Bayerns Pressing unter Flick

Bayern München hat nach dem Amtsantritt von Hansi Flick einen sichtbaren Wandel durchlaufen. Die Mannschaft steht um einiges stabiler und hat verlorengegangene Dominanz zurückgewonnen. Viel hat mit dem Pressing der Bayern zu tun, das bei weitem nicht mehr so zaghaft wie noch phasenweise unter Niko Kovač ist, sondern sich durch Druck auf die erste Aufbaureihe und konsequentes Nachrücken auszeichnet.

Im Vergleich zwischen Partien unter Kovač und Flick fällt direkt auf, wie das Aggressionslevel nach oben ging. Das Spiel gegen Leverkusen hat wiederum gezeigt, wie eine talentierte Kontermannschaft mit weiten Bällen und schnellen Passfolgen aus der eigenen Hälfte heraus gegen dieses Bayern durchbrechen kann.

Joshua Kimmich sprach es nach dem souveränen Sieg gegen Borussia Dortmund kürzlich an. Die Bayern-Mannschaft hätte diszipliniert „durchgedeckt“ und dadurch das hohe Aufrücken im Mittelfeld ermöglicht. Die konsequente Absicherung führte dazu, dass Mats Hummels und Co. enorm in Entscheidungszwänge gerieten. Die Verteidiger wurden selbst angelaufen und hatten auch keine offene Anspielstation vor sich. Insbesondere Dortmunds Mittelfeldakteure konnten sich selten der Attacken der Bayern-Spieler erwehren, sobald sie den Ball erhalten hatten.

Das Schema des Pressings ist dabei recht simpel. Aus der 4-3-3-Grundformation heraus wird frühzeitig der gegnerische Spielaufbau attackiert. Zumeist schiebt ein offensiver Mittelfeldspieler auf den zweiten Innenverteidiger, dem Robert Lewandowski in diesem Moment nicht zugeordnet ist. Von außen führen die Flügelspieler mit kurzen Bogenläufen und damit unter Einsatz des Deckungsschattens zu zusätzlichem Entscheidungsdruck beim gegnerischen Ballführenden, ohne unbedingt selbst in einen direkten Zweikampf zu gehen.

Im Mittelfeld orientieren sich derweil die verbliebenen Bayern an den gegnerischen Sechsern, sodass auf dem Papier vielleicht ein Zentralspieler des Gegners phasenweise freibleibt, aber aufgrund der Distanz zum Ball, der wenigen Zeit für den Ballführenden und teilweise wegen des geblockten Sichtfeldes schwerlich mit einem Lobball anspielbar wären.

In dieser Struktur pressten die Bayern zumeist im Spiel gegen Dortmund.

Das Pressing ist an sich alles andere als revolutionär. Die individuelle Pressingqualität war immer da, wie auch die ersten Saisonspiele vereinzelt veranschaulichten. Besonders auf den Flügeln konnten Spieler wie Kimmich oder Serge Gnabry ins Pressing gehen und Defensivaktionen forcieren. Auch weil sie die Seitenauslinie als zusätzliche Unterstützung hatten, womit mehr Kompaktheit um den oder die Gegenspieler herum entstand, was im Zentrum aufgrund der strukturellen Mängel nicht möglich gewesen wäre.

Diese Karte zeigt die Zonen mit über- und unterdurchschnittlichen Defensivaktionen im ligaweiten Vergleich. An sich konnten die Bayern nur auf der rechten Seite glänzen, was aber selten strukturelle Gründe und oftmals eher individuelle hatte. (Ausnahmen gab es trotzdem – gerade wenn Lewandowski von halblinks aus anlief und den gegnerischen Spielaufbau auf die rechte Seite leitete.)

Das Gegenpressing

An sich ist eine andere Komponente im Defensivspiel der Münchner noch um einiges interessanter. In vielen Partien werden sie gar nicht wie etwa gegen Dortmund die Möglichkeit haben, kontinuierlich den offenen Spielaufbau aus einer geordneten Pressingformation heraus anzulaufen. Stattdessen sind sie selbst in Ballbesitz und müssen auf etwaige Ballverluste reagieren.

Auch im Gegenpressing fand ein Umdenken statt. In der jüngeren Vergangenheit versuchten die Bayern oftmals nur ein bis drei Sekunden den Ball unmittelbar zurückzuerobern und lösten danach das Gegenpressing auf, um eine kompaktere Verteidigungsformation einzunehmen. Nun jedoch bleibt die Mannschaft etwas länger im Gegenpressing und setzt auch noch einmal nach, wenn der Gegner den ersten erfolgreichen Pass verbuchen konnte und damit die erste Gegenpressingmaßnahme nicht zum direkten Erfolg führte.

In der Umsetzung stellt es sich so dar, dass beispielsweise nach einem der häufigen Anspiele auf Lewandowski im linken oder rechten offensiven Halbraum und dem Ballverlust sofort die beiden ballnahen Spieler ins Gegenpressing gehen und zusammen mit Lewandowski ein Dreieck um den neuen Ballführenden herum kreieren.

Eine exemplarische Darstellung des Gegenpressing in der Partie gegen Düsseldorf.
Der Vergleich verdeutlicht die unterschiedliche Ausrichtung und Effektivität im Gegenpressing. In der ersten Halbzeit gegen den FC Augsburg zum Beispiel hatten die Bayern vor allem auf den Flügeln immer wieder Gegenpressingmomente. In der zweiten Halbzeit gegen Fortuna Düsseldorf unter Flick hingegen, kristallisieren sich die beiden offensiven Halbräume – also klassische Ballannahme-Zonen von Lewandowski – als Räume fürs Gegenpressing heraus.

Diese Art des Gegenpressings ist natürlich auch nur möglich, weil unter Flick die beiden offensiveren Mittelfeldspieler seltener zum Flügel driften und stattdessen bei Ballbesitz mittig positioniert bleiben und somit rasch Zugriff auf den gegnerischen Ballführenden erhalten können, sollte der Pass auf Lewandowski oder einen der Außenstürmer nicht gelingen. Die Ballbesitzstruktur bleibt nun einmal die Voraussetzung für funktionierendes Gegenpressing und damit eine grundsätzliche Dominanz.

Jedoch müssten die herausrückenden Bewegungen eines offensiven Mittelfeldspielers eine Lücke im Zentralverbund der Bayern verursachen, sofern die direkte Rückgewinnung des Balls eben nicht bewerkstelligt werden kann. Auch angesichts der Tatsache, dass die Bayern das Gegenpressing manchmal nicht rechtzeitig auflösen und weitere Spieler längere Distanzen zurücklegen, um ebenfalls in die unmittelbare Gegenpressingzone zu gelangen, dabei aber Räume kompromittieren.

Kimmich hat jedoch bewiesen, dass er ein sehr gutes Auge für die nächste wahrscheinliche Anspielstation des Gegners hat und seinen eigenen Laufweg zum potenziellen Passweg gekonnt etwas verkürzt, um proaktiv mit einer Balleroberung den Gegenangriff bei Bedarf zu unterbinden oder direkt nach der Ballannahme erneut Druck auszuüben.

Kimmichs Defensivaktionen über den Verlauf der bisherigen Saison zeigen noch einmal, dass er als zentraler Mittelfeldspieler gerade in der Zone vor der Mittellinie sehr aktiv wird. Dort steht er entweder als Absicherung fürs Gegenpressing oder aber als Deckungsspieler im normalen Pressing.

Alternativ lässt sich Kimmich auch in die letzte Linie zurückfallen und schafft dort mehr Dichte, womit etwaige Pässe der anderen Mannschaft aus der Gegenpressingzone verteidigt werden sollen. Kimmich ist insofern eine Absicherung für das doch noch etwas wilde Verhalten seiner Vordermänner im Gegenpressing.

Fazit

Bayern hat unter Flick die Ausrichtung bei der Arbeit gegen den Ball erheblich verändert. Es geht nun nicht mehr um Schadensbegrenzung und Risikominimierung, sondern vor allem um proaktives Verteidigen. Diese Art des Pressings und Gegenpressings kann nur funktionieren, wenn sehr wachsam die Verschiebebewegungen befolgt werden und wenn gerade nach Ballverlusten der Automatismus für Folgebewegungen entsteht.

Natürlich bleiben Fragezeichen, ob Bayern diese Spielweise gegen jeden Gegner umsetzen kann. Leverkusen hat in Ansätzen bereits gezeigt, dass schnelle lange Bälle auf gute Ablagenstürmer ein Mittel sein können, wenn entsprechend die weiteren Offensivspieler in die offenen Räume laufen, die entstehen, wenn Innenverteidiger am Rücken des Stürmers bleiben.

In der Gesamtbetrachtung des Trainerwechsels beim deutschen Rekordmeister ist jedoch die wahre Erkenntnis, wie schnell ein deutlicher strategischer Umbruch funktionieren kann, sofern denn die Abläufe simpel gehalten werden und auf bereits Bekanntes aufbauen.

AG 7. Dezember 2019 um 08:52

Danke für den phantastischen Artikel, ich bin absolut begeistert von Deiner Zusammenarbeit mit Statsbomb! Ich hatte insgeheim ja immer auf eine solche gehofft, Ihr ergänzt Euch ja quasi perfekt.

Antworten

CE 7. Dezember 2019 um 09:37

Sehe ich auch so. A perfect fit.

Antworten

schwerti 8. Dezember 2019 um 13:54

Mal was anderes:
Warum hat Flick nicht auf die Gladbacher Umstellungen – 4-3-3 ab Minute 30; fluides 4-2-3-1 nach Embolo’s Einwechslung – reagiert?
Schlechtes In-game-coaching oder mangelnde Handlungsalternativen aufgrund der kurzen Verantwortungszeit als Chef?

Antworten

schwerti 6. Dezember 2019 um 17:53

Fragen zum morgigen Spiel vs Gladbach:
Ziehen die Bayern ihr Gegenpressing gegen die Gladbacher Pressingmaschine durch oder zocken sie auf Ballgewinn im MF á la Leverkusen, um schnell ins Umschalten zu kommen?
Stellt Rose jemanden auf Kimmich ab bzw. wird dieser „bevorzugt“ angelaufen?

Antworten

CE 7. Dezember 2019 um 09:36

Sie ziehen ihr Gegenpressing bestimmt in vielen Phasen durch. Darauf sind sie jetzt eingestellt.

Kimmich ist ja der pressingresistente Bayern-Spieler hinten. Warum sollte man den bevorzugt anlaufen? Wichtiger ist, dass der Ball nicht so häufig bei ihm ist. Das könnten die Außenstürmer durch ihre Anlaufbewegungen bewerkstelligen.

Antworten

schwerti 8. Dezember 2019 um 13:41

Gerade DESHALB sollte man ihn anlaufen, um ihn zu Fehlern zu zwingen bzw. ihn dazu zu leiten „hintenrum“ spielen zu müssen (bogenförmiges Anlaufen, Deckungsschatten etc.) oder als dritte Möglichkeit ihn dazu zu „nötigen“, den Ball zum nächsten Mitspieler zu spielen, der eben nicht so pressingresistent ist. Was bringt es, wenn ich ihn gewähren lasse? Hat man ja gestern bei Thiago gesehen, der auf „Kimmichs“ neuer Stammposition gespielt hat. Gladbach bekam eine Stunde keinen Zugriff, bis Stindl auf die 10 zurückgezogen wurde. Perfekt wäre es natürlich, wenn man den Gegner so leiten kann, dass er nicht angespielt werden kann. Aber das ist praktisch illusorisch.

Antworten

CE 8. Dezember 2019 um 22:01

Thiago und Kimmich sind zwei paar Schuhe. Kimmich im Zentrum ist an sich leichter „pressbar“ als außen, aber immer noch unglaublich schwer zu fassen. Wichtig ist es, ihm die notwendige Passoptionen zu entziehen. Das gelang Gladbach in der ersten Halbzeit nicht so häufig, weshalb Kimmich dann Thiago und Co. im Zwischenraum anspielen konnte. Auf dem Flügel muss sich jeder genau überlegen, wann er Kimmich direkt anläuft und nicht auf eine 50:50-Stellung oder dergleichen setzt.

Antworten

schwerti 9. Dezember 2019 um 18:00

Darum war ja meine Ursprungsfrage ob Rose jemanden auf Kimmich abstellt oder ihn gesondert anläuft. Ich hatte fest damit gerechnet, dass er auf der Sechs spielt 🤔.
Als ich in der Aufstellung sah, dass Thiago spielt, schwante mir schon Böses.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*