Die abgeschlagenen Dribbler

Gut am Ball, wenig Mittelfeldspiel, solide Defensive – der Tabellenletzte der spanischen Liga macht sich seit einiger Zeit ganz ordentlich. Trotzdem bleibt noch ein Punkterückstand.

Für Aufsteiger SD Huesca aus dem Nordosten Spaniens in der Region Aragón ist es das Debüt auf der großen Bühne, die erste La-Liga-Saison überhaupt. Lange Zeit schien es eine triste Geschichte zu werden, auf den Sieg im allerersten Spiel im Oberhaus folgte eine mehr als magere Ausbeute. Angesichts einer bis dahin einstelligen Punktezahl wurde der 2:1-Heimsieg gegen das furios durch die Europa League getourte Betis die große Überraschung des Jahresauftakts. Aber schon im Dezember hatte Huesca einen guten Eindruck gemacht, gegen Real Madrid nur ganz knapp verloren, schließlich bei Valencia den Punktgewinn in letzter Sekunde unglücklich aus den Händen gegeben. Mit dem Erfolg gegen Betis meldeten sich die Mannen von Trainer Francisco Rodríguez dann zumindest leise wieder zurück.

Rückzugs- und Nachschiebebewegungen gegen Betis

Grundformationen gegen Betis (05.01.2019)

Gegen deren kontrolliertes Ballbesitzspiel konnte Huesca vor allem durch gute Rückzugs- und Nachschiebebewegungen immer wieder Löcher zulaufen – ein zentraler Schlüssel in jener Begegnung. Wenn der erste Spieler überspielt wurde, löste sich einer der umliegenden Akteure aufmerksam aus der Vorposition oder einer möglichen Mannorientierung. Hinter den oft hohen und in der ersten Linie auch anführenden Einbindungen der Außenstürmer machten die Mittelfeldmannen des 4-1-4-1/4-3-3 weite Wege.

Teilweise ergänzten sie schon früh ebenfalls die vorderen Staffelungen und mussten daher auch untereinander viele Anschlussräume füllen. Die zügige Besetzung in die vorderen Pressingzonen hinein brachte Betis dazu, recht früh den vertikalen Übergang ins Mittelfeld auszulösen. In der genauen Organisation schien sich die Aufgabenverteilung bei Huesca daran zu orientieren, dass jeweils der Spieler nachschob, der sich so in den fraglichen Raum begeben konnte, dass seine Bewegung etwa orthogonal zur Verbindungslinie vom ballführenden Gegner dorthin verlief.

Dass die Angreifer, vor allem Ferreiro, im Anlaufverhalten bereits passende Winkel zum Ball fanden und damit eine gute Raumabdeckung erzielten, erhöhte unter diesen Voraussetzungen gleichzeitig die Wirksamkeit jener Anpassungen dahinter. Wenn umgekehrt aufrückende Aktionen zum Ball hin – soweit grundsätzlich möglich und aus der Situation heraus nicht völlig unpassend – zuverlässig von einer eher rückwärts gerichteten Bewegung ergänzt wurden, geschah das nicht nur durch den ballfernen Stürmer, sondern auch den ballfernen Achter.

Insofern gestaltete sich das gruppentaktische Verhalten der Blau-Roten clever und agil, mit hoher Diagonalität. Speziell dank der Dreiecke der Grundformation machten sich die Nachschiebebewegungen in den Halbräumen entsprechend bemerkbar. Betis versuchte einerseits recht ambitioniert über die Mittelfeldspieler zu eröffnen, tendierte andererseits aber zu einer sehr horizontalen Raumbesetzung und – in gegenseitiger Wechselwirkung dazu – Zurückhaltung in der gruppentaktischen Unterstützung. So gerieten sie einige Male gegen dynamische Pressingbewegungen Huescas zentral in Unterzahl und verloren in tieferen Zonen Bälle.

Defensive Solidität und Zurückhaltung im neuen 5-3-2

Man sah, dass die Mannschaft insgesamt defensiv nicht so schlecht und nicht so weit hinter der Konkurrenz ist wie im Tabellenbild. Horizontal schob beispielsweise auch die Abwehr immer wieder mutig mit in Richtung der Seite durch. Zwar weist Huesca bei den kassierten Toren den zweitschwächsten Ligawert auf, aber rechnet man die herbe 2:8-Klatsche bei Barca vom September als Ausrutscher heraus, stehen sie mit weniger als 1,5 Gegentreffern pro Partie nicht wie ein Team dar, das schon vor Abschluss der ersten Saisonhälfte als unvermeidbarer Absteiger galt. Auch bei 12,2 zugelassenen Schüssen pro Spiel liegt die Mannschaft statistisch im Mittelfeld.

Ein Problem bei Huesca war gerade im etwas tieferen, passiven Mittelfeldpressing das Zusammentreffen von Mannorientierungen der Außenverteidiger und zu breiten Positionierungen von deren Vordermännern. Wenn der Gegner in den ersten ein oder zwei Reihen ruhig und breit zirkulieren konnte, bot ihm das einen Ansatzpunkt, um das Defensivgebilde der Blau-Roten letztlich anzugreifen. Bei der Niederlage gegen Atlético vor einigen Wochen wurde das nochmals aufgezeigt, zumal wegen mehr 4-4-1-1-Staffelungen. In den drei letzten Partien hat Francisco Rodríguez dann die formative Umstellung auf ein 5-3-2 vollzogen.

Grundanordnung und defensive Bewegungsmuster im 5-3-2 gegen den Ball

Wiederum führt sein Team auch diese Grundordnung solide und phasenweise wirklich gut aus, mit Stärken und Schwächen etwa zu gleichen Anteilen. In der strategischen Umsetzung wird auf Angriffspressingübergänge noch etwas häufiger verzichtet. Das Mittelfeldtrio hat nicht mehr so vielseitige Möglichkeiten für diagonale Bewegungsmuster, macht aber auch in dem enger und konturierter abgesteckten Handlungskontext gute Arbeit, sorgt für eine prinzipiell schöne Staffelungsfindung und ganz gute Bewegungen im Raum. Vereinzelt blitzen die starken Momente im Rückzugs- und Nachschiebeverhalten mal auf.

Dahinter gestaltet sich die Verhaltensweise in der Abwehrreihe nunmehr wiederum mannorientierter. Die Flügelverteidiger sind nicht so sicher darin, wann sie herausrücken und wie sie sich genau im Deckungsverhalten ausrichten sollen. Dafür scheinen die Orientierungsmuster nicht klar genug. Das ruft gewisse Timingprobleme hervor und führt dazu, dass die entsprechenden Akteure gelegentlich etwas unverbunden im Raum stehen. Tendenziell liegen Huesca solche Situationen besser, wenn sie das Verschieben zum Flügel eher durch den ballnahen Achter als erstem Akteur in der vorderen Linie anführen lassen.

Allerdings schiebt dieser im Zuge der Mittelfeldbewegungen häufiger auch über die Höhe der dann teilweise tiefer auffüllenden Stürmer hinaus und macht noch weitergehend Druck. So muss der äußere Verteidiger hinter ihm doch wieder weiträumiger nachrücken, sich also ebenfalls hinauswagen und damit gerade zusätzliche Entscheidungsfälle bewältigen. Dann sieht sich auch der jeweilige ballnahe Halbverteidiger unter Druck, weiter hinterher zu schieben. Während Huescas Defensivreihe auf den ersten beiden Positionen gegen den Mann weiträumig verfolgt, rückt die restliche Abwehr aber zurückhaltender nach. In diesen Konstellationen einer höheren personellen Besetzung erfolgt das Nachschieben zögerlicher als im 4-1-4-1.

Mit (horizontalen) Lücken innerhalb der letzten Linie hat die Mannschaft daher Probleme. Einige Gegner lassen sich dadurch jedoch zu vorschnellen Pässen aus den defensiveren Halbräumen in die Spitze verleiten, so dass der Schwachpunkt nur inkonstant ausgenutzt wird und zum Tragen kommt. Gegen Real Sociedad etwa konnte Huesca deren frühzeitige und in geringer Offensivpräsenz stattfindende Diagonalläufe in die vorderen Schnittstellen zumeist über einfaches Verfolgen in situativen Mannorientierungen aus dem Mittelfeld noch unter Kontrolle bringen und ausreichend abbremsen.

Vorwärtsgerichtete und ambitionierte Charakterzüge

Man sah in der Partie gegen Betis aber auch, dass die Blau-Roten aus den mitunter sehr hochwertigen Ballgewinnen viel zu wenig machten. Gerade in Umschaltsituationen mit momentanem Charakter und der Notwendigkeit präziser, klarer Entscheidungsmuster kann besonders deutlich werden, welche Probleme sie zum Tor hin generell haben. Eigentlich verfügen sie am Ball über viel Potential, sind aber nicht effizient genug darin, zielstrebige Offensivaktionen zu ergreifen. Gegen Betis hatten sie in einigen Kontern gerade besonders viel und teilweise fast zu großen Raum, durch den sie in der Entscheidungsfindung unbalanciert wurden – mal zu ungeduldig, mal zu verspielt.

Ein vorwärtsgerichteter und ambitionierter Zug kennzeichnet das Verhalten des Teams. Beispielsweise greifen die Mannen von Francisco Rodríguez sehr schnell zum frühen Pass, obwohl sie noch Raum hätten ausschöpfen können, oft auch ohne kurz die Anschlussbewegungen der Kollegen abzuwarten. Insbesondere in den Umschaltszenen gehen dann viele dieser Zuspiele also sehr direkt in die Spitze. Oft können so aber nicht genügend Spieler nachrücken, um zu unterstützen.

Das verbindet sich mit einem tendenziell überambitionierten Freilaufverhalten. Nachdem beispielsweise Juan Camilo Hernández in der neuen Formation einen weiteren Angreifer neben sich hat, neigt er noch mehr dazu, das Leder in sehr breiten Zonen zu fordern, selbst in Umschaltsituationen. Diese Prägung des Freilaufverhaltens bietet der Tendenz zu vorschnellen Aktionen in die Angriffsräume einerseits einen besonderen Nährboden und provoziert sie noch zusätzlich, macht sie andererseits wesentlich riskanter.

Vor diesem Hintergrund wird Huesca daher etwa anfällig für Gegenkonter. Wenn sie den Ball gewinnen, kann es in der Umschaltbewegung schnell passieren, dass sie sich mit übermäßig frühzeitigen Aktionen und zu ambitionierten Entscheidungen in Schwierigkeiten bringen. Zieht gleichzeitig das Nachrückverhalten aus dem Mittelfeldzentrum heraus forsch mit in die Offensive, stehen sie dann recht offen.

Zum Thema droht das gerade nach Angriffen des Gegners über die Flügel zu werden, da dieser in den knapperen Räumen auch wieder dichtere Gegenpressingmöglichkeiten hat, zumal wenn die mittige Besetzung Huescas direkt nach vorne gestartet ist und nicht mehr unterstützen kann. Von außen würden dann sowohl Querlagen gefährlich als auch die potentiellen Achillesfersen in den Schnittstellen um den ballnahen Halbverteidiger angreifbarer werden.

Dribbelprägung als Zusatzfaktor

Gleichzeitig findet sich eine personell ungewöhnlich starke Konzentration von Dribblertypen bei Huesca, die sich ebenso im taktischen Verhalten durch eine häufige Nutzung dieses Mittels in unterschiedlichen Konstellationen ausdrückt. Mit durchschnittlich 15,4 Dribblings pro Spiel liegt das Team in den Statistiken genau im Mittelfeld. Versucht man aber vereinfacht die Einflüsse des Ballbesitzes herauszurechnen, findet es sich unter den ersten Fünf der Liga, mit der Einschränkung, dass diese beiden Werte der Natur der Sache gemäß eigentlich unterschiedlichen Wachstumsmustern folgen.

Das gilt auch für die Relation von Dribblings zu Pässen: Bei Huesca folgt durchschnittlich auf alle 23,4 Zuspiele ein Dribbling, damit greifen sie in La Liga am „viertschnellsten“ zu diesem Mittel. In gewisser Weise ist dieser Vergleich wiederum unsauber, da bei desto stärker wachsender Anzahl an Pässen die Dribblings nicht proportional dazu steigen können. Es gibt aber eine allgemeine Korrelation von Pässen zu Dribblings und vor diesem Hintergrund machen die aktuellen Daten für das spanische Oberhaus deutlich, dass Huesca zu den wenigen Teams zählt, die diese durchbrechen.

Zu den aktivsten Dribblern des Teams zählt der junge Stürmer Juan Camilo Hernández, ein wendiger Wühler mit Stärken vor allem in der Ballmitnahme. Auch bei Tempoübergängen schafft er es recht gut, eine Gleichmäßigkeit zwischen Bewegungsfolge und Ballführung harmonisch aufrechtzuerhalten. Besonders im Bereich der Ballführung zeichnet sich zudem Mittelfeldmann Moi Gómez aus, ein emsiger Allrounder: Gegnerschlagend fällt er im Dribbling kaum auf, er nutzt dieses Mittel hauptsächlich für kurze Verzögerungen oder ballschleppend in offene Räume hinein. Zu seinen Stärken gehören die Fähigkeit, bei Drehungen und Drehungsfolgen sehr kontrolliert zu bleiben, und seine Passgewichtung.

Wesentlich attackierender setzt Flügelallrounder Jorge Miramón seine Dribblings ein. Er zeigt sich insgesamt sehr agil und bringt eine recht gefächerte Aktionspalette mit. Normalerweise als Rechtsaußen aufgeboten, wurde er gelegentlich in die Viererkette beordert und hat nach der Formationsumstellung seinen Platz als Flügelverteidiger gefunden. Gegen Betis hatte David Ferreiro das entsprechende Pendant zu Miramón auf der anderen Außenbahn gebildet: Seine elastischen Bewegungsabläufe im Dribbling ermöglichen ihm selbst bei stärkeren Verlagerungen des Körperschwerpunkts in der „Fußarbeit“ noch recht kontrollierte Reaktionsmöglichkeiten.

Auf der zentral-defensiven Mittelfeldposition gehört Cristian Rivera unter die unscheinbaren Dribblertypen, wirkt zunächst einmal eher schwermütig und wuchtig. Er verfügt aber über sehr hohe Ballsicherheit und eine starke Gesamtorientierung. Dadurch kann er auch in eher unübersichtlichen Umschaltszenen das Leder gut in Freiräume transportieren, ohne sich in diesem Dribbling allzu sehr dem direkten Gegnerkontakt aussetzen zu müssen. Allerdings ist sein Gefühl für Folgewirkungen noch etwas ungeschärft und nachlässig, überhaupt verhält er sich in der Raumfindung oft zu ruhig und schätzt Gefahrenpotentiale von Situationen zu optimistisch ein.

Mit Javi Galán hat Huesca erst kürzlich noch einen linken Außen- oder Flügelverteidiger mit enorm dribblingorientierter Spielweise verpflichtet. Im Timing seiner Aktionen ist er zwar etwas naiv und durch den sehr offensiven Einsatz der Dribblings mitunter überambitioniert, dafür aber äußerst explosiv und recht reaktionsschnell in den Bewegungen. Auch der Venezolaner Juanpi, ein weiterer Winterneuzugang und Kandidat für die Achterposition, kann als Dribblingtyp gelten, sehr wendig und vergleichsweise kleinräumig ausgerichtet, vor allem mit auffälliger und vielseitiger Nutzung des Außenrist. Selbst der kantige Mittelstürmer Gallego, ebenfalls ein nachträglicher Transfer, geht situativ in sehr plötzliche, gegnerbindende, wenngleich teilweise zu ambitionierte Unterzahlaktionen.

Wege in die Offensive

Gerade wenn ein Spieler nach vorherigen Ballwechseln im Mittelfeld das Leder bekommt, versucht er die Situation oft erst einmal über ein Dribbling zu strukturieren. Überhaupt werden auf dem Weg nach vorne viele Aktionen über dieses Mittel eingeleitet und angetrieben. Schwierige Wechselwirkungen können sich dabei mit dem offensiven Freilauf- und Nachrückverhalten der Mannschaft, insbesondere aus dem Mittelfeld, ergeben. In diesem Kontext der Präsenz der Dribbler bedeuten solche in die Spitze orientierten Bewegungsmuster, dass die Mitspieler damit recht schnell an dem jeweiligen Ballführenden vorbei- bzw. von diesem weglaufen.

Dadurch bleibt die Herstellung von Unterstützung in den unmittelbaren Anschlusszonen etwas zurück. Auch im Aufbau kann das ein Problem bilden. Nach der zunächst ruhigen Tiefenzirkulation insbesondere in der aktuellen Dreierkette besteht die Gefahr, dass dem Flügelverteidiger bei forschen Freilaufversuchen vor ihm die Optionen ausgehen. So kann er in isolierte Situationen und darin unter Druck geraten. In der Konsequenz muss Huesca insgesamt recht viele gescheiterte Passversuche und Vorwärtsaktionen von diesen Positionen hinnehmen, am ehesten können sich Miramón und Galán noch über ihre Dribblingfähigkeiten befreien.

Konstant aus dem Aufbau arbeitet sich Huesca also nicht unbedingt oft nach vorne. Vielmehr generieren sie ihre Momente mit Offensivpräsenz über andere Wege. Die Partie gegen Betis war ein Beispiel für eine ungemein konsequente Wahl der strategischen Ausrichtung in ihrem Fokus auf lange Bälle und Abpraller. Schwierigeren Aktionen entzogen sich die Defensivakteure in untypisch ausgeprägter Risikovermeidung mit schnellen Rückpässen auf den Torwart. Dagegen nutzte Betis ein passives hohes Zustellen, um Intensität zu sparen. Hinter den Stürmern schob Canales etwas höher lauernd auf den defensiven Mittelfeldmann heraus.

Wenn Keeper Santamaría nach den Rückpässen das Leder am Fuß führte, nahm er sich sehr viel Zeit, in der die Mitspieler sich entsprechend auf den langen Ball vorbereiten konnten. Das Spiel auf Abpraller bildet auch sonst ein wichtiges Element für Huesca. Erfolgreich gestaltete Duelle ließen sich vor allem über Dribblings erst einmal ruhiger in Freiräume auflösen. Das stand überhaupt beispielhaft für typische Übergangsmuster bei Huesca: Ihre Offensivmomente und Präsenz in den vorderen Bereichen stellen sie vor allem in Folge verschiedener Umschaltszenen solcher Art her, die nicht direkt ausgespielt, sondern über die initiale Dribblingaktion zunächst verzögert werden.

Es folgt nun im Verlauf des Artikels eine Beispielszene in mehreren Episoden, hier der Start: Nachdem ein gegnerischer Vertikalpass in der Abwehrreihe Huescas bei Etxeita gelandet war, konnte dieser umgehend mit einem vertikalen Zuspiel Moi Gómez im ballfernen Halbraum bedienen. Dieser brachte das Leder im folgenden Umschalten nach links. Galán geht in einer zahlenmäßig eher schwierigen Situation, in der sich aber zumindest hinter den beiden ballnahen Gegnern ein etwas größerer Anschlussraum böte, sehr forsch ins Dribbling über.

Flache Staffelungen mit innerer Horizontalbewegung

Bei breiter organisiertem Aufrücken ins letzte Drittel hinterlässt das typische Bewegungsspiel dort wiederum seine Spuren. Viele Spieler ziehen direkt in die Spitze. Aus diesen Verhaltensmustern ergeben sich flache Staffelungen und dahinter gewisse Lücken in der Rückraumbesetzung, dafür aber zumindest recht hohe Präsenz im Strafraum. Zudem werden die Anordnungen nicht vollends passiv, innerhalb der Horizontalen gibt es in diesen hohen Zonen schon einiges an Bewegung in Huescas Team: Die Stürmer setzen sich in seitlicher Richtung ab, der ballferne Achter – besonders natürlich im 5-3-2 – schiebt im Laufe der Szenen langsam zum anderen Halbraum hinüber, wenn der ballführende Kollege währenddessen länger das Leder hält.

Die Fortsetzung der Szenengrafik: Galán hatte das Dribbling vorzeitig beenden müssen und wieder auf Moi Gómez gespielt, der das Leder nach innen zieht. In der Mitte sorgt Juanpi für Bewegung, Rivera rückt nach. Insgesamt wagt er sich letztlich sehr weit nach vorne, könnte vielleicht in die Schnittstelle nahe des Strafraumecks kommen. Moi Gómez scheint ein entsprechendes Zuspiel aber wohl nicht erfolgsstabil genug, den einen zwischenzeitlich besonders vielversprechenden Moment verpasst er dann auch noch. So verzögert er nochmal, geht in die Drehung und zieht wieder zurück nach außen, wo Galán mittlerweile seine Position wieder aufgenommen hat.

Allzu viel Potential bieten solche flachen Staffelungen nun nicht, aber unter diesen Voraussetzungen kann Huesca von den vorhandenen Möglichkeiten zumindest einiges abschöpfen und jene Präsenz ganz gut ausnutzen. Das zeigte sich zuletzt bei beiden Toren des Auswärtssiegs bei Girona, die jeweils etwas glücklich und auch eher aus dem Nichts, aber doch trotzdem keineswegs zufällig fielen. Zunächst war es eine verzögerte Umschaltszene mit Dribbling, als sich Stürmer Ávila kurz aus der allgemeinen Bewegung der um den Ball befindlichen Spielertraube durch einfaches Abstoppen ausklinkte und so im Rückraum für einen Distanzschuss frei wurde. Solche Aktionen könnte Huesca noch konstanter fokussieren.

Beim zweiten Tor zeigte sich dieses taktische Bild nicht ganz so eindeutig wie beim 0:1, aber über das individuelle Verhalten waren die Bewegungen der Angreifer in der letzten Linie wiederum wichtig. Grundsätzlich schufen sie so Unruhe im Strafraum. Gerade Gallego gelang es in dieser Situation geschickt, zunächst nach außen zu ziehen und dann von dort aus mit Folgepositionierungen gegen seinen direkten Gegenspieler zusätzliche Tiefe in den Sechzehner zu bringen. Das ermöglichte es ihm danach, eine einfache und in einer eigentlich von wenig Optionen geprägten Situation gespielte Flanke auf seinen Sturmpartner abzulegen.

Insbesondere der erste Treffer zeigte deutlich, wie wertvoll das einzelne Dribbling vor dem Hintergrund der mannschaftlichen Charakteristika der Blau-Roten sein kann. Wenn der Ballführende aufgrund der hohen Staffelungen kurzzeitig abbrechen muss, vermag es dieser Spieler oft recht gut, mit kleinen Finten oder Haken noch einmal zu verzögern und etwas Zeit zu verschaffen, in denen sich die Situationsdynamik vielleicht ändert, eine neue Option denkbar wird oder der Gegner gegen die Präsenz ein Stück zu weit nach hinten weicht und so etwas Kompaktheit einbüßt.

Die nächste Episode: Auch Rivera ist nun recht hoch positioniert, fast ebenfalls in der flachen letzten Linie, orientiert sich langsam eher zurück, wartet dann aber doch noch kurz. Das hätte sich auch lohnen können: Galán dribbelt zwischen den beiden nahen Defensivspielern sehr aggressiv an, legt dann kurz quer auf Rivera. Der diagonale Passweg in die Tiefe auf den hinterlaufenden Moi Gómez kann der zuvor in der Flügelverteidigung tätige Gegenspieler aber mit hohem Laufaufwand abdecken. Rivera muss die Passoption fallen lassen, nimmt den Ball nach außen mit und geht ins Dribbling. Dort hat er durch das hohe mannschaftliche Aufrückverhalten nun kaum Optionen. Insgesamt verhält er sich in dieser Situation fast zu beruhigt und zu nachlässig in der Situationsbeobachtung, auch als er dann von einem rückwärtspressenden Gegner mit attackiert wird und sich in Unterzahl wiederfindet. Trotzdem bleibt er aber am Ball, kann sich nochmal nach hinten drehen und spielt das Leder dann zurück.

Am Ball mit guten Lösungen

Tendenziell muss auch die andere Mannschaft gegen das forsche Aufrückverhalten hinten die Personaldichte erhöhen. Je nachdem wie gut sie das organisiert, kann es in bei Huesca verwaisten Räumen natürlich auch zu genereller, beidseitiger Unterbesetzung kommen. Im Falle solcher Lücken um die vorderen Angriffszonen herum bieten sich die Offensivspieler der Blau-Roten gelegentlich dann sehr explosiv kleinräumig neu an, für Direktpässe des – womöglich von der Isolation bedrohten – Ballführenden.

Aus solchen individuellen Initiativen aus flachen, hohen Ausgangsstaffelungen heraus entstehen jedoch oft schwierige Situationen: wenig Absicherung, meistens auch eher ungünstige Sichtfelder nach hinten und frontale Winkel zum Ball in den Auftaktaktionen (siehe auch letzte Szenengrafik unten). Unter diesen beeinträchtigten Voraussetzungen bedeuten die Einleitungen ein gewisses Risiko. Insgesamt ist Huesca allerdings mit den vielen Dribblertypen und zusätzlich auch der Wendigkeit etlicher dieser Akteure eigentlich am Ball ziemlich gut. Dadurch haben sie schon einige Möglichkeiten in der Lösungsfindung.

Vor allem können sie explosive Auftaktbewegungen und kleine Finten oder besondere technische Elemente in der Ballführung während Richtungswechseln einbringen. In dem entsprechenden kleinräumigen gruppentaktischen Rahmen des Zusammenspiels kommen sie somit immer mal zu kombinativ sehenswerten Spielzügen. Zudem sind die spontanen Entscheidungsmuster der Spieler, mit denen sie auf unerwartete Entwicklungen reagieren, recht speziell und können situativ mal eigenwillige oder untypische Einflüsse auf Dynamiken hervorrufen.

Unter besonderen Umständen kamen jene Fähigkeiten am Ball beispielsweise gegen Betis gerade auch in Kontern verstärkt zum Tragen und beinahe exemplarisch zum Vorschein. Womöglich auch wegen der starken gegnerischen Tiefensicherung um die Dreierkette gab es in den ersten Umschaltmomenten deutlich fokussiertere Rückwärtsbewegungen der Offensivkräfte in tiefe Zonen als sonst. Diese stellten so lokal dichte Staffelungen her, konnten dort das Leder gut sichern und im Idealfall beim dynamischen Herausspielen in den möglichen Konterraum helfen. Insofern war es in diesem Spiel eigentlich besser für Huesca, tiefer und torferner zu Ballgewinnen zu kommen als durch ihre starken Momente im höheren Mittelfeldpressing mit teilweise vielversprechender Überzahl.

Räumliche Nachbesetzung nicht übergreifend organisiert

Mannschaftlich jedoch fehlt eine größer strukturierte Organisation der Nachbesetzung verlassener Räume hinter dem Aufrückverhalten, jene erfolgt jeweils nur situativ und bisweilen unterbleibt sie ganz. Es müsste in diesem Rahmen beispielsweise gezielte rückwärtige Bewegungen wieder aus festgefahrenen Staffelungen heraus geben, die einige jener Bereiche neu auffüllen. Eine im Verbund saubere Reaktion auf Vorwärtsaktionen ist also ein zentrales Problem bei Huesca. Das Mittelfeld könnte mit vorsichtigen Anpassungen am ehesten vieles auffangen, aber auch dort scheint das positionelle Verhalten nicht eindeutig geregelt.

Gerade so hat Rivera den Ball sichern können, die Situation danach: Galán ist im Zuge seines Dribbling nach innen gegangen, Moi Gómez kommt nach seinem Vorwärtslauf zurück. Rivera spielt den Pass auf den linken Halbverteidiger Pulido.

Wenn ein Angriffsverlauf durch den Ballführenden abgebrochen wird und dieser noch eine verbliebene nahe Anspieloption im Zentrum einbeziehen kann, muss auch der entsprechende Akteur wiederum mit den eingeschränkten Möglichkeiten umgehen. Gerade wenn er seinerseits zu einem weiteren Vorwärtsdribbling greift, wird das Thema der Raumbesetzung noch gravierender. Die Akteure der Blau-Roten verhalten sich wieder ambitioniert, neigen bei sorglosen Nebenwirkungen eher dazu, sich in die höheren und vielleicht noch für direkte Offensivübergänge nutzbaren statt in die tieferen Ausweichräume zu entziehen.

Beispielsweise führt Rivera als tieferer Mittelfeldmann des 5-3-2 seine Vorwärtsaktionen oft weiträumig und tendenziell unvorsichtig aus, lässt sich mitunter im Verlauf ziellos in die Spitze treiben. Dadurch drohen die Bereiche vor der Abwehr noch mehr zu verwaisen. Auch die anderen Mittelfeldakteure wie Mói Gómez driften viel herum. So kommt es zu situativer Inkonstanz in der Besetzung der Positionen und in der Folge zu erschwerter Neuzirkulation. Insgesamt taucht das Problem der Zwischenlücken hinter aufgerückten Besetzungen in verschiedenen Konstellationen bei Huesca auf. Es speist sich gleichsam aus der Entscheidungsfindung wie dem Bewegungsverhalten der von ihrer Natur recht stark nach vorne orientierten Mannschaft.

In der Abwehr wurde der Ball in der Folge auf die andere Seite verlagert, gelangte von Etxeita schließlich zu Miramón. Insgesamt dauert es mannschaftlich sehr lange, bis sich Huesca wieder formiert hat: Durch die Bewegungen der Mittelfeldspieler war das gesamte Zentrum geöffnet, aber auch nicht durch andere Akteure aufgefüllt worden. Die Neubesetzung durch die zuständigen Akteure erfolgt auch etwas verzögert, Rivera und Moi Gómez sind beide noch breit auf der anderen Seite. In den Zwischenlücken steht nun auch Girona nicht so ganz kompakt: Während Juanpi ausweicht, löst sich Gallego aus der letzten Linie kurz in den Raum für den scharfen Diagonalpass Miramóns, kann offensive Folgeaktionen aber nur sehr direkt und mit Risiko aus der Drehung spielen (siehe auch den vorletzten Absatz im Haupttext). Letztlich werden die offenen Bereiche durch situative Einzelbewegungen genutzt, aber nicht im größeren Rahmen über bestimmte Organisationsmechanismen.

Die mannschaftliche Bedeutung der Dribblings

In diesem Spannungsfeld nimmt die starke Prägung des Teams durch seine vielen Dribblertypen eine ambivalente Mischposition als Teil des Problems wie auch der Lösung ein. Insgesamt wird der vorwärtsgerichtete Zug dadurch unterstützt und betont, manchmal auch eher entschleunigt, und ansonsten kann dieses Element zumindest helfen, die entstehenden Symptome zu mildern. Über verzögernde Dribblings gelingt es manches Mal noch recht gut, in ungünstigen Situationen eine alternative – wenn auch nicht unbedingt immer besonders hochwertige – Variante zu finden.

Zudem können solche Aktionen am Ball in unterschiedlichen Konstellationen ein Weg sein, um Zeit zu gewinnen und um einfach Gegner zu binden. Letzteres funktionierte beispielsweise gegen Betis im Kontext des für jene Partie spezifischen Fokus auf zweite Bälle sehr gut und hatte sogar weitreichendere Konsequenzen als gewöhnlich. Die schnelle, ambitionierte Dribblingnutzung nach erfolgreich bestrittenen Duellen um Abpraller zog in den ersten Momenten zügig einen Abwehrspieler aus der Dreierkette nach vorne in Ballnähe, so dass gegen die Aufrückbewegungen die Flügelläufer Betis´ früher hinten gebunden wurden.

Diese mussten in der allgemeinen Rückzugsbewegung häufiger bis ganz in die Tiefe auffüllen anstatt in zweiter Reihe die Präsenz um die Zugriffszonen zu erhöhen. Vor allem waren dadurch die Mittelfeldspieler dazu gezwungen, mehr in die Breite zu verteidigen. Das sorgte für flachere Gesamtstaffelungen in der Defensive und somit etwas längere Wege nach vorne. Daher resultierte die nicht optimale Absicherung bei Huesca hinter den eigenen hohen Offensivanordnungen in dieser Partie kaum in Kontergefahr.

Auch eine Frage der Umstände

Noch einmal die Grafik von oben

Insgesamt war jenes Spiel gegen Betis eine der stärksten Saisonleistungen der Blau-Roten. Sie profitierten zusätzlich davon, dass ihnen viele Charakteristika des Gegners gut lagen, beispielsweise deren Dreierkettenformation. Dadurch kam zum einen das Pressingverhalten besser zur Geltung: Die Außenstürmer hatten gute Möglichkeiten sich vor den gegnerischen Halbverteidigern zu positionieren, etwas breiter als diese, und dann anzulaufen.

Vor allem die dreieckige Struktur zwischen den hinteren Abwehrspielern und den Sechsern bot gute Orientierungspunkte für die Arbeit gegen den Ball und die situative Organisation der Bewegungen im Nachschieben. Wenn Betis sich länger im Mittelfeld festsetzen konnte, war im Folgenden wiederum deren Anlage im Übergang günstig für Huesca: Aus flachen, breiten Mittelfeldstaffelungen fokussierte sich dieser sehr klar über die beiden Stürmer des 3-5-2, die in flexiblen Aufteilungen den Zwischenlinienraum besetzen und sich für direkte Vertikalbälle anboten.

Es fiel in dieser Konstellation weniger ins Gewicht, dass die Blau-Roten hinter der anpassungsfähigen Staffelungsfindung zur Abwehr etwas unkompakt waren und dass sie sich gegen Betis´ längere Vorbereitungsphasen – zumal mit dem Gefühl hoher eigener Absicherungspräsenz – über die Zeit hier und da in simple Mannorientierungen ziehen ließen. Jene Form der Übergänge konnten sie gut über weite Verfolgungsbewegungen eines zentralen Defensivspielers verteidigen.

Dagegen kamen in vielen anderen Partien gegen viele andere Gegner auch ungünstigere Wechselwirkungen zustande. Die Probleme mit der Kohärenz zwischen offensiven und defensiven Flügelakteuren begleitete Huesca über längere Saisonphasen. Auch hier war Betis wiederum ein passender Gegner mit seiner einfachen Besetzung der Außenbahn, gegen den die Blau-Roten dann nicht solche Muster verteidigen mussten wie beispielsweise gegen die Ausrichtung Atléticos.

Wenn Huesca in vielen Spielen eben nicht von solchen günstigen Momenten profitieren konnte, schadeten die vorhandenen Probleme dem vorhanden Defensivpotential insgesamt etwas zu sehr. Vor diesem Hintergrund war es also eine sinnvolle Entscheidung von Francisco Rodríguez, auf ein 5-3-2 umzustellen. In personeller Sicht liegt die Formation vor allem den Stürmern und den jetzigen Halbverteidigern besonders. Trotz der Unsicherheiten auf den Flügelpositionen kam das Team in den drei bisherigen Partien gut in der Anordnung zurecht. Die Tabellensituation hat sich durch die Siege gegen Real Valladolid und Girona verbessert, demoralisierend ist der Rückstand auf die Konkurrenz nun nicht mehr.

AG 16. Februar 2019 um 17:31

Für die Zukunft: Huesca hat die die zwei letzten Spiele gewonnen und das davor verloren, ist aber immer noch Tabellenschlusslicht mit 23 Spielen, 4-6-13 und damit 18 Punkten, 2 Punkte Rückstand auf den 19. (Villareal) bzw. 6 Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz (Celta Vigo und Girona).

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DG 16. Februar 2019 um 15:27

Tim, du bist immer noch der Beste!

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