Türchen 18: Erling Haaland

Borussia Dortmund mag sich aktuell in einer sportlichen Krise befinden, aber auf einen BVB-Spieler trifft das gewiss nicht zu. Der norwegische Superstürmer Erling Haaland ist die wandelnde Torgefahr und zugleich einer, der das Risiko nie scheut.

Aber fangen wir mit einer grundsätzlichen Frage an: Passt Haaland überhaupt in die Kategorie des „Risikospielers“? Bringt er ähnliche Attribute mit wie einige Spieler im diesjährigen Adventskalender? Die definitive Antwort darauf lautet: Jein. Haaland ist ein kontextueller Risikospieler, aber vor allem auch einer, der seine Mitspieler ins Risiko treibt. Das stach insbesondere in einer risikoarmen Mannschaft wie dem Favre’schen BVB ins Auge.

Die Übersicht zu Haalands Involvierung ins Passspiel des BVB – aus der Toolbox von Twenty3

Denn in jener eher gemächlichen und konservativen Spielanlage war Haaland stets ein Antreiber, der die mangelnde Tiefe des Spielaufbaus in gewisser Weise dadurch kompensierte, dass er fast schon unabhängig von der Dynamik des Ballbesitzspiels tiefe Läufe unternahm. Er provozierte damit steile Pässe seiner Mitspieler, die ihre risikoscheue Spielweise für einen Moment ablegen mussten, weil Haaland es verlangte. Der Norweger hat dabei auch jenen Vorteil, dass er teils sehr geschmeidig durch die Schnittstellen der Abwehr gleitet und ein gutes Gefühl dafür hat, den Ball bei hohem Tempo aufzunehmen. Das bedarf eines exzellenten Umschauverhaltens und der Fähigkeit, die eigene Laufgeschwindigkeit der Geschwindigkeit des Balles anzupassen.

Nun ist diese Spielweise an sich aber nur mit einem überschaubaren Risiko verbunden, das Haaland eingeht. Natürlich kann er den Ball an der Abseitslinie oder beim anschließenden Dribbling verlieren. Aber das minimiert eigentlich sogar das Risiko des Dortmunder Spiels, das zu häufig aufgrund von frühzeitigen Ballverlusten oder Ballverlusten bei minimaler Restabsicherung in Schwierigkeiten kam – wie etwa auch Mats Hummels nach dem 1:5 gegen den VfB Stuttgart betonte.

Abwägungsentscheidungen bei Spitzengeschwindigkeiten

Abgesehen von dieser Komponente in Haalands Spiel sind es vor allem die von ihm forcierten Dribblingsituationen in der gegnerischen Hälfte, bei denen die Risk/Reward-Ratio in beide Richtungen ausschlagen kann. Auf den ersten Blick wirken seine Dribblings insbesondere nach dem ersten Durchbruch von Hektik geprägt. Was der 20-Jährige aber eigentlich versucht, ist jene Dynamik, die bereits durch den zuvor gespielten Pass entstanden ist, mitzunehmen und zugleich die ungünstigen Bewegungsabläufe und Körperpositionen der Verteidiger zu nutzen.

Wenn also beispielsweise ein Verteidiger seitlich neben Haaland sprintet und ähnlich wie der Norweger zum Tor blickt, bewegt sich Haaland gerne entgegen dessen Körperposition auf die andere Seite und kreuzt quasi dessen Laufweg hinter dessen Körper. Oftmals tut dies Haaland wie erwähnt im Dribbling, teilweise aber auch mit Pässen. Sieht er einen Mitspieler der sich sozusagen im Rücken des mitsprintenden Verteidigers befindet, versucht er diesen anzuspielen und einen ähnlichen Effekt wie mit dem angesprochenen kreuzenden Lauf zu erzeugen.

Haaland bei dem, was er am zweitbesten kann: jubeln – Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Haaland geht insofern ein Risiko ein, weil er natürlich auch versuchen könnte, im mehr oder weniger geradlinigen Sprint zum Tor zu ziehen und notfalls, sollte er abgedrängt werden, aus der Halbdistanz abzuschließen. Das würde ihn in jedem Fall als passablem Mittelstürmer erscheinen lassen, der nicht vermeintlich unnötig Angriffssituationen herschenkt. Haaland hingegen geht lieber das Risiko ein, den Ball zu verlieren und gar nicht zum Abschluss zu kommen, um seine Schussposition oder die eines Mitspielers signifikant zu verbessern. Das wiederum klingt, bei aller Dissonanz zum Favre-Fußball, wie die Denkweise des nun geschassten Schweizer Trainers.

Haaland spielt auf seine Art mit den Wahrscheinlichkeiten. Selbst wenn er bei hohem Tempo den Ball ein paar Mal verlieren oder in die Beine des Verteidigers spielen sollte, kann er auch hervorragende Schusspositionen kreieren, die dann mit viel größerer Wahrscheinlichkeit zum Tor führen sollten. Die offensive Produktivität ist deshalb so hoch, weil er nicht unnötig aus dem Nirgendwo auf das Gehäuse zielt, sondern sich selbst vielfach in Situationen bringt, in denen er überhaupt die Möglichkeit hat, die erläuterten Abwägungsentscheidungen zu treffen. Wäre Haaland nur auf Schussproduktivität aus, könnte er noch viel mehr Versuche für sich verbuchen. Aber der Norweger hat nur im Blick, wie er am besten zum nächsten Erfolg – sprich zum nächsten Treffer – gelangt.

LT 20. Dezember 2020 um 21:45

Ist, bzw. WAR Haaland angesichts des oben genannten trägen Aufbaus unter Favre dann nicht etwas verschenkt? Wäre er nicht dann sowohl in einer reaktiven Spielanlage, die stark auf Konter ausgelegt ist, aufgrund seiner Laufwege, seines Anlaufverhaltens und seiner Geschwindigkeit, als auch in einer sehr proaktiven Spielanlage mit langen Ballbesitzphasen noch effektiver und vor allem effizienter?

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CE 22. Dezember 2020 um 00:10

Ja, genau. Das hat er bei RB Salzburg unter Beweis gestellt. Zuletzt stand nicht unbedingt die Einbindung Haalands im Fokus. Haaland hat sich einfach selbst eingebunden 😉

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tobit 22. Dezember 2020 um 10:35

Die fehlende Einbindung war aber bei Favre nicht nur ein Problem Haalands. Da sah es für mich sehr oft so aus, dass Favre diese Initiative von jedem (Offensivspieler) erwartete und da selber wenig vorgeben wollte. Die eine Hälfte der Spieler schien damit völlig überfordert (Reus, Brandt im Sturm, Schulz), die andere nutzte diese „Freiheiten“ um ihre individuellen Lieblingsmuster wieder und wieder zu präsentieren (Witsels Läufe auf den hohen Flügel, Guerreiros und Sanchos Zug in den Zehnerraum, Haalands Tiefenläufe). Viele dieser Muster passten nur in Ausnahmefällen mit dem statischen Verhalten der Überforderten zusammen. Aber wenn es Mal funktionierte, sah es toll aus, weil es halt alles geniale Kicker sind.

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AG 22. Dezember 2020 um 18:04

Ist das nicht genauso bei Deschamps‘ französischer Nationalmannschaft? Ein risikoaverser Ansatz mit tollen Offensivspielern, die individuell den Durchbruch schaffen sollen? Nicht schön, aber recht effektiv.

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tobit 22. Dezember 2020 um 18:29

Wenn die Angreifer damit umgehen können und der Ansatz defensiv auch wirklich das Risiko klein hält, kann das definitiv effektiv und hin und wieder auch schön sein.
Beim BVB war halt meistens (oder zumindest viel zu oft) keine der beiden Vorraussetzungen erfüllt. Es gab immer wieder ein paar Phasen, wo es gepasst hat. Diese Phasen wurden aber eigentlich immer mit größeren taktischen Umstellungen (und entsprechend wohl sehr klaren Vorgaben vom Trainer) eingeleitet. Je weiter diese Umstellungen zurücklagen, desto schwächer wurden die Dortmunder Leistungen.

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