Napoli mal wieder nah dran

4:3

Napoli liegt früh klar zurück, hält eigentlich aber gut mit gegen ein passstarkes Juventus. Probleme in der Offensivreihe und mit den Mannorientierungen lassen ihre sinnvolle Struktur sich nicht zur vollen Wirksamkeit entfalten. Unter anderem Veränderungen in der Ballzirkulation helfen in der zweiten Halbzeit bei den Aufholversuchen.

Zum Schluss sorgte ein kurioses Eigentor in der Nachspielzeit doch noch für den Heimsieg Juves, nachdem Napoli ein Standardtreffer zum 3:3 den Lohn für einen weitgehend gleichwertigen Auftritt gegen den Serienmeister und Dauerkonkurrenten zu bescheren schien, der sich lange kaum im Ergebnis wiedergefunden hatte.

Konstellationen und Intensität im Mittelfeldzentrum

In einer wechselhaften und mitunter wilden Partie waren die Gäste meistens nicht weit weg vom Titelverteidiger, auch wenn sie schon ab einem frühen Zeitpunkt einem klareren Rückstand hinterherlaufen mussten. Mit vielen Zurückfallbewegungen der Offensivakteure, insbesondere durch Insigne und Fabián Ruiz, brachten sie zusätzliche Präsenz ins Mittelfeld. Darauf versuchten die Sechser mit entsprechend flexibler Staffelungsfindung zu antworten. In Verbindung mit starkem gruppentaktischen Verhalten bot ihnen das gute Grundlagen, um als Situationslöser in Erscheinung zu treten. Das führte dazu, dass Napoli im Feldzentrum sich weitgehend auf Augenhöhe mit dem Juve-Mittelfeld halten konnte, wo Khediras Aufrücken immer mal Raum für Douglas Costa schuf und welches vor allem über Matuidis Rolle als ausweichender Achter wesentliche Kräfte von Flexibilität zog.

Einerseits wurde der französische Allrounder zwischen aggressiven Herausrückbewegungen der gegnerischen Sechser für das neue Team des noch erkrankt fehlenden Maurizio Sarri potentiell der offene Spieler, um diagonal in den Halbraum zu driften. Er fand ein gutes Timing, wie lange er während einer tiefen Ballzirkulation in der Schnittstelle zwischen Callejón und aufrückendem Sechser lauern und wann er die Freilaufbewegung starten sollte. Andererseits befand Matuidi sich in seiner Mischposition auch bei den zunächst häufigen Aufbauaktionen über die rechte Seite in guter Ausgangslage, um im Gegenpressing sofort aus dem Rücken gegen Fabián Ruiz einrücken zu können, den Napoli als primären Umschaltakteur suchte.

Gegen den Ball presste Matuidi meist direkt den Rechtsverteidiger oder hielt sich etwas enger mit dem Deckungsschatten vor Zielinski. Das funktionierte gerade in höheren Pressingphasen sehr gut, da die Abstände zwischen beiden wegen der im Vergleich zu Ghoulam wesentlich engeren Rolle di Lorenzos im Aufbau gering waren. So konnte Matuidi den Raum gut verknappen, nach außen leiten und Juve dort viel Präsenz nachschieben. Oftmals rückte auch Khedira in solchen Situationen bogenförmig von Allan auf den ballnahen Sechser vor, Pjanic verfolgte ausweichende Rückstöße des Zehners und presste gegen sonstige Ausweichbewegungen situativ weiträumig bis auf den Flügel durch.

Napoli mit Ansätzen und mit Hindernissen für sich selbst

Gegen dieses riskante hohe Pressing passte bei Napoli die Aufteilung nicht optimal: Das Mittelfeld unterstützte sehr kleinräumig tief, die vorderste Linie blieb hier aber zu hoch. Dadurch kamen sie schwer aus diesen Engen heraus. Wenn das doch mal gelungen war oder wenn es gerade eine Phase mit Mittelfeldpressing Juves gab, liefen die ersten Aufbauaktionen der Gäste ebenfalls stark über rechts. Indem sich dieser Fokus ansammelte, erhielt aber beispielsweise Callejón sehr viel und fast zu viel bestimmende Präsenz in der Ballverteilung. Eigentlich bearbeitete er den Flügel, ließ sich im Zuge der situativ von Insigne ergänzten Ballungen halbrechts aber öfter aus dem gegnerischen Block heraus fallen.

Gegen Juves physisch stark aufgestellte Viererkette versuchte er es mehrmals mit anspruchsvollen Hebern oder halblangen Flugbällen an die letzte Linie heran. Er tendierte nicht als einziger Spieler bei Napoli zu ambitionierten Passaktionen, auch auf der anderen Seite griff etwa Ghoulam nach Verlagerungen einige Male zu vorschnellen Anschlussaktionen, die er direkt in den Strafraum zu bringen versuchte. Problematisch war in den vorderen Bereichen vor allem, dass jeweils der Akteur im ballnahen Halbraum für viel Betrieb und gute Bewegungsmuster sorgte, die zwei ballfernen Angriffsspieler sich oft aber zu passiv zurücknahmen oder nur lauerten. Nach Seitenwechseln auf links kippte etwa Fabián Ruiz von der Zehn eher halbrechts aus der Formation heraus, als innerhalb auf Einbindungsmöglichkeiten zu gehen.

Wenn etwa Insigne im Zwischenraum hinter dem herausgerückten Khedira angespielt werden konnte, führte das konkret dazu, dass sich in solchen Szenen nicht mehr schnell genug Unterstützung gegen das lokale Zusammenziehen Juves und deren entsprechende Überzahl herstellen ließ. Damit machte sich Napoli durch diese verschiedenen Inkohärenzen der vordersten Reihe einen ansonsten guten Auftritt und Grundzugriff teilweise wieder selbst zunichte. Die im zweiten Drittel einrückenden Aktionen Insignes und die dort zurückfallenden Bewegungen von der Zehnerposition bildeten – zusammen mit den gruppentaktischen Verhaltensmustern der Zentrumsakteure – andererseits auch erst die Grundlage, auf der das möglich wurde und die Gäste dem – vor der weiträumiger ausgerichteten Abwehr – eng organisierten Turiner Mittelfeld Paroli bieten konnten.

Eigentlich trat die Mannschaft von Carlo Ancelotti zudem mit einer schlüssigen Struktur bei Ballbesitz an. Den Grundpfeiler bildete die unterschiedliche Spielweise der Außenverteidiger: Links agierte Ghoulam sehr offensiv am Flügel, demgegenüber hielt sich di Lorenzo wesentlich tiefer in seiner eingerückten Position und bildete teilweise eine verschobene Dreierreihe im Aufbau. In der Folge ergab sich damit auf beiden Seiten die Kombination aus jeweils einem Akteur im Halbraum und einem Breitengeber – also in umgekehrten Ausführungen. Rechts bot die tiefe Position di Lorenzos nicht nur zusätzliche Absicherung gegen Cristiano Ronaldo. Mit der dortigen Verteilung von engem Rechtsverteidiger und breiterem Rechtsaußen wurden prinzipiell sowohl der Raum hinter dem portugiesischen Superstar als auch jener neben Matuidi besetzt.

Angepasste Zirkulation bietet neue Grundlagen

In der zweiten Halbzeit kam diese sinnvolle, aber zunächst eben kaum wirksame Ausrichtung stärker zum Tragen. Strategisch verdankte sich diese Entwicklung allein schon dem Anstieg der Ballbesitzphasen in dem Maße, in dem Juventus sich noch häufiger zurückzog und auf ein tieferes Mittelfeldpressing verlegte, aber auch kleine Anpassungen traten hinzu. Vor allem versuchte Napoli nicht mehr so fokussiert, aus kleinräumigen Szenen halbrechts mit aggressiven Verlagerungen und Flugbällen unmittelbar ins letzte Drittel nach links zu kommen. Stattdessen zirkulierte das Team auch auf Mittelfeldhöhe häufiger zwischen den Außenverteidigern. Über die Position di Lorenzos halbrechts wurde das Spiel vermehrt aus anderen Räumen zusammengeführt und neu aufgebaut.

Auf der anderen Seite versuchten die Gäste fokussiert vom neu eingewechselten Mário Rui (für Ghoulam) aus, das seitliche Herausrücken des gegnerischen Außenverteidigers aus der hinter der engeren Mittelfeldlinie breiter verteidigenden Abwehrreihe zu attackieren und mit Anschlussaktionen in dessen Rücken zu kommen. Dies war gleichzeitig der Halbraum des – bei 4-4-2-Defensivphasen – höheren gegnerischen Sechsers und entsprach damit gut den Eigenheiten Juves. Für das Belaufen der Räume gab es einige Änderungen im Bewegungsspiel: Zielinski als nun nomineller Linksaußen pendelte ohnehin durchgehend im Halbraum, Mertens wich weiträumig aus, der eingewechselte Lozano (für Insigne) sorgte für ergänzende Bewegungen und diagonale Tiefenläufe aus der rechten Offensivhälfte.

Die in der Vorbereitung verstärkte Zirkulation durch das zweite Drittel schien zudem den Sechsern zugute zu kommen und ihnen insgesamt klarere Orientierungspunkte zu bieten. Sie hatten sich – nicht zuletzt zwischen den verschiedenen Rückstößen – stets sehr flexibel bewegt und kleinräumige lokale Szenen unterstützt, dabei gelegentlich aber die Aufrechterhaltung der stabilen Rückwärtswege ins Zentrum abreißen lassen. In diesem Zusammenhang gelang beiden im zweiten Durchgang die Aufteilung untereinander, dass einer in einen Halbraum schieben konnte und der andere dann mittiger blieb, besser. Unter diesen Umständen konnte Napoli nach dem Seitenwechsel wirksamer um den engen Juve-Block herum zirkulieren.

Erste Eindrücke von Sarris Stil

Zunächst trug diese gelungene Umstellung noch keine konkreten Früchte, vielmehr schien der Rückstand aussichtsloser zu werden mit dem 3:0 für Juve. Aus einem eigenen Ballgewinn heraus versuchte es Napoli vor jenem Tor zu überambitioniert, wurde nach dem Gegenpressing dann in der Anschlussaktionen durch die Matuidi-Rolle auf links überladen. In jener Zone waren die Gastgeber generell etwas anfälliger, unter anderem auch in der Entstehung des zweiten Treffers. Besonders für das Vorwärtsspiel durch die Halbräume zeigte Juve konsequente, saubere Abläufe. Halbrechts wurden Khediras aufrückende Aktionen entweder raumschaffend genutzt oder als frühe Anspielstation, um das Leder schnell auf Pjanic ablegen zu können.

Auf der anderen Seite gab es dann bei Ballbesitz Alex Sandros oder de Ligts den Mechanismus, dass sich Cristiano Ronaldo oder Higuaín explosiv in die Breite absetzten und so der Kanal für scharfe Vorwärtspässe auf den diagonal an die gegnerische Kette in den Raum startenden Matuidi geöffnet wurde. Gegen die vielen Mannorientierungen in der Ausrichtung Napolis kamen solche Abläufe entsprechend zur Geltung, zumal die Sechser oft gegen Khedira und Pjanic herausrückten. Gleichzeitig funktionierten sie aber auch nur deshalb so gut, weil sich beide Achter insgesamt geschickt in den Schnittstellen der gegnerischen Mittelfeldlinie zwischen Sechsern und Außenspielern bewegten, dort immer mal kurz nach vorne zogen und sich dann wieder absetzten.

Zug in den Raum gehörte damit zu den wichtigsten Stärken beim Auftritt der Mannen von Sarri, der im Grundkonstrukt des Teams vieles konservierte und an die stabile Basis von Vorgänger Allegri anknüpfte, dessen Schwerpunktsetzung an Schlüsselstellen aber schon durchschien: Gerade die Abläufe über die Achter durch die Halbräume gaben eine Ahnung von dem für Sarri so typischen dynamischen und sauberen Passspiel. Bei einigen Ansätzen kam Napoli mit einem blauen Auge davon, nachdem es zuvor bei den beiden frühen Führungstoren Juves wiederum eher unglücklich für die Gäste gelaufen war:

Zunächst traf der gerade für den verletzten de Sciglio eingewechselte Danilo nach einem Konter nach Ecke, nur kurz danach folgte der über halblinks vorbereitete Treffer Higuains mit starker individueller Verarbeitung. In der zweiten Halbzeit waren es schließlich die Gäste, die für einen Doppelschlag sorgten und im Anschluss an das zwischenzeitliche 3:0 sich doch nochmal in der Partie zurückmeldeten – und dann gleich mit Nachdruck. Der zweite Treffer wurde über links durch Überladung der Schnittstelle zwischen Außen- und Innenverteidiger eingeleitet. Auch danach blieb Napoli gefährlich, ehe es in den Schlussminuten mit den Standardsituationen erst zum 3:3 und dann zum 4:3 turbulent wurde.

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