Ein eher unfokussierter Clásico

0:1

Sogar Barca spielt gelegentlich leicht willkürlich, verteidigt aber gut, Real dagegen mit dem Hang zum Unüberlegten.

Einbindungsfragen gegen den Ball bei Real

Gegen die Spielweise von Ernesto Valverdes Barcelona bedeutete der bei Real in zuletzt vielen Partien bevorzugte Defensivansatz mit hohen Achtern eine knifflige Angelegenheit. Die starke und eher defensiv eingestellte Mittelfeldpräsenz der Katalanen soll gerade den Gegner anlocken, um sich so die Möglichkeit für Nadelstiche aus dem Ballbesitz zurechtzulegen. Das wäre also keine ideale Ausgangsposition gewesen, um Kroos und Modric in der Ausgangsstaffelung in hohe Positionen zu schieben. Aber im Laufe der Ballzirkulation zogen sie sich dann teilweise zu weit gegen Busquets und Arthur nach vorne.

Eindeutig war die Lage bei der Mannschaft von Santiago Solari ohnehin nicht, sie wechselte innerhalb der Organisation viel. Gleichzeitig wollten die Madrilenen ihre nominellen Flügelstürmer nicht durchgehend mit der vollen Beteiligung im Rückwärtsgang belasten. Phasenweise hielten diese sich enger in den Halbräumen, sollten diese Bereiche verengen und konnten im weiteren Verlauf mal höher bleiben. Gerade Bale bewegte sich gegen den Ball phasenweise ungewöhnlich zentral. In den Anpassungsreaktionen auf die jeweiligen und mitunter ambitioniert ausgeführten Varianten verhielten sich die Gastgeber einige Male unkoordiniert.

Defensivbewegungen und zu wenig Unterstützung nach hinten

Wenn die Flügelstürmer gerade nicht mit zurückschoben, mussten die Achter viel mit auf den Seiten unterstützen. Anfangs ging noch Casemiro in tiefen Zonen schon sehr früh zur Außenbahn, um mit zu doppeln. Besonders auf der rechten Seite löste er dafür seine lose Orientierung gegen Messi auf. Später füllte er häufiger die letzte Linie als solche auf, da es dort zahlreiche Herausrückbewegungen abzusichern galt. Rechts übernahm Modric teilweise frühzeitig den Flügel und reihte sich sogar breit innerhalb der letzten Linie ein. Das führte dann dazu, dass Carvajal mehrmals länger ins Mittelfeld verteidigte, während auch Bale sich da im Umkreis der gegnerischen Sechser hielt.

Auf der Gegenseite wiederum presste Reguilón in den Flügelzonen nach vorne durch und übernahm häufiger die Aufgabe, den gegnerischen Außenverteidiger unter Druck zu setzen. So musste der ohnehin schon reichlich vorwärtsorientierte Ramos vergleichsweise viel Raum abdecken. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war Casemiro als Ergänzung der letzten Linie gefordert. Wenn dieser aber zuvor links breit geholfen hatte, entstanden gegen die Rückzirkulation nach rechts bei Real Löcher im ballfernen Halbraum. Beim Herausrücken dorthin ging zwar Ramos alleine mehrmals zu viel Risiko, allerdings fehlte ihm die lokale Unterstützung, da die umliegenden Kollegen in solchen Rückzugsbewegungen sich zu individuell in ihren Zuordnungen orientierten.

Barcas Potential

Eigentlich hatte Barca eine gute Grundstruktur und die entsprechenden Voraussetzungen, um jene Räume zu bespielen. In Folge der Anfangsphase band sich Messi insgesamt nochmals etwas zentraler ein und hatte viel Präsenz um die gegnerische Mittelfeldreihe. Während Dembélé links klarer die Breite hielt, wurde die Bewegung des Argentiniers vom wieder stärker zu seiner alten Rolle tendierenden Rakitic ausgeglichen. Dieser pendelte zwischen seiner rechten Achterposition und den diagonalen Vorwärtswegen in Richtung hoher rechter Flügel.

Mit der starken Raumorientierung von Busquets und Arthur samt der dadurch möglichen Bandbreite für schnelle Staffelungsanpassungen und der eher eingerückten, tieferen Grundposition Jordi Albas hatte Barca nicht nur eine gute Absicherung, sie konnten so auch das Leder gut im Mittelfeld laufen lassen. Gerade über die Mechanismen auf rechts erzeugten sie dann gelegentlich die nötige Ausgangsdynamik, damit sich ein gegnerischer Spieler aus einer hinteren Linie aggressiver nach vorne aufmachte. Wenn man diesen mit Timingvorteil überspielte, würde man dahinter in den Zwischenlinienraum gelangen und gute Angriffsaussichten haben.

Unfokussierte Züge in den Entscheidungen

Insgesamt hätte Barca hier noch viel mehr daraus machen können, wenn ihr Spiel weniger unfokussiert gewesen wäre. Kleinräumige, leicht nach rechts versetzte Ballstafetten auch um Busquets und Arthur waren nicht immer so abgestimmt mit den ausweichenden Bewegungen von Rakitic. Vor allem zeigte sich Barca sehr wechselhaft darin, wann Messi nun eingebunden wurde und wann nicht. Manchmal suchten ihn die Katalanen in unpassenden Momenten verstärkt oder er wurde selbst etwas zu präsent.

Manchmal wiederum nahm er sich – für potentiell gegnerbindende Effekte – zu seltsamen Zeitpunkten aus Situationen heraus, wenn er eigentlich in Ballnähe war und die Raumverhältnisse vielversprechend wirkten. Die Entscheidungsfindung und insbesondere der Gesamtzusammenhang, wann welche Spieler gerade lokal weniger beteiligt waren, gestalteten sich mitunter willkürlich. Passenderweise ging das entscheidende Tor aus einer eigentlich gar nicht so akuten Ausgangssituation sehr plötzlich und simpel hervor, als Reals mit riskanter Aufteilung im angespielten Halbraum keine Absicherung mehr hatte und auf den einfachen Spielzug nicht reagieren konnte.

Ansonsten tendierte Barcas Spiel viel nach links, wo Dembélé als klare Anspielstation dienen konnte und Jordi Alba fast nur nach Verlagerungen aufrückte statt hoch zu starten. Über Arthur und den im Anschluss zurückfallenden Suárez sammelten die Gäste dort viel Ballbesitz und Stabilität. Insgesamt ließen sie ihr Spiel aus dem rechten Aufbauhalbraum fast etwas zu schnell dorthin fließen. Etwas wechselhaft gestalteten sich wiederum die Entscheidungen, wann sie nach den Verlagerungen attackierende Folgeaktionen wählen sollten und wann sie diese Pässe zur Seite quasi nur zur Stabilisierung nutzen wollten.

Absicherung und Umschaltansätze

Die Führung bedeutete für Barca also eine günstige Situation mit ihrer Ballsicherheit und den situativen Zurückfallbewegungen ins Mittelfeld. Dadurch hatten sie viel Absicherung hinter dem Ball und kamen – wie schon in vielen Phasen der Ära Valverde – gut und intensiv ins Gegenpressing. Im Grunde genommen galt eine ähnliche Linie auch für Real: Bei Ballbesitz besetzten die Gastgeber die hinteren Bereiche des Mittelfelds präsent und sorgten so ebenfalls für eine verstärkte Absicherung.

Gleichzeitig fanden sich aber auf beiden Seiten doch die gewissen Instabilitäten in den verschiedenen Entscheidungsmustern. Das bezog sich nicht nur auf die Momente mit Ball, tendenziell war das auch im Aufrückverhalten – nicht strukturell, sondern in der Dynamik – und bei der Abwägung des Risikos innerhalb der Restverteidigung der Fall, wenn sich Umschaltsituationen anbahnten. Gegen die beidseitig nicht so schlechten Umschaltpositionierungen der Angriffsspieler – also Messi bei Barca, prinzipiell beide Flügel bei Real – ergaben sich so zumindest in erster Instanz einige Konteransätze und -einleitungen, aus denen letztlich Phasen von Hin und Her entstehen sollten.

Hohe Last auf links

Bei Real konzentrierte sich vieles auf die linke Seite und Vinícius Júnior. Der frühe Zuschnitt der Angriffsaktionen auf seine Dribblings und diesmal – wie es angewiesen schien – Flanken auf den zweiten Pfosten machte für Barca das Verschieben etwas klarer. In gewisser Weise bedeutete dieser Aspekt also mal einen zu klaren Fokus in der Partie. Anders gestaltete sich das aber schon bei den Rollen der weiteren Stürmer, vor allem bei Bale. Dessen Einbindung blieb weitgehend unklar, sein Bewegungsspiel eher undefiniert. Auch der präsentere Benzema hatte diesmal ein leicht unglückliches Timing, wann er seine Ausweichaktionen oder kürzere Rückstöße einbinden sollte.

Die tieferen Positionierungen des Mittelfelds im Rückraum nutzten die Gastgeber nicht so ausgiebig zur Rückzirkulation, da noch etwas direkter die Angriffsübergänge gesucht wurden. Neben potentiell lockenden Effekten kam dementsprechend vor allem die druckvolle Ballverteilung als Vorbereitung des Flügelspiels kürzer. Auf rechts hatte Carvajal zudem durch die unstetigen Bewegungen gerade von Balle eher instabile Bindungen und Unterstützung, einige Male ergänzte Modric dann aus der Dynamik heraus nach Verlagerungen im hohen äußeren Halbraum. Dessen gute Positionierungen zwischen den Linien verteidigte Barca mit der Zeit immer besser.

Mit dieser Gesamtsituation fand Real bei hohem Aufwand keine in letzter Instanz klaren Abschlusssituation, obwohl den Katalanen aus deren soliden Defensivstaffelungen besonders in der ersten Halbzeit etwas die Sauberkeit im Zugriffsübergang fehlte. Doch funktionierte bei Barca die Strafraumverteidigung gut und die Innenverteidiger klärten viele Hereingaben. Das machte es deutlich weniger problematisch, wenn sie über Phasen tiefer zurückgedrängt wurden.

Günstige Konstellation für Barcas rechte Defensivseite

Dass der starke und frühe Fokus Reals auf links die für Barca günstigere Seite betraf, zeigte sich besonders stark im letzten Abschnitt der Begegnung. Auf jenen Bereich hin konnten sich die Gäste günstig staffeln, passend zu ihrer eigenen Ausrichtung mit der leichten Asymmetrie und deren Rücksicht auf die personellen Charakteristika: Der rechte Außenspieler des defensiven 4-4-2 verteidige arbeitsamer und tiefer mit, Busquets als ballnaher Sechser schob sehr weit herüber, der ballferne Flügel konnte dann sogar etwas breiter und höher bleiben.

Generell passten die horizontalen und vertikalen Abstände in den beiden hinteren Linien insgesamt gut zusammen: Piqué schob schon etwas breiter zu den potentiellen Anschlussräumen durch und war dann ungefähr hinter der Schnittstelle zwischen dem außen unterstützenden Busquets und Arthur, dieser wiederum vor jener zwischen den zwei Innenverteidigern. Schließlich war es auch für Messi gut, dass „seine“ Lieblingszone vor dem Ballungshalbraum lag: Er musste weniger absichern, konnte sich punktuell mal einschalten und sonst in etwas höherer Position Rückpasswege stören und mal die eine oder andere Option geschickt zustellen.

Bei Real versuchte Solari mit Asensio und dann vor allem Isco die Offensive zu stärken. Letzterer pendelte sehr stark zum Ball, im tiefen Zentrum, aber auch auf der linken Seite. Vereinzelt entstanden daraus sehenswerte Überladungsansätze, aber häufiger wurden die Szenen durch Iscos etwas unspezifischen Drangs zum Ball lokal auch zu dicht. Gerade vor diesem Hintergrund sollte sich für Barca die Einwechslung Vidals noch mehr bezahlt machen. Den Chilenen nach rechts ins Mittelfeld zu stellen, war ohnehin ein guter Zug, da er viele Wege nach hinten machte und innerhalb der guten Grundaufteilung durch aggressiver vorgegebene Entscheidungen den gruppentaktische Zugriffsübergang schärfte.

Abschließende Einordnungen

Am Ende gelang es Barca so, den knappen Sieg über die Zeit zu bringen. Wichtig war, dass sie auch in der zweiten Halbzeit mit längeren Ballbesitzphasen im Mittelfeld jeweils für Entlastung hatten sorgen können. Nach der Einwechslung von Asensio für Bale verteidigte Real zwar meist „normaler“ und geschlossener, horizontal hatten die Gäste vor dem Mittelfeld aber Raum. Wenn Jordi Albas Aufrücken durch tiefes Zurückfallen beantwortet wurden, konnte Barca nunmehr noch etwas häufiger aus dem geöffneten linken Halbraum die Anschlüsse in den Zwischenlinienraum herstellen. In der Gesamtbetrachtung hatten sie auch nach der Pause nicht weniger Torchancen als die Madrilenen.

Dass zwischenzeitlich manche Abschnitte der Begegnung vergleichsweise unfokussiert daherkamen, soll nicht die unmittelbare Anfangsphase als wohl besten Teil der Partie unter den Tisch kehren. Jeweils vom gegnerischen Angriffspressing herausgefordert, konnten hier beide Teams ihre Qualitäten demonstrieren. Gerade mit Blick auf die Ambitionen in der Champions League dürfte das wichtig sein. Reals Mittelfeldtrio bewegte sich in diesen Szenen gegen das höhere Nachrücken der Barca-Sechser sehr gut, etwa in Form der bogenförmigen Rückstöße Modric´ in den linken Halbraum oder angrenzende kleine Lücken außerhalb der gegnerischen Sichtfelder.

Zudem bewegte sich der Mittelfeldstar auch in diesen Spielphasen sehr gut durch den Zwischenlinienraum. Anfangs kam er dort zur Geltung und spielte einige öffnende Pässe auf die Flügelstürmer ins Tempo. Ihn dort einzubinden wurde allerdings schon wesentlich schwieriger, als Arthur sich bei seinen höheren Herausrückbewegungen aus der Mittelfeldreihe eher leicht bogenförmig von außen nach bewegte. Schließlich nutzten die Gastgeber gegen höheres Pressing insgesamt Dribblings konsequent, Varane spielte direkte Vertikalbälle in passenden Momenten, wenn die Viererkette der Katalanen im Nachschieben die Stürmer stärker im 1gegen1 aufnehmen mussten.

Bei den Gästen gab es ebenfalls einige stärkere Elemente, wenn sie im tiefen Aufbauspiel zugestellt waren: Dazu gehörte etwa die situative und dann konsequente Nutzung von Arthur, der mit seinen Drehungen als unterstützender Pressingauslösung in die hintere Grundstaffelung zurückfiel. Versuchte sich Barca über ihn und Busquets herauszuspielen, bewegte sich Rakitic aufmerksam und anpassungsfähig durch den ballfernen Halbraum. Insgesamt begann der Clásico mit einer ansehnlichen und sauber gespielten Anfangsphase, ehe später die Konsequenz nachließ.

AG 5. März 2019 um 23:02

Nach der 1:4-Niederlage von Real Madrid zu Hause gegen Ajax (die damit ins Viertelfinale einziehen) scheint klar, dass das Team unter dem neuen Trainer immer noch nicht stabil ist. Absolut großartiges Spiel übrigens, wird es dazu was geben? 😉

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