er statistisch hätte halten müssen. In dieser Saison ist dieser Wert sogar noch leicht höher.

Nun qualifizieren starke Paraden einen Keeper noch nicht für das Label „Systemträger“. Jedes System würde auseinanderbrechen, stünde kein Keeper auf dem Feld, der Bälle hält. Insofern müsste man das Systemträger-Label ausweiten auf zahlreiche Keeper – oder schlicht anerkennen, dass Toreverhindern die Kernfunktion von Keepern ist und sie entsprechend dafür nicht als Systemträger in Frage kommen.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Denn während ein guter Torhüter jedem Team zugutekommt, profitiert nicht jedes Team gleichermaßen davon. Ein Aufsteiger wie Bielefeld ist stärker auf die Paraden eines Torhüters angewiesen als Bayern München. Logisch: Sie müssen pro Spiel mehr Torschüsse hinnehmen, allein schon aufgrund der individuellen Unterlegenheit.

Aber das allein erklärt es nicht. Der VfB Stuttgart etwa war vergangene Saison auch ein Aufsteiger, war aber weitaus offensiver eingestellt als die Bielefelder. Diese haben unter Frank Kramer die Klasse gehalten, indem sie kompakt verteidigt und Spiele mit wenigen Torchancen geschaffen haben. Die Paraden eines Keepers fallen in diesen Low-Scoring-Games eher ins Gewicht als in High-Scoring-Games. Und von diesen Paraden hat Ortega viele gezeigt.

Eins-gegen-Eins-Monster

Ortega hat aber noch eine weitere Stärke: seine Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins. Kaum ein Keeper schafft es, den Körper breiter zu machen und gleichzeitig mobil zu bleiben. Selbst wenn Gegenspieler in höchstem Tempo auf ihn zulaufen, bleibt Ortega ruhig. Er gewinnt überdurchschnittlich viele dieser Duelle.

Das ist auch im Rahmen des Bielefelder Spielsystems eine wichtige Eigenschaft. Die Bielefelder agieren zwar strategisch defensiv, sprich: Sie bringen viele Spieler hinter den Ball und setzen auf eine gute Organisation. Sie verharren dabei aber keineswegs in der eigenen Hälfte, sondern rücken im Pressing teilweise sehr weit nach vorne. Auch die Abwehrlinie verschiebt mit.

Das hohe Pressing führt die Arminia organisiert aus. Doch selbst im organisiertesten Pressing kann mal ein Ball durchrutschen. Ortega bügelt diese Fehler aus. Nicht nur dass er überdurchschnittlich viele Eins-gegen-Eins-Duelle gewinnt. Er läuft auch Bälle hinter die Abwehr ab und klärt lange Bälle. Manuel Neuer mag in dieser Kategorie noch spektakulärer agieren, Ortega braucht sich aber keineswegs verstecken.

Der mitspielende Torhüter

Ich fasse zusammen: Ortegas Paraden sind im strategischen Konzept seines Teams überdurchschnittlich wichtig. Seine Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins sind für das taktische Konzept wichtig. Für Bielefelds defensives Konzept ist er definitiv ein Systemträger.

Das Besondere an Ortega ist, dass er auch im eigenen Ballbesitz eine absolute Schlüsselrolle einnimmt. Unter Torhütern ragt er in allen Pass-Statistiken heraus: Kein anderer Bundesliga-Keeper hat derart viele Ballkontakte und spielt mehr Pässe oder lange Bälle pro Spiel. Ortega wird massiv ins Aufbauspiel seiner Mannschaft einbezogen – und er darf es auch aktiv gestalten.

Mit seiner Passwahl nimmt Ortega aktiv Einfluss auf den Spielrhythmus seiner Mannschaft. Kurze und lange Bälle wechseln sich bei ihm im Verhältnis 2:1 ab. Ortega kann das Spiel seiner Mannschaft langsam machen – oder er kann es mit einem langen Ball direkt beschleunigen.

Seine Pässe sind meist in das größere taktische Konzept seiner Mannschaft eingebunden. Möchte das Team über die Flügel angreifen, wird Ortega eher halbhohe Flugbälle auf die Flügel spielen. Soll Fabian Klos als Wandspieler vorne mit langen Bällen gefüttert werden, kommen diese in der Regel von Ortega. Kein anderer Keeper nimmt mehr Einfluss auf die Spielgeschwindigkeit seines Teams. Unter Kramer mag seine Rolle im Ballbesitz etwas weniger akzentuiert sein, als dies unter Vorgänger Uwe Neuhaus der Fall war. Er ist aber immer noch der Schlüsselspieler im Aufbau, noch vor allen Innenverteidigern oder Sechsern des Kaders.

Seine Einbindung im Ballbesitz komplettiert seine Rolle als Bielefelder Systemträger. In allen Bereichen eines Fußballspiels – eigener Ballbesitz, gegnerischer Ballbesitz, Umschaltmomente – verfügt er über eine besondere Funktion im System seines Teams. Seine Wichtigkeit für das Bielefelder Spiel beschränkt sich nicht auf die Tatsache, dass er ein guter Keeper ist. Seine individuellen Stärken wie Schwächen sind mit dem System der Bielefelder verflochten. Er hat somit etwas Seltenes geschafft: Als Torhüter zum Systemträger aufzusteigen.

WVQ 8. Dezember 2021 um 19:12

Sehr aufschlußreiche Grafik (und nicht nur wegen der astronomischen Maßeinheiten ;-}). Überhaupt ein sehr interessanter Torhüter. Danke für den Artikel!

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