Originell unter Gasperini

Atalanta ist eine ungewöhnliche Mannschaft und bisweilen eines der ungewöhnlichsten Teams im aktuellen europäischen Spitzenfußball.

Zu Gian Piero Gasperini wird man in Italien unterschiedliche Meinungen hören. Der 61-jährige Trainer ist dort eine umstrittene Figur im Fußballgeschäft, erlebte schon spektakuläre Erfolge und krisenhafte Kurzintermezzi. Nicht selten wurde beides begleitet von unorthodoxen Spielweisen. Seit nunmehr zweieinhalb Jahren arbeitet der Coach bei Atalanta, hat mit dem Klub aus dem Norden des Landes einmal schon überraschend die Europa League erreicht.

In der aktuellen Spielzeit sorgt die taktische Ausrichtung seiner Mannschaft für ein ungewöhnliches Bild. Das beginnt damit, wie diese sich bei eigenem Ballbesitz organisiert. Aus der bevorzugten 3-4-2-1/3-4-1-2-Mischformation sammelt sich bei Atalanta vor allem in den peripheren Zonen die numerische Präsenz. Die Spieler neigen oftmals dazu, sich die Bälle außerhalb der gegnerischen Formation abzuholen. In der Grundausrichtung nehmen die Sechser zunächst etwas breitere Positionen in den äußeren Halbräumen ein und bleiben vor der gegnerischen Mittelfeldreihe. Eine solch tiefe Einbindung sorgt schon einmal für starke zusätzliche Absicherung gegen Konter.

Die beiden Offensivakteure hinter dem Mittelstürmer neigen stark zu frühzeitigem Ballfordern und holen sich das Leder häufig außerhalb der gegnerischen Formation ab. Das machen sie aus der Rollenverteilung heraus unterschiedlich, Ilicic eher aus der Dynamik und beispielsweise im Zuge von Neuaufnahmen der Zirkulation, Alejandro Gómez schon zu Beginn des Aufbau als Fixpunkt. Der Kapitän lässt sich wesentlich häufiger und tiefer für Ballkontakte ins zweite Drittel zurückfallen. Je nach Spiel und jeweiligem Gegner kann sich das auf verschiedene Weisen darstellen, mit zwei möglichen Grundmustern.

Aufbau über Gómez: Zentrales Zurückfallen

Entweder begibt sich der Kapitän in zentrale Position, mittig zwischen oder sogar knapp hinter den Sechsern, die sich entsprechend noch etwas weiter in die Breite schieben. Sie füllen nicht die vorderen Bereiche auf, wo Atalanta daher nur wenig Angriffspräsenz hat. Von Gómez aus muss letztlich oft der Ball in die Breite verteilt werden. Bei dessen zentralen Positionierungen bleibt Ilicic häufiger in seinem rechten offensiven Halbraum als in der anderen Konstellation.

Durch das Andribbeln von Gómez und die breitere, dorthin diagonal ausgerichtete Positionierung der Sechser gelingt es aus der Zirkulation gelegentlich, den Offensivakteur in jener Zone einzubinden. Da sich Ilicic dort in Unterzahl befindet, kann er das Leder aber nur kurz halten und muss es dann schnell wieder nach außen zurück spielen. Zumindest lässt sich so potentiell etwas Raum für den Flügelverteidiger generieren, um weiter aufzurücken.

Erhält dieser aus der Zirkulation von de Roon oder Gómez das Leder, läuft sich Ilicic teilweise aber auch vor ihn nach außen frei und erwartet das Zuspiel entlang der Linie. Kann er den Ball behaupten und gegen die Rückzugsbewegung wieder an die nachrückenden Kollegen anbinden, ermöglicht das sporadisch eine günstige Dynamik für ein offensives, Gegner lockendes Vorwärtsdribbling durch einen Spieler, mit dem sich wiederum Raum öffnen lässt.

Gómez ist zentral zurückgefallen, de Roon spielt auf Hateboer, der im Deckungsschatten versperrte Ilicic läuft sich nach außen frei und erhält den Ball

Umschlagpunkt de Roon: Ilicic hält den Ball und kann zurückdribbeln, spielt auf de Roon, der den aufrückenden Gómez ins Vorwärtsdribbling schräg zwischen Lucas Paquetá und Bakayoko schickt

Umschlagpunkt de Roon: Wieder geht das Dribbling nach außen, wird dann abgebrochen und in den Rückwärtsgang weitergeführt. Die Läufe der gerade nicht beteiligten Spieler sorgen für Bewegung, diesmal ist Bakayoko durch das Dribbling zusätzlich mit nach außen gezogen. Als Umschlagpunkt kann de Roon den von außen erhaltenen Ball schnell wieder verteilen. Zwischen den verschiedenen Bewegungen nutzt Ilicic die Möglichkeit zur Neupositionierung im geöffneten bzw. vergrößerten Zwischenraum.

Bei solchen einzelnen Bewegungen nach außen reagieren die Akteure aus der suboptimalen Grundordnung heraus recht häufig mit guten Anschlussläufen, schaffen damit hohe gruppentaktische Dynamik und sorgen so für Zwischenraumpräsenz zumindest über deren situative Neubesetzung. Gerade Hateboer bewegt sich hier geschickt. Möglichkeiten, nach etwaigen Rückpässen diese Bereiche aus einer dann höheren Ballverteilung anzuspielen, werden auch recht konsequent genutzt. Über die seitlich absichernden Positionen der Sechser lassen sich zudem eventuelle Abpraller gut auffangen.

Aufbau über Gómez: Herauskippen nach links

Alternativ kippt Gómez nach halblinks und fordert dort die Bälle außerhalb der Formation. Dafür positioniert er sich diagonal in der Linie zwischen dem Sechser und dem aufgerückten Flügelverteidiger oder sogar noch etwas breiter, um dann langsam anzudribbeln. Damit steht Atalanta mit sehr vielen Spielern nur um den Block herum, es gibt also kaum Anbindungen in diesen hinein und direkt in Richtung Tor. Dementsprechend muss Gómez viele Aktionen aus dieser Position letztlich abbrechen und zurückspielen.

Gerade in dieser Konstellation kommt es oft vor, dass sich Ilicic während der folgenden Verlagerungen zur anderen Seite bereits nach außen begeben hat und dort auf den Ball wartet. Wenn er das Leder fordert, findet das zwar in etwas höheren Zonen statt als durch Gómez, jedoch muss auch er sich aufgrund der geringen Unterstützung um seine offensive Grundposition dafür seitlich freilaufen, um nicht sofort isoliert werden zu können.

Er versucht ebenfalls den Ball zunächst etwas nach vorne zu schleppen und diagonal auf den Block hin zu dribbeln, während der Flügelverteidiger in seinem Rücken weiter aufrückt. Die übrigen Kollegen schieben dagegen kaum nach, um die Anschlusszonen zum Tor zu besetzen, und halten ihre Position. Im Endeffekt entsteht damit eine sehr ähnliche strukturelle Anordnung in U-Form wie auf der anderen Seite, die den Mittelstürmer mitunter in frappierender Unterzahl lässt. Man muss erst einmal eine Mannschaft finden, die das so extrem spielt, wie Atalanta.

Tiefes Herauskippen von Gómez nach links und wenig Präsenz innerhalb des gegnerischen Blocks, beispielhaft aus dem Pokal-Halbfinale bei der Fiorentina unter der Woche

Bolognas ungewöhnliche Reaktion auf Atalanta

Eine ihrer schärfsten Ausprägungen fanden jene Phänomene beispielhaft in einem Spiel im letzten Teil der Hinrunde bei Bologna, als sich daraus auch noch besonders kuriose Folgewirkungen entwickeln sollten. Wiederum holten sich Ilicic und vor allem der nach halblinks gehende Gómez tief und seitlich die Bälle ab, wiederum konzentrierten sich die Sechser auf die positionelle Ordnung in der Tiefe und die Ballverteilung. Da Atalanta also fast jegliches Personal innerhalb der gegnerischen Defensivanordnung hatte, konnte sich Bologna im 5-3-2 zurückziehen.

Im Spiel gegen Bologna: Offensivformation Atalanta, Defensivformation Bologna

Es blieb aber nicht dabei, dass Atalantas Spiel in dieser Begegnung einfach besonders unorthodox daherkam, fast auf die Spitze getrieben. Hinzu kam noch, gerade auf der Seite von Ilicic, eine überraschende und eher ungewöhnliche Reaktion Bolognas. Die Gastgeber hatten eigentlich eine solide Defensivstaffelung und auch einige gute Bewegungen im Mittelfeld. Statt jedoch die andribbelnden Offensivakteure Atalantas daraus mit dem mannschaftlichen Block zuzuschieben, versuchten sie diese häufig vielmehr über ein weites Herausrücken des ballnahen Halbverteidigers unter Druck zu setzen.

Das war eigentlich etwas umständlich und bedeutete recht lange Wege aus der Position heraus. Häufig standen die Halb- dann höher als die Flügelverteidiger und der Sechser, zudem fast auch breiter als Erstere. Der tiefe zentrale Mittelfeldmann musste sich dementsprechend etwas zurückziehen und füllte immer mal die letzte Linie für den ballnahen Abwehrspieler auf. In der Folge hatte Bologna daher recht flache Staffelungen zwischen Defensivlinie und Sechsern. Diese Ausgangslagen sorgten schließlich dafür, dass Atalanta trotz der äußerst geringen Offensivpräsenz doch noch gefährlich werden konnte – primär über Querpässe durch jene Räume hindurch, die Bologna offen ließ.

Wenn etwa der Mittelstürmer – in dieser Begegnung zunächst der junge Barrow – zunächst diagonal in den ballnahen Teil des Sechzehners kreuzte und sich dann wieder zurück an die Strafraumkante bewegte, konnte er einige Zuspiele vom seitlich ballführenden Offensivmann erhalten und durch schnelle individuelle Drehungen gefährlich werden. Vereinzelt ging sogar mal der eine oder andere Querpass – bewusst oder unbewusst – länger bis in den anderen Halbraum durch, wo eventuell Ilicic, Gómez oder gar der ballferne Flügelverteidiger verspätet noch einrückte, wenn der entsprechende Spieler sah, dass das Leder unbehelligt dort entlang rollte.

Offensives Nachstoßen der Halbverteidiger

Nachdem Atalanta ganz früh in Rückstand geraten war, sollten es aber andere Szenen werden, mit denen sie in der zweiten Halbzeit die Partie sogar drehen würden. Eine entscheidende Rolle dafür spielte ein generell typisches Variationsmittel, das die Mannschaft häufiger mal nutzt, das aber selten so konsequent forciert wurde und – mit etwas Glück – so wirksam zur Geltung kam wie in jener Begegnung: Schon ab Ende des ersten Durchgangs begannen im Team von Gasperini die Halbverteidiger sehr weit aufzurücken.

Sie stießen regelmäßig bis zum Strafraum vor. Diese Vorwärtsbewegungen drückten sich weniger durch offensives Andribbeln aus dem Aufbau heraus aus, sondern vielmehr durch Nachstöße aus der Tiefe, wenn sich die Mannschaft bereits mühsam ins letzte Drittel gearbeitet hatte. Teilweise versuchten sie in den äußeren Halbräumen zu unterstützen, zunehmend zogen sie weiter in die Spitze. Während die Sechser in ihren typischen Positionen die Absicherung hielten, attackierten die Halbverteidiger mitunter auch gleichzeitig den Sechzehner. Dadurch erhöhte sich die ansonsten gefährdete Offensivpräsenz Atalantas erheblich.

Dass diese gerade so stark aus der tiefen Dynamik heraus unorthodox hergestellt wurde, machte für Bolognas Strafraumverteidigung die Orientierung schwieriger. Währenddessen profitierte Atalanta davon, auch sonst immer mal plötzliche Vorwärtsläufe des ballnahen Halbverteidigers durch den Halbraum für die Herstellung neuer Optionen zu nutzen. Personell sind sie dafür recht gut besetzt, Palomino zeigt sich gut am Ball, Rafael Tolói ist ohnehin ein sehr offensiv eingestellter Verteidiger mit natürlichen Verhaltensmustern in den vorderen Zonen.

Bei einem Angriff über Hateboer und Ilicic füllte Letztgenannter gegen Bologna in der Szene vor dem 1:1 die Verbindung im Halbraum, wohin die Gastgeber mit der restlichen Abwehrkette nicht sauber nachgeschoben waren. Im Anschluss an den Querpass konnte sich so ein kohärenter Angriff in den Strafraum hinein entwickeln. Auch für Flanken aus zugestellten Flügelsituationen und eher flachen Staffelungen wirkte sich die zusätzliche Präsenz aus.

Ausgangssituation vor dem 1:1 mit dem Nachrücken der beiden Halbverteidiger

Dies war auch ein typisches Beispiel für die strategische Klarheit, mit der Gasperinis Mannschaft in solchen Szenarien die Besetzung der Offensivbereiche bei Bedarf entsprechend konsequent zu erhöhen bereit ist – und sei es durch mehr Nachrücken auch der Sechser und Flügelläufer im letzten Drittel. Mit etwas Glück bei Abprallern in den entscheidenden Strafraumszenen gelang in diesem Fall sogar noch der Auswärtssieg. Letztlich entschied Atalanta also ein Spiel für sich, in welchem sie lange Zeit ungefährlich wirkten und Bologna mit dem frühen 1:0 im Rücken eigentlich die besten Voraussetzungen gehabt hatte gegen einen von schwacher Präsenzverteilung blockierten Gegner.

Einbindungsvarianten der Abwehrspieler

Nur wenn Gómez mal nicht in der Startformation steht, verändert sich einiges im Bild. Seine Vertreter sind bei weitem nicht so präsent wie der Kapitän als zentrale Figur. Insgesamt formiert sich die Offensivabteilung in dieser Konstellation höher, recht sauber in den jeweiligen Grundräumen und eher als eine aufgefächerte Angriffslinie. Punktuell lässt sich daraus mal ein Spieler explosiv tiefer fallen. In typischer Manier verläuft die Zirkulation vor allem über den hinteren Rahmen der Formation insbesondere in der Mittelfeldlinie.

Neben den Sechsern sind es dann vor allem die Flügelverteidiger, über die Atalanta versucht, durch Auftaktaktionen für Anspielmöglichkeiten in die vorderen Halbräume zu sorgen. Müssen die Akteure auf den Außenbahnen das abbrechen, schalten sich in diesen Konstellationen die Halbverteidiger noch aktiver und früher ein: Bei Rückpässen vom Flügelverteidiger startet der ballnahe Defensivmann in die horizontale Zwischenlücke vom ballnah nach außen verschobenen Sechser zu dessen Partner und füllt diese mit einem schnellen Vorstoß auf.

Szene aus dem letzten Ligaspiel bei Torino, als Gómez nicht mit von der Partie war: Verlagerung auf Hateboer, Ilicic versucht sich kleinräumig neu anzubieten, jedoch ohne Erfolg. Hateboer muss zurückspielen, gegen die typische Positionierung des ballnahen Sechsers schiebt sich der gegnerische Mittelfeldspieler im Vorhinein etwas weiter nach vorne. In den Anschlusszonen vom Flügel nach innen ergibt sich dadurch eigentlich noch etwas mehr Raum. Genau in dieser Situation rückt Mancini sehr explosiv in die Lücke zwischen den beiden Sechsern bzw. sogar über deren Linie hinaus nach und besetzt die entsprechenden Zonen. Es gelingt Atalanta aber nicht, dass er dort angespielt werden kann. Zumal Freuler einen Moment zu lange zögert, muss er sich gegen zwei nachrückende Gegenspieler aus der Ballannahme heraus endgültig nach außen wegdrehen.

Gerade der jedoch auch etwas ungelenke Mancini zeigt dort viel Potential in der Positionsfindung innerhalb der gegnerischen Strukturen, so dass er das Leder teilweise auch noch direkter nach vorne mitnehmen kann anstatt den sich anbietenden Offensivakteur über den Vertikalpass zu suchen. Diese Zuspiele fokussiert Masiello mit seinem ausgeprägten Umblickverhalten und seinem harmonischen Timing, teilweise fast etwas zu ambitioniert. Trotz der sauberen Vorbereitung und den speziellen Einbindungsmustern zeigt sich aber auch hier die Unterstützung in den vorderen Bereichen für Anschlussaktionen als Knackpunkt.

Als hilfreich können sich die Vorstöße der Halbverteidiger prinzipiell noch bei frühem gegnerischem Pressing erweisen. Gelegentlich lassen sich durch deren Bewegungen mal Gegner weg blocken oder anderweitig Räume öffnen, zumindest mit etwas besseren Aussichten als im Normalfall. Ansonsten greift Atalanta mit stärkerem Druck durch hohes Zustellen recht konsequent zu langen Bällen auf Duván Zapata als Zielspieler zurück, der diese durch geschickten Einsatz seiner kantigen Art individuell ganz gut festmacht. Gerade gegen etwaige Mannorientierungen können ihm Ilicic oder Gómez mit Zurückfallbewegungen auch noch mal etwas Raum öffnen und Defensivspieler herausziehen.

Forsches Pressing, gutes Umschalten

Prinzipiell kennzeichnet Atalantas Ausrichtung gegen den Ball eine forsche Vorgehensweise. Neben der Nutzung von Angriffspressingphasen betätigt sich Gasperinis Mannschaft insgesamt recht häufig im höheren Mittelfeldpressing. Je nach gegnerischer Ausrichtung und weiteren Variablen formieren sich die Mannen aus Bergamo gegen den Ball wahlweise in einer 2-1- oder einer 1-2-Staffelung vorne, dann mit Gómez als Zehner hinter den beiden anderen Akteuren.

In diesem Fall kommt es häufiger vor, dass er aus dieser Position aus dem Rücken des nominellen Mittelstürmers zum Ball seitlich durch schiebt, wenn der Gegner in den Bereich hinter dem höheren Angreifer gespielt hat. Gewissermaßen würde die Defensivordnung so wieder zum 5-2-2-1. Diese Umformung bietet einige interessante Dynamikmöglichkeiten, um diagonal in geöffnete Räume hinein zu schieben und Deckungsschatten der Mitspieler „auf Kante“ abzusichern.

Auf den Außenbahnen rücken die Flügelverteidiger im Pressing insgesamt sehr forsch heraus und machen viel Druck. Potentiell haben die Sechser als unmittelbare ballnahe Ergänzung eine gute Positionsfindung in den Anschlusszonen, diese wird allerdings verzerrt durch die weiträumige Ausführung von Mannorientierungen. Im gruppentaktischen Bereich scheint es prinzipiell eingeplant, lokal auch mal mit drei oder vier Spielern überraschend die Zugriffsfindung zu wagen, ohne dass man gesamtmannschaftlich so sauber dafür aufgestellt ist.

Durch leicht überambitionierte und unvorsichtige Entscheidungen im Herausrücken wird Atalanta im zweiten Drittel immer mal überspielt und provoziert dadurch phasenweise sehr vertikale, temporeiche Charakteristika in den Partien. Körperlich scheinen sie gut aufgestellt und mit ihrer insgesamt konsequenten Rückzugsbewegung kommen sie häufig zunächst einmal noch in stabile Positionen zurück.

Überhaupt gehört das Umschaltverhalten in seiner Gesamtheit zu den Stärken der Mannschaft. Es trägt entscheidend dazu bei, dass die Blau-Schwarzen trotz der teilweise enorm geringen Offensivpräsenz in dieser Saison nach einem schwächeren Start längst wieder mitten im Rennen um die Europa-League-Plätze sind. So sind sie also auch recht konterstark. Auf der gruppentaktischen Ebene gestaltet sich das Nachrücken der Akteure sehr gleichförmig und damit harmonisch. Zudem scheint die Raum- und Risikoeinschätzung des Einzelnen sehr schnell zu funktionieren und verschafft einen Vorteil gerade „auf den ersten Metern“ des Umschaltens.

Potentielle Zwischenlücken in der Flügelverteidigung

Etwas ungewöhnlicher ist wiederum die Konstellation, die sich nach einer erfolgten defensiven Rückzugsbewegung nach hinten ergibt, insbesondere in ihrer Einordnung in das Gesamtbild: Anfällig erscheint Atalanta eher in der tieferen Verteidigung, wo man zum Strafraum hin eigentlich weniger Raum abzudecken hat. Diese Gegebenheiten hängen mit den Verhaltensweisen und Orientierungsmustern der unterschiedlichen Spielergruppen zusammen, die in ihren Wechselwirkungen unorthodoxe Effekte nach sich ziehen.

Deutlich werden kann das mitunter vor allem in der tiefen Flügelverteidigung im eigenen hinteren Drittel: Hinter den Flügelläufern schiebt der ballnahe Halbverteidiger sehr weit mit auf die Seite nach, unterstützt dort seinen Nebenmann und oft auch den Sechser. Gerade gegen klassische 4-2-3-1- oder 4-1-4-1-hafte Formationen sind im Zuge der Mannorientierungen dem zentralen Abwehrspieler aber entsprechende Deckungsaufgaben zugeordnet. Dieser hält sich also erst recht zentral und geht im Verschieben kaum mit.

Gleichzeitig können sich auch im Mittelfeldbereich die Mannorientierungen bemerkbar machen: Grundsätzlich halten sich die Sechser jeweils an ihre Gegenspieler, in manche Richtungen klarer verfolgend, in andere schnell davon abrückend. Wenn im Extremfall der Gegner von diesen Positionen ausweichende und seitlich nachstoßende Bewegungsmuster hat, findet sich der defensive Mittelfeldmann schon mal ballfern knapp vor der letzten Linie wieder. In diesem Fall kann die Formation Atalantas tatsächlich horizontal zweigeteilt werden, mit enormen Anschlusslücken im Halbraum zwischen den ballnahen und den mittigen Akteuren. Diagonale Rochaden dort hinein sind dann sehr gefährlich, wie bei der Niederlage gegen Milan zuletzt deutlich wurde.

Palomino ist weit nach außen durchgeschoben, die restliche Abwehr bleibt zentral, de Roon fällt gegen den sich absetzenden Lucas Paquetá zurück. Am Ball hat Atalanta zwar erst einmal eine Überzahl und eine ganz gute Chance, den gegnerischen Rechtsverteidiger abzudrängen, aber im Idealfall sollte man solche Zwischenlücken trotzdem nicht lassen. Kessie startet aus der Tiefe in den entsprechenden Bereich.

Nicht zuletzt das führt dazu, dass Atalanta eher für torreiche Spiele mit gelegentlichem Spektakel sorgt – und das trotz oftmals zu geringer Offensivpräsenz innerhalb der gegnerischen Formation, zahlenmäßiger Absicherung und längeren Zirkulationsphasen mit viel Ballbesitz ruhig im mittleren Drittel.

pad_mz 3. März 2019 um 16:24

Vielen Dank für diesen Artikel.

Habe Atalanta im Pokalspiel unter der Woche gegen Florenz gesehen (3-3) und dabei auch die Herangehensweise von Bologna gegen Ilicic und Gomez wiedererkannt. Dachte, dass das tiefe Zurückfallen der beiden (besonders vor dem 1:0 von Ilicic) nur eine Konsequenz aus der Mannorientierung der Halbverteidiger und nicht eine Mischung aus selbigem, sowie der allgemeinen Herangehensweise Atalantas war.

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AG 1. März 2019 um 10:19

Danke für den tollen Artikel mit einigen interessanten Anregungen. Dank FM eins meiner Lieblingsteams 😉 Ich denke, an der Stelle, wo SZENE steht, fehlt noch eine Abbildung.

Übrigens: im Moment steht Atalanta nach 25 Spieltagen auf dem 8. Platz (11-5-9) mit 38 Punkten, Punktgleich mit dem 6. (Lazio; Torino) und sieben Punkte hinter dem 4. (Milan). Juventus hat quasi schon die Meisterschaft mit 13 Punkten Vorsprung.

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