Türchen 10: Fabian Schär

Der ehemalige Hoffenheimer Fabian Schär ist ein außerordentlicher spielstarker Innenverteidiger, aber kein defensiv stabiler Abwehrmann. Nicht zuletzt deswegen dürfte ihm der Durchbruch auf dem ganz großen Top-Level verwehrt geblieben sein, das er mit seinem fußballerischen Potential hätte erreichen können.

Bei 1899 Hoffenheim konnte der Schweizer Nationalspieler Fabian Schär den mitunter euphorischen Erwartungen in seinen zwei Jahren letztlich nicht konstant gerecht werden. Unmittelbar zu Beginn seiner Profikarriere hatte er beim FC Basel bereits regelmäßig Champions-League-Luft geschnuppert. Aufgrund dieser Verbindung aus relativ jungem Alter und dafür relativ ausgeprägter Wettkampfpraxis auf höchstem Niveau schien die TSG mit seiner Verpflichtung 2015 einen Coup gelandet zu haben: Schär galt (und gilt grundsätzlich immer noch) als ein typischer sogenannter „moderner“ Innenverteidiger spielstarken Typs.

(Photo by Lars Baron/Getty Images)

Man durfte sich von ihm eine taktisch saubere Ausbildung und besondere Stärken in der Spieleröffnung erwarten. Weshalb funktionierte Schär bei den Hoffenheimern zwar punktuell, aber fand dort nachhaltig nicht die erhoffte Rolle als Stammkraft, ehe er nach Spanien abwanderte? In der Schweizer Nationalmannschaft erhielt und erhält Schär stets seine Spielzeiten, wirkt aber auch dort nicht unumstritten. Wo lag das Problem?

Im Grunde verstellt eine solche Fragestellung bzw. eine solche Art der Formulierung das Wesentliche. Das liegt an den Inhalten, die sie unterschwellig suggeriert. Speziell die Karrierephase des Schweizers in Hoffenheim ist eigentlich keine Geschichte enttäuschter Hoffnungen, wie man auf den ersten Blick meinen könnte – und wie auch eine solche Fragestellung im Vorhinein fast impliziert.

Dass Schär vor fünf bis sechs Jahren zu den begabtesten und vielversprechendsten Vertretern einer Generation spielstarker Innenverteidiger gezählt wurde, war grundsätzlich berechtigt. Sollte sich Hoffenheim vor allem einen modernen Aufbauspieler von ihm versprochen haben, hätte er dieses Potential weitgehend eingelöst – zumindest in einem wesentlich größeren Ausmaße, als ihm dies im Nachhinein oft zugestanden wurde.

Woran liegt nun also tatsächlich das „Problem“? Als Aufbauspieler hat Schär in Hoffenheim nicht enttäuscht. Aber ihn begleiteten und begleiten Schwierigkeiten in Sachen Stabilität. Schärs Spiel ist, gerade gegen den Ball, in überdurchschnittlichem Maße fehleranfällig. Dieses „Problem“ gehört genauso zu seiner Leistungsfähigkeit wie seine Stärken. Es kann dazu führen, dass er von der Qualitätsdichte her letztlich hinter dem Level zurückbleibt, welches seine Top-Aktionen von ihm zeichnen.

Antizipation und Strafraumverteidigung als Stärken

Neben seiner Technik begründet die Antizipation das Bild eines modernen Innenverteidigers. Grundsätzlich erkennt Schär zuverlässig, inwiefern etwa Raum vor ihm vom Gegner demnächst bespielt werden könnte, und er ahnt geschickt voraus, wie sich bei eigenem Ballbesitz bestimmte Passoptionen wann verändern dürften. Er blickt sich häufig um und orientiert sich regelmäßig neu. Rückt er beispielsweise aus der Kette heraus, sind sowohl sein Timing dieser Bewegung als auch die individualtaktische Zugriffsfindung – im Attackieren des Gegenspielers – allerdings nicht optimal, nachdem und obwohl er die Situation zuvor gut antizipiert hatte.

Innerhalb der letzten Linie bleibt er im horizontalen Durchschieben manchmal zu nachlässig. Zu seinen größten Stärken zählt demgegenüber die Positionsfindung im eigenen Strafraum, die sich zuletzt auch nochmals verbessert hat. Es passiert Schär nur selten, dass er reflexhaft die möglichst tiefe und tornahe Position einnimmt, wenn diese gerade (noch) gar nicht notwendig ist. Situativ setzt er sich aus seiner Ausgangszone zudem oft kurz wieder nach „vorne“ (also in Richtung Sechzehnerlinie) ab. Er verbessert dadurch seine Möglichkeiten, gegen zum Rückraum hin gespielte Bälle aktiv verteidigen zu können. Die Gefahr, entgegen der eigenen Laufrichtung überrascht zu werden, sinkt.

Timing und Restverteidigung als Schwächen

Diese besonderen Qualitäten in der Strafraumverteidigung sind für einen Innenverteidiger, der sich darüber hinaus vor allem über das Aufbauspiel definiert, überraschend. Eigentlich ist Schär in Mannschaften besonders gut aufgehoben, die normalerweise viel Ballbesitz haben. Konkret dürfte ihm eine Spielweise liegen, die sich speziell auf tiefen Ballbesitz ausrichtet. Solche Fälle sind nur wesentlich seltener als jene Ballbesitzteams, die hoch aufrücken. In diesen Mannschaften wiederum kann er sich zwar entfalten, muss aber in der Absicherung hinter dem Gegenpressing weiträumig und hoch verteidigen.

Darin ist er nicht so stabil: Die Schwächen im Timing und die individualtaktischen Unsauberkeiten in der Zugriffsdynamik wirken sich hier stärker aus. Hinzu kommt, dass Schär sich als Teil der Restverteidigung mitunter bereits in ungünstige Ausgangspositionen bringt, die ihm seine Aufgabe noch schwerer machen. Im Laufe längerer Ballbesitzphasen neigt er immer wieder dazu, sich unnötig tief zu positionieren und den Abstand zu Kollegen zu groß werden zu lassen. Dadurch gehen Verbindungen verloren, die zur gegenseitigen Sicherung hilfreich sein könnten. Schär droht dadurch in losen Zwischenräumen zu hängen, auf sich allein gestellt zu werden und letztlich in eine reaktive Rolle zu geraten.

Szene aus dem Nations-League-Spiel zwischen Deutschland und der Schweiz vom Oktober (3:3): Der herausgekippte Xhaka hat einen Rückpass von Rodríguez erhalten. Unter anderem in dieser Situation befand sich Schär in einer ungewöhnlich tiefen Position (quasi über den Verlauf der Situation hinweg; auch schon, als Rodríguez zuvor den Ball in dem noch höheren Raum als Xhaka hatte).

Gutes Passspiel und saubere Ballaktionen mit nur leichten Nachlässigkeiten

Insgesamt verfügt Schär eigentlich über kein so schlechtes Raumgefühl. Dies kommt aber eher zum Tragen, wenn es um konkrete Dynamiken in Ballnähe geht. Abgesehen von der unsauberen Absicherung macht Schär bei eigenem Ballbesitz somit eine gute Figur. Er tritt vor allem als kompletter Aufbauspieler hervor. Seine größte Stärke bildet das flache Passspiel in Zwischenräume: Er verfügt über eine scharfe Passtechnik mit recht kurzer Vorlaufzeit. So bietet er einer Mannschaft wertvolle vertikale Zuspiele.

Zudem bringt Schär gute mittellange, halbhohe Pässe, verleiht diesen eine passende Gewichtung. Gelegentlich streut er auch gute Flugbälle ein. Schließlich kann Schär mit seinen Ballmitnahmen ins Dribbling dadurch mitunter glänzen, dass er – anders als gegen den Ball – ein geschicktes Timing bei der Abfolge der Ballkontakte findet. Wenn es darum geht, Drucksituationen aufzulösen, wurde er über die letzten Jahre – ohne den ganz steilen Karriereverlauf – zunehmend unterschätzt.

Eine andere Szene aus demselben Nations-League-Spiel (siehe oben) illustriert Schärs herausragende spielerische Qualitäten: Die Schweiz spielt den Ball in der Dynamik zurück, Deutschland rückt heraus und gewinnt Höhe. Schär muss sich nach außen bewegen, um Rodríguez eine Anspielstation zu geben, dadurch aber eigentlich eine unangenehme Bewegung ausführen. Umgehend wird er von Werner angelaufen, der Elvedi abschneidet. Prinzipiell könnte Schär den Ball auf Xhaka spielen, doch würde sich anschließend erst recht das Problem einer Folgeoption stellen. Stattdessen gelingt es ihm, die Situation geschickt aufzulösen: Schär nutzt das kurze Zögern von Havertz, der sich nicht sicher scheint, ob er nach dem Rückpass durchlaufen soll, und findet ein starkes Timing für den ersten Kontakt. Dadurch bleibt der kleine Zeitvorsprung gegenüber Werner erhalten, Schär kann kurz nach außen andribbeln und dann diagonal mit dem zweiten Kontakt nach innen ziehen, um mittig zwischen Werner und Havertz hindurchzulaufen. Als mit Goretzka ein dritter Gegenspieler herausrückt, nutzt er den entstandenen Tempovorteil, um auch diesen – erneut dank sauberer Ballführung – zu überdribbeln. Damit erreicht Schär eine elegante Lösung einer Drucksituation und kann das Spiel anschließend öffnen.

Nur wird Schär in den letzten ein bis zwei Momenten vor Pässen manchmal unkonzentriert hinsichtlich der gegnerischen Staffelung und lauernder Gegenspieler. Dann weist seine Körperhaltung klar auf einen Passweg hin, so dass man vermutet, dies wäre eine bewusste Finte, um zu verzögern und doch einen anderen Ball zu spielen – während er letztlich aber einfach den Pass ausführt, mit dem eingangs zu rechnen war.

Nicht wenige Gegner spekulieren eher auf diese Möglichkeit als auf die Finte. So wird das kurze Verzögern, ohne dass es letztlich zu einer gezielten Nutzung kommt, zu einer gefährlichen Angelegenheit. Anders gesagt: Schär streut manches Mal einen riskanten Ball ein – vorwiegend in unerwarteten Situationen, in denen wenig darauf hindeutet, dass Spieler gerade dort eine riskante Aktion vollziehen würden.

Fazit

Im Vergleich mit seinen unsauberen Positionierungen in der Restverteidigung oder seinen Schwierigkeiten im Timing ist dieses letzte Phänomen allerdings schon deswegen nicht so relevant, weil es quantitativ wesentlich seltener auftritt. Demgegenüber sind jene zwei anderen Elemente zwei wichtige Schlüssel zu Schärs Spiel. Der Schweizer ist spielstark und löst viele Situationen am Ball sehr gut auf, aber eben nicht der stabilste Abwehrmann.

Vereinfacht – und zugespitzt – könnte man zusammenfassen: Schär ist ein sehr guter Ballbesitzspieler, aber (mit der Positionsfindung in der Strafraumverteidigung als herausstechende Ausnahme) kein allzu guter Defensivspieler – eine überraschende Kombination für einen Innenverteidiger. Im aktuellen Bundesliga-Geschäft hat man etwa mit Niklas Moisander bei Werder Bremen ein ähnlich gelagertes Beispiel, noch attackierender und vertikaler: Der finnische Routinier glänzt als brillanter Aufbauspieler, hat aber Probleme im klassischen Verteidigen. Genau darin besteht in solchen Fällen auch das Risiko.

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