Mühsamer Last-Minute-Sieg für Dortmund

Durch einen Treffer in der Nachspielzeit von Neuzugang Batshuayi holt Borussia Dortmund einen knappen Sieg gegen Atalanta. Die Italiener präsentierten sich als sehr unangenehmer Gegner in einem Spiel, das geprägt war vom druckvollen Pressing beider Teams und den Umschaltmomenten, welche der BVB besser für sich nutzen konnte.

Peter Stöger blieb bei seiner üblichen 4-2-3-1-Formation, nahm gegenüber dem 2:0-Sieg über den Hamburger SV jedoch zwei Veränderungen vor: Gonzalo Castro kam statt Shinji Kagawa ins defensive Mittelfeld, Sokratis rückte an Stelle von Manuel Akanji in die Innenverteidigung. Atalanta-Trainer Gian Piero Gasperini setzte nicht auf die gewohnte 3-4-3-Stammformation, sondern entschied sich dazu, ein 3-4-1-2 ohne Mittelstürmer zu spielen. Die Sturmreihe wurde mit Alejandro Gomez, Star der Mannschaft und argentinischer Nationalteamspieler, und Josip Ilicic von zwei Flügelspielern gebildet, das Sturmzentrum prinzipiell frei gelassen. Ansonsten bestand das Team aus Bergamo aus einer Reihe von international (noch) unbekannten Spielern, wobei sich etwa Leonardo Spinazzola und Bryan Cristante aufgrund ihrer Leistungen bei Atalanta auch schon ins italienische Nationalteam spielen konnten.

Lange Bälle und Manndeckungen

Die Anfangsphase des Spiels war geprägt vom stark mannorientierten hohen Zustellen der Gäste aus Italien. Gasperini setzt wie gewohnt auf Manndeckungen über fast den gesamten Platz und stellte sein Team sehr aggressiv ein. Ziel war es, den BVB gar nicht erst zu längeren, kontrollierten Ballbesitzphasen kommen zu lassen, was auch gut gelang. War Bürki am Ball, so wurden die beiden Außenverteidiger freigelassen. Die restlichen Dortmunder hatten stets einen direkten Gegenspieler an ihnen kleben.

Die Defensivformation von Atalanta war ein 5-2-1-2, durch die Mannorientierungen kam es aber zu einigen Veränderungen, da Gegenspieler auch oft weit weg von ihrer Ausgangsposition noch verfolgt wurden. Im 5-2-1-2 orientierten sich Ilicic und Gomez an den beiden Innenverteidigern, Cristante folgte Weigl überall hin. Freuler übernahm Castro, etwas dahinter blieb Atalantas zweiter Sechser De Roon entweder auf Reus oder im freien Raum halbrechts im Mittelfeld. Im zweiten Fall rückte ein Innenverteidiger auf Dortmunds Zehner hervor.

Pressingszene von Atalanta bei Ballbesitz von Bürki.

Als freie Spieler blieben dadurch die Außenverteidiger Toljan und Piszczek über. Doch auch wie diese Spieler gepresst werden sollen, hatte Gasperini eingeplant. Auf links befand sich Spinazzola stets auf dem Sprung nach vorne, um Piszczek anzulaufen, sobald dieser an den Ball kommt. Auf rechts war es weniger Flügelverteidiger Hateboer sondern vermehrt De Roon, welcher aus dem Zentrum heraus diagonal auf Toljan presste. Zudem betrieben Ilicic und Gomez einen sehr hohen Aufwand. Zu zweit pressten sie die Viererabwehr des BVB und konnten dabei in der ersten Halbzeit die Außenverteidiger im Rückwärtspressing ausreichend unter Druck bringen. Bürki verzichtete allerdings ohnehin konsequent auf Zuspiele auf die Außenverteidiger. Stattdessen spielte er sehr viele lange Bälle in die Spitze, welche Großteils beim kopfballstarken Gegner landeten.

Die Dortmunder konnten das Spiel über den eigenen Ballbesitz kaum kontrollieren. Etwas ruhigere Ballbesitzphasen gab es nur sehr kurz, wenn die Mannschaft von Peter Stöger zweite Bälle sichern konnte, sich Atalanta erst neu sortieren musste und die Verteidiger dadurch nicht unter Druck gesetzt wurden. Doch auch dann gelang spielerisch wenig. Die Dortmunder konnten sich kaum aus den engen Manndeckungen befreien, etwas mehr Fluidität hätte dem Ballbesitzspiel gut getan. Es ergaben sich zwar immer wieder kurze Situationen, in denen Spieler im Zentrum zwar nicht direkt anspielbar, aber dennoch frei waren und ausreichend Raum zur Verfügung hatten. Der BVB schaffte es jedoch nicht, dies durch Spiel über den Dritten auszunutzen, das Ballbesitzspiel voranzutreiben und so durch Herausrücken von Verteidigern andere Mitspieler frei zu spielen und so letztlich die mannorientierte Defensivstruktur aufzubrechen.

Stürmerloses Atalanta

Die starken Mannorientierungen im Pressing hatten für Atalanta Nachteile im Umschalten. Einerseits ging Borussia Dortmund im Ballbesitz nur wenig Risiko. Auf die hohen Bälle folgte ein kurzer Kampf um den zweiten Ball, saubere Balleroberungen blieben durch das Zustellen der Passoptionen hingegen aus. Andererseits bedeuten die Mannorientierungen nicht nur, dass im Pressing stets nahezu jeder Spieler einen Gegenspieler in der Nähe hat, sondern dass dies auch im Umschalten der Fall ist, wo dies allerdings ein negativer Faktor ist. Beachtenswert war im Umschaltspiel, wie oft sich Innenverteidiger einschalteten und Richtung Strafraum gingen. Dies war dem häufigen mannorientierten Rausrücken ins Mittelfeld geschuldet, wo dann immer wieder auch Pässe erfolgreich antizipiert und Gegenangriffe gestartet werden konnten.

In den Umschaltsituationen wurden die Bälle schnell auf Ilicic oder Gomez gebracht. Diese technisch starken Spieler sollten den Ball auf Außen sichern und halten, bis andere Spieler nachrückten. Mittelstürmer gab es ja schließlich keinen, was sowohl Vor- als auch Nachteile hatte. Die Bälle kamen im Konter sehr schnell nach Außen, wo sich durch die Outlinie beschränkt weniger Möglichkeiten für die Spielfortsetzung als im Zentrum ergeben. In den Kontersituationen war die mangelnde Anbindung ins Zentrum oft problematisch und führte zu einer Verlangsamung des Spiels oder zu Ballverlusten. Doch das Fehlen des Mittelstürmers brachte auch unangenehme Situationen für die Defensive der Borussia. Denn Cristante sollte die zunächst unbesetzte Mittelstürmerposition auffüllen und kam immer wieder mit Läufen aus der Tiefe. Sokratis und Toprak hatte in der Ausgangssituationen keinen zentralen Stürmer zur Orientierung, was in Verbindung mit der breiten Spielanlage von Atalanta zu Löchern im Abwehrzentrum führte. Diese steuerte Cristante an, hatte dabei meistens Weigl knapp hinter sich, der auf die Tiefenläufe nur reagieren konnte und dabei beispielsweise beim Gegentreffer zum 1:2 das Nachsehen hatte.

Die Entstehung des zweiten Treffers von Atalanta: Piszczek ist im Pressing auf Gomez herausgerückt, Atalanta kann sich aber mit einem hohen Ball auf den aufgerückten Spinazzola befreien. Sokratis schiebt raus, Cristante visiert die Lücke zwischen den Innenverteidigern an. Ilicic verwertet daraufhin den Abpraller von Cristantes Abschluss.

Defensiv präsentierte sich Dortmund ansonsten recht stark und ließ nur wenig zu. Im 4-4-2 wurde recht hoch gepresst und so tat sich auch Atalanta schwer dabei, eine stabile Ballzirkulation zu erreichen und hatte auch weitaus weniger Spielverlagerungen als üblich. Batshuayi und Reus leiteten Atalanta auf eine Seite, wo drei Mittelfeldspieler sehr kompakt Druck ausübten. Der vierte Mittelfeldspieler blieb etwas weiter ballfern und schob nur wenig mit, um auf Verlagerungen auf die andere Seite schnell reagieren zu können. Das Zentrum hingegen wurde etwas vernachlässig, Atalanta nutze dies aber auch es eher wenig und spielt vor allem sehr viel in die Breite. Freuler und De Roon sind primär wegen ihrer Stärke bei gegnerischem Ballbesitz gesetzt. Im Ballbesitz haben sie jedoch Schwächen und zeigte sich in diesem Spiel nicht ausreichend pressingresistent, wenn sie den Ball zwischen den Linien erhielten. Der BVB presste in der ersten Halbzeit recht druckvoll und zeigte sich zweikampfstark, auffallend waren etwa die vielen Tacklings des aggressiv spielenden Weigl.

So kam Dortmund zu vielen Balleroberungen und gefährlichen Umschaltsituationen. Die Ballverluste im Zentrum waren für Atalanta aufgrund der breiten Ballbesitzstruktur schwierig gegenzupressen. Dortmund versuchte speziell den Raum hinter den Flügelverteidigern zu nutzen, die verbliebene Dreierabwehr konnte nur verzögern und sich zurückfallen lassen. Die ersten beiden Tore der Dortmunder entstanden aus solchen Umschaltsituationen.

Spielverlauf und zweite Halbzeit

Nach dem Batshuayi im Rückwärtspressing mitten in der eigenen Spielhälfte den Ball erobert hatte, ging Dortmund durch Schürrle mit 1:0 in Führung. Die erste Halbzeit war jedoch zerfahren und beide Seiten konnten das Spiel kaum kontrollieren. Dortmund startet die zweite Halbzeit etwas passiver und presste im 4-4-2 nicht mehr so hoch und druckvoll wie zuvor. Atalanta versuchte sich über ihre Flügelrauten nach vorne zu kombinieren und schaffte nach einer Flanke auf Ilicic den Ausgleichstreffer. Nur wenige Minuten später konnte Ilicic dann sogar den 1:2-Führungstreffer erzielen.

Pressingszene aus der Schlussphase: Atalanta im 5-4-1, Hateboer geht mit Schürrle mit ins Zentrum, Isak besetzt dafür den Flügel.

Atalanta konnte das hohe Tempo aus der ersten Halbzeit nicht mehr ganz aufrecht halten und zog sich mit Fortdauer des Spiels dann immer mehr zurück. Dortmund gelang in einer Umschaltsituation durch Batshuayi rasch der Ausgleich. Gasperini zeigte sich mit dem 2:2-Unentschieden zufrieden und stellte auf ein 5-4-1 um, nahm Gomez vom Feld und brachte dafür den weitaus defensiveren Deutschen Gosens. Es entstand eine Abwehrschlacht, in der Atalanta mit zehn Mann am eigenen Strafraum verteidigte, keine Konter spielen konnte und der BVB sehr stark gegenpresste. An Ideenreichtum in Ballbesitz mangelte es allerdings weiterhin und so entstand der späte Siegtreffer eher zufällig nach einer misslungenen Klärungsaktion von Toloi.

Fazit

Atalanta stellte Dortmund vor große Probleme und zeigt als Außenseiter eine Partie auf Augenhöhe mit dem BVB. Die Mannorientierungen konnten das Ballbesitzspiel der Gastgeber über weite Strecken des Spiels effektiv zerstören, erfolgreiche Umschaltsituationen blieben dafür selten. Diese gab es allerdings in großen Mengen bei Borussia Dortmund. Das Pressing funktionierte und auch die individuelle Qualität machte sich bemerkbar, so dass Dortmund viele Bälle erobern und im Anschluss aussichtsreiche Situation kreieren konnte. Der Sieg war knapp, durch Atalantas niedrigeres Tempo in der zweiten Halbzeit und den Chancen im schnellen Umschalten auf die Offensive jedoch nicht unverdient.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*