Grundstabil selbst mit Unschärfen

Juventus ist in der Saison 2018/19 bisher erfolgreich: In der Liga winkt fast sicher die nächste Meisterschaft, in der Champions League steht nun das Viertelfinale an. Ein Blick auf das Team von Massimiliano Allegri.

Es hätte ein abrupter Schnitt werden können: Nach dem Achtelfinal-Hinspiel bei Atlético Madrid stand Juventus in der Champions League schon kurz vor dem Aus. Lange schienen sie trotz einer mäßigen Vorstellung mit einem Remis aus der Begegnung herauszukommen, doch dann kassierten sie die Gegentreffer spät und geballt und gerieten somit in eine für die ambitionierten Saisonziele bedrohliche Lage – mit dem Rücken zur Wand. Letztlich konnte die Mannschaft von Massimiliano Allegri das Szenario des Knockouts im Rückspiel noch abwenden.

Andernfalls wäre die Saison womöglich sogar als Enttäuschung verbucht worden, trotz des äußerst souveränen Auftritts in der Serie A. Nach Jahren der Dominanz auf nationalem Parkett musste die Verpflichtung von Cristiano Ronaldo im vergangenen Sommer fast schon zwangsläufig als die eindeutige Ansage interpretiert werden, dass Juventus nun endgültig den ganz großen Titel angreifen wollte – die Krone in der Champions League, mit noch mehr Nachdruck. Wahrscheinlich kann man da nicht so viel dagegen machen. In jedem Fall konzentriert sich in der Betrachtung bei Juventus nun viel auf den portugiesischen Superstar.

Die Einbindung Cristiano Ronaldos

Eine der interessantesten Fragen nach diesem spektakulären Transfer war natürlich, welche Rolle Cristiano Ronaldo im Konstrukt von Allegri einnehmen könnte und sollte. Wie würde er nach Jahren bei Real Madrid zurechtkommen? Vor allem auch: Wie passten er und Paulo Dybala, als zentraler Schlüsselspieler der Turiner Offensive, zusammen? Gerade die letzte Frage wurde prinzipiell sehr gut gelöst, mindestens in den Übergangszonen können sich beide effektiv ergänzen. In der Hinrunde erzielte Cristiano Ronaldo zwar weniger Tore als im Vergleich zu seiner Quote der Vorjahre und war also nicht der Torjäger, als der er schon häufig auftrumpfen konnte. Aber dafür kamen andere Qualitäten wieder zum Vorschein, die vermehrt in den Hintergrund getreten waren.

Bei Real Madrid konzentrierte sich der Angriffsspieler wieder zunehmend auf weniger riskante Aktionen und lauerte ansonsten mit geringer Präsenz als Verwerter. In seinen nicht ganz so „erfolgreichen“ Jahren hatte er gelegentlich Probleme mit zu fokussierter Einbindung und kam dadurch häufiger in Situationen, in denen einige suboptimale Entscheidungen stärker auffielen. Eine andere Tendenz stellte sich bei seinem neuen Verein dar: Das Spiel zentrierte sich nicht so stark auf Cristiano Ronaldo, er war stärker Mitspieler innerhalb seines Teams.

Bevorzugtes Personal

Insgesamt bindet er sich beispielsweise mit vielen zurückfallenden Bewegungen ein, macht das aber nicht nur ballfordernd, sondern agiert auch als unterstützende Anspielstation im Umkreis der Kollegen. Wenn Dybala aus etwas tieferen Positionen ankurbelt, kann Cristiano mit schnellen Hackenablagen für dynamische Pärchenbildungen sorgen und auf diese Weise, zumal aufgrund explosiver Anschlussbewegungen, viel Wirkung im Übergang nach vorne generieren. Die ergänzende Einbindung in Kombinationen von zwei oder drei Spielern trat in einigen Saisonphasen schon wesentlich öfter und aktiver auf, als es für Cristiano in jüngerer Zeit prägend war, speziell in der Hinrunde.

Formationstaktische Varianten

Am stärksten bevorzugt Allegri bisher eine 4-3-3-artige Spielweise mit drei Offensivakteuren, komplettiert normalerweise durch Mario Mandzukic. Insbesondere für die „großen Spiele“ bildet diese Variante die erste Wahl. Mit seinem läuferischen Aufwand und vielen ausweichenden Aktionen sorgt der kroatische Angreifer ebenfalls für viel Bewegung in der Offensive. Das gilt schließlich auch für den umtriebigen und recht kompletten Federico Bernardeschi, der sich in den letzten Wochen zunehmend in die erste Elf gespielt und von den verschiedenen kleinen Verletzungsproblemen bei Dybala profitiert hat.

Die 3-5-2-Variante in den letzten Wochen

Mit dem italienischen Nationalspieler gibt es noch einfacher die Möglichkeit zu formativen Umformungen in ein enges 4-4-2/4-2-2-2, wenn er sich am rechten Flügel zurückzieht und Matuidi von der linken Achterposition entsprechend etwas mehr in die Breite arbeitet. Dass es je nach Besetzung bei nur zwei wirklichen Offensivspielern auch ein klareres 4-4-2 mit Can oder Bentancur und Matuidi als nominellen Flügeln gibt, ist eine eher seltene Ausrichtung, auch noch etwas seltener als die 3-5-2-Option, und dürfte tatsächlich mit etwaigen personellen Gegebenheiten zusammenhängen

Spielt im 4-3-3-Ausgangssystem Mandzukic nicht und wird durch einen eigentlichen Flügelspieler wie Bernardeschi – oder alternativ auch Cuadrado – ersetzt, ist Dybala grundsätzlich der zentrale Offensivakteur. Wenn er dadurch jedoch etwas höher und mehr wie ein Stürmer agiert, betätigt er sich verstärkt über ausweichende Bewegungen. Es kann daneben auch mal vorkommen, dass er klarer fokussiert wird und viel Präsenz erhält, für gewöhnlich bei einer dann breiteren Spielweise des Flügelspielers. In der Champions-League-Gruppenphase zum Beispiel war dies in der Heimpartie gegen Manchester United der Fall, wesentlich stärker als beim vorigen Aufeinandertreffen in England.

Eine Offensivformation aus einem Spiel der Hinrunde

Bei der Begegnung in Turin orientierte sich Dybala sehr klar in den rechten Halbraum in die Nähe von Cuadrado, um dort Bälle zu fordern. Die kurzzeitigen, durch entsprechende Pärchenbildungen mit jenem hervorgerufenen Engensituationen forcierte der Argentinier dann als Ausgangspunkt für die weiteren Angriffsverläufe. Da Cristiano Ronaldo zwar linksseitig höher agierte als mit Mandzukic, aber dennoch nicht dauerhaft nur die Tiefenbesetzung übernehmen konnte, wurde die Sturmlinie sehr häufig durch hohe Positionierungen der Achter – punktuell sogar beider gleichzeitig – aufgefüllt. Überhaupt bildet dies grundsätzlich ein typisches Element bei Juve, wenngleich hier besonders ausgeprägt.

Offene Rollenverteilung

Im Laufe der Zeit scheinen sich kleine Verschiebungen und neue Akzentuierungen ergeben zu haben. Dass die Tendenz der Spielweise Cristiano Ronaldos in den linken Bereich der Offensive verweist, prägte sich noch eindeutiger heraus. Die freien Bewegungen durch die Übergangszonen hindurch sind etwas seltener geworden, der Portugiese pendelt vor allem zwischen ballfordernden Einbindungen entweder breit am Flügel oder in der Tiefe und der Zuständigkeit für die Besetzung des Strafraums. Manzudkic übernimmt die Aufgabe des umtriebigen Arbeiters, raumschaffend oder -füllend, der jeweils dritte Akteur die übrigen Aufgaben, die situativ sonst in der Offensive anfallen, und muss viel in der Vorbereitung leisten. Damit herrscht also sehr viel Bewegung vorne.

Soweit die Grundzüge: Diese bedeuten eine erste lose Differenzierung der verschiedenen Einbindungen, betreffen jedoch zunächst das rudimentäre Rüstzeug. Im Grunde genommen hat Juventus eigentlich wenig Stetigkeit innerhalb ihres bewegungsreichen Stils. Bei kontrollierten Startsituationen im Feldzentrum beginnt die Mannschaft aus dem 4-3-3 zunächst mit tiefen Achtern und versucht oft in eine Art Rautenanordnung zu kommen. Dafür begibt sich einer der Offensivspieler in den Bereich um den gegnerischen Sechser oder manchmal noch tiefer, die zwei anderen Kollegen weichen vorne etwas auseinander.

Zumindest als ungefähre Ausgangsorientierung oder als Hilfsmuster scheint das so vorgesehen zu sein. Wie sich eine solche Grundstruktur zusammenfügt und wie in der Folge die verschiedenen Bewegungen umgesetzt werden, gestaltet sich aber sehr unterschiedlich. Dass ein bestimmter Spieler sich bevorzugt auf bestimmte Aufgaben oder Aktionen konzentriert, ein anderer wiederkehrend diesen und jenen konkreten Verhaltensmustern folgt, tritt vergleichsweise stark hinter der Abwechslung zurück. Bei Bedarf wird Cristiano Ronaldo eher einmal mehr als einmal weniger die eigene Präsenz forcieren oder die Strafraumbesetzung übernehmen, aber oft genug ist das vor allem die individuelle Entscheidung denn die allgemeinere Aufteilung.

Flexibilität und der Hang zur Unstetigkeit

Insgesamt lässt sich mit einer loseren Verteilung der Rollen die Vielseitigkeit uneingeschränkter umsetzen. Ein Stück weit setzt sich das im Mittelfeld fort, wo auch die Achter potentiell viel untereinander wechseln können und in der engeren 4-4-2-Variante eine gewisse Austauschbarkeit zwischen Flügel- und Zentrumspositionen gegeben ist. Die geringe Definiertheit kann Vor- wie Nachteile bieten, sie wird sich oft etwas eigentümlich gestalten und bringt spezifische Herausforderungen mit, mit denen man zurechtkommen muss.

Szene aus dem Spiel gegen Empoli: Eine Vielzahl von Bewegungen in untereinander nicht ganz optimaler Abstimmung führt zu einer etwas ziellosen und zwischenzeitlich im Zentrum unterbesetzten Staffelung. Auch Bernardeschi orierntiert sich nicht fokussiert genug in den Raum, zieht dann aber diagonal weiter und drückt den Bereich zumindest frei, so dass Pjanic ihn anlaufen kann und eine neue Anspielstation wird.

Dazu gehört die Inkaufnahme, dass einzelne Bewegungen häufiger und etwas schneller dazu führen, dass auch wichtigere Räume situativ nicht abgedeckt sind und nicht so stabil anders aufgefüllt werden. Vor allem können gelegentlich – und teilweise auch sehr plötzlich, also unvorbereitet – Verzögerungen innerhalb des eigenen Spiels auftreten. Das mag beispielsweise durch eine abreißende Zwischenverbindung und die entsprechende Notwendigkeit einer „Umleitung“ der Zirkulation geschehen. Es kann aber auch von anderen Faktoren in anderen Konstellationen hervorgerufen werden:

Vor allem handelt es sich bei jenen Verzögerungen um solche in der Umsetzung von Abstimmungsprozessen, wenn entschieden werden muss, wer gerade in einer bestimmten Situation zum Ball zurückfallen darf und soll und wie die jeweils anderen Akteure darauf eingehen und sich darauf einstellen. Das ist bei Juve nicht ganz so sauber organisiert und damit etwas unzuverlässiger, wenn auch spontaner. Dadurch kann mitunter ein unfokussierter Zug in das Spiel der Turiner hineinkommen. Es treibt die Ballverteilung zunehmend in die peripheren Bereiche ab.

Engagierte Freilaufbewegungen nach außen finden sich ohne die Schärfe der zugrundeliegenden Rollenverteilung einfacher in Konstellationen wieder, in denen keine direkte Fortsetzung der laufenden und kein direkter Übergang in die nächste Angriffsphase machbar ist, sondern sich nur die Ausgangsbedingungen der Situation wiederherstellen lassen. Der Ball läuft zwar gut durch die verschiedenen Räume, aber mit mehr kurz- als langfristigem Raumgewinn, manchmal unsystematisch und von teils sprunghaften, weniger eingrenzten Entscheidungen begleitet.

Gewisse Staffelungsprobleme in den vorderen Reihen

Kurz gesagt: Das Juve-Spiel tendiert leicht zum unbewussten Abdriften und zur Verwässerung, ehe es durch die gute Strafraumbesetzung und die attackierenden Nachrückbewegungen am Flügel wieder in die Tororientierung zurückgeholt wird. Der unfokussierte Zug kann noch durch andere Faktoren verschärft werden, mitunter sogar durch Mechanismen von wiederkehrender Klarheit. Dazu gehören zum einen die Folgebewegungen bei Pässen breit auf die Außenverteidiger. In diesen Situationen sorgt fast immer ein höher positionierter Mitspieler aus der Nähe für einen horizontalen Lauf zur Seite, entweder ein Offensivmann oder auch mal ein Achter.

Szene aus dem Spiel gegen Empoli: Cancelo erhält nach einer Verlagerung den Ball, Bentancur bietet sofort den Horizontallauf für den Folgepass nach vorne an

So bietet er entlang der Linie eine Anschlussoption für den diagonalen oder vertikalen Pass. Das kann Aufrückmöglichkeiten generieren oder auch raumschaffend genutzt werden. Durch die starke und manchmal mechanische Orientierung an diesem Muster greifen Juves vordere Akteure aber auch in Momenten darauf zurück, in denen es nicht so zielführend ist. Zum anderen bewegen sich die Achter überhaupt oft nach außen, gleiten aus den breiteren Positionierungen auch schon mal etwas zu weit dorthin ab. Gerade Matuidi zeigt darüber hinaus noch viele aufrückende Läufe. Prinzipiell werden diese konsequent eingebunden und als raumschaffendes Element genutzt.

Nur manchmal geschehen sie zu früh und können in hohen, flachen Staffelungen enden, wenn sich auch die Angreifer nach vorne orientiert haben. Im vorderen Drittel bzw. hauptsächlich in unmittelbarer Strafraumnähe sind die Offensivakteure der Turiner nicht optimal aufgestellt. Das Wegdrücken von Gegnern durch aufrückende Läufe der Achter wird dafür von guter Dribblingnutzung begleitet. Nicht zuletzt Bonucci und Chiellini schöpfen solche Räume recht offensiv aus. Sie können dann ihr diagonales Passspiel einbringen und sorgen mit solchen Zuspielen ballfern an die letzte Reihe auch deshalb für so viel Gefahr, weil sich sämtliche Juve-Stürmer dort geschickt abzusetzen wissen.

Raumfüllen und Kombinieren

Andersherum gibt es passende Reaktionen auf höhere Positionierungen der Achter auch in die andere Richtung: Die hinterlassenen Räume werden außerdem immer mal von einzelnen guten Zurückfallbewegungen besetzt. Zur Problematik zu flacher Staffelungen in den Offensivzonen gehört bei Juventus ebenso ein gutes Mittel zu deren Auflösung, in Form von Neupositionierungen. Solche kurzzeitigen Anpassungsläufe füllen die entsprechenden Feldbereiche auf. In diesem Kontext kommt es zur situativen Bildung von Kleingruppen durch den zurückfallenden Spieler und noch ein oder zwei nahe Kollegen.

Wie bei den Interaktionen zwischen Cristiano Ronaldo und Dybala erfolgt gerade in solchen Situationen ein sehr kombinationsorientiertes Ausspielen bei Juventus – auch wenn die größere Struktur nicht immer optimal sein mag. An diesem gesamten Beispiel – dem Zusammenspiel selbst wie auch schon dessen Entstehung über die zugrundeliegenden Neupositionierungen aus der Offensive – zeigt sich schon, warum die Mannen von Allegri auch mit einer manchmal unspezifischen Rollenverteilung starke und zuverlässige Ergebnisse erzielen.

Für sich genommen sind beispielsweise viele der Bewegungen der Turiner eigentlich sehr gut umgesetzt, nur durch die freieren Verhaltensmuster eben in der Koordination mit dem Gesamtkonstrukt nicht immer optimal. Das bedeutet einerseits, dass Juventus nicht so oft und nicht so zielstrebig in gute Situationen kommt, wie sie es könnten, und deren Vorbereitung nicht so dominant prägen kann. Andererseits bedeutet es aber auch, dass sich die Mannschaft in jenen teilweise also ungeplanten Situationen trotzdem noch vergleichsweise stark und dann unproblematisch zurechtfindet.

Die Option im ballfernen Halbraum

In diesen Bereich der Umsetzung fällt schließlich eine der ganz zentralen Stärken dieses Allegri-Teams: Juve zeigt sich enorm stabil und vielseitig darin, den ballfernen Halbraum zu besetzen. Diesen verlieren sie fast nie aus dem Fokus und haben eigentlich durchgehend irgendeinen Spieler in diesem Bereich abgestellt. Nicht zuletzt an dem Punkt zeigt sich, dass ihr Spiel nicht so sehr über die Klarheit der Rollenverteilung funktionieren mag, aber dafür stark anhand bestimmter Grundprinzipien geleitet wird, wie eben jenem Fokus.

Konstanz in der Besetzung des ballfernen Halbraums verschafft einen großen Vorteil, sorgt für Ballsicherungs- und Ausweichmöglichkeiten. Entweder erfolgt sie durch eine der breit gehenden Bewegungen der Achter oder einen diagonal zurückfallenden Offensivspieler. Die Außenverteidiger übernehmen diese Aufgabe nur sehr selten, obwohl sie potentiell in allen Spielphasen eingerückt agieren können, ob im tiefen Aufbau situativ bei gegnerischem Angriffspressing oder vorne am Strafraum als Reaktion auf viele Ausweichbewegungen in der letzten Linie.

Für die Offensivmannen bieten solche Positionierungen im ballfernen Halbraum die Option, risikoarme Möglichkeiten zum Ballfordern zu haben und sich auf diese Weise Präsenz aufbauen zu können. Insgesamt gelingt es den Turinern auch gut, solche Momente mit Ergänzungsbewegungen durch die anderen Spieler zu bereichern. Die umliegenden Akteure beteiligen sich in diesen Situationen oft aktiv mit passenden Entscheidungen, um etwa durch gegenläufige Rochaden oder kurzes Aufrücken dem Kollegen noch mehr Freiräume zu verschaffen zu versuchen, der das Leder erhalten soll.

Beispiel aus der Partie gegen Napoli für gute Unterstützungsaktionen bei Halbraumverlagerungen in höheren Zonen: Das Spiel löst sich von links weiter nach rechts, wo sich Cristiano Ronaldo in die Schnittstelle abgesetzt hat. Pjanic dreht auf und spielt den Pass. Napolis Mittelfeldakteure stellen sich recht frühzeitig darauf ein, scheinen aber die Zugriffsmöglichkeiten nur als gering einzuschätzen und gehen daher ins bloße Nachschieben über statt den Pass, mit dem sie prinzipiell zu rechnen scheinen, abzufangen zu versuchen. Potentiell hätte Cristiano Ronaldo noch durch eine zusätzliche Herausrückbewegung aus der Anwehr unter Druck geraten können. Bernardeschi macht jedoch in einem passenden Moment quer vor dem entsprechenden Raum einen Horizontallauf nach innen und bindet Gegner. Hysaj muss sich kurz zurückorientieren, daher werden für die Folgeaktion auch die Abstände auf Cancelo etwas größer, auf den Cristiano Ronaldo den Ball letztlich nach außen weiterspielt.

Da die entsprechenden Räume meist an den Rändern der Defensivformation oder schon außerhalb liegen, hält sich der Gegner oft etwas passiver, nimmt gegen die Halbraumverlagerung eher Druck heraus und bevorzugt den stabilen Rückzug weiter nach hinten. Dass Positionierungen eines Spielers zentral an der gegnerischen Mittelfeldreihe – entsprechend der häufigen Turiner Grundorientierung – diese enger binden können, trägt zur Erfolgsstabilität solcher Zuspiele bei. Gerade im zweiten Drittel ist die konstante Präsenz im ballfernen Halbraum ein Schlüsselaspekt, um für eine Vielzahl an Situationen eine einfach herzustellende Alternativoption in der Hinterhand zu haben und einen guten Grundzugriff auf die Begegnung zu halten.

Grundstabilität für Konstanz

Auf diesem Wege können die Turiner etwa Abprallerszenen gut lösen und sich insgesamt oft ihre Präsenz schaffen. Das ist für den italienischen Serienmeister die entscheidende Grundlage, darauf fußt der bisher erfolgreiche Saisonverlauf. Die vielen Stärken der Mannschaft wirken genau darauf ein, tragen genau dazu bei. Das gilt etwa für das Gegenpressing, das strukturell zwar unter den Tendenzen zu flachen Staffelungen leiden kann, dessen grundlegende Intensität und gruppentaktische Umsetzung aber funktionieren.

Da Bonucci und Chiellini in der großräumigen Restverteidigung Mann gegen Mann eine gute, zügige Entscheidungsfindung haben, gelingt es Juve selbst die Szenen noch recht gut zu verzögern, bei denen die letzte Absicherungsreihe schon in dieser Frage gefordert wird. Die stärkste Phase im Gegenpressing der Mannschaft von Allegri ist dann der daran anschließende Start einer ersten Rückzugsbewegung. Besonders hervor tritt darin die jeweilige Abwägung seitens der ballnahen Spieler, wie viel Druck sie gerade machen und in welchen Momenten sie nicht den letzten Zugriffsübergang setzen müssen, sondern sich mehr den Anschlussräumen widmen können.

Daneben fußt die allgemeine Grundstabilität schließlich nicht zuletzt auf der Spielphase gegen den Ball – eigentlich ein klassiches Metier des Teams mit Bonucci und Chiellini ganz hinten. Zwar gibt es gerade mit Cristiano Ronaldo aus der Offensive teilweise nicht die volle Beteiligung im Pressing, aber ohnehin war Juventus vorher schon in den letzten Jahren vor allem in der tiefen Verteidigung um die defensiven Einzelkönner besonders stark. Wenn der portugiesische Neuzugang sich einige Freiheiten gegen den Ball nehmen sollte, bieten sich verschiedene Optionen an, den linken Flügel zu füllen: durch verstärkte Rückwärtswege von Mandzukic etwa in enge 4-3-3/4-3-2-1-Ordnungen oder die leichten 4-4-2-Umformungen mit breiterem Matuidi.

Defensivbewegungen im 4-4-2 am Beispiel einer Besetzung mit vier nominellen Mittelfeldspielern und zwei klaren Offensiven

In dieser Grundformation startet die Mannschaft – gerade bei einer Aufstellung mit nur zwei nominellen Offensivleuten – das Pressing zunächst in einer engen Mittelfeldreihe. Die seitlichen Akteure schließen die Halbräume kompakt. Wenn sie sich aus der Linie lösen, rücken sie eher nach vorne als nach außen, um teilweise gegnerische Aufbauspieler mit Bogenläufen zu attackieren, deren gute Ausführung oft den leitenden Effekt nach innen erzielt. Besonders gegen die Halbverteidiger einer Aufbaudreierkette macht sich das vielversprechend. Eröffnet das andere Team im zweiten Drittel zum Flügel, schiebt dort aus dem engen 4-4-2 häufiger der ballnahe Außenverteidiger zuerst ins Pressing.

Dafür kann sich Juve gewissermaßen die Abläufe aus ihren – in der Vergangenheit schon ausgiebig zusammengetragenen – 3-5-2-Erfahrungen zunutze machen. Treten sie in der aktuellen Spielzeit in dieser Formation selbst an, interpretieren sie diese statt mit einer Fünferkette oft auch tatsächlich in jener Systematik mit drei Verteidigern und zwei höheren Flügelspielern gegen den Ball. Diese verschieben zunächst in der Mittelfeldreihe und zeigen insgesamt gute, stabile Rückzugsbewegungen. In beiden Defensivvarianten funktioniert die Ausgewogenheit und situative Abstimmung im Nachschieben des ballnahen Innen- bzw. Halbverteidigers normalerweise – in der Konstellation vom Wochenende gegen Milan etwa weniger – balanciert und damit als ein Pluspunkt.

Mal etwas zu unspezifisch

Nicht zuletzt über diese Stärken kann Juventus unspezifische Phasen gegen viele Mannschaften in hoher Konstanz kompensieren: Sie sind jeweils gut im Spiel, bleiben hinten stabil und können im Zweifel vorne den Sieg über Athletik und quantitativen Druckaufbau in der Offensivpräsenz erzwingen. Auch wenn sie mal eine unterlegene Phase haben, ist es schwer, sie zu knacken. Gegen gewisse Mannschaften auf Topniveau bedeutet das schon eine größere Gefahr, wie sich in der ersten Partie bei Atlético prinzipiell zeigte.

Als die Bewegungen in der Offensive etwas zu unfokussiert wurden und dann kleinere Probleme im Gegenpressing hinzutraten, konnte das brenzlig, musste aber erst einmal nicht zum schwerwiegenden Problem werden. Es wirkte wie eine typische Partie, in der mal die andere Mannschaft eigentlich mehr Dynamik entwickelt und die klareren Ansätze nach vorne anmeldet, aber gegen die Grundstabilität nicht genug Masse aufbringen kann und deren Druckphasen man letztlich doch übersteht. Normalerweise hätte Juventus wahrscheinlich das 0:0 gehalten und wäre es nur als beiläufige Erwähnung zum Ausdruck gekommen, dass näher an einem Tor eher Atlético war.

Auf dem schmalen Grat entglitten in jenem Fall aber doch etwas zu viele Spielanteile und summierte etwas zu viel Offensivpräsenz für die Madrilenen in der Endphase, woraus sich erst die Voraussetzung für zwei späte Treffer nach Standardsituationen ergab. Was in vielen Fällen funktioniert(e), tat es in dieser Begegnung nicht – wohlgemerkt in dem betreffenden Achtelfinale, aber nicht in „der“ Champions League an sich. Solche Querverweis zwischen nationaler und internationaler Bühne sind mitunter heikel, man erinnere sich an die Diskussion, Borussia Dortmund könne keine Königsklasse, die es vor Jahren mal gab. Die Gefahr einer unspezifisch werdenden Offensive ist für Juve nicht unerheblich, aber nicht so gravierend, dass sie es wirklich unwahrscheinlich erscheinen ließe, damit bis ins Finale zu gelangen.

Das spezielle Rückspiel gegen Atlético

Offensivformation Juve im Rückspiel gegen Atlético

Nach dem ungünstigen Ergebnis aus Madrid gestaltete sich das Rückspiel, in dem die Italiener das 0:2 tatsächlich noch drehen konnten, als eine spezielle Angelegenheit für sich. Auf die Ausgangslage reagierte Allegri mit größeren, fast extremen Anpassungen gegen ein Atlético, das sich strategisch etwas zu zurückhaltend ausrichtete. Kurioserweise bildete den Ausgangspunkt bei Juve ausgerechnet eine besonders konkrete „Sonder“-Rolle, sie betraf die Spielweise von Emre Can: Der nominelle rechte Achter pendelte immer wieder zwischen dem Mittelfeld und der Abwehrreihe, agierte in vielen Phasen also eigentlich eher als Halbverteidiger.

Eine solche Mischposition für formative Übergänge hatte Allegri vor einiger Zeit übrigens schon einmal – in etwas anderer Umsetzung – ausprobiert, damals noch mit Daniel Alves, in einem Rückspiel nach einem sehr klaren Vorergebnis zu den eigenen Gunsten. In diesem Fall rückte Can vor allem dann entweder nach vorne oder nach hinten durch den Halbraum, wenn das Spiel sich gerade auf die andere Seite verschob. Gelegentlich dribbelte er auch mal direkt nach vorne an. Insgesamt wurde es durch sein Auffüllen in der Abwehr möglich, dass sich die letzte Linie als solche dafür weiter nach vorne schob. Vor allem Chiellini konnte dafür links extrem weit nachrücken, um im Angriffsdrittel aggressiv auf Abpraller zu gehen und teilweise sogar Passwege zur Seite vorher freizudrücken.

Auf jener Seite holte sich Cristiano Ronaldo viele Bälle breit am Flügel ab, wenn die hohen Außenverteidiger Atlético tief zurückgeschoben hatten. Da der linke Teil der Formation so stark nachschob und sich entsprechend schnell Anschlusspräsenz herstellen ließ, konnte der Portugiese in seinen Aktionen attackierend und riskant vorgehen. Bei Verlagerungen von links machte sich die tiefere Position Cans aufgrund der ohnehin zurückgezogenen und eher verhaltenen Spielweise der Gegner nicht ganz so stark bemerkbar wie unter „normalen“ Umständen ohne den Einfluss der ersten Partie. Dadurch ging weniger Raumgewinn verloren, zumal der Allrounder sich auf solche Situationen vorbereitend schon wieder etwas höher positionieren konnte.

Im weiteren Ausspielen fokussierte Juventus ohnehin massiv die Flügel und in letzter Instanz den Strafraum. Auf den Außenbahnen über viele Nachrückbewegungen eigentlich zentraler Spieler bzw. Verteidiger zu verfügen, sorgte für viel Druck. Die Mannen von Allegri verzichteten an den Stellen relativ ökonomisch auf Präsenz, wo sie sie für die Eigenart jener Begegnung entbehren konnten, und verteilten die Gewichte in ihrem Spiel einseitig, aber schlüssig. Wie sie zu ihren Toren kamen, bot ein extremes bis skurriles Bild, aber ergab sich auf jene Weise, auf die es bei einem solch eindeutigen Motto gehen musste – Präsenz in den Strafraum und attackierende Bälle dorthin, mit Flanken und Tiefenpässen, bei denen Bernardeschi viel versuchen durfte. Sie hatten – bis auf Dribblings – kaum Vertikalspiel im Halbraum und wenig Kreativität um die Zehnerposition herum, aber dafür einen sehr klaren Plan.

Rückanbindungen vom Flügel nach innen – Paradebeispiel Pjanic

Überhaupt bilden Flanken und Flügelspiel für das letzte Drittel ein wichtiges Mittel bei Juventus. Da sie entsprechend oft in den äußeren Feldbereichen sind, ist es besonders wichtig, jeweils gute Anschlussoptionen herstellen zu können – in den vorderen Zonen selbst, aber auch schon im zweiten Drittel. Genau das macht Juve in unterschiedlichen Konstellationen gut: Es gehört zu den Stärken des Teams, vom Flügel wieder zurück nach innen zu kommen. Zur Herstellung solcher Rückwege stellen beispielsweise die typischen horizontalen Freilaufbewegungen bei Pässen auf die Außenverteidiger einen wichtigen Faktor dar. Diese können auch raumschaffend wirken.

In ihren Entscheidungen sind die Mannen von Allegri stabil darauf eingestellt, dass zur Unterstützung von an der Seite ballführenden Mitspielern grob jeweils ein Spieler vom Ball weg und einer zum Ball hin laufen soll. Solche klassischen Kombinationen aus raumschaffender und -nutzender Bewegung werden sehr zuverlässig ausgeführt. Die Aufgabe der Raumbesetzung können beispielsweise die situativen ballfordernden Rückstöße eines Offensivspielers aus den flexiblen vorderen Anordnungen erfüllen. Das Muster funktioniert jeweils ähnlich, die Verteilungen können sich natürlich je nach Situation ändern, wenn ein Angreifer schon zuvor den Ball tief abgeholt hatte und ein Mittelfeldmann höher positioniert war.

Szene vom Auswärtssieg bei Man United: Cuadrado war schon nach hinten zurückgefallen, Cristiano Ronaldo holte sich den Ball außerhalb der Formation. Er spielte dann nach außen auf Cancelo. Entsprechend rückte Martial aus seiner Startposition etwas weiter nach hinten zum Ball, auch Matic ging kurz mit, da Cristiano nach dem Zuspiel ebenfalls wieder startete. Der zuvor aufgerückt positionierte Bentancur musste fast gar nicht seine Position verändern, sich nur minimal zurückziehen, um durch einen Querpass eingebunden werden zu können.

Sehr wichtig für die Anbindungen vom Flügel ist in den tieferen Bereichen – also prinzipiell innerhalb der eigenen Hälfte, aber auch noch die ersten Meter jenseits der Mittellinie – Miralem Pjanic auf der Sechserposition. Seine guten Freilaufbewegungen stellen Alternativoptionen her. Er bewegt sich zuverlässig als Verbindungsgeber, rochiert stetig horizontal und bietet sich an, aber mit insgesamt guter Balance fast immer nur so weit, dass er dadurch nicht Raum zulaufen würde. In außen festgefahrenen Situationen ist es häufig Pjanic, der doch noch einen neuen Querpassweg erschließt, den die Mitspieler dann meistens auch konsequent nutzen.

Nochmals die Szene von oben aus der Partie gegen Empoli zur Illustration: Pjanic sorgt für eine neue Anspieloption

Solche Momente sind nicht selten entscheidende Szenen für Juventus, wenn sie sich auf diese Weise aus den Flügelzonen herausspielen und potentiell problematische Knackpunkte verhindern. Vor einigen Wochen in der Liga gegen Udine beispielsweise, als zahlreiche Spieler für das unmittelbar folgende Atlético-Rückspiel geschont wurden und dementsprechend durch die personelle Konstellation weniger Abstimmung herrschte, lieferte Pjanic eine besondere Paradeleistung in diesem Bereich, brillierte teilweise mit seinen Bewegungen zum Herstellen von Passmöglichkeiten nach innen und zeigte nochmals exemplarisch seine Bedeutung als Schlüsselspieler.

Dazu noch ein anderes Beispiel aus der Champions League, der Gruppenpartie bei Manchester United: Auch hier löst sich Pjanic gut aus dem Rücken des gegnerischen Zehners

Fazit

Der Finaleinzug oder auch der Titelgewinn in der Champions League sind Juventus in diesem Jahr sicherlich zuzutrauen, auch wenn man sie vielleicht nicht als den allerersten Topfavoriten einordnen mag. Die Mannschaft von Massimiliano Allegri verfügt über eine hohe Grundstabilität, ist gerade im Mittelfeld sehr präsent und vielseitig aufgestellt. Wie unspezifisch oder austauschbar sie mitunter in der Rollenverteilung spielen, ist ein ungewöhnliches Merkmal. Wichtig in den entscheidenden Partien der „Königsklasse“ dürften ihre Stärken in den Anschlussverbindungen vom Flügel und in der Balance der Nachschiebemomente in Pressing wie Gegenpressing, aber in letzter Konsequenz auch die Form Cristiano Ronaldos im Strafraumbereich werden. Zu einer möglichen Geheimwaffe der Turiner könnte sich ihre gute Besetzung des ballfernen Halbraums entwickeln.

Marlene Dietrich 9. April 2019 um 20:29

Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Artikel.

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