Türchen 19: Ousmane Dembélé

Eins der größten Talente der aktuellen Fußballergeneration ist ohne Frage Ousmane Dembélé. Bereits als 19-Jähriger erzielte er für den BVB 2 Tore und 6 Vorlagen in nur einer Champions-League-Saison und 19 Scorerpunkte in selbiger Bundesliga-Saison. Hier soll es aber nicht um seine 130-Millionen-Ablöse gehen, um seine Entwicklung, seine Rolle beim FC Barcelona oder seine Geschichten neben dem Platz, sondern nur darum, was ihn als Spieler besonders macht.

Dembélé ist in meinen Augen einer der, wenn nicht der besonderste, unwahrscheinlichste Spieler der Welt. Seine Mischung aus athletischen und technischen Fähigkeiten ist allein schon sensationell, aber sein Spielstil ist darüber hinaus einzigartig und widerspricht vielen Standards des professionellen Fußballs. Dembélé spielt anders Fußball, als Leute es erwarten und gewöhnt sind. Er fügt dem Spiel eine neue Facette hinzu.

Das Beste: viele seiner Aktionen sehen auf den ersten Blick gar wie technische Fehler aus. Für einen Topspieler hat er eine unglaublich weite, inkonstante Ballführung, als wäre er gar ein schlechter Dribbler. Das Gegenteil ist aber der Fall, die „Schlampigkeit“ von Dembélé hat System. Um dahinterzukommen, zunächst einige generelle Überlegungen zum Dribbling im Fußball.

Dribbeln als Fangspiel

Im Fußball täuscht der Fokus auf den Ball manchmal darüber hinweg, wie Zweikämpfe bzw. Dribblings und Dribblingverteidigung im Kern funktionieren: Es ist eine Art „Fangen“, bei dem es darum geht, dass der Verteidiger den Gegner bzw. Ball erwischen muss, während der Angreifer möglichst in Torrichtung vorbeilaufen muss. Deshalb ist Athletik der elementare Aspekt im Dribbling, nicht Technik, obwohl man das Dribbling als technische Aktion sieht. Einfacher sichtbar ist das im American Football, wo die Ballkontrolle ungebrochen ist: Es geht erst mal darum, am Gegenspieler vorbeirennen zu können. Ein 9-Jähriger wird niemals einen fitten 25-Jährigen wirklich überdribbeln können, egal wie gut seine Ballbehandlung ist, schlichtweg weil er viel zu langsam losrennt.

Dabei ist im Fußball nicht die Endgeschwindigkeit der entscheidende Faktor sondern die Schnelligkeit im Stehenbleiben, Balance wechseln, Richtung wechseln, drehen, Fuß- und Körperstellung anpassen und vor allem im Loslaufen. Am eindrucksvollsten sieht man das wohl bei Lionel Messi, an den die Verteidiger in erster Linie deshalb nicht rankommen, weil er sich so unglaublich schnell bewegt. Mit dem Ball macht Messi sehr oft nichts anderes, als ihn schlichtweg sauber zu führen; keine Übersteiger oder sonstige Tricks. Wenn er doch mal unter direkten Druck gerät, macht er kurze, schnelle, kleine Ballbewegungen, um das Leder an den gegnerischen Beinen vorbeizuschieben, aber das war’s meistens.

Für Messi ist es vor allem so, dass der Ball ihn nicht einschränkt. Seine Bewegungsabläufe und seine Ballkontrolle sind so perfekt, dass er mit Ball fast genau so rennen kann wie ohne. (Das ist ja nicht banal: Man spielt dem Ball im Fußball mit dem gleichen Körperteil, mit dem man auch rennt – während man rennt! Da kann viel Bewegungsfähigkeit verloren gehen.) Und das beschreibt die Hauptfunktion des Balles im Dribbling: Er ist eine Einschränkung für den Angreifer.

Fintieren als Bonus-Schnelligkeit

Aus diesem Grund besteht die Ballbehandlung im Dribbling zu einem großen Teil daraus, die Kontrolle zu bewahren, die Einschränkung gering zu halten und Zugriffsmöglichkeiten für den Verteidiger zu vermeiden: Der Dribbler will möglichst jederzeit seine Richtung ändern können, so schnell wie möglich laufen und dabei weit genug vom Gegenspieler weg bleiben. Das ist Ballführung.

Das klassische technische, „trickreiche“ Element kommt dann sozusagen oben drauf: Mit Fintierbewegungen kann ich erreichen, dass mein Gegner falsche Bewegungen macht und mir dadurch einen Bewegungsvorteil verschaffen: Schneller ist, wer eher losläuft. So kann ein fintenreicher Dribbler im Fangspiel effektiv schneller werden als er eigentlich ist und auch Gegner überwinden, die rein athletisch etwas schneller sind.

(Deswegen funktionieren viele spektakuläre „Tricks“ übrigens nicht im Spiel: Weil sie überhaupt keinen Bezug zum Gegenspieler und dessen Bewegungsmöglichkeiten haben. Sie sind einstudierte Bewegungsabläufe, die dadurch im schlechtesten Fall auch noch vorhersehbar sind, als Finte also gar nicht taugen. Oder man kann aus der normalen Ballführung unter Druck überhaupt nicht in diese Bewegungen übergehen, ohne schon im Ansatz den Ball zu verlieren, bevor die Finte richtig losgeht.)

Eine Besonderheit bei Dembélé ist, dass er den Aspekt des Fintierens auf extreme Weise ausspielt, und das, obwohl seine Athletik überragend ist. Er könnte durchaus ein „reiner“ Tempodribbler sein und Gegenspieler mit sauberer Ballführung überlaufen, stattdessen macht er aber extrem viele unterschiedliche Sachen mit dem Ball. Was genau tut er aber und inwiefern ergibt das Sinn?

Abstand und Richtung im Defensivverhalten

Ein Schlüssel in der Verteidigung gegen Dribbling ist die richtige Grundposition: Wenn es nicht darum geht, sofort den Ball zu erobern, sondern man vor allem nicht ausgedribbelt werden will, dann möchte man möglichst eine diagonale Stellung zum Ballführenden, sodass man den direkten Weg zum Tor erst einmal versperrt. Am besten will man den Gegner dann auch noch auf eine Seite leiten, möglichst die Mitte zumachen. Und dabei will man genug Abstand haben, dass der Gegner nicht sofort an einem vorbeilaufen kann, andererseits nah genug sein, um zu verhindern, dass der Gegner ungestört den Ball führen kann.

Um diese Defensivposition zu finden, ist es entscheidend, den dribbelnden Gegenspieler korrekt zu lesen: Was ist sein starker Fuß? In welche Richtung kann er loslaufen, basierend auf seiner Körperstellung? Hat er den Ball unter Kontrolle oder nicht? Diese Fragen sind oftmals recht eindeutig zu beantworten, insbesondere wenn man einen Spieler gut kennt. Bei Dembélé werden sie schnell zur Doktorarbeit.

Fintierbewegung statt Finten

Schon in der Ballannahme macht es Dembélé seinen Gegenspielern extrem schwer, sich richtig zu verhalten. Nicht weil er, wie nach Lehrbuch, jeden Ball sauber mit Bewegung in den Raum mitnimmt, sondern ganz im Gegenteil, weil er immer etwas anderes macht und nie das was man erwartet. Man weiß nicht einmal, mit welchem Fuß er den Ball kontrolliert, darüber hinaus sind aber auch Richtung und Moment seines ersten Kontakts wild fluktuierend: Mal denkt man, er stoppt den Ball normal, dann lässt er ihn einfach an sich vorbeilaufen, sodass er schon Dynamik in diese Richtung aufnehmen kann. Dann wiederum steht er da, als ob er den Ball mit fernen Fuß Richtung Tor mitnehmen will, stoppt ihn dann aber plötzlich mit dem ballnahen Fuß ganz früh.

Innerhalb seiner Laufbewegung setzt sich das fort. Er hat keine permanente Ballkontrolle, sondern „stottert“ in der Ballführung, läuft öfter mal einfach am Ball vorbei, lässt ihn ein bisschen rollen, macht dann aber wieder sehr frühe Ballkontakte, stoppt den Ball plötzlich, führt dann wieder den Ball neben sich anstatt vor sich, ergänzt das ganze mit Drehungen.

Ich habe zuvor geschrieben, dass Fintieren zu falschen Gegnerbewegungen führt und der Dribbler dadurch effektiv schneller wird. Bei Dembélé ist der gesamte Bewegungsablauf auf diesen Effekt ausgelegt. Beinahe alles, was er am Ball macht, jeder Schritt, jeder Kontakt, jede Hüftbewegung sorgen dafür, dass Gegner falsch stehen und er immer wieder eine bessere Startposition für die nächste Aktion hat und ein bisschen schneller loslaufen kann.

Risiko und Spieltheorie im Zweikampf

In Fußballaktionen generell und auch im Zweikampf gibt es immer ein offensives und ein defensives Aktionsziel, offensiv im Sinne von „erhöht die Chance auf den eigenen Torerfolg“ und defensiv im Sinne von „reduziert die Chance des gegnerischen Torerfolgs“: Im Angriff reduziert man die Chance auf den gegnerischen Torerfolg, indem man den Ball behält, und erhöht die Chance, indem man den Gegner ausspielt. Je mehr man Zweiteres priorisiert, umso höher wird das Risiko, Ersteres zu verfehlen: Je mehr ich versuche, Richtung Tor Gegenspieler auszuspielen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Ball verliere.

So ist Dembélés Spielstil erst einmal in der Hinsicht „riskant“, dass er das schon sehr stark fokussiert und relativ viele Ballverluste in Kauf nimmt. Das gilt aber für viele Spiele, die meisten erzeugen damit nicht so einen Ertrag wie Dembélé. Der Kniff ist, dass Dembélé auch das Risiko beim Gegner erhöht.

In der Verteidigung ist das defensive Spielziel, nicht ausgespielt zu werden, das offensive Spielziel, den Ball zu erobern. Solange ich nicht versuche, den Ball zu erobern, ist es relativ einfach, nicht ausgespielt zu werden: Einfach Abstand wahren und den Weg zum Tor versperren. Deshalb ist es für so viele Mannschaften und Spieler so schwer, einen tiefstehenden, abwartenden Abwehrverbund zu knacken – umso einfacher wird es aber, den Ball zu halten.

Dembélés Dribblingstil sorgt dafür, dass Verteidiger häufiger ins Risiko gehen, weil es so aussieht, dass er die Ballkontrolle verliert. Die Art und Weise wie ihm scheinbar Bälle verspringen, er scheinbar schlecht zum Ball steht, ist bei normalen Spielern ein Hinweis darauf, dass der Ball nicht unter Kontrolle ist und erobert werden kann. Das lebenslang gelernte Verhalten der Verteidiger: Attacke. Ball erobern, solange er nicht kontrolliert ist.

It’s a trap

Diese Zugriffsversuche kann Dembélé dann häufig bestrafen, weil er den Ball eben doch kontrolliert oder zumindest schnelleren Zugriff darauf hat als der Gegenspieler. Dabei helfen ihm neben seinem Antritt auch sein hervorragendes Balancesystem und seine ungewöhnlich langen Beine.

Für seine Körpergröße ist er relativ staksig. Im „Fangspiel“ Fußball ist sowas ein Nachteil, wenn es darum geht, den Körperschwerpunkt schnell zu bewegen, in Antritt und Richtungswechseln. Es ist aber ein Vorteil im Erreichen des Balles. Sergio Busquets oder Zlatan Ibrahimović sind Spieler, die auf andere Art von langen Beinen Gebrauch machen. Generell kann man wohl die Faustregel formulieren: Kurze Beine helfen dabei, Druck aus dem Weg zu gehen, lange Beine helfen dabei, erfolgreich aus Druck rauszukommen.

In Verbindung mit seiner sehr schnellen Koordination kann Dembélé somit gezielt Drucksituationen erzeugen, den Gegner in Balleroberungsversuche locken, und dann blitzschnell den Ball erreichen, wegziehen und aus diesen Situationen rauskommen. Dadurch verteidigt man gegen Dembélé zu risikoreich und wird immer wieder erfolglos aus der Position gelockt, wenn man so verteidigt, wie gegen normale Spieler.

Dembélé als unlesbarer Gegenspieler

Diese Eigenschaft führt auch dazu, dass Dembélé noch schwerer lesbar wird, als er es durch seine Bewegungsabläufe ohnehin schon ist. Damit wird der Verteidiger im grundlegenden Fundament seiner Aktionen verunsichert, der Wahrnehmung der Situation.

Was ein Verteidiger stets intuitiv macht, ist, die Bewegung des Dribblers zu antizipieren. Der Ball verrät normalerweise viel über die möglichen Laufbewegungen. Wenn ich den Ball außen am rechten Fuß hab, kann ich nicht explosiv nach links loslaufen. (Also, kann ich schon, aber den Ball muss ich dann liegen lassen.)

Neben seiner extrem variablen Ballführung und seinen Kontrollverlust-Finten kommen bei Dembélé noch seine fantastische Athletik und eine quasi perfekte Beidfüßigkeit hinzu. Er kann sich so schnell bewegen und dazu den Ball auf unterschiedlichste Art in alle Richtungen führen, dass man kaum einschränken kann, wozu er überhaupt in der Lage ist. Bei Hazard oder Robben weiß man wenigstens, dass sie entweder gerade laufen oder mit dem starken Fuß nach innen ziehen; Dembélé hingegen kann jederzeit überall hin mit beiden Füßen. Und er geht auch überall hin.

Dann kommt auch noch hinzu, dass seine Schuss- und Passtechnik extrem stark ist, also auch die Anschlussaktion an das Dribbling oder seine Aktion bei ausbleibendem Druck sehr schwer antizipierbar ist.

Dembélé ist eine Enigma mit vier Säulen: Man kann nicht vorhersagen, was er machen kann (Athletik, Technik, Beidfüßigkeit). Man kann nicht vorhersagen, was er machen wird (Fintenbewegungsabläufe). Man schätzt seine Aktionen falsch ein (Kontrollverluste). Und man muss immer mit jeder möglichen Folgeaktion rechnen (Passspiel und Abschluss).

Unglaubliches Potential

Je mehr man Dembélé zuschaut, umso mehr bekommt man ein Gefühl dafür, was für ein absurdes Potential dieser Fußballer mitbringt. Es ist nicht nur so, dass er quasi jede Situation lösen kann, nicht nur so, dass er fast jede Situation tororientiert lösen kann, sondern er kann jede Situation auf etliche unterschiedliche Weisen tororientiert lösen. Während andere nach Lösungen suchen, ist es bei ihm eher so, dass er aus mehreren hochkarätigen Lösungen auswählt.

Das Auswählen und Umsetzen der Lösungen von ihm ist noch nicht immer perfekt. Seine Orientierung ist nicht perfekt, die Beurteilung von Situationen nicht immer korrekt. Doch welche Fähigkeiten er mitbringt, wieviel „Macht“ er grundsätzlich über Spielsituationen hat, wieviel potentielle Durchschlagskraft er auf den Rasen bringt, ist unglaublich. In diesem Aspekt können sich höchstens eine handvoll Spieler der Fußballgeschichte mit Ousmane Dembélé messen.

LT 20. Dezember 2020 um 17:52

Vielen Dank, MR! Herausragende Anlagen, die auch meiner Meinung nach ihresgleichen suchen und alle sehr speziell sind, aber meiner Ansicht nach diese „natürlicche Beidfüßigkeit“ ein kleines Stück über allen Eigenschaften steht.
Sven Mislintat hat mal gesagt, dass er wettet, nach einem Spiel, in dem er Dembélé beobachtet hat, hätte dieser nicht sagen können, in welcher Situation er welchen Fuß benutzt hat, weil er einfach nicht drüber nachdenkt. Sah man auch immer sehr gut bei Standards, die er mal mit links und mal mit rechts ausgeführt hat. Und im Gegensatz zu anderen beidfüßig starken Größen (C. Ronaldo, Florian Kringe ;)), hat man bei Ousmane eben immer das Gefühl, das ist nicht antrainiert, sondern angeboren.
Gleichzeitig, so scheint es, ist genau das ihm bis jetzt in seiner Karriere aber auch zum Verhängnis geworden:
Das Verlassen auf die zweifelsohne herausragenden Anlagen und die offenbar etwas unprofessionelle Einstellung.

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sofalaie 20. Dezember 2020 um 10:41

„Generell kann man wohl die Faustregel formulieren: Kurze Beine helfen dabei, Druck aus dem Weg zu gehen, lange Beine helfen dabei, erfolgreich aus Druck rauszukommen.“ Kann man das wirklich so sagen? Oft geht es ja auch darum, in Drucksituationen, Zugriffsversuchen möglichst schnell/rechtzeitig auszuweichen und enge räumliche + zeitliche Fenster zu nutzen, in denen man rauskommen kann. Ich denke da an kleine, wendige Zehner und Sechser.

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MR 21. Dezember 2020 um 22:27

Das hab ich versucht, mit „Druck ausweichen“ zu beschreiben, wobei das wohl bisschen missverständlich ist, weil „Druck“ ja nicht genau definiert ist. Im Kontext des Satzes meine ich Situationen, in denen tatsächlich physischer Druck auf den Spieler besteht und/oder der verteidigende Spieler aktiv den Ballkontakt sucht. Gegen kleine Spieler ist es ja häufig ja so, dass der Verteidiger die Bewegung startet, um in Reichweite für den Ball- oder Körperkontakt zu kommen, und in diesem Moment ausbeschleunigt wird, bevor er wirklich „rankommt“.

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Objektiv111 19. Dezember 2020 um 22:59

Sensationeller Spieler, mit unfassbaren Potential. Leider wieder mal verletzt.

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tobit 19. Dezember 2020 um 16:05

JAAAAAAAAAAA!
Ich wusste, dass er irgendwann kommt

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