Klopps leise Krönung

0:2

In einem eher schwachen Champions-League-Finale belohnt sich Liverpool für eine starke Saison und Jürgen Klopp für seine eindrucksvolle Arbeit in den letzten Jahren.

Die Problematik des frühen Tores

Inwiefern ein frühes Tor einer Partie auch abträglich sein kann, machte dieses Champions-League-Finale deutlich. Gerade für die in Führung gehende Mannschaft galt das zunächst einmal: Auf Seiten Liverpools beeinflusste der Treffer die Entscheidungsfindung und die zugrundeliegenden Prämissen. Das geschah zu einem Großteil unterbewusst: Die meisten Spieler wählten im Zweifelsfall lieber einmal mehr die allzu konservative Aktion, legten nicht mehr so gezielt die volle Konzentration auf den vermehrten Aufbau von Kontrolle.

Einerseits hatten Klärungen häufiger Vorrang, andererseits wurde frühzeitiger der vertikale Weg nach vorne gesucht. Man schien in Führung eher die direkte Konteraktion einleiten zu „dürfen“ und nicht so durchgängig auf primäre Erfolgsstabilität achten zu „müssen“. Sowohl in Umschaltmomenten als auch aus dem Aufbau privilegierten die Spieler Liverpools immer mehr den weiten Ball und das sofortige Zuspiel nach vorne, meist Richtung Salah oder Mané. Das mündete aber sehr bald in Hektik und nahm Überhand: So schenkten die „Reds“ durch zahlreiche zu direkte Entscheidungen besonders in der ersten Halbzeit reihenweise Bälle einfach her.

Wechselhaftigkeit um saubere Anordnungen vorne

Insgesamt spielte in diese Konstellation auch der Faktor Nervosität mit hinein. Dies wirkte sich nach dem frühen Treffer umgekehrt auch auf der Seite von Tottenham aus und führte dort zu vielen Unsauberkeiten. Über die Doppel-Sechs kamen die Spurs trotz breiterer Positionierungen von Sissoko zunächst einmal kaum hinter den engen Dreiersturm bzw. in den Zwischenraum zum gegnerischen Mittelfeld. Vielversprechend waren eher tiefere Zurückfallbewegungen an die erste Reihe heran: Von dort konnte Sissoko mit einigen Dribblings das Spiel nach vorne treiben.

Allerdings ergab sich schnell die Gefahr, dass zu weites Herausrücken aus der Formation heraus die Präsenz in den Übergangsverbindungen nach vorne zu sehr schwächte. Hinter dem Mittelfeld des Teams von Jürgen Klopp lauerte Tottenham dann schließlich mit zwei Spielern, Alli und dem halbrechts eng eingerückten Eriksen. Weitgehend orientierte sich die zweite Dreierreihe Liverpools anpassungsfähig und geschickt, um Passmöglichkeiten in jene Räume abzuschirmen. Gerade in den ersten Phasen der Begegnung agierte demgegenüber Son links wesentlich breiter, erhielt dort einige Verlagerungen und konnte so manchen Ansatz über Linksüberladungen starten.

Liverpools Balance in den Defensivbewegungen

Ansonsten taten sich die Mannen von Mauricio Pochettino allerdings schwer, über die Flügelzonen entscheidende Dynamik aufzunehmen. Gegen ihre Außenverteidiger rückte Liverpool – nach den einleitenden Pässen über die erste Reihe hinweg – normalerweise mit dem ballnahen Achter ins Pressing heraus. Diese Anlaufbewegungen erfolgten mit gutem Timing und gutem Körperwinkel, so dass die weniger spielstarken Trippier und Rose Schwierigkeiten für etwaige Anschlussaktionen hatten. Überhaupt verpassten es die Spurs über viele Phasen der Partie, von außen mögliche Querpasskanäle zurück ins Zentrum zu forcieren und damit beispielsweise die lauernden Positionierungen des einrückenden Eriksen konsequent einzusetzen.

Zusammengenommen hatte Tottenham zum Zwischenlinienraum hin eine für das Offensivspiel solide und prinzipiell auch schlüssige Anlage: Einerseits wies sie keine eklatanten oder gravierenden Problemstellen auf und hatte dementsprechend ihre Ansätze mit gelegentlichen Spielzügen zum Strafraum hin. Andererseits war sie auch nicht viel mehr als recht gut und damit letztlich nicht gut genug, um einen Gegner mit einer Art Grundstabilität, wie sie Liverpool aufzubringen imstande ist, entscheidend ausspielen zu können. Zudem ging schon durch die unsauberen Momente in den Übergangsverbindungen etwas Konstanz in der Spieleröffnung zurück. In den meisten Bereichen zeigte sich Liverpool gruppentaktisch ausgewogen und geübt darin, wie weit sie einzelne Bewegungen anlegen konnten, wie stark sie sich in bestimmten Momenten an den Ball annähern und wie sie sich für verzögernde Wirkungen orientieren mussten.

Flexible 4-3-3-Staffelungen gegen lange Bälle und Flügelbesetzung

Was die Spurs gut machten, war die Flexibilität im Pressing. Durch breitere Positionierungen Sissokos und entweder seitliche Zurückfallbewegungen des Zehners oder tiefere Einbindungen des Linksaußen konnten sie gerade im hohen Zustellen in verschiedene 4-3-3-Anordnungen übergehen. Damit ließ sich zwar kein ganz hoher Druck erzeugen und einige einleitende Dribblings nicht verhindern, aber oftmals würde Liverpool ohnehin schnell nach vorne eröffnen. Dafür erlaubte diese Ausrichtung den Mannen von Pochettino recht gut, gleichzeitig auf Ausweichbewegungen der gegnerischen Achter flexibel zu reagieren und vergleichsweise kürzere Abstände zu deren Außenverteidigern zu halten.

Prinzipiell verband sich das noch mit verschiedenen Mannorientierungen, die aber asymmetrisch aufgeteilt werden konnten. Wenn dagegen mal – nach einem einleitenden Dribbling aus den tieferen Zonen als Vorbereitung – Henderson sich in der Schnittstelle neben Winks nach halbrechts absetzen konnte, hatte Liverpool recht gute Chancen, sich durch das zweite Drittel nach vorne zu lösen. Gerade über jene Seite mit Alexander-Arnold und Salah machten sie einige Bälle fest. Allerdings gestaltete sich die Situation meistens so, dass sich auch bei den Folge- und Unterstützungsaktionen die weiteren Akteure fast immer mit zur Seite freiliefen.

Durch ein Übermaß solcher Bewegungen drohte Liverpool sich selbst den Raum zu nehmen. Andererseits bedeutete das zumindest viel Präsenz um eine bestimmte Zone herum: Bälle an den Seiten zu verlieren, war zunächst einmal nicht so dramatisch, als anderswo. Nach losen Bällen und in der Anfangsphase auch sehr gezielt aus der Innenverteidigung heraus suchten sie oft den weiten Pass in die Tiefe hinter einen gegnerischen Außenverteidiger, jedoch meistens zu ambitioniert ausgeführt. Auf dem schmalen Grat, die nach der Führung konservativer orientierte strategische Ausrichtung nicht zu stark werden zu lassen in den eigenen Verhaltensmustern, tat sich Liverpool nicht so leicht.

Maßvolle Variationsmomente nicht zu Liverpools Nachteil

Aus Sicht von Tottenham entwickelte sich eine stärkere, vielversprechende Phase zu Beginn der zweiten Halbzeit. Es kam zu einer Veränderung in der offensiven Aufteilung, indem Alli sich mehr nach links bewegte und Son eher als zweiter, rechtsseitiger Stürmer agierte. Dadurch schien dort die gegnerische Viererkette tiefer gebunden und Anschlussbewegungen im Nachrücken eingedämmt werden zu sollen. Den entsprechenden seitlichen Zwischenraum hinter dem breiteren Achter füllte Tottenham flexibel, nicht nur einfach durch Sissokos Ausweichen, sondern auch mal mit weiträumigen Diagonalbewegungen Winks´. Das brachte in der Spieleinleitung und dem Ballvortrag einige Ansätze, wurde zumal nach den Auswechslungen aber nicht wirklich konsequent weiterverfolgt.

Auch Klopp nahm später einige Anpassungen vor. Strukturell gestalteten diese sich hauptsächlich in Form von kleineren Veränderungen in der positionellen Verteilung und von Umbesetzungen innerhalb der Grundordnung. Als die ersten Einwechslungen bereits stattgefunden hatten, wurde später beispielsweise ein 4-4-1-1 hergestellt, indem Milner auf den rechten Flügel ging und Salah zentral vorne bleiben durfte. Zudem nutzte Liverpool bei eigenem Ballbesitz in der zweiten Halbzeit – gegen Tottenhams nachlassende Kompaktheit im Rückzugsverhalten – zunehmend mehr individuelles Andribbeln aus unterschiedlichen Positionen zur Einleitung.

Dies alles waren letztlich Punkte auch zum zwischenzeitlichen Aufbrechen von Abläufen und damit nicht unwichtige Aspekte in der weiteren Entwicklung der Partie. Daneben hielt Liverpool trotz der vielen durchwachsenen Phasen zudem mindestens im Abwehrdrittel eine gute Grundstabilität auch in der Restverteidigung aufrecht, zumal sie schon im zweiten Drittel gelungene Bewegungsmuster hatten. Eigentlich hätten die „Reds“ sicher noch mehr Zugriff und Ballkontrolle angestrebt, aus der strategischen Konstellation hatte sich jedoch bald eine zu starke Eigendynamik entwickelt. Dagegen spielte Tottenham wie eine gute Mannschaft, aber auch nicht mehr, nicht wie ein Champions-League-Sieger. Vor diesem Hintergrund wurde es für Liverpool nicht entscheidend zum Problem, sich in eine lange (zu) konservativ-zurückhaltende Position begeben oder treiben lassen zu haben. In diesem Spiel war es zwar glanzlos und unspektakulär, aber der Titelgewinn für Klopps Liverpool ging in Ordnung.

Hannes 12. Juni 2019 um 10:19

Tja, nachdem die Halbfinals so grandios und spannend waren, war es schon fast klar, dass das Finale dem nicht gerecht werden konnte. Glückwunsch an Klopp. Mag ihn zwar nicht (ER HAT JEHOVA GESAGT!) aber diesen Titel gönn ich ihm. Nachdem es so oft nur zu Platz 2 gereicht hat, war der CL-Triumph wirklich überfällig.

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Pablo 6. Juni 2019 um 21:20

3 Wochen Pause, kaum Rhythmus und ein frühes Tor … Schade drum. Mich hätte aber schon interessiert ob Pool aus der Nummer noch heil raus gekommen wäre, wenn Tottenham ausgeglichen hätte … Die waren auch sehr nervös um krampfig.
Würde auch sagen dass sich weder Klopp noch Poch nen großen Gefallen getan haben mit Firminho und Kane, die waren ja quasi nicht da.

Übrigens seh ich den Beitrag nur auf m Telefon, nicht am Laptop.

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tobit 7. Juni 2019 um 20:42

Wenn Tottenham den Ausgleich pünktlich gemacht hätte, wäre es sehr interessant geworden. Ich glaube aber, dass sie es auch dann noch über die Zeit bekommen hätten.
Klopps Herangehensweise in seinen ersten beiden CL-Finals war sehr explizit auf eine frühe Führung ausgerichtet. Dafür wurde die erste halbe Stunde unfassbar hohe Intensität gefahren, was dann am Ende zu viele Körner und damit den Titel gekostet hat.
Die drei Wochen ohne Rhythmus und die gerade erst genesenen Stürmern hat man beiden wirklich klar angemerkt. Insbesondere in der Intensität der höheren Pressingphasen, wo beide ja eigentlich sehr gut sind.

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Atter 11. Juni 2019 um 11:12

Also meinem Empfinden nach hat Liverpool definitiv mit dem Feuer gespielt, grade auch wenn ich mir den xG Verlauf anschaue. Psychologisch war es irgendwie von außen betrachtet nicht Tottenhams Abend, sie hatten ja durchaus Chancen zu treffen, insbesondere in den letzten 20 Minuten. Moura schießt Allison zentral an, Origi haut dafür den Ball eiskalt aus einer gar nicht so einfachen Situation rein, da war schon etwas Matchglück dabei. @Koom Ich bin aber alles in allem auch happy, dass Klopp sich endlich belohnen konnte, grade nach der Niederlage gegen Real letztes Jahr.

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Koom 11. Juni 2019 um 09:43

Im generellen: Ich bin happy, dass Klopp seine verdiente Krönung erhalten hat. Das das Spiel mau war, kann passieren. Beide Vereine kennen sich zu gut, wissen um die jeweiligen Stärken – das war dann zu befürchten.

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August Bebel 5. Juni 2019 um 22:19

Danke für die Analyse! Das Spiel war für ein Finale in der Tat etwas enttäuschend.
Die Spurs haben für meine Begriffe im tiefen Spielaufbau zu mutlos agiert. Da wurden viele Bälle zu Loris zurückgespielt, der aber nicht unbedingt ein begnadeter Fußballer ist. Winks indes ist zentral auf der Sechs lange zu selten eingebunden worden. Ich hatte den Eindruck, dass Winks gerade ganz gut ins Spiel zu kommen begann, als er ausgewechselt wurde.

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osch@d 9. Juni 2019 um 19:12

Die Seite hat eine tagelange Zwischenspeicherzeit. Echt nervig für eine News-Seite. Man muss den Zwischenspeicher (Cache) des eigenen Browsers leeren oder aber den Browser zwingen neuzuladen (z.B. Shift+F5).

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