Lange Vorsicht und (zu) spätes Aufdrehen

1:0

Die erste Halbzeit des Topspiels bestreiten beide Teams eher auf Sicherheit. Nach dem Rückstand findet Portugal eine neue Offensivanlage, Cristiano Ronaldo glänzt (heimlich), aber der Schwung hält nicht lange genug an.

Besonders der erste Durchgang des Krachers zwischen Belgien und Europameister Portugal rief vielerorts Enttäuschung hervor. Beide Mannschaften zogen sich recht tief zurück und behielten bei eigenen Angriffen viele Spieler in der Restverteidigung. Insgesamt bestimmten Ballbesitzpassagen um den jeweiligen gegnerischen Defensivblock herum das Geschehen.

Beidseitige Vorsicht in Halbzeit eins

Bei Portugal stand in der Abwehrarbeit und für Konter Cristiano Ronaldo recht isoliert gegen die belgische Dreierkette, während sich die Kollegen dahinter in einem 4-1-4(-1) anordneten. Bernardo Silva musste sich oft frühzeitig nach hinten orientieren, um Thorgan Hazard aufzunehmen. Am ehesten rückten im Team von Fernando Santos die Achter ballseitig diagonal heraus, um die gegnerische Ballverteilung zu stören.

Belgien versuchte es stark über die eigene linke Seite mit den Hazard-Brüdern und ihrem wichtigsten Aufbaumann Vertonghen. Währenddessen agierte de Bruyne mehr aus dem Zentrum heraus als von halbrechts. Gegen Überladungen des linken Flügels konnte Portugal aber frühzeitig nach außen schieben und bekam die Seiten daher vergleichsweise gut geschlossen. Konnte Belgien Raum für Halbraumverlagerungen öffnen, wurde dieser selten zur Aufnahme einer längeren Neuzirkulation genutzt, sondern etwas zu überambitioniert für gegenläufige Wege in die Tiefe.

Gegen den Ball stellten die Mannen von Roberto Martínez in der ersten Halbzeit etwas höher zu als der Gegner – in einer passiven Umsetzung. Ein flacher, enger Dreiersturm staffelte sich am Übergang ins Mittelfeld vor dem Sechserraum und Palhinha. Die belgischen Offensivkräfte fanden sehr gute Abstände zwischen den gegnerischen Verteidigern. Vor allem Lukaku als halbrechter Stürmer stand oft genau so nah am Passweg von Dias zu Guerreiro, dass dieser selten bedient wurde, und verhinderte auch ein Überdribbeln.

Das Trio unterband durch passende Positionsfindung also einfache Aufrückmomente am Flügel und verteidigte effektiv fünf Portugiesen. So holten sich die Mittelfeldakteure des Europameisters tiefer die Bälle ab – neben Palhinha vor allem Renato Sanches, während Moutinho erst passiver blieb. Das machten sie zunächst vor allem in zentralen Bereichen, woraufhin Belgien die mittige Kompaktheit einfach beibehalten konnte. Oft verfolgte Witsel mannorientiert nach vorne, weshalb sich enge Viererlinien in der ersten Linie ergaben, die Portugal kaum in Bewegung brachte.

Mit der Zeit kippte Sanches häufiger nach links heraus und forderte außerhalb der Formation die Bälle. Zumindest entstanden so mehr diagonale Staffelungen und Belgien wurde weiter zurückgedrängt. Über kleine Dribblings oder weite Diagonalbälle auf die Außenverteidiger, die sich von den gegnerischen Flügelläufern flach absetzten, kam Portugal im Laufe der ersten Halbzeit zu mehr Aufrückmomenten. Da Belgien sich sehr schnell und vorsichtig bis ins Abwehrpressing zurückfallen ließ, gab es auch viele horizontale Ballpassagen am Block entlang. Mangels guter Bewegungsmuster in Strafraumnähe mündeten diese primär in Fernschüssen.

Ein Abschluss aus der Distanz führte plötzlich auf der anderen Seite überraschend zur belgischen Führung kurz vor der Pause. Vorausgegangen war ein langer Ball auf Zielspieler Lukaku – natürlich stets eine Option für Belgien. Dieses Mittel und im Anschluss gewonnene Abpraller sorgten zwischendurch für höhere Ballbesitzmomente. Solche Situationen machten aber besonders deutlich, wie wenig Präsenz Belgien normalerweise nach vorne brachte: Nach Ballsicherungen in Strafraumnähe zogen de Bruyne und Eden Hazard oft in peripheren Zonen zum Ball, um Aktionen zu unternehmen, die problemlos die Flügel- oder Halbverteidiger hätten erfüllen können.

Portugals Verwandlung nach der Pause

Tatsächlich tat der Treffer kurz vor der Pause der Partie gut, da eine Mannschaft fortan mehr Initiative übernahm. Portugal wurde nicht nur allgemein (strategisch) offensiver. Allein das wäre angesichts des spielerischen Potentials der Mannschaft eine Wohltat gewesen. Darüber hinaus verbesserten sich zur zweiten Halbzeit auch die Bewegungsmuster und Rollenverteilung merklich. Die Offensivspieler pendelten häufiger seitlich neben das gegnerische Mittelfeld, um sich dort den Ball abzuholen, wie dies zuvor nur die Achter getan hatten.

Sie nutzten diese Situationen für diagonales Andribbeln. Daraufhin bewegte sich stets ein zweiter Akteur fokussiert in die horizontale Lücke zwischen dem herausschiebenden ballnahen Sechser der Belgier und dessen Nebenmann. Oft war es ein Flügelspieler, der von außen nach innen schnitt und sich von außerhalb des Sichtfelds der gegnerischen Mittelfeldakteure absetzte. Portugal hatte fortan eine konstante Besetzung relevanter Offensivräume – und zwar direkt eine gute. Es entstanden viele Doppelpasssituationen aus den Halbräumen zum Strafraumeck hin.

In den ersten etwa 25 Minuten des zweiten Durchgangs hätte auf diese Weise der Ausgleich fallen müssen. Nach den Auswechslungen kam mit Joao Félix zudem ein Offensivakteur hinzu, der durch fast sämtliche Zwischenräume pendelte und auch in den zentralen Bereichen konstanter für weitere Optionen sorgte. Die über den gesamten Zeitraum wichtigste Figur war aber Cristiano Ronaldo. Seit seinem Wechsel von Real Madrid zu Juventus hat sich die Spielweise des Superstars nochmals verändert, wird wieder konventioneller und mannschaftsorientierter.

Cristiano Ronaldos starke Leistung

Im Nationaldress gab es zuletzt sehr unterschiedliche Auftritte. Die erste Halbzeit gegen die Belgier war keine besonders gute von den offensiven Bewegungen und Entscheidungen her. Aber nach dem Seitenwechsel drehte Cristiano auf. Er suchte sich fokussierter bessere Positionen und trat aus den Halbräumen heraus als, auch mannschaftsdienlicher, Antreiber auf. Bei Juventus konnte er in den letzten Saisons vereinzelt in mitspielender Rolle glänzen, aber wann gab es zuletzt eine Einbindung von ihm wie in diesem Achtelfinale?

Fast an jedem guten Offensivansatz seines Teams war der Superstar nach Wiederbeginn des zweiten Durchgangs beteiligt: Cristiano holte sich Bälle ab und dribbelte an, aber verzichtete zunehmend auf ineffektive Einlagen, die gegebenenfalls Dynamik nehmen oder Gegenspieler sogar zu Ungunsten des eigenen Teams beeinflussen könnten. Er initiierte immer wieder Doppelpässe, ging nach und war in Anschlusssituationen sichtlich bemüht, seine Mitspieler einzusetzen.

Vor allem führte er diese Aktionen auf einem technisch-koordinativ starken Level aus. Noch ist Cristiano weiterhin kein herausragend pressingresistenter Offensivmann, aber seine (Vor-)Orientierung, auch in engen Räumen, hat sich zuletzt deutlich gesteigert. Die Ballmitnahmen in die Dribblings und anschließend in die Folgemomente hinein waren oftmals sehr wuchtig, die einzelnen Bewegungsabfolgen präzise und definiert.

Kurz gesagt: Cristiano rief Potential ab, das er über Jahre vernachlässigt hat. In der gesamten letzten Dekade waren die Voraussetzungen für ihn da, einer der komplettesten Offensivspieler der Welt zu sein und nicht nur der kompletteste Torjäger des neuen Jahrtausends – eine Rolle, auf die er sich zu oft beschränkte bzw. übermäßig fokussierte. Vor allem in seiner großen Erfolgszeit bei Real lauerte er hauptsächlich als abschlussstarker Verwerter rund um den Strafraum, während andere für ihn arbeiteten. Partien wie diese gegen Belgien zeigen, was für ein hervorragender Fußballer und speziell auch Mannschaftsspieler Cristiano Ronaldo eigentlich sein kann – auch im höheren Alter immer noch – und sein konnte, wenn er sich entsprechend verhält.

Genauer gesagt wurde das wahrscheinlich selten so enorm deutlich wie in dieser Begegnung. Die eher unspektakuläre Niederlage des Titelverteidigers wird dazu führen, dass der Auftritt schon bald in Vergessenheit gerät. Cristiano Ronaldo glänzte in der zweiten Halbzeit, auch wenn der Spielberichtsbogen ihn nicht als Torschützen verewigt. In Erinnerung bleiben werden von seiner Karriere statt solcher Leistungen vielmehr Begegnungen, in denen er vielleicht zwei Elfmeter verwandelt und mit einem glücklich abgefälschten Freistoß einen Hattrick schnürt.

Wie Belgiens Führung in der Schlussphase hielt

Dass dieses Achtelfinale gegen die Belgier zum Schluss nicht doch noch ein spektakuläres Finish rund um Cristiano Ronaldo erlebte, lag auch am nachlassenden Schwung seines Teams in den letzten etwa 20 Minuten. Zum einen passierte das, was in solchen Situationen häufig eintritt: Die Portugiesen wurden im Laufe einer starken Phase, in der sie sich noch nicht belohnten, zunehmend ungeduldiger und in der Folge schlichen sich kleine Unsauberkeiten ein, die sich summierten und letztlich stark zu den eigenen Ungunsten zu Buche schlugen.

Zum anderen gelang den Belgiern nochmals eine kleine Steigerung. Zwischenzeitlich hatte die erste Pressinglinie kaum mehr nach hinten arbeiten können, war auch leicht überspielt worden, raffte sich aber zu neuer Energie auf. In den meisten Situationen bewegte sich der für de Bruyne eingewechselte Mertens fortan tiefer oder fiel früher zurück, teilweise mehr auf Höhe der Sechser. So stopfte er die Räume neben dem Mittelfeld, die die Portugiesen so oft angedribbelt hatten.

Das wurde aber mit vorgerückten, zentraleren Positionen, quasi neben Lukaku, variiert. Situativ hatte Belgien dann eine verschobene Doppel-Spitze vor dem Sechserraum, die Portugal auf deren rechte Seite leitete, wo Eden Hazard – so die Zuteilung – gegen Dalot verteidigte. Den ballfernen Flügel konnten Martínez‘ Mannen dadurch freilassen und effektiver Präsenz in jenem Bereich zusammenziehen.

Zusammengenommen trugen die verschiedenen Faktoren dazu bei, dass Portugals Schwung abgebremst wurde. Belgien brachte das knappe Ergebnis – insgesamt mit einer Portion Glück – über die Zeit. Der Europameister hat, auch im Turnier allgemein, mit einer enorm begabten Truppe zu lange auf defensive Strategie gesetzt und musste dafür letztlich den Preis eines vergleichsweise frühen Ausscheidens zahlen.

Rinus Michels‘ Personal Fitness Coach 30. Juni 2021 um 23:40

In der ersten Halbzeit schien sich Santos auf genau diesen angesprochenen Ronaldo der letzten Jahre zu verlassen. Er stoßstürmte so einsam, dass die einzige Torgefahr Portugals über einen sehr vertikalen Pass auf Ronaldo passieren hätte können und ich weiß auch nicht warum gerade Santos dazu ausgewählt wurde, sich so weit vorne zu positionieren.
Die Crux an Hälfte 2 ist, dass das in meinen Augen klar dominante Portugal genau diesen Ronaldo als ganz simplen Torchancenverwerter brauchen hätte können.
Es hätten einen eingebundenen und einen abschließenden CR7 benötigt-zwei Ronaldos eben und genau das ist wohl auch das Problem an der Rollenfrage Ronaldos.

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Rinus Michels‘ Personal Fitness Coach 30. Juni 2021 um 23:41

„Ricardo Sanches dazu ausgewählt wurde, sich so weit vorne zu positionieren“

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studdi 29. Juni 2021 um 11:33

Andere Nationalmannschaften als die Deutsche schaue ich mir eigentlich immer nur bei großen Turnieren an. Auf Portugal hatte durch eure EM Vorschau richtig Lust doch viel hat man davon leider nicht gesehen. Kein Asymetrischer Spielaufbau ( Cancello ist ausgefallen aber man hätte es ja Seitenverkehrt auch mit Guerreiro machen können) kein Angiffspressing. Insgesamt doch das Portugal das ich aufgrund der letzten Turniere erwartet hatte…
Für mich dann doch die Enttäuschung des Turniers, da ja scheinbar zwischen den Turnieren etwas anders gespielt wurde und man mit einer Offensiveren herangehensweise rechnen konnte.

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Taktik-Ignorant 29. Juni 2021 um 14:32

Auch Portugal scheint Schwierigkeiten zu haben, die richtige Balance zwischen offensiver Wucht und defensiver Stabilität zu finden. Gegen Belgien klappte das in Halbzeit zwei ganz gut, weil De Bruyne, der ein exzellenter Konterspieler ist, früh rausmusste und Hazard ein klein wenig und Mertens sehr weit von früherer Bestform entfernt sind. Tielemans, von dem auch viele kreative Impulse ausgehen können, hatte einen schwachen Tag und war mit Abwehraufgaben mehr als ausgelastet. Die bemerkenswerterweise gegenüber ihren Leistungen im Vereinsdress aufblühenden Torgan Hazard und Meunier konnten das mit zunehmender Spieldauer immer weniger kompensieren. Deswegen hing Lukaku die meiste Zeit völlig in der Luft, als ein-Mann-Sturm.
Aber ja, schade, dass die Portugiesen draußen sind, aber auch die Belgier würde ich gerne noch länger im Turnier sehen.

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