Türchen 16: Javier Pastore

Der klassische Risikospieler des Fußballs ist wohl der Zehner; der klassische Zehner, der lange Zeit als ausgestorben galt und es immer noch ein bisschen ist, eben weil er so viele Risiken mit sich bringt. Allerdings auch, weil er schon immer rar war, weil man so eine Rolle nur mit außergewöhnlichen Fähigkeiten spielen kann, man eigentlich besser sein muss als alle anderen auf dem Feld. Und wenn man besser ist als alle anderen auf dem Feld, dann will man eigentlich auf höherem Niveau spielen und dort kann man dann vielleicht nicht mehr der klassische Zehner sein, sondern muss seine Spielweise anpassen.

Der klassische Zehner im Schatten des Rampenlichts

Hier und da gibt es sie aber noch, mehr oder weniger. Einer war und ist der Argentinier Javier Pastore, der nach sieben Jahren in Paris mittlerweile für den AS Rom spielt. Nach Paris kam er als 22-jähriges Toptalent, noch bevor die Mannschaft eine derartige Weltmacht wurde wie heutzutage. In seiner ersten Saison spielte er noch Europa League, hinter Angreifern wie Gameiro, Hoarau oder Luyindula. Doch auch als die Namen sich zu Cavani und Ibrahimovic änderten und später zu Neymar und Mbappe, blieb Pastore im Kader, als einer der wenigen, die blieben, neben Thiago Motta und Blaise Matuidi.

Für seine Karriere war Paris wohl Fluch und Segen zugleich: Einerseits spielte er in einer Mannschaft, die fast immer dominiert, gegen die Gegner häufig tief verteidigen, die sehr viel Ballbesitz hat. Von kreativen Mitspielern umgeben zu sein, ist auch ein Vorteil für Pastore, den klassischen Zehner. So konnte er seine ganze Karriere lang seine Spielweise, seine Fähigkeiten sicher und stabil einbringen und geriet nie in Gefahr, sich in einer defensiven Mannschaft zu verschleißen, ohne je den Ball zu sehen.

Andererseits war er deshalb nie der Star der Mannschaft, die einer wie er normalerweise ist. Als seine Karriere eigentlich im Zenit hätte sein sollen, war er meist nur Ergänzungsspieler, hatte 15-25 Einsätze pro Saison, kam auf 5-10 Scorerpunkte. Die 13 Tore seiner ersten PSG-Saison oder die 13 Vorlagen seiner vierten PSG-Saison waren nur vereinzelte Glanzlichter. Man hat sogar das Gefühl, dass er ein Spieler ist, der sich eher unter dem Radar bewegt, kein Gefeierter, obwohl er auf dem Papier ein Publikumsliebling und Idol sein könnte wie die Micouds, Zidanes oder Riquelmes der Fußballgeschichte.

Dass er in der Nationalmannschaft hinter Messi kaum einzubinden war, tut sein übriges. In 30 Spielen wurde er 13 Mal nur eingewechselt, erzielte zwei Tore. Bei Weltmeisterschaften kam er nur auf 36 Spielminuten, die Hälfte davon beim 0:4 gegen Deutschland, 2014 und 18 war er nicht nominiert. Sein Debüt gab er übrigens unter Diego Maradona.

Der Kreativtechniker

Was Pastore als Spieler ausmacht, ist seine Kreativität am Ball. Er kann schlichtweg aus jeder Situation heraus überraschende Momente erzeugen, weil er ein riesiges Repertoire an Möglichkeiten mitbringt. Jederzeit kann er den Ball auf alle Varianten in alle Richtungen spielen; Innenseite, Außenseite, Lupfer, Hacke, alles.

Er hat eine fantastische Beweglichkeit, ist in seinen Bewegungsabläufen schwer zu lesen und hat gleichzeitig ein herausragendes Gespür für die Bewegungen der Verteidiger. Dadurch ist er sehr schwer vom Ball zu trennen, kann sich oft unter Druck für den kreativen Pass vom Gegenspieler lösen oder schlichtweg mehrere Gegenspieler durch überraschende Wendungen (im wahrsten Sinne des Wortes) rausnehmen, oftmals durch Tunnel.

Für den Zuschauer ist Pastore einer der grandiosesten Spieler, die noch über die Plätze dieser Welt wandeln, weil er immer etwas präsentiert. Man weiß kaum mal, was er machen wird, und doch findet er sehr oft noch die erfolgreiche Option, die man selber gar nicht gesehen hat. Weil er mit dem Ball an Orte kommt, wo andere nicht hinkommen. Er ist ein Musterbeispiel für den „Ballkünstler“.

Gegen Sampdoria im Juni: Pastore gewinnt den Ball im Gegenpressing, ist direkt unter Druck von drei Gegnern. Logische Lösung? Klar, einfach zwischen allen dreien durchlaufen, dann noch an den beiden Verteidigern vorbei und zum Abschluss kommen.

Mehr Druckspieler als Engenspieler

Ein spezieller Aspekt seiner Spielweise, der auch Grund für unsere Klassifizierung als „Risikospieler“ ist, ist sein Verhalten in Engensituationen bzw. Drucksituationen. Er ist nämlich einerseits ein Spieler, der extrem viel in engen Räumen agiert und wie kaum ein anderer aus diesen heraus effektive Angriffsaktionen starten kann, andererseits ist er kein wirklicher Nadelspieler im Sinne von Iniesta oder Thiago.

Er hat nämlich nicht die gleiche Sauberkeit und Konstanz in Technik, Orientierung und auch Entscheidungen, wenn es darum geht, solche Engen aufzulösen, sondern gerade in der Auftaktaktion und simplen kurzen Pässen hat er – für einen Spieler wie ihn – viele kleine Ungenauigkeiten drin und ist relativ oft auch an Ballverlusten beteiligt.

Dennoch spielt er sehr viel in solchen Situationen, weil er sie zum einen für sich nutzen kann und sie zum anderen auch schwer umgehen kann. Seine mäßige Dynamik und herausragende Beweglichkeit zwingen ihn dazu, in kleinen Räumen den Ball zu fordern. Wenn Gegenspieler ihn unter Druck setzen wollen, kann er dann sehr häufig deren Bewegungen mit Drehungen und Haken bestrafen, sodass er effektiv an ihnen vorbeikommt. Außerdem hält er den Ball enorm gut, weiß genau, wann und wie er sich drehen muss und wo er den Ball führen muss, damit auch mehrere Gegenspieler nicht direkt rankommen können. Dadurch zieht er zusätzlich Gegenspieler auf sich, wodurch er wiederum Passoptionen für seine Anschlussaktion öffnet.

Stehgeiger

Pastore könnte auf seinem Level gar einer der unmobilsten, undynamischsten Offensivspieler überhaupt sein. Die meisten Top-Offensivspieler nutzen herausragende Fähigkeiten in Antritt oder Geschwindigkeit, um entweder Bälle im Raum zu fordern, oder um möglichst schnell aus Drucksituationen herauszukommen und zumindest kleine Bewegungsvorteile gegenüber den Verteidigern zu haben. Pastore kann sich solche Vorteile nicht oder kaum verschaffen und muss sie sich stattdessen über kleine kurze Stopp-, Dreh- und Dribbelbewegungen erspielen.

Das sieht für Beobachter tendentiell riskanter aus, weil Ball und Körper häufiger und länger im scheinbaren Zugriffsradius der Verteidiger bleiben. Wenn man nicht versteht, wie Pastore das macht, dann rechnet man permanent mit dem Ballverlust während seiner Aktionen und überschätzt das Risiko, was er eingeht. Insofern kann er in seiner Außenwirkung sogar noch mehr als Risikospieler gelten, als er es tatsächlich ist.

Seine mangelnde Mobilität ist jedoch auch ein – weniger offensichtliches – Risiko, wenn es darum geht, wie man ihn einbindet bzw. welche Aktionen man von ihm eben nicht erwarten kann: Zum einen hat er keine so große Reichweite innerhalb der Offensivaktionen. Er benötigt mehr Zeit, den Strafraum zu besetzen, er kann weniger oft und vor allem weniger gut Tiefe attackieren. Gerade für einen Rechtsaußen sind das sehr wichtige Dinge, aber auch für einen Zehner gibt es viele Spielsituationen, in denen die Mannschaft das benötigt.

Intensität und Spielanbindung

Gerade in hektischen, offenen Spielen mit viel Umschaltsituationen und langen Wegen kann er auch nicht so gut die Anbindung ans Spielgeschehen aufrechterhalten wie andere Spieler und kaum zusätzliche Bewegungen anbieten. Nach einem langen Ball braucht er ein bisschen länger, um in die richtige Position zu kommen. Wenn Mittelfeld und Abwehr hinter ihm zurückfallen, kommt er nur noch schwer in Pressingmomente hinein. Gewissermaßen läuft er dem Spiel immer ein bisschen hinterher.

Deshalb profitiert er sehr von Partien, die eher langsam gespielt werden, in denen der Gegner eher tief verteidigt. Als Spezialist für diese Art von Partien ist er wiederum schwer einzuplanen, weil dies oft phasenweise in einem Spiel passiert, seltener aber permanent. Er ist also ein Spielertyp, dessen effektiver Spieleinfluss variiert, dessen Leistung deshalb auch etwas schwierig vorherzusagen und zu bewerten ist. Aus planerischer Sicht ist auch das ein Risikofaktor.

Zum anderen ist seine Defensivarbeit nicht auf höchstem Level, gerade wenn er als Achter eingesetzt wird. Dabei ist er durchaus aktiv und geschickt im Defensivverhalten. Er beurteilt Situationen sehr gut, positioniert sich gut und versucht viel Druck zu machen. Er hat allerdings nicht die Dynamik, in größeren Räumen Bälle zu erobern, oder in der Horizontalen Räumen viel Raum zu kontrollieren. Er funktioniert vor allem innerhalb einer sehr kompakten Defensive, weniger wenn die Räume mal größer werden, nach mehrmaligen Umschaltsituationen in etwa.

Überladungsspieler im Spielaufbau

Auch seine Beteiligung im tieferen Spielaufbau ist von Risiko geprägt, in zweierlei Hinsicht: Zunächst ist da seine Inkonstanz in simpleren technischen Aspekten, die bereits erwähnt wurde. Er fordert Bälle häufig unter Druck, was schon mal ein Risikofaktor ist, und er ist nicht auf Toplevel, wenn es darum geht, dann Ballverluste zu vermeiden. Er neigt auch dazu, solche Drucksituationen eher kleinräumig auszuspielen, was potentiell eine bessere direkte Spielfortsetzung Richtung Tor ermöglicht, aber auch dazu führt, dass die Folgeaktionen kleinräumig bleiben. Verlagerungen, die mehr Raum schaffen und dadurch stabilisieren und den Gegner vielleicht auch in eine tiefere Verteidigung zwingen, visiert er seltener an.

Dieser Faktor wird durch seine Positionsfindung im Spielaufbau noch verstärkt, da er sich eher ungewöhnlich verhält und typische Regeln des Positionsspiels nicht befolgt: So versucht er selbst auf Achter- oder Sechserposition nicht nur sich innerhalb seines Positionsraums zu bewegen, um die Abstände zu den Mitspielern zu wahren, sondern driftet sehr weiträumig durch das zentrale Mittelfeld, um sehr direkt und frühzeitig Bälle zu fordern.

Dieses Verhalten ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen kommt er dadurch häufiger in Ballbesitz und kann seine individuellen Fähigkeiten mehr einbringen. Zudem leitet er dadurch teilweise Positionsrochaden an, wenn seine Mitspieler gut auf sein Freilaufverhalten reagieren. Das ist gerade für ein aktives Pressing schwer zuzustellen und es ist unheimlich schwierig, dagegen zu planen. Die Mannschaft wird dadurch also etwas unausrechenbarer und anpassungsfähiger.

Die zusätzliche Dynamik der Rochaden erzeugt außerdem Kombinationsmöglichkeiten, sodass man den gegnerischen Block bereits in tieferen Zonen in Gleichzahlsituationen ausspielen kann, anstatt durchgängig über freie Spieler und Überzahl aufzubauen. Wenn das funktioniert, zieht man Gegenspieler aus dem Defensivverbund und kreiert Raum (und bessere numerische Verhältnisse) für ein direktes Ausspielen der Angriffe.

Letzteres kann umgekehrt aber auch dazu führen, dass der Gegner mehr Spieler für Konter in hoher Position hat, es ist also ein Risiko-Trade-off. Das direktere Risiko ist, dass schlichtweg innerhalb dieser Rochaden Bälle verloren gehen, da Orientierung und Entscheidungen nicht nur für die Defensive, sondern auch für Pastores Mitspieler komplizierter werden können. Wenn Mitspieler auf seine Bewegungen nicht gut reagieren, kann es auch passieren, dass Passwege geblockt werden. Außerdem nutzt man temporär weniger Raum. Das sind alles Faktoren, die Ballverluste begünstigen, aber eben auch bessere Angriffe ermöglichen, falls es gelingt, die Situationen gut auszuspielen.

Insgesamt sind Pastores Bewegungen in dieser Phase aber auch nicht herausragend gut, gerade gegen ein Mittelfeldpressing. Öfters läuft er relativ spät sehr direkt auf den Ball zu und kann dadurch einigermaßen einfach verfolgt werden. So wird er auch ungewöhnlich oft mit Gegner im Rücken angespielt, was er zwar häufig lösen kann, aber eben: riskant ist.

Das Risiko, nicht kreativ genug zu sein

Unter’m Strich ist Pastore in vielerlei Hinsicht ein Spieler, der „offensiv spielt“, auch in der Interpretation seines Offensivspiels. Das ist per Definition ein Risiko in einem Risiko-Ertrags-Verhältnis: Ich riskiere Gegentore und erhalte dafür mehr Tore.

Ich möchte aber anmerken, dass es im Kontext des Fußballspiels nicht zwangsweise „riskanter“ sein muss, „riskanter“ zu spielen, weil es ja nicht nur darum geht, die Gegentore zu reduzieren, sondern darum, die Tordifferenz zu optimieren. Wenn ich also ein zusätzliches Gegentor für zwei zusätzliche Tore tausche, hab ich zwar „riskanter“ gespielt, aber ich habe das Risiko einer Niederlage reduziert – also weniger riskant gespielt?

Man kann Fußballspiele auch 3:1 gewinnen, nicht nur 1:0. Und wenn man bei einem Spieler wie Pastore sagt, seine Spielweise wäre „zu riskant“, dann muss man sich bei einer Niederlage auch fragen, ob es nicht vielleicht „zu riskant“ war, dass man zu wenig Kreativität auf dem Platz hatte. Das ist durchaus eine Frage, die sich im Fußball auf allen möglichen Leistungsniveaus stellt und selbst auf untersten Niveaus neigen Leute dazu, das defensive Risiko zu überschätzen im Vergleich zum offensiven „Risiko“, nämlich dem Risiko, dass man keine Torchancen rausspielt und keine Tore schießt.

Sowas macht den Fußball kaputt, also lasst das. Wenn ihr einen Pastore in der Mannschaft habt, lasst ihn seine Fähigkeiten nutzen. Das bringt dir nicht immer den Sieg, aber „kein Risiko“ bringt auch nicht immer den Sieg. Wenn man von Risiko redet, dann immer auch von Ertrag.

Objektiv111 16. Dezember 2020 um 15:23

Toller Beitrag eines für mich immer unterschätzen Spielers! Bei einer Über Mannschaft wie Psg hat er sogar am Flügel brilliert, bei der Roma in solch einer taktischen Liga tut er sich schwerer aber zeigt immer wieder mal Geistesblitze einer 10 wie sie Rom seit Totti vermisst. Wenn wir schon bei der Roma sind wäre eine Analyse über Zaniolo sehr interessant zu lesen.

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