Türchen 23: Pavel Nedvěd

Es existieren Fußballer, die vereinen Ästhetik und Tüchtigkeit, Charisma und Bescheidenheit, Stolz und Demut. Nicht viele jedoch. Die wenigen, denen die Essenz dieser Attribute vorbehalten ist, verzaubern Fangemeinden im eigenen wie auch fremden Land. Pavel Nedvěd war einer der Auserwählten.

Der Aufstieg

Die tschechische Randstadt Cheb verkörpert heute mehr Geschichte als Gegenwart. Einst lässt Friedrich Barbarossa hier nach einem Aufenthalt eine Kaiserpfalz errichten. Aus der kleinen slawischen Burg Eger wird ein Areal von Prunk. Der romanische Palas entwickelt sich zur Sehenswürdigkeit. Eger ist in aller Munde. Doch das Schicksal meint es in späteren Jahrhunderten nicht gut mit der Stadt. Ein Großbrand, ein Volksaufstand gegen die auswärtige Obrigkeit, der Aufstieg der sudetendeutschen Heimatfront, das Münchener Abkommen, die Zugehörigkeit zum Dritten Reich, die schmerzhaften Kriegs- und Nachkriegsjahre verstümmeln, was von Cheb noch übrig ist.

„Ich habe nie aufgegeben. Es ist nicht einfach, aber Sie können Erfolg haben und […] auch von weit her, aus der Ferne, aus Cheb…“ (Pavel Nedvěd in seinem Buch La mia vita normale.)

In diese Tristesse hinein wird 1972 der junge Pavel geboren. Unweit Chebs wächst er in der Provinz auf. Anders als viele seiner Schulkameraden soll er aber der Einöde bald schon entkommen. Ihm wird ein Talent in die Wiege gelegt und eine Arbeitsethik eingebläut. Er entwächst der Kleinstadt Skalná und auch dem besten Club der Region, dem Rudá Hvězda Cheb, in Windeseile. Jahre in Plzeň und Praha folgen, die nicht immer nur vom steilen Aufstieg geprägt sind. Pavel muss sich in der Hauptstadt seinen Platz erkämpfen.

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In einer anderen Hauptstadt, der italienischen nämlich, soll sein nächster Durchbruch folgen. Unter dem Banner von Lazio verzaubert er die Biancocelesti. Als Mann für alle Kreativaufgaben beschert er dem stolzen Club aus der ewigen Stadt den ersten Scudetto nach einer Durststrecke über ein Vierteljahrhundert. Schon bald spricht jeder vom Grande Paolo. Und so ist es nur folgerichtig, dass er den Großen Zizou bei der alten Dame Juventus beerben soll. Ein Erbe so groß wie das Vermächtnis Friedrich Barbarossas. Der kleine Junge aus Cheb ist angekommen im Scheinwerferlicht.

Die Kür

Jedes Jahrhundertspiel erfährt eine Prägung durch Jahrhundertspieler und Jahrhundertszenen. Wie Franz Beckenbauer 1970 mit einem geschädigten Arm über den feuerheißen Rasen des Estadio Azteca marschiert, gleicht einer Ikone. Wie Toni Schumacher in der „nuit de Séville“ Patrick Battiston in die Bewusstlosigkeit befördert, wird alle Zeiten überdauern.

Das Aufeinandertreffen zwischen Tschechien und den Niederlanden in der Gruppenphase der Europameisterschaft 2004 hat nicht jene Tragweite wie die Duelle in Ciudad de México oder Sevilla. Aber die Dramaturgie und die Hochklassigkeit seiner Akteure beschert ein Ereignis für die Ewigkeit.

Den jungen Pavel gibt es da schon nicht mehr. Nedvěd steht für fußballerische Ausnahmeklasse, für Titel und Ekstase. Er führt die Mannschaft seines Heimatlandes aufs Feld – für eine Schlacht mit der feurigen Oranje. Klangvolle Namen stehen ihm gegenüber – Van Nistelrooij, Seedorf, Davids. Aber alle verschwinden im Schatten der blonden Mähne, werden zu Zwergen im Anblick der stahlblauen Augen und zu Statisten in der Gegenwart der talentierten Füße.

Nedvěd aber muss sich wie so oft in seiner Karriere durchbeißen. Die Niederländer in ihrem typischen 4-3-3 mit einer besonderen Absicherung – dem Mittelfeldlibero Philip Cocu – gehen rasch mit 2:0 in Führung. Sie fürchten Nedvěd und suchen ihr Heil in der Offensive. Sie glauben, sie können dem unbändigen böhmischen Löwen die Zähne ziehen. Doch der beißt unnachgiebig zurück.

Die tschechische Mannschaft um ihn herum ist eine äußerst talentierte. Karel Brückner, die graue Eminenz, kann auf alte Recken wie Karel Poborský ebenso wie auf Ballkünstler in der Blüte ihres Schaffens wie Tomáš Rosický und Milan Baroš bauen. Der Mann im Mittelpunkt ist jedoch Nedvěd. Auf dem Papier startet er auf der linken Seite, in der Realität ist er überall. Mit Methode zerstört er nach und nach die niederländische Mannschaft

Erst wählt er Clarence Seedorf als Opfer. Der stolze Seedorf von Milan, ein Spieler von Welt, gerät in Panik. Früh sieht er die Gelbe Karte nach einem Foul an Nedvěd. Dieser bindet ihn, neutralisiert den Regisseur der Oranje oder überrumpelt Seedorf sogar schon vor der Ballannahme. Nedvěd terrorisiert die rechte Flanke der Niederländer. Wenig später spricht Schiedsrichter Manuel Mejuto González auch eine Verwarnung gegen Johnny Heitinga aus.

„Im Allgemeinen war ich immer in der Lage, meine Emotionen zu kontrollieren. Ruhe war immer meine Stärke.“

Nedvěds Arbeit ist erst einmal verrichtet. Er geht nach der Einwechslung von Vladimír Šmicer nach rechts. Seedorf folgt ihm und sieht sich ständig auf dem Rückzug. Zeitweise steht der niederländische Kreativkopf an der Abseitsgrenze. Rosický bedankt sich für die Freiräume. Nedvěd zeigt Präsenz im Strafraum und gibt dem hünenhaften Jan Koller den Raum zum Atmen, weil sich immer mehr Spieler der Elftal auf den tschechischen Anführer stürzen.

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Nach dem Anschlusstreffer durch Koller steht es 1:2, als beide Teams wieder aus den Katakomben marschieren. Nedvěd zieht die Fäden im Zentrum. Brückner aber wird ungeduldig und wirft mehr Offensivspieler auf den Rasen. Er betraut Nedvěd mit Defensivaufgaben; dieser verrichtet Arbeit für zwei. Und bereitet den Ausgleich von Baroš mit der Brust vor. Jedes Körperteil kommt zum Einsatz. Kopf wie Füße arbeiten nun auf Hochtouren. Beide Mannschaften stehen wieder auf Augenhöhe. Da versetzt ihnen Nedvěd den entscheidenden Schlag. Die Körpertreffer der ersten Halbzeit zeigen Wirkung.

Nedvěd schleicht sich mit Leichtigkeit von den Mittelfeldspielern weg und zwingt Heitinga zum zweiten Foul. Eine Viertelstunde vor dem unvermeidlichen Abpfiff befindet sich die Oranje in den Seilen. Seedorf sieht sich gezwungen, die dezimierte Angriffsreihe zu unterstützen. Cocu zieht sich in die Abwehr zurück. Nedvěd und Rosický sind nun Alleinherrscher im Mittelfeld. Erst knallt Nedvěd das runde Leder ans Gebälk und wenig später setzt Šmicer den Schlusspunkt. Das Aveiro Municipal ist Zeuge eines Jahrhundertspiels.

Ein Jahrhundertspiel als Bühne für den wahren Nedvěd – keinem ausdauernden Flügelläufer, sondern einem taktischen Genie und unnachgiebigen Offensivmotor.

Die Tragik

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Die Europameisterschaft gewinnen die Tschechen jedoch nicht. Im Halbfinale gegen die Griechen verletzt sich Nedvěd. Ohne ihn geht seine Mannschaft in einer kräftezehrenden Verlängerung gegen die Hellas-Armee in die Knie. 1996 kann er die Aufholjagd der Deutschen im Finale nicht verhindern. 2003 bleibt ihm die Teilnahme am Champions-League-Finale verwehrt und er muss die Niederlage seiner Mannschaft mit ansehen. Später wird Juventus vom Manipulationsskandal heimgesucht. Nedvěd, 34-jährig, bleibt den Turinern treu, obwohl ein ganzer Kontinent ihn jagt.

Aus dem jungen Pavel wird ein Weltstar, ein Nationalheld, ein Fußballkünstler und inzwischen ein geachteter Funktionär. Der ganz große Titel bleibt ihm verwehrt, aber Legenden sind größer als Pokale – und der Furia Ceca ist eine ganz große Legende.

mananski 28. Dezember 2018 um 21:41

Dieses Spiel ist für mich das beste, was ich bis heute gesehen habe.

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savona 25. Dezember 2018 um 05:28

Ein grandioses Spiel zweier Teams, die danach beide prädestiniert zu sein schienen für den Titelgewinn; und insbesondere galt das für die Tschechen, deren Niederlage gegen die Griechen wegen Nedvêds Verletzung schon tragische Züge hatte.

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HW 26. Dezember 2018 um 16:20

Zwei unvollendete Generationen.

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