Türchen 21: Max Kruse

Im 21. Adventskalender-Türchen erwartet uns einer der letzten „echten Typen“ in der Bundesliga.

Max Kruse gebührt eine seltene Ehre: Er hat es geschafft, gleich zweimal im Adventskalender aufzutauchen. Bereits 2012 habe ich an dieser Stelle über ihn geschrieben. Seitdem hat sich einiges getan, und es wäre fatal, wenn Kruse auf dieser Seite nur ein kurzes Porträt bekäme. Er hat mehr verdient.

Wieso? Weil Kruse schlicht und ergreifend einer der besten Bundesliga-Spieler der vergangenen zehn Jahre ist. Das zeigt sich sofort bei einem Blick auf die Daten. In der ewigen Scorer-Liste gibt es nur drei aktive Bundesliga-Spieler, die mehr Torbeteiligungen vorzuweisen haben: Robert Lewandowski, Thomas Müller und Marco Reus. Kruse stand in sieben seiner neun Bundesliga-Spielzeiten in den Top10 der Spieler mit den meisten Torschussbeteiligungen. Vor allem als Vorbereiter überzeugt Kruse seit nunmehr einem Jahrzehnt.

Seine Zahlen sind noch bemerkenswerter, wenn man bedenkt, bei welchen Klubs er gespielt hat: Seine Karriere begann beim FC St. Pauli, dann wechselte er zum nominellen Abstiegskandidaten SC Freiburg, ehe er mit Borussia Mönchengladbach Erfolge feierte. Nach einem erfolglosen Versuch, mit dem VfL Wolfsburg europäisch zu spielen, wechselte er nach Bremen. Aktuell kickt er für den 1. FC Union Berlin. Keine seiner Stationen gehören nicht zum „Geldadel“ der Bundesliga. Im Gegenteil: Kruse kickte in der Mehrzahl seiner Bundesliga-Saisons bei Mannschaften, die vom finanziellen Aspekt ins obere bzw. untere Mittelfeld der Liga gehören. Vielmehr hob er durchschnittliche bis gute Teams auf ein höheres Niveau. Jeder Verein schnitt nach der Verpflichtung von Kruse besser ab als in den Vorjahren (Ausnahme Wolfsburg – aber das ist eine eigene Geschichte…). Jeder Verein schnitt in den Saisons nach dem Abgang von Kruse schlechter ab als mit Kruse.

Das ist kein Zufall. Kruse hat ein vielfältiges Set an Skills, die jedem Verein weiterhelfen. Was an Kruse sofort auffällt, ist die Tatsache, dass sein Spiel im wahrsten Sinne des Wortes „außergewöhnlich“ ist. Kruse hat nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen, sondern führte zusammen mit Martin Harnik den SC Vier- und Marschlande in die A-Junioren-Bundesliga. Das erklärt ein Stück weit, warum wenig an Kruses Spiel lehrbuchmäßig ist. Es gibt nicht die eine Kruse-Bewegung oder den einen Kruse-Trick, den er wieder und wieder versucht. Kruse ist in der Wahl seiner Aktionen ziemlich komplett. Vom schnellen Ein-Kontakt-Spiel über kurze Antritte mit anschließendem Steckpass bis hin zum langen Dribbling befinden sich alle Aktionen in seinem Repertoire.

Schwimmende Neuneinhalb

Kruse ist in allen relevanten Bereichen gut bis sehr gut: Er verfügt über einen starken ersten Kontakt sowie einen punktgenauen Pass. Vorlagen kann er mit rechts und links geben, auch wenn der linke Fuß etwas stärker ist. Damit hängt auch eine der liebsten Laufwege Kruses zusammen: Als Stürmer weicht er häufig auf den linken Flügel aus. Von hier kann er mit seinem linken Fuß präzise Flanken in den Strafraum schlagen. Apropos Flanken: Diese kommen fast immer exakt dort an, wo Kruse sie hinhaben möchte. Seine hohen Werte im Bereich Tor(schuss)vorlagen rühren nicht zuletzt von seinen starken Standards.

Seine Art, die Stürmer-Position zu interpretieren, passt in keine Schublade. Sein Ausweichen nach links ist nur eine Variante. Häufig sucht er als Stürmer den freien Raum zwischen den gegnerischen Linien, um von hier einen direkten Pass hinter die Abwehr zu spielen. Seine Effektivität im gegnerischen Zehnerraum hängt nicht zuletzt zusammen mit seinem unglaublichen Körpergefühl: Kaum ein Fußballer dreht derart schnell mit dem Ball am Fuß auf. Kruse weiß dabei stets seinen Körper einzusetzen, um Gegenspieler abzuschütteln.

Mit seinen fußballerischen Stärken zieht er das Spiel geradewegs zu sich. Dennoch ist Kruse kein geborener Sechser, selbst als Zehner ist er eigentlich nicht hundertprozentig optimal eingebunden. (Auch wenn er diese Rolle auch spielen kann. So hat Florian Kohfeldt Kruse immer dann auf die Sechs beordert, wenn seinem Team im Spielaufbau so gar nichts einfiel.) Bindet man Kruse zu weit weg vom gegnerischen Tor ein, verliert er seine größte Stärke: die unheimliche Tororientierung. Seine Hereingaben, Steckpässe und auch Schüsse sind eine mächtige Waffe, egal ob der Gegner aufgerückt steht oder am eigenen Strafraum verharrt. Die Mitspieler können darauf vertrauen, dass Kruse schon etwas einfällt. Kruse wählt dabei gerne die Risiko-reiche Variante. Das muss nicht immer der erzwungene Pass hinter die letzte Linie sein. Häufig verlagert Kruse diagonal das Spiel, um Raum zu öffnen. Kruse sollte damit eher als Raumöffner denn als Risikospieler bezeichnet werden.

Das richtige Umfeld für Kruse

Am Besten funktioniert Kruse entsprechend, wenn um ihn herum Spieler agieren, die seine Fähigkeiten zu nutzen wissen. In Freiburg und Gladbach war Kruse Teil eines kombinationsstarken Zweiersturms. In Freiburg stürmte er an der Seite von Jan Rosenthal, in Gladbach neben Raffael. Für Tororientierung waren die Außenstürmer zuständig, die im 4-4-2-0-System diagonal sprinteten. Das kam Kruse zupass, der sich auf sein Zurückfallen, Ausweichen und Sprinten in den Strafraum fokussieren konnte, ohne allzu viel Präsenz in der letzten Linie schaffen zu müssen.

In Bremen wiederum brillierte er zunächst im Zusammenspiel mit Finn Bartels in einer Umschalt-orientierten Ausrichtung: Kruse bekam als hängende Spitze die Zuspiele und fütterte Bartels mit Pässen. Der startete hinter die Abwehr und erzielte entweder selbst Tore oder bediente den hinterhereilenden Kruse. Später war Kruse in Bremen Fixpunkt eines Ballbesitz-orientierteren Systems: Er bekam als zurückfallende Spitze Bälle, die Achter und die Außenstürmer waren für Tiefe und Breite zuständig. Kohfeldt richtete seine gesamte Mannschaft auf Kruse aus.

Wie wichtig das Zusammenspiel mit startenden Außenspielern bzw. Achtern für Kruses Effektivität ist, zeigen die Daten, wer Kruse Tore aufgelegt bzw. wem Kruse Tore aufgelegt hat. Die Liste wird angeführt von spielstarken Mitspielern wie Bartels (12 Ko-Produktionen) und Raffael (11). Außerdem finden sich viele Außenstürmer weit oben auf der Liste, so etwa Patrick Herrmann (7), Florian Kainz (4) oder – Überraschung – Andre Schürrle (5), mit dem Kruse nur 25mal gemeinsam auf dem Platz stand. Auch vorrückende Achter finden sich überraschend häufig auf der Liste, so etwa Maximilian Eggestein (5) oder Christoph Kramer (3).

Wer hingegen fast völlig fehlt, sind „echte“ Stürmer. Das liegt einerseits daran, dass Kruse zumeist in stürmer-losen Spielsystemen agierte bzw. selbst der alleinige Stürmer war. Allein taugt das aber nicht als Erklärung, immerhin stand er 40mal gemeinsam mit Claudio Pizarro auf dem Platz, ohne dass beide je ein Tor des anderen eingeleitet hätten. Einzig mit Branimir Hrgota kam Kruse in 37 gemeinsamen Einsätzen auf zwei Tore, was aber auch nicht allzu viel ist. Kruse braucht eben um sich schnelle oder kombinationsstarke Spieler und niemanden, der im Strafraum auf Hereingaben wartet. Die kann er ganz vernünftig selbst verwerten. Aus diesem Grund ist Kruse auch lieber selbst der einzige Stürmer anstatt einem anderen Stürmer zuzuarbeiten. Die Dynamiken, die Kruse mit seinem Ausweichen und Zurückfallen kreiert, müssen von einem aufrückenden Spieler genutzt werden – und nicht etwa von jemanden, der im Strafraum lauert.

Kruse und Union

Umso interessanter war seine Entscheidung im Sommer, zu Union Berlin zu wechseln. Noch hat er nicht viele Spiele für den Hauptstadt-Klub gemacht, doch er hat hier schon sein immenses Potential angedeutet. So hat Berlin gleich ein halbes Dutzend Spieler, die für ihr dynamisches Aufrücken an die letzte Linie bekannt sind. Gerade die Außen starten häufig hinter die letzte Linie, was Kruses Spiel zugutekommt; er hat nicht zufällig bereits zwei Co-Produktionen mit Sheraldo Becker auf dem Konto. Ebenso fruchtsam funktioniert das Zusammenspiel mit Robert Andrich. Dessen Spielintelligenz wie Dynamik im Vorrücken passt perfekt zu Kruses Rückfall-Bewegungen in den Zehnerraum.

Angesichts seines enormen Offensiv-Outputs lässt es sich etwas verschmerzen, dass sich Kruse defensiv beizeiten Pausen gönnt. Der Satz aus meinem 2012er-Porträt, Kruse sei „ohne Ball aggressiv“ und verteidigte „mit viel Leidenschaft“, hat die Zeit nicht gut überdauert. Gerade in Bremen klinkte er sich aber häufig aus, sobald der Ball in die eigene Hälfte kam. Sein schier grenzenloser offensiver Output erlaubt es ihm, defensiv Verschnaufpausen zu gönnen. Wobei er auch hier keineswegs komplett abschaltet, sondern vereinzelt anläuft und sich recht passabel ins Defensivkonzept seines Teams einfügt. Noch immer löst Kruse defensiv viele Aktionen mit seiner starken Antizipation. Damit war er 2012 im Vergleich zu Pressing-faulen Stürmern wie Kevin Kuranyi oder Ruud van Nistelrooy seiner Zeit voraus; 2020 wirkt er in einer Liga mit Sprint-Monstern wie Wout Weghorst oder Breel Embolo etwas faul.

Einem Spieler wie Kruse verzeiht man so etwas aber. Er ist einer der wenigen Spieler in der Bundesliga, die ein gewisses Flair versprühen. Damit sind keineswegs seine extravaganten wie kontroversen Aktionen außerhalb des Platzes gemeint, sondern vielmehr seine Art, Fußball zu interpretieren. Er denkt, spielt, taktiert außerhalb der üblichen Schubladen. Das macht Kruse zu etwas ganz Besonderem – und einem Spieler, der Risiken eingeht. Denn wo gibt es das schon, dass ein Spieler frei Schnauze auf die Flügel oder in den Zehnerraum ausweicht – und das auch noch dank seiner immensen Spielintelligenz fast immer funktioniert.

Mit 32 Jahren biegt Kruse so langsam auf die Schlussgerade seiner Karriere. Ein paar gute Jahre hat er sicher noch intus. Wer weiß, vielleicht widmen wir ihm in acht Jahren noch einmal ein Adventskalender-Türchen. Pizarro hat schließlich auch noch mit 40 für seinen Herzensverein aus Bremen gekickt.

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