Karneval gegen Kettenschwächen

0:5

Mit unpassenden Mannorientierungen in der Organisation der letzten Linie und unbedachtem Vorrücken lädt Hertha gut umschaltende Kölner förmlich zu einem klaren Auswärtssieg ein.

Das Spiel kompakt:

Was das Spiel ausmachte:

  • Einseitige Mannorientierungen in der Organisation der Berliner Fünferkette
  • Gute Tiefenläufe der Kölner Flügel in die Schnittstellen
  • Besseres Umschaltverhalten der Gäste im Allgemeinen

Was das Spiel (taktisch) bot:

  • Enorme Folgewirkungen von Problemkomplexen in der defensiven Risikoabwägung, Orientierung und Kommunikation
  • Vielseitige Entscheidungsfindung der Kölner im horizontalen Nachschieben
  • Ansätze der Hertha im direkten Übergangsspiel auf die Stürmerbewegungen

Was das Spiel entschied:

  • Grundlagenprobleme bei den Gastgebern
  • Unvorsichtige Momente der Hertha im Aufrückverhalten in flache Offensivstaffelungen
  • Gutes Umschaltspiel der Kölner und generell gegenläufige Bewegungen in die Spitze

Ein glattes 0:5 gegen die vor der Partie noch einen Tabellenplatz hinter den Berlinern gelegenen Kölner fügt sich ein wie ein gefundenes Fressen in das aktuelle Allgemeinbild von Hertha BSC. Die Hauptstädter hatten in dieser Begegnung viel Ballbesitz, waren jedoch anfällig gegen schnelle Konter der Gäste von Markus Gisdol. Gewissermaßen dieselben Knackpunkte wie bei den Umschaltszenen bereiteten ihnen zudem Schwierigkeiten in eigenen Pressingsituationen mit schnellen gegnerischen Tiefenpässen. Insbesondere die mannorientierte und hohe Organisation der letzten Reihe torpedierte letztlich sämtliche konstruktive Bemühungen.

Mit dem Ball gab es beim Team von Interimstrainer Alexander Nouri eigentlich einige vielversprechende – und nach der verhaltenen Herangehensweise gegen Paderborn recht ambitionierte – Ansätze, so desaströs sich letztlich das Ergebnis auch liest. Beim Bewegungsspiel des neuen Sturmduos aus Piatek und Cunha zeigten sich nach einer weiteren Trainingswoche Fortschritte: Die beiden stellten viele Staffelungen aus einem höheren Tiefengeber und einem kurz kommenden Ablagespieler her, von denen Letzterer etwaige Vertikalpässe durch den Halbraum ablegen und dann wieder nach vorne ziehen sollte.

Herthas Ansätze vor allem diagonal auf Grujic

Auch die Achter rückten recht zügig auf entsprechende Situationen nach. So sahen die Momente der Hertha im Zwischenlinienraum prinzipiell gefällig aus. Allerdings mussten sie zunächst einmal in die entsprechende Vorbereitung solcher Szenen aus dem Aufbau kommen, wie es ihnen am ehesten über halblinks gelang. Gegen die 4-2-3-1/4-4-2-Grundordnung der Kölner mit flexibler Positionierung von Uth als hängender Spitze bestand die große Herausforderung darin, in der horizontalen Zirkulation aus der druckvollen Ausführung nicht zu früh bzw. zu unbedacht den Ball vom Halb- auf den Flügelverteidiger zu spielen.

Den offensiven Außenspielern der Gäste gelang ein gutes Timing, um situativ auch mal auf Stark oder Rekik zu pressen. Ansonsten ging es für sie besonders darum, bei Anspielen auf die Berliner Flügelakteure von „oben“ Druck zu machen und die direkten Rückwege zu versperren. Gleichzeitig bestand für Köln die Möglichkeit, über das Herausrücken des ballnahen Außenverteidigers den Zugriff zu suchen. Gerade gegen die linke Defensivseite von Schmitz lag es umgekehrt aus Sicht der Hertha wiederum nahe, die Räume in dessen Rücken zu attackieren: Bei Pässen auf Wolf startete Grujic dementsprechend von der rechten Achterposition immer wieder weiträumige Diagonalläufe nach rechts.

Diese Bewegungen verteidigte Köln mal weniger und mal mehr in teilweise klaren Mannorientierungen, indem der ballnahe Sechser weit nach außen verfolgte. Bei Hertha wäre Wolf mit seiner speziellen Passtechnik über angelupfte Zuspiele ein Kandidat gewesen, um die Räume hinter dem gegnerischen Außenverteidiger anzuvisieren und Grujic in Szene zu setzen, aber seine Probleme in der ersten Orientierung machten diese Konstellation häufig zunichte. Wenn sich mal entsprechende Ansätze über den Achter der Berliner ergaben, entwickelte sich daraus aber nur selten weitergehendes Potential: Nun fehlten häufig die unterstützenden Bewegungen der Stürmer in der Horizontalen, während Köln über den ballfernen Sechser meistens gut und sauber zum Flügel nachschob.

Problematische Mannorientierungen in der Kettenorganisation

Man hätte vor diesem Hintergrund von einer guten Defensivvorstellung der Gäste und zu wenig Durchschlagskraft der Berliner sprechen können. Doch die zentrale Geschichte der Partie erzählte sich letztlich um die Schwächen in der Absicherung der Hertha herum. Die frühen Tore veränderten das Gesamtbild entscheidend und Köln agierte bereits nach etwas mehr als einer halben Stunde mit einem klaren 0:3-Vorsprung auf der Habenseite, wenngleich beim ersten Gegentreffer der Konterangriff im Anschluss an eine Standardsituation erfolgte. Doch selbst wenn man man diesen Fall ausklammerte, stellten sich die Probleme der Berliner in der Absicherung und in Teilbereichen der Pressingarbeit beinahe erschreckend dar – zumal nach der letzten Begegnung überraschend.

Während das 0:2 und das 0:4 jeweils Umschaltmomenten entsprangen, ging dem dritten Tor eine Ballbesitzphase der Kölner voraus. Strukturell versuchten die Mannen von Alexander Nouri gegen den Ball zunächst einmal sinnvoll, die Präsenz der nominellen Fünferkette für ein aggressives Herausrücken des ballnahen Flügel- auf den gegnerischen Außenverteidiger zu nutzen. Im konkreten Szenario des 0:3 wurde diese Position mannorientiert schon eingenommen, als noch der gegnerische Innenverteidiger andribbelte, also vor einem entsprechenden Pass als Pressingsignal.

Entscheidend war aber vor allem die weitere Organisation hinter dem Flügelverteidiger: Das Durchschieben der Kette fand mehrmals nicht statt, Herausrückbewegungen des ballnahen Halbverteidigers erfolgten am ehesten mannorientiert und in diesem Zusammenhang waren die defensiven Bewegungsmuster gerade von Stark oft viel zu klar an Uth als hängender Spitze ausgerichtet. Dieser letzte Punkt zeigte sich nicht nur vor dem 0:3, als der Halbverteidiger über einen längeren Zeitraum bloß den Gegenspieler beobachtete, sich aber nicht weitergehend orientierte und Jacobs eine recht saubere Lücke zwischen Halb- und Zentralverteidiger anlaufen konnte.

Herthas Anfälligkeit gegen die Kölner Konter

Darüber hinaus stellte sich die Thematik fast genauso auch beim Verhalten in Umschaltmomenten. Immer wieder versuchten die Verteidiger aus der letzten Defensivreihe in 1gegen1-Konstellationen gegen unterstützend zurückfallende Bewegungen von Uth oder Córdoba in die Ballrückeroberung zu gehen. Das geschah aber nicht ausreichend in Abstimmung mit den jeweils ballnahen Mittelfeldspielern, die entweder den direkten Zugriff für die erste Welle des Gegenpressings hätten übernehmen können – oder einfach den jeweiligen Gegenspieler in jenen Konstellationen, in denen das Gegenpressing wegen der Positionierungen der vorderen Akteure nur bedingt geschlossen überhaupt möglich war.

Im Übergang zum gegnerischen Strafraum hin neigte das Aufrückverhalten der Berliner dazu, unausgewogen zu werden: Die Stürmer bewegten sich nicht mehr so sauber zueinander, der situativ nachstoßende Achter lief meistens recht einfach in die Spitze durch. So ergaben sich im Angriffsdrittel oft flache Staffelungen, mit denen sich etwaige Abpraller um den Rückraum herum schwieriger kontrollieren ließen. Bei Köln antizipierte Rexhbecaj sehr gut mit starken Anschlussbewegungen auf solche Szenen. In diesem Zusammenhang könnte man prinzipiell auch über die Ausrichtung diskutieren, beide Flügelverteidiger sehr breit und symmetrisch hoch agieren zu lassen – letztlich auch recht konstant, mit eher wenig Variation auf situativ engere oder tiefere Positionierungen hin.

Grundsätzlich erlaubt eine Dreierkette eine solche Spielweise gerade. Doch die Art und Weise wie die Verteidigung dahinter ausgerichtet war und auch die Bewegungsmuster der anderen Offensivkräfte in die Spitze gestalteten sich in der Praxis letztlich nicht so, dass diese strukturelle Basis entsprechend zum Tragen kommen konnte. Die offensiven Außen der Kölner konterten im Rücken der Berliner Flügel und waren von den Halbverteidigern wegen der mannorientierten Organisation nicht mehr aufzufangen. Beim 0:4 kam dann auch ballfern im Falle Rekiks noch dazu, dass der kreuzende Laufweg von Uth nicht übergeben wurde, da die entsprechende grundlegende Kommunikation fehlte. So wurde die Lücke zum zurücklaufenden Flügelverteidiger noch größer.

Ein letztes übergreifendes und wiederum vergleichsweise grundlegendes Problem in der defensiven Darbietung der Hertha betraf schließlich die allgemeine Rückzugsbewegung. Nach dem Überspielen zogen sich mitunter selbst die nominell defensiveren Kräfte lasch und zu wenig ballorientiert zurück. Am gravierendsten trat dies unter den fünf Gegentoren ausgerechnet beim dritten auf, also im Anschluss an die Pressingszene, in der die Ausgangskompaktheit eigentlich noch höher war als bei den Kontern. Boyata, Rekik und Mittelstädt versuchten schnell die akute Torsicherung zu ergänzen, erst nach längerer Verzögerung erschienen weitere Akteure im Bildausschnitt, wirkten teilweise so, als würden sie auf eher ballferne Gegner achten. Auf diesem Niveau findet sich eine solche Szene eigentlich nur selten.

rum 2. März 2020 um 17:31

Ich finde die Zusammenfassung am Anfang sehr gelungen! Das bereitet sehr schön auf den Text vor, macht neugierig und den Inhalt einfacher zu erfassen!

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*