Die Lage in La Liga

Nach 8 Spieltagen ist die spanische Liga so eng beieinander wie lange nicht mehr. Zeit für einen Blick auf die letzten Spiele der Spitzenteams.


Platz 1: Die Soliden
(FC Sevilla 2:1 Celta Vigo)

Etwas überraschend steht derzeit der FC Sevilla an der Spitze der Tabelle. Unter dem aus Girona gekommenen Trainer Pablo Machin formiert sich die Mannschaft aus Andalusien stets in einer Dreierkette, wobei die Rollenverteilung vor dieser variiert. Vor allem in der Anfangsphase der Saison wurde meist auf ein 3-2-4-1 zurückgegriffen, das jedoch zuletzt mehr zum 3-1-4-2/3-1-4-1-1 tendierte. So auch beim Aufeinandertreffen mit Celta Vigo.

Die Galicier wechselten ihrerseits im Vorfeld der Spielzeit ihren Trainer und gingen dabei eher ungewöhnliche Wege, indem sie den in Buenos Aires geborenen Antonio Mohamed verpflichteten. Dieser hatte seit Beginn der 2000er verschiedenste Vereine in Argentinien und Mexiko trainiert, stand jedoch noch nie in Europa unter Vertrag. Der Saisonstart verlief durchwachsen. Zwar konnte einerseits Atlético Madrid besiegt werden, auf der anderen Seite steht jedoch nur ein weiterer Sieg, eine Reihe von Unentschieden sowie eine Niederlage gegen Girona.

Mohamed passte von Spiel zu Spiel die Grundformation seiner Mannschaft an und wechselt dabei immer wieder auch zwischen Dreier- und Viererkette. Gegen Sevilla setzte er auf ein 3-2-4-1 mit relativ vielen direkten Zuordnungen. Diese schienen jedoch vor allem darauf abgestimmt zu sein, dass Sevilla seinerseits im 3-2-4-1 auflaufen würde.

Die Gastgeber interpretierten ihre Formation asymmetrisch: Banega blieb häufig als alleiniger Sechser zentral, während Vazquez neben ihm immer wieder nach links herausschob. Im Gegenzug ging Sarabia auf halbrechts deutlich höher. Ben Yedder und André Silva bildeten davor eine Doppelspitze, liefen jedoch ihrerseits dynamisch freie Räume an. Carrico schob von der rechten Position der Dreierkette zudem vermehrt ins Mittelfeld vor, um freie Räume neben Banega zu besetzen.

In der ersten Halbzeit orientierte sich Sisto von seiner Grundposition auf halblinks stark am Argentinier und verfolgte ihn auch ins Zentrum oder sogar bis auf die halbrechte Seite. Aspas und Maxi Gomez blieben demgegenüber höher und liefen die Dreierkette an. Dadurch, dass die Flügelverteidiger Arana und Navas auf Seiten Sevillas meist vorgeschoben agierten und von ihrem jeweiligen Gegenüber gedeckt wurden, gab es zunächst jedoch keinen Zugriff auf Vazquez. Der jeweils in der Nähe befindliche Sechser musste auf ihn herausschieben, wodurch das Zentrum geöffnet wurde.

Beispiel dafür, wie Sevilla zentral vorstoßen konnte: Maxi Gomez leitet Kjaer auf die Seite mit Aspas, doch im selben Moment zieht Banega Sisto mit sich, während Fran Beltrán noch mit dem Decken von Vazquez beschäftigt ist. André Silva lässt sich aus dem Rücken der Abwehr in den so geöffneten Raum zurückfallen, Ben Yedder bindet mit einer entgegengesetzten Bewegung im Zusammenspiel mit dem Vorstoßen Sarabias die Kette.

Diese Route ging Sevilla jedoch nicht so konsequent, wie man aufgrund der Ausgangslage hätte erwarten können. Im Laufe des Spiels passte Celta sich der Spielweise der Gastgeber zudem etwas an, indem sie weniger mannorientiert im 5-3-2/5-2-3 agierten.

Entweder suchte Sevilla direkte lange Bälle nach vorne, vor allem in die Zone auf halbrechts, wo eine lokale Überzahl bestand. André Silva bot sich hierfür als Zielspieler an. Navas konnte im weiteren Verlauf seinem eher limitierten Profil entsprechend in direkten Duellen isoliert werden. Auf links sahen die Bewegungen demgegenüber grundsätzlich vielfältiger aus. Aranas suchte hier auch immer mal wieder den Weg in Richtung Zentrum, worauf etwa mit dem Ausweichen eines Stürmers reagiert wurde.

Im Pressing formierte sich der FC Sevilla zunächst in einem 5-3-1-1, bei dem Ben Yedder zunächst alleine die erste Aufbaulinie anlief und André Silva den Sechserraum abdeckte, in den sich zumeist Fran Beltrán zurückfallen ließ. Im weiteren Verlauf rückten dann entweder Silva selbst oder die Achter Vazquez und Sarabia auf Zuspiele in Richtung des Halbverteidigers vor. Bei schnellem Weiterspielen öffnete sich so potentiell der ballnahe Halbraum für Celta Vigo.

Die Andalusier reagierten allerdings gut, indem diese Lücken flexibel zugelaufen wurden. Auf links war es häufig André Silva, der sich zurückfallen ließ. Presste er Mallo selbst, ergaben sich situativ auch 5-4-1-Staffelungen. Auf rechts presste Sarabia selbst recht schnell nach hinten und Banega schob weit seitlich mit herüber, Vazquez ließ sich ballfern zurückfallen, um hinter ihm abzusichern.

Die Halbverteidiger Sevillas rückten auf der Ballseite weit heraus, um ihren direkten Gegenspieler zu verfolgen. Obwohl die restliche Kette nachschob, ergaben sich so zum Teil große Räume in ihrem Rücken. Aspas und Maxi Gomez besetzten zeitgleich häufig ballfern Lücken in der Kette und wurden mit direkten Zuspielen bedient. Sevillas Fokus lag eher auf der Verteidigung solcher Situationen, zumal es nach Abprallern hier auch wiederholt gefährliche Aktionen vonseiten der Gäste gab.

Sevilla fokussierte nach Ballgewinnen insbesondere das Zusammenspiel zwischen Banega und Vazquez. Letzterer wurde im linken tiefen Halbraum gesucht und leitete einige ansehnliche Kombinationen ein, etwa auch bei der Entstehung des 1:0.

Pressingszene auf rechts: Sarabia rückt auf Roncaglia heraus, wird überspielt. Lobotka frei im Halbraum, wird jedoch geschickt zugestellt. Roter Raum potentiell offen, blauer Raum häufig fokussiert.

Im Laufe der ersten Halbzeit ließ sich bei Celta Vigo Sisto immer häufiger zurückfallen und wechselte zudem von Zeit zu Zeit auf die ballferne Seite. Durch die ohnehin höhere Positionierung Lobotkas ergab sich dadurch eine vermehrte Tendenz zum 3-1-4-2. Dass dies jedoch kaum dem Plan von Trainer Mohamed entsprach, zeigte sich in der Halbzeitpause. Er brachte den in Aachen und Mönchengladbach ausgebildeten Dennis Eckert für Sisto. Dieser orientierte sich mehr an die letzte Linie und sollte dabei helfen, die Dreierkette vor Probleme zu stellen.

Doch es blieb lediglich bei Ansätzen, denn Araujo wurde nach 58 Minuten vom Platz gestellt. Wenige Minuten später erzielte Sevilla dank herausragendem Bewegungsspiel von Ben Yedder und Sarabia das 2:0. Celta Vigo verteidigte daraufhin mutig im 4-2-3/4-3-2 weiter und wurde nach Dribbling des eingewechselten Boufal mit dem Anschlusstreffer belohnt. Für mehr reichte es gegen insgesamt souveräne Andalusier jedoch nicht.

Platz 2: Die Pressingmaschine
(Atlético Madrid 1:0 Real Betis)

Seitdem Diego Simeone die Geschicke bei Atlético leitet, hat sich der Arbeiterverein aus Madrid vor allem dank des herausragenden Pressings und Umschaltspiels konstant neben die beiden Top-Teams Real und Barcelona gedrängt. In den letzten Jahren gab es dabei immer mehr Elemente eines konstruktiven eigenen Ballbesitzspiels zu sehen, die mal mehr, mal weniger erfolgreich implementiert wurden.

Zuletzt setzte Simeone in der Champions League auf eine 3-1-4-2/5-3-2-Grundordnung. Gegen Betis kehrte er jedoch nicht nur zu einer Ausgangsformation im 4-4-2/4-2-2-2 zurück, sondern konnte überhaupt auf die klassischen Atlético-Merkmale zurückgreifen, die nahezu ideal zur Spielweise des Stadtrivalen vom FC Sevilla passen.

Die seit 2017 von Quique Setién trainierte Mannschaft definiert sich nämlich vor allem über das eigene Ballbesitzspiel. Dabei ist insbesondere die mutige strategische Ausrichtung bemerkenswert. Auch unter höchstem Gegnerdruck versucht die Mannschaft das Spiel flach von hinten zu eröffnen. Hierfür werden vielerlei Prinzipien des Positionsspiels in eher freier Form genutzt. Anders als es häufig etwa bei Pep Guardiola der Fall ist, sind die einzelnen Staffelungen nicht primär auf eine möglichst saubere Struktur hin ausgerichtet.

Als Basis für das Aufbauspiel dient standardmäßig eine 3-2-4-1-Formation, die zunächst einmal ohne größere Asymmetrien auf den Platz gebracht wird. Dagegen praktizierte Diego Simeones Mannschaft ein überaus flexibles Pressing, wie man bereits in einem der ersten Momente des Spiels erkennen konnte. Aus der grundsätzlichen Rollenverteilung im 4-4-2/4-2-2-2 ergaben sich durchweg unterschiedliche Staffelungen.

So konnte Saúl Niguez etwa auf den rechten Halbverteidiger Mandi vorschieben, woraufhin sich Kalinic von der Ausgangsposition als linker Stürmer zentral zurückfallen ließ, um Zuspiele in den Sechserraum zu verhindern. Griezmann hielt sich demgegenüber halbrechts in der ersten Linie, nahe des linken Halbverteidigers Sidnei. Lemar fiel von der linken Außenposition so zurück, dass er sowohl Zugriff auf Sechser Canales als auch auf den rechten Flügelverteidiger Francis erzeugen konnte.

Auf der anderen Seite rückte wiederum Koke ein und behielt den ballfernen Sechser im Auge. Rodrigo sicherte zentral ab. So entstand eine situative Staffelung im verschobenen 4-Raute-2. Da Betis zunächst lediglich Loren an vorderster Front ließ, rückten zudem die Außenverteidiger Filipe Luis und Juanfran leicht nach vorne, um bei Bedarf näher an Lo Celso und Joaquin zu sein.

Atléticos Pressing im situativen 4-Raute-2

Wurde der Ball nun erwartungsgemäß nach innen zum zentralen Innenverteidiger Bartra gespielt, schob Kalinic unmittelbar auf diesen vor. Da er aus leicht nach links versetzter Position startete und Canales im Deckungsschatten behielt, erzwang er ein Zuspiel auf Sidnei, auf den dann wiederum Griezmann presste. Hier reagierte Atlético nun mit einer weiteren Umformung: Saúl übernahm den ins Zentrum einrückenden Canales, Lemar schob höher, um eine eventuelle Rückverlagerung auf Mandi verteidigen zu können sowie um nach Ballgewinn bereits in vielversprechender Position (ballferner Halbraum) zu sein.

Koke folgte derweil Guardado in Ballnähe, um das Auflösen des Pressings durch einen Pass hinter die erste Pressinglinie unmöglich zu machen. Juanfran schob auf außen in eine Position zwischen Flügelverteidiger Junca vor ihm und Joaquin in seinem Rücken. Rodrigo blieb als Anker vor der verbliebenen Dreierkette, in der Filipe Luis wiederum etwas vorgerückt im Radius von Lo Celso stand.

Ein Rückpass auf Torhüter Pau López wurde erzwungen, Kalinic setzte sein Pressing auf diesen fort. Eine Verlagerung auf Mandi war unter diesem Druck für den Linksfuß praktisch unmöglich. Die logische Folge: Ein langer Ball in Richtung von Joaquin. Für diesen kann allerdings Rodrigo einfach herüberschieben und schnell von Koke und Juanfran unterstützt werden. Wie schnell Atlético auf solche Situationen reagierte und wie kompakt sich die Mannschaft ballnah zusammenzog, war selbst für ihre Verhältnisse beeindruckend.

Atléticos Pressing im asymmetrischen 3-1-4-2

Betis fand gegen das Anlaufen der Gastgeber jedoch zumindest kurzzeitig eine Lösung, indem Bartra aus der Dreierkette auf die Sechserposition vorschob. Im weiteren Verlauf des Spiels sollte er gar einige Male im Zehnerraum enden. Seinen Platz in der Aufbaudreierkette übernahm Torhüter Pau Lopéz. Dessen Pass zu Bartra sowie die abschließende Ablage auf Guardado ebneten den Weg zum einzigen klaren Durchbruch für die Gäste während der gesamten Partie.

Dabei machten sie sich die leichten Mannorientierungen Atléticos sowie das Bestreben, Rückpässe möglichst frühzeitig zu antizipieren und zu verfolgen zunutze. Griezmann leitete das Aufbauspiel wie häufig auf die halbrechte Seite von Betis. Kalinic blieb eng an Bartra, doch dieser konnte sich dennoch leicht seitlich aufdrehen. Ohne Dynamik erschwerte sich das Vorwärtsverteidigen für den Kroaten.

Rodrigo sicherte dahinter zwar das Zentrum, doch Saúl blieb eher bei Canales. Koke rückte mit dem Zuspiel von Pau Lopéz bereits in Richtung Sidnei vor, wodurch Guardado ohne Gegenspieler verblieb. Die drei vorderen Akteure banden gleichzeitig die Abwehrkette und verhinderten ein frühzeitiges Herausrücken von Rodrigo.

Bartra ist ins Mittelfeld vorgerückt, Betis kombiniert sich durch das Zentrum hinter Atléticos Abwehr

Doch die Gastgeber passten sich den gegnerischen Mitteln schnell an. So nutzten sie das Zentrum bereits kurze Zeit später als Pressingfalle, indem die Gegenspieler bewusst etwas frei gelassen wurden und dann das gesamte Mittelfeld inklusive Rodrigo blitzartig nach vorne schob, Lemar belauerte ein Zuspiel nach außen und fing dieses auch ab.

Gleichzeitig reagierte die Mannschaft von Diego Simeone vor allem auch dann herausragend, wenn einzelne Pressingversuche überspielt wurden. Wollte beispielsweise Lemar einen Pass nach außen von Mandi verhindern und dieser gelang trotzdem, so schob die gesamte Mannschaft extrem weit zur Seite. Filipe Luis verteidigte weit nach vorne. Auch Rodrigo ging mit nach links. Einzig Koke blieb im Zentrum. Doch Betis hatte keinerlei Möglichkeit die Mitte des Spielfeldes oder gar die andere Seite des Feldes zu erreichen.

Mittels Rochaden und kleineren Anpassungen im Mittelfeld gelang es den Andalusiern immer wieder einmal das Mittelfeld von Atlético zu überspielen. Beispielsweise wenn beide Sechser sich zur rechten Seite bewegten und der eigentlich ballferne Spieler dann hinter den Gegnern zum freien Spieler wurde. Auf derlei Momente reagierten die Gastgeber im zentralen Mittelfeld hervorragend, indem sie sich schnell zusammenzogen.

Der Rest bleibt typisch Simeone: Rhythmuswechsel im Pressing, im Laufe der Halbzeit auch immer wieder ein tiefes Mittelfeldpressing zwischen 4-5-1 und 4-4-2(-0). Bei Kontern agierte Atlético enorm vertikal und kam im Prinzip ausschließlich über diese Umschaltmomente zu Chancen. In Ballbesitz wurden ebenfalls einzelne Bereiche teils enorm überladen, Filipe Luis rückte gerade ballfern weit ins Zentrum. Betis lief dagegen aggressiv im 3-2-4-1 an, was lange Bälle, etwa auf Zielspieler Kalinic oder direkt hinter die Kette zur Folge hatte. Das Gegenpressing wurde dabei ebenfalls noch mal ein Stück extremer ausgeführt als sonst.

In der 2. Halbzeit wechselte Simeone noch mehrfach Positionen und Rollen. Koke und Saúl tauschten etwa mit Beginn des zweiten Spielabschnittes direkt miteinander. Kurze Zeit später kam Siegtorschütze Correa für Lemar, Saúl ging auf links. Thomas spielte nach seiner Einwechslung für Kalinic zunächst tatsächlich als hängende Spitze. Nach dem 1:0 übernahm Correa diese Position, Thomas ging neben Rodrigo ins zentrale Mittelfeld. Koke und Saúl spielten nunmehr beide auf den Außenpositionen. Alltägliches Rasenschach.

Platz 3: Strukturprobleme mit Messi
(FC Valencia 1:1 FC Barcelona)

Der FC Valencia ist Atlético in gewisser Hinsicht nicht unähnlich, was die Spielweise angeht. Dementsprechend stellt der FC Barcelona einen recht passenden Gegner dar, gegen den das von Marcelino trainierte Team stets gute Ansätze zeigt. Der Trainer stellt seine Mannschaft im Gegensatz zu Diego Simeone weniger flexibel auf. Im 4-4-2 sind die Rollen ziemlich klar verteilt.

Von Spiel zu Spiel gibt es nur kleinere Anpassungen zu sehen. Zudem dominiert im Gegensatz zur aktuellen Spielweise Atléticos bei Valencia ganz klar das positionsorientierte Mittelfeld- und Abwehrpressing, wenngleich es situativ auch Phasen hohen Anlaufens zu sehen gibt. Marcelinos Ansatz ähnelt viel mehr jenem von Lucien Favre während seiner Zeit in Mönchengladbach.

Barcelona setzte dagegen auf das traditionell übliche 4-3-3, wobei Coutinho in diesem Spiel an vorderster Front aufgeboten wurde und nicht wie in anderen Partien als offensiver Achter. Der amtierende Meister hatte in Folge dessen mit der Rollenverteilung im zentralen Mittelfeld zu kämpfen. Rakitic und Arthur spielten praktisch durchgehend auf einer Linie mit Busquets, wichen seitlich aus oder ließen sich zurückfallen. Im Gegenzug sollten sich die Außenverteidiger in etwas höhere Positionen begeben. Doch die Verbindung zueinander blieb mangelhaft. Oft agierten die drei Angreifer isoliert vom Rest der Mannschaft.

Im Laufe der ersten Halbzeit musste dann Busquets selbst wiederholt in den Zehnerraum vorstoßen und so versuchen, die Struktur etwas aufzubrechen. Niemand anderes tat dies schließlich. Messi fiel zudem häufiger auf halbrechts zurück. Hier fiel die Passivität von Rakitic auf. Noch vor einigen Jahren bestand seine Rolle darin, eben solche Bewegungen von Messi und anderen Spielern zu balancieren und etwa auch den Außenverteidiger mit Läufen zu unterstützen. Dies sah man gegen Valencia nur in Ansätzen. Jedes Mal, wenn Messi den Ball tiefer abholte, gab es kaum Präsenz an der letzten Linie. Jedes Mal, wenn Semedo den Ball bekam, war er direkt isoliert und konnte den Ball nur wieder nach hinten passen. U-Zirkulation in Reinform.

Gegen diese Spielweise war es für Valencia ein Leichtes, den eigenen Plan auf den Platz zu bringen – auch dank früher Führung nach Eckball in der 2. Minute. Insbesondere das Verschieben zum Flügel funktionierte im Mittelfeldpressing hervorragend. Der ballnahe Sechser schob weit mit herüber und bildete gemeinsam mit vorrückendem Außenverteidiger und rückwärtspressendem Flügelspieler ein engmaschiges Dreieck, aus dem Barcelona sich aufgrund schwacher Staffelung zueinander kaum gewinnbringend befreien konnte.

Der ballferne Sechser hielt demgegenüber das Zentrum und nahm idealerweise dort befindliche Spieler zusätzlich in seinen Deckungsschatten oder ging eine lose Mannorientierung ein. Aufgrund der fehlenden zentralen Präsenz der Gäste in höheren Zonen, konnte der ballferne Flügelspieler es sich erlauben, etwas breiter zu bleiben. Dadurch konnte er bei Bedarf den Außenverteidiger bei Verlagerungen direkt unterstützen. Zusätzlich positionierten sich die beiden Stürmer so, dass sie sowohl Rückpässe als auch Bälle ins zentrale Mittelfeld schnell anlaufen konnten.

Gewann Valencia den Ball, gab es ein paar simple Methoden, mit denen sie dank sehr guter Ausführung konsequent Raumgewinn erzielen konnten. Einerseits agierten Batshuayi und Gameiro versetzt zueinander. Batshuayi konnte als Zielspieler eingesetzt werden, spielte Ablagen auf nachstoßende Spieler oder verlängerte Zuspiele in den Raum. Andererseits attackierte Valencia sehr konsequent die ferne Seite. Die Positionierung des Außenspielers im Pressing war hier für direkte Zuspiele in den Halbraum vorteilhaft. Der Außenverteidiger unterstütze unmittelbar. Anschließend besetzten die Gastgeber den Strafraum zudem passend.

Ähnliche Abläufe gab es auch in eigenem Ballbesitz zu sehen, wo Valencia sich häufig 4-2-4-artig staffelte und gegenläufige Bewegungen an der letzten Linie sowie Pärchenbildungen am Flügel zeigte. Barcelona hielt mit einem 4-4-2 (Messi und Suarez an vorderster Front) oder 4-1-3-2 (vor allem Arthur in die Zehnerposition vorrückend) im Pressing dagegen. Diese Momente sollten jedoch mit zunehmender Spielzeit immer seltener vorkommen.

Pressingszene von Valencia unmittelbar nach dem Führungstreffer. Barcelonas Mittelfeld agiert konsequent auf einer Linie

Valencia verteidigte zunehmend tiefer im 4-4-2-0. Die Abwehrreihe blieb eng, während das Mittelfeld davor verschob und die beiden Stürmer immer wieder Lücken füllten. Barcelona hatte bereits in der ersten Halbzeit vielversprechende Momente, wenn Messi mit nach halblinks herüberkam und Kombinationen unterstützen konnte. Zwischenzeitlich erzielte er bereits das 1:1, nachdem Arthur so etwas wie einen unterstützenden Lauf anbot und der Argentinier schnell zentral mit Suárez kombinieren konnte.

In der zweiten Halbzeit wurden die Linksüberladungen noch deutlich konsequenter genutzt. Die Positionierungen im Mittelfeld verbesserten sich etwas. Problematisch blieb jedoch die Besetzung des ballfernen (Halb-)Raums. In Barcelonas Ausrichtung wäre es möglich gewesen, den Ball recht schnell hierhin zu verlagern, zumal Messi durch sein Einrücken stets Aufmerksamkeit auf sich zog.

Mögliche Lösungen wären gewesen mit Vidal einen anderen Spielertypen als rechten Achter einzusetzen. Wie Paulinho in der vergangenen Saison, hätte er Läufe hinter die Kette anbringen können, die man sogar für direkte Diagonalpässe hätte nutzen können. Auch in anderen Situationen hätte er zur Unterstützung Messis und Semedos hilfreich werden können. Für die letzten Minuten des Spiels brachte Valverde Rafinha, der diese Rolle in Ansätzen einnahm.

Weiterhin hätte Barcelona eine Ausgangsstaffelung im 4-2-3-1 wählen können. Busquets und Rakitic hätten gemeinsam zentral sichern und den Ball laufen lassen können. Dank ihnen und den beiden Innenverteidigern wäre zudem ausreichend Absicherung gegeben. Die Außenverteidiger hätten konsequent noch höher schieben können. Mit Dembélé hätte man zudem einen passenden Spieler für die rechte Position im Angriff parat gehabt. Doch so fehlte den Gästen letztlich die letzte entscheidende Idee gegen das gut ausgeführte tiefe Pressing. Messi alleine konnte es dieses Mal nicht richten.

Barcelona überlädt auf links, Messi und Suárez schieben weit mit. Ballferner Halbraum könnte genutzt werden

Platz 4: Strukturprobleme und kein Ronaldo
(Deportivo Alavés 1:0 Real Madrid)

Mit mangelnder Struktur hat Real Madrid bereits seit Jahren zu kämpfen, wobei das gewissermaßen der falsche Ausdruck ist: Strukturlosigkeit wurde teils bewusst in Kauf genommen. Reichte immerhin für drei Champions League-Titel in Folge. Zidane fand ein hervorragendes Setup, in dem die Einzelkönner es richten sollten und konnten. Eine nicht zu unterschätzende Leistung.

In seinen ersten Monaten rückte Nachfolger Julen Lopetegui ein Stück weit von dieser Idee ab und implementierte in Ballbesitz kollektiv bessere Strukturen. Mit Superstar Cristiano Ronaldo hatte schließlich einer der entscheidenden Akteure für die zuvor prägende Spielweise die Madrilenen ohnehin verlassen. Gegen Athletic Club, ein stark mannorientiert verteidigendes Team, bestach die Mannschaft etwa mit vielen interessanten Positionswechseln und spielte grundsätzlich mehr durchs Zentrum. Sergio Ramos und Raphael Varane stießen zusätzlich immer wieder aus der Verteidigung ins Mittelfeld vor, wenn die eigene Mannschaft aufbaute.

Von derlei Varianten war nunmehr nach einigen sieg- und torlosen Spielen gegen das Überraschungsteam Deportivo Alavés nichts mehr zu sehen. Vielmehr verfiel Real in alte Muster. Häufig fielen alle drei zentralen Mittelfeldspieler weit zurück. Es gab kaum Verbindungen in vordere Zonen. Das Zentrum wurde vernachlässigt. Der Fokus galt eindeutig dem Flügelspiel. Doch hier gestalteten sich die Staffelungen zueinander ebenfalls alles andere als optimal. Nicht selten befanden sich drei Spieler auf der Seitenlinie. Unter Zidane wurden hier zumindest relativ konsequent Dreiecke gebildet.

Negativ fiel zudem das Fehlen von Marcelo und Carvajal auf den Außenpositionen ins Gewicht. Nacho und Odriozola stießen zwar beide ebenfalls weit vor, sind aber im Vergleich zu den beiden Weltklassespielern limitiert und zumindest im Fall von Nacho auch für die Rolle ziemlich ungeeignet. Außerdem gab es ohne Isco keinen frei umherdriftenden Zehner mehr, der mit seiner Pressingresistenz Drucksituationen und unvorteilhafte Szenen am Flügel noch auflösen konnte.

Im Unterschied zu den vergangenen Spielzeiten positioniert sich Modric oft etwas höher im rechten Halbraum. Statt der ersten Aufbaulinie wird somit vermehrt auch der Raum vor der gegnerischen Abwehr überladen. Alaves fand jedoch mit einer Aufstellung im 4-5-1(-0) ein passendes Gegenmittel. Einerseits zeigten sich die Basken sehr konsequent darin, zunächst Pässe ins Zentrum abzuschirmen. Andererseits schoben sie im Anschluss ebenso entschlossen zum Flügel. Hier nahmen sie immer wieder ballnah passende Mannorientierungen auf.

So streuten die Gastgeber auch situative Phasen höheren Anlaufens ein. Das 4-5-1 wurde durch Vorrücken eines Achters zum 4-4-2, wobei dieser häufig seinen Deckungsschatten gewinnbringend einsetzte und Zuspiele in den ballnahen Halbraum verhinderte. Real Madrid hätte hier etwa von außen die Schnittstelle zwischen Außenverteidiger und Innenverteidiger bespielen können. In einzelnen Situationen wurde dieses Mittel dann auch gesucht.

Ansonsten spielten die Königlichen frühzeitig weiträumige Verlagerungen. In derlei Aspekten liegt bei teils ähnlich gelagerten Staffelungsproblemen der Unterschied zum Rivalen FC Barcelona. Das Spiel war dann letztlich darauf ausgerichtet, mit einer Flanke abgeschlossen zu werden. Doch im Strafraum stand eben kein Cristiano Ronaldo mehr. Immerhin das Gegenpressing gestaltete sich in der Regel intensiv, da in Ballnähe zumindest auch ausreichend Spieler zur Verfügung standen. Depotivo Alaves wurde vereinzelt gefährlich, wenn sie (auf der fernen Seite) den Raum hinter Reals Außenverteidiger attackieren konnten.

Reals typisches 2-3-5/2-5-3 aus den letzten Jahren wird mittlerweile häufiger zu einem 2-2-6. Alaves verteidigt überaus diszipliniert und flexibel im 4-5-1 dagegen

Das eigene Pressing Real Madrids wusste demgegenüber in dieser Saison grundsätzlich noch nicht wirklich zu überzeugen. Im 4-1-4-1-Mittelfeldpressing wirken viele Abläufe etwas wild, teilweise werden Gegenspieler wahllos verfolgt. Zumindest das hohe Anlaufen gestaltete sich gegen direkt mit langen Bällen aufbauende Gastgeber effektiv. Der Stürmer lenkt den Gegner auf eine Seite und bewacht den gegnerischen Sechser. Im Gegenzug presst der ballnahe Außenspieler auf den Innenverteidiger, während der eigene Außenverteidiger weit vorrückt. Der Sechser kann hinter ihm entstehende Lücken in der Kette füllen.

Lopetegui musste zur Halbzeit auch noch den verletzten Benzema ersetzen. Im Laufe des Spiels nahm er kleinere Veränderungen vor, die jedoch kaum Einfluss auf das Geschehen hatten. So waren es letztlich die Gastgeber, die in buchstäblich letzter Sekunde nach einer Ecke den Siegtreffer erzielten.

Fazit

Die beiden Favoriten befinden sich zweifelsohne in einer mehr oder weniger großen Krise. Nach der Länderspielpause wird sich vor allem für den FC Barcelona zeigen, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist. Die Katalanen treffen zunächst auf den FC Sevilla, ehe das direkte Duell mit Real Madrid ansteht. Womöglich muss einmal mehr Lionel Messi zum Retter werden. Dass er momentan weiterhin zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist, zeigte er jüngst besonders eindrucksvoll beim Duell mit Tottenham in der Champions League. Doch auch und gerade ihm würde eine bessere Rollenverteilung im Mittelfeld entgegenkommen. Valverde gelangen in derlei Fragen meist gute Anpassungen. Kann er einmal mehr die Kritiker verstummen lassen?

Dieses Unterfangen scheint für Lopetegui um einiges schwerer zu werden, insbesondere aufgrund diverser personeller Ausfälle. Außerdem gibt es eben keinen Torjäger mehr, auf den man sich im Zweifel auch bei schwachen Leistungen verlassen kann. Auf andere Spieler scheint die Ausrichtung wiederum nicht so zugeschnitten zu sein, dass sie eine solche Rolle übernehmen könnten.

Wird also entweder der FC Sevilla oder einmal mehr Atlético Madrid der lachende Dritte? Die Andalusier werden unter Beweis stellen müssen, dass ihre Ausrichtung in dieser Saison mehr als nur solide ist. Für die Madrilenen wird hingegen einmal mehr entscheidend sein, ob sie auch Spiele dominieren können, bei denen der Gegner ihnen seinerseits den Ballbesitz aufzwingt. Oder drängt sich gar ein noch krasserer Außenseiter wie Deportivo Alavés oder Espanyol Barcelona auf?
„La Liga“ verspricht in dieser Saison, abwechslungsreich zu bleiben.

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