Türchen 14: Arjen Robben

Ein typischer Dribblingweg als Erkennungszeichen: Wie Arjen Robben von seiner Rechtsaußenposition aus spielte, gewann beinahe – zumindest in Fußballdeutschland – einen gewissen Kultstatus. Von außen nach innen ziehen kann man vor allem dann, wenn man vom Flügel aus agiert. Zwischenzeitlich wurde Robben sogar nur als Rechtsaußen aufgeboten, in den letzten Jahren dann auch gelegentlich anders eingesetzt: Seine Auftritte als Achter waren interessant und enthielten gleichzeitig viel von seinem Spiel als Flügelstürmer.

Kaum ein Fußballer verfügte über eine so lange Zeit über ein so bekanntes „spielbezogenes“ Markenzeichen wie Arjen Robben: Von rechts mit dem starken linken Fuß nach innen ziehen und dann abschließen. Unzählige Male spielte der Niederländer dieses Muster in den Stadien der Bundesliga auf den Rasen, unzählige Male wurde es von Kommentatoren besprochen und meistens gelobt. Vor Robbens Zeit beim FC Bayern hatte das Phänomen nicht unbedingt eine solche Selbstverständlichkeit gehabt: Bei seinen vorigen – keineswegs nur flüchtigen – Stationen in London und Madrid spielte der Niederländer mal auf dem rechten, oft aber auch auf dem linken Flügel, und so war der „inverse Robben“ zumindest nicht übermäßig prägend.

Als Louis van Gaal in der zweiten Jahreshälfte 2012 die niederländische Nationalmannschaft übernahm und seinem ehemaligen Bayern-Schützling dessen wieder zunehmende Einsatzzeiten zunächst vor allem auf dem linken Flügel gewährte, wurde von einigen Seiten zumindest Überraschung laut, wie Robben denn in dieser Konstellation genau spielen würde und wie er dann seinen typischen Dribblingmove zum Tor einbringen sollte. Insgesamt sah die Tendenz so aus, dass Robben in seiner späteren Karrierephase endgültig klar und eindeutig als der nach innen kurvende Rechtsaußen gesehen wurde – ein Bild, das sich verfestigt hatte. Gleichzeitig wurde er aber gerade „im Alter“ trotzdem auch so vielfältig von seinen Trainern eingebunden, wie eigentlich nie zuvor.

Die späten Rollenwechsel des Arjen Robben

Robben in einem Spiel als Achter in der Saison 2015/16

Bei der WM 2014 agierte er bereits als zweite Spitze in einem 5-2-1-2, beim Verein kam er vor allem während der Zeit von Pep Guardiola bei den Münchenern in verschiedenen „neuen“ Konstellationen zum Einsatz. Der Katalane überraschte in der zweiten Saison beispielsweise mit der Aufstellung Robbens als offensivem, andribbelnden Flügelverteidiger eines asymmetrischen 3-2-4-1, das in seiner ersten Anwendung sogleich zu einem furiosen Kantersieg in der Champions League bei der Roma führte. Neben einzelnen Einbindungen in dieser Flügelverteidiger-Rolle spielte Robben danach zudem gelegentlich immer mal als Achter, in der Spielzeit 2014/15 eher aus einer Rautenformation heraus und dann oft antreibend und gemeinsam mit Franck Ribéry, in der dritten Guardiola-Saison 2015/16 schließlich hauptsächlich in einem 4-3-3.

Quantitativ war dies etwas häufiger der Fall und geschah aus einer recht klaren Grundordnung: Von der rechten Achter-Position aus hatte Robben meistens entweder Thomas Müller oder Douglas Costa auf dem Flügel neben sich. In gewisser Weise tat ihm eine solche Einbindung gut, da sie ihm mehr (mannschaftliche) Verantwortung auferlegte: Er war stärker gefordert, sich durchgängiger zu orientieren und seine Präferenzen in der Entscheidungsfindung ausgewogener zu verteilen, statt es sich mit einer klar fokussierten Orientierung auf frühe Durchbruchsmöglichkeiten und handfeste Offensivaktionen manchmal auch etwas einfacher zu machen. Beispielsweise musste er stärker auf etwaige Dynamiken im zweiten Drittel eingehen.

Wie in der Entscheidungsfindung galt Ähnliches auch für seine generellen gruppentaktischen Fähigkeiten: Indem Robben als Achter früher, häufiger und regelmäßiger eingebunden war als vom Flügel, musste er sich mehr auf sein eigentlich unterschätztes Potential in diesen Bereichen besinnen, das er in seiner „normalen“ Position nicht in dem Maße entwickeln brauchte. Eigentlich hätte der Niederländer mit seinem Talent für Tempowechsel, Anschlussdynamiken und im allgemeinen Bewegungsspiel – gerade auch in der Interaktion mit Mitspielern im kleinen gruppentaktischen Rahmen – auch ein starker, umschaltgeeigneter und sehr schlagkräftiger Zentrumsallrounder mit hoher Reichweite und enormer Aktionsdichte sein können.

Andribbeln aus tieferen Starträumen

Bei alledem war es weiterhin nicht zuletzt so, dass Robben selbst von der rechten Achterposition – gerade in einem 4-3-3 – nicht auf seine klassischen inversen Dribblings hätte verzichten müssen oder von dieser Möglichkeit ausgeschlossen gewesen wäre. Er konnte sie auch in dieser Konstellation immer noch gut einbringen, sogar ungeachtet der Option, sich situativ mal auf den Flügel zu ziehen. Das grundsätzliche Muster war auch von der Acht ähnlich möglich, nur etwas vertikaler und eben von einem anderen Ausgangspunkt aus. Grundsätzlich ist es bei einem solchen Andribbeln, also gewissermaßen einem Andribbeln auf den kompakten Block zu, aus mehreren Gründen sehr interessant, dieses Element aus einer tieferen und mittigeren Startposition aus einzubringen – wie sie eben die Achterräume darstellen.

Robben und Müller als Achter gegen Darmstadt

Zunächst einmal liegen sie in Übergangsbereichen und ermöglichen viele diagonale Wege, weshalb Dribblings allein schon eine der Variation förderliche Variante bieten, um diese Bereiche raumgreifend zu bespielen. Konkret waren im Falle Robbens die dynamischen Drehungen des Niederländers vielversprechend, um sie auf der Achterposition gerade gegen ein mannorientiertes Herausrücken in Drucksituationen einzubringen oder auch in höheren Räumen, beispielsweise gegen das defensive Verschieben, zu nutzen. In diesem Zusammenhang brachte Robben weit über das Thema Dribblings hinaus wichtige Qualitäten als Achter ein: Dazu gehörte etwa sein Zug zum Tor aus verschiedenen Positionen. In einer Partie gegen Darmstadt beispielsweise, als er gemeinsam mit Thomas Müller eine hohe Doppel-Acht bildete, lauerte er nachhaltig und bissig aus dem Schatten des Mittelstürmers und seines Nebenmannes auf Möglichkeiten für Tiefenläufe.

Gegner beschäftigen und Raum schaffen

Weiterhin ist es beim Andribbeln überhaupt erst einmal so, dass man dadurch versucht, Gegner auf einen bestimmten Spieler zu ziehen und damit zu beschäftigen – am besten eben auf einen ballsicheren, trickreichen Akteur mit individualtaktisch guten Finten. Mit einem kurzen Pass nach dem ersten Andribbeln wird ein weiterer Gegenspieler vor eine Entscheidungsaufgabe gestellt, die zuvor beschäftigten Akteure außerdem vor die Frage nach der Anschlussreaktion. In diesem Zusammenhang harmonierte Robben oft mit technisch sehr sauberen und konstanten Wandspielern wie Robert Lewandowski oder Robin van Persie und/oder geschickten Bewegungstalenten wie Müller, um sich von ihnen unterstützen zu lassen.

Einerseits war Robben selbst taktisch recht stark auf darauf fokussiert, beim Zusammenspiel vor allem klare Pärchenbildungen einzugehen – und diese von ihm ausgehende Prägung half seinem Spiel letztlich enorm. Andererseits konnten ihm starke Ablagespieler im Laufe der Aktionen immer mal Raum frei und/oder Gegner wegblocken und auch zwischenzeitlich etwas Aufmerksamkeit von ihm wegziehen. Im Idealfall öffnet sich durch das Anlocken anderswo Raum, in den man den Ball zumindest weiterspielen kann, wenn der eigene Durchbruch nicht möglich ist. Im Grunde genommen bedeutete das jeweils eine kleine Dynamikveränderung: Nicht unähnlich ist das Prinzip in kleinen Pärchenbildungen bei den Dribblings von Lionel Messi, der das aber etwas planvoller und gewissermaßen „ballbesitzorientierter“ umsetzt. Der Vergleich deutet schon an, dass die grundsätzliche Logik von außen ebenso wie aus dem Halbfeld, eher aus dem Zehnerraum heraus oder noch etwas tiefer, funktionieren kann.

Geschehen die andribbelnden Aktionen konkret von der Achterposition aus, bestehen zwei potentielle Vorteile darin, dass man erstens quantitativ mehr Gegner anlocken kann und diese sich aus dem Zentrum zu mehreren Richtungen hin orientieren müssen und dass man zweitens mehr und sicherere Ausweichräume hat, falls der Gegner sich stark bewegt und die Zonen gut verknappt. Einzelne kleinere Vorteile können hinzu kommen: Wenn es über das Andribbeln situativ nicht gelingen sollte, einen Kollegen freizuspielen oder einen konkreten Spielzug zu initiieren, sondern sich „nur“ etwas Raumgewinn zum Aufrücken verbuchen lässt, ist dieser im Zentrum oder im Halbraum im Vergleich zum Flügel grundsätzlich wertvoller, zum Beispiel. Die individuelle Aktion für sich ist ansonsten aus einer engeren aber gar nicht so maßgeblich anders als aus einer breiteren Position.

Zeitliche und psychologische Komponenten des Andribbelns

Wichtig bei den zentraleren Ausgangssituationen wird insbesondere, in den richtigen Momenten vor dem Übergang zum tatsächlichen gegnerschlagenden Dribbling auch mal aus dem Andribbeln hinaus zu gehen und stattdessen früher einen Pass zu spielen. In der späteren Phase seiner Karriere verbesserte Robben nochmals erheblich sein Gefühl für diese Szenen. Genau das trug auch dazu bei, dass der allseits bekannte Robben-Move trotz eben jener Bekanntheit so häufig funktionierte. Zu nicht unwesentlichen Anteilen war das sicher eine Sache handwerklicher Arbeit: Robbens starke Bein-Fuß-Koordination bildete im Zusammenspiel mit seiner schnellkräftigen Athletik eine gute Basis dafür, der geschickte, über die Jahre verfeinerte Umgang mit kleinen Verzögerungen erhöhten die Wirksamkeit nochmals.

Vor allem spielte die psychologische Komponente eine wichtige Rolle. Wenn man es platt formulieren wollte, könnte man von vielen (aber nicht allen) ehrfürchtigen Gegenspielern sprechen. Das lag psychologisch daran, dass Robben erst einmal so aggressiv Druck ausübte und es recht gut schaffte, sich andere Optionen offen zu halten. Je häufiger der „Trick“ schon funktioniert hatte, desto größer wurde die Vorsicht von Defensivspielern in zukünftigen Situation, desto länger blieben sie im Verlauf von Szenen passiv und desto effektiver konnte Robben sie hinhalten. Um letztlich zum Abschluss zu kommen, fokussierte er sich vor allem darauf, sich eine möglichst gute Schussbahn zu schaffen, war es weniger wichtig, die Gegner wirklich auszuspielen im Sinne des Überspielens.

Dass Positionierungen von präsenten Flügeldribblern in den Achterräumen oftmals vergleichsweise viel Wirkung gegen eine gestaffelte Defensivformation erzeugen können, liegt meistens gerade an ihrer strategisch offensiven Selbsteinbindung. Wenn tororientierte Dribbler auf den Block zu starten, die dabei schon gezielt einen recht langen Dribblingweg bis hin in die unmittelbar gefährlichen Zonen hinein anvisieren, führt das in Konstellationen, in denen sie ihre Aktionen vorzeitig etwa mit einem Pass auf einen offensiven Mitspieler unterbrechen müssen, häufig sehr stabil dazu, dass sie schnelle und dynamische Anschlussaktionen schaffen und in diesen auch gut auf eine Weiterführung des aufgenommenen Tempos der Situationen fokussiert sind.

Fazit

Wenn Robben längerfristiger und noch häufiger als Achter gespielt hätte, wären dafür größere Verbesserungen in einigen Bereichen nötig und wichtig gewesen: etwa im Pressing- und Rückzugsverhalten, ebenso beim Umblicken, aber auch technisch in der Arbeit mit dem rechten Fuß. Das deutete sich bei den Einsätzen, die er in entsprechenden Konstellationen hatte, bereits an. Wäre er zu Guardiolas Zeit in München noch das eine oder andere Jahr jünger gewesen, hätte sich daraus vielleicht tatsächlich ein mögliches Szenario entwickeln können.

So bedeutete die Einbindung von Robben als Achter primär eine wirksame Variationsmöglichkeit, wie man sie gerne in der Hinterhand hat. Gerade im 4-3-3 ging sie eigentlich auch nur mit wenig Risiko einher (und wäre ein längerfristiger Lernprozess auf dieser Position auch mit weniger Risiko einhergegangen), da man in den damaligen Münchener Besetzungen schnell wieder hätte wechseln können, wenn es mal in bestimmten Spielen zu Schwierigkeiten etwa gegen den Ball gekommen wäre oder um die typischen Robben-Dribblings vom Flügel aus nicht zu verlieren.

Einerseits wäre es unkompliziert möglich gewesen, die Besetzung zu verändern und Robben mit dem jeweiligen Flügelstürmer zu tauschen. Andererseits hätte er sich im Zuge verstärkter Rochaden aus einfachen Pärchen mit dem entsprechenden Außenspieler situativ wieder häufiger in Dribblings am Flügel zu bringen versuchen können, dann allerdings eher in Tempoaktionen und gegen einen in der Dynamik aus dem Zentrum folgenden Defensivakteur als gegen einen präsenter geordneten Block. Es gab in einzelnen Spielen sogar – nicht unbedingt optimale, aber potentiell lockend wirkende – Ansätze, dass Robben im Laufe einer tieferen Ballzirkulation sich gelegentlich aus der gegnerischen Defensivformation heraus nach außen löste und dann mit dem dortigen Flügel als Wandspieler mal Aktionen zu starten versuchte.

Hannes 14. Dezember 2019 um 21:18

Zum Eingangssatz:
Nicht nur in Deutschland
😉
https://www.reddit.com/r/lecutinsideman/

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