Türchen 6: Lothar Matthäus

Beim Sieg der deutschen Nationalmannschaft im WM-Vorrundenspiel gegen Jugoslawien war Lothar Matthäus mit zwei Treffern der entscheidende Mann im deutschen Team. Über die komplette Spieldauer hatte man das Gefühl: Der deutsche Kapitän steht über den Dingen.

Viele zentrale Akteure bei Jugoslawien

Die Jugoslawen, die bei der Weltmeisterschaft 1990 von Ivica Osim trainiert wurden, agierten in der Partie gegen Deutschland aus einer 3-5-2-Grundordnung. Darin gab es mit Jozic einen Libero und mit Hadzibegic und Spasic zwei Manndecker, die den beiden deutschen Stürmern Völler und Klinsmann zugeordnet waren. Baljic und Vulic auf den beiden Außen agierten als klassische Flügelläufer und waren in recht lineare Rollen eingebunden. Vor der Abwehr gab es mit Katanec einen tiefen, zentralen Mittelfeldakteur, der im Aufbau in der Regel die erste Option war. Zusätzlich kippte der linke Achter Susic (dessen Rolle man vielleicht auch als linken Sechser interpretieren könnte) in dieser Phase des Spiels auch häufiger in den tiefen linken Halbraum oder zum Flügel, um sich dort Bälle zu holen und das Spiel anschließend über Dribblings oder Zuspiele nach vorne zur Mitte zu tragen. Ähnlich, wenn auch deutlich höher, agierte Superstar Stojkovic auf der rechten Seite (dessen Rolle man vielleicht auch als Zehner interpretieren könnte). Er nutzte häufig Dribblings. Im Sturmzentrum hatten die Jugoslawen mit Vujovic und Savicevic zwei recht klassische Spieler für die letzte Linie mit hoher Qualität im ballsichernden, direkten Duell. Während Savicevic sich auf die halbrechte Seite und das Sturmzentrum beschränkte, rückte Vujovic häufiger auf den gegenüberliegenden Flügel, um dort Anspiele in die letzte Linie zu verarbeiten.

Spiel in die Breite und Flügelfokus bei der deutschen Nationalmannschaft

Aufstellungen und Offensivmuster der beiden Mannschaften

Auch Deutschland agierte sowohl im Spiel mit Ball als auch im Spiel gegen den Ball im Wesentlichen aus einer 3-5-2-Grundordnung (wie im Rest des Turniers auch). Während Buchwald und Berthold sich an den beiden Stürmern der Jugoslawen orientierten, war Klaus Augenthaler der freie Mann in der Abwehr. Als Libero rückte er im Spiel mit Ball häufiger mit ins Mittelfeld oder noch weiter nach vorne auf. Auf der rechten Außenbahn war Flügelspieler Reuter häufig nicht so stark in die Defensivarbeit eingebunden wie Brehme auf der anderen Seite.

Im offensiven Umschaltmoment suchten die Deutschen schnell die relativ hoch und in ihrer Spielweise simpel und direkte Duelle forcierend agierenden Stürmer Völler und Klinsmann, die entweder direkt durchbrechen oder den Ball für nachrückende Akteure behaupten sollten. Im Spiel mit Ball nutzte man hingegen häufig vertikale Vorstöße nach kurzer Ballzirkulation auf den Flügel und zur Mitte zurück oder brach direkt am Flügel durch. Auf der rechten Seite gab es dabei mit Reuter einen Akteur auf der Außenbahn, der vom rechten Achter Thomas Häßler viel Unterstützung erhielt, während Berthold in die Halbspur gerückt agierte. Auf links gab es mit Brehme wiederum einen sehr breit agierenden Spieler, wohingegen Bein sich zumeist vertikal im Halbraum bewegte und viel nach vorne rückte. Der tiefste Mittelfeldspieler war der damals 29 Jahre alte Lothar Matthäus.

Lothar Matthäus: Der Ballverteiler aus dem Rückraum

Waren Häßler und Bein in Rollen eingebunden, aus denen sie häufig nach vorne stoßen konnten, bildete der häufig relativ tief agierende Lothar Matthäus das Herz der Ballzirkulation im Übergangsspiel und wurde bei seinen Aufgaben häufiger vom aufrückenden Augenthaler unterstützt. Dabei fungierte Matthäus zunächst als Verbindungsspieler aus dem Aufbau- ins Übergangsspiel und im späteren Verlauf der Angriffe als Akteur, über den man das Spiel wieder an die Mitte anbinden konnte. Nach Zuspielen ins Zentrum nutzte Matthäus kleinere Räume geschickt, um diese anzudribbeln oder den Ball mit dem ersten Kontakt dorthin mizunehmen und aus diesen Dribblings tiefe Vertikalbälle zu spielen. Dabei war die Gewichtung horizontaler Verlagerungsbälle und von Anspielen in die Spitze passend abgestimmt. Auffällig war vor allem die große durchschnittliche Passdistanz, die Matthäus mit seinen Zuspielen zu überbrücken vermochte.

Ergaben sich Möglichkeiten nach vorne aufzurücken oder war Augenthaler auf die Position von Matthäus gerückt, schob der Rekordnationalspieler situativ auch weiter nach vorne, um sich auf Lücke und im Rücken der jugoslawischen Mittelfeldspieler anzubieten. In einer ähnlichen Situation hatte das Führungstor der Deutschen durch Lothar Matthäus seinen Ursprung.

Matthäus rückt das erste Mal mit nach vorne auf und löst ein direktes Duell mit Gegner im Rücken sicher auf, bevor er zur Führung für Deutschland trifft.

Lothar Matthäus: der Balancegeber für den defensiven Umschaltmoment und im Spiel gegen den Ball

Aufgrund seiner Rolle im Spiel mit Ball nahm Matthäus im defensiven Umschaltmoment eine ähnliche Rolle ein wie sie heute Sergio Busquets beim FC Barcelona innehat. Als in der Regel erster Spieler, der Zugriff auf den Gegner herstellen konnte, gab er die Marschroute für den defensiven Umschaltmoment vor.

Darüber hinaus kam ihm im Spiel gegen den Ball auf der halblinken Seite und im Zentrum die Aufgabe zu Jugoslawiens dribbelstarken Starspieler Dragan Stojkovic aus dem Spiel zu nehmen. Matthäus verhielt sich dabei extrem griffig im direkten Duell, weil er Stojkovic häufig nur stellte und ihm durch seine Positionierung Lauf- und Passwege auf die Außen anbot. Matthäus berücksichtigte damit bereits damals Lucien Favres Credo, das da lautet: Wer keinen Zweikampf verlieren will, darf nicht in den Zweikampf gehen. Situativ rückte er aber auch aus dem Zentrum zum Flügel, um Stojkovic zu verteidigen, wobei er dies nicht kopflos tat, sondern nur dann, wenn das Zentrum nicht bespielbar war.

Lothar Matthäus: der Dribbler

Neben der hohen Vertikalität im Passspiel und der intelligeten Spielweise in der Defensive waren es vor allem der erste Kontakt und die kurzen ballsichernden oder Anbindung an die Offensive schaffenden Dribblings, die Matthäus immer wieder geschickt einsetzte. Weil die Dribblings dabei in der Regel meist in den Raum gingen – und damit weg vom Gegner – hatte man nie das Gefühl, dass Matthäus in diesen Situtionen wirklich einmal den Ball verlieren hätte können. In diesen Kontext ist schließlich das zweite Tor des Kapitäns zu stellen, dem ein Dribbling vorausgegangen war, dessen Beginn noch in der eigenen Hälfte verortet werden konnte.

Matthäus Dribbling und der Abschluss beim zweiten Treffer des deutschen Kapitäns.

Fazit

Die starke Leistung von Lothar Matthäus im Spiel gegen Jugoslawien offenbarte dessen herausragende Qualitäten im Passspiel, der Ballverarbeitung mit dem ersten Kontakt, im ballsichernden, raumgreifenden und gegnerschlagenden Dribbling sowie beim Torabschluss. In diesem Sinne ist Lothar Matthäus ein sehr gutes Beispiel für einen in erster Linie hervorragend ausgebildeten Techniker, der aufgrund dieser Basis zum Weltfußballer werden konnte.

JSA 11. Dezember 2018 um 09:50

„durch seine nonchalante selbstironische Art“ – irgendwie erinnert er mich (und das fällt mir gerade erst ein) ein wenig an Harald Schmidt

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fluxkompensator 6. Dezember 2018 um 10:54

War Loddar schon ein Box-to-Box-Spieler? Vom Fähigkeitenprofil passt das ja.

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Koom 6. Dezember 2018 um 11:56

Bis er zum Libero wurde, dürfte er am ehesten ein Box-To-Box-Spieler gewesen sein. Als Libero war er dann mehr wie Xabi Alonso unterwegs, also eher situativ eingreifend/abräumend, sehr spielaufbauend.

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JSA 6. Dezember 2018 um 13:57

Gibt es hier einen Artikel zum Libero? Hab bei Youtube keine Videos dazu gefunden…

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tobit 6. Dezember 2018 um 15:58

Libero allgemein oder Matthäus im speziellen?
Allgemein gibt es was im Taktiklexikon.

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CHR4 6. Dezember 2018 um 04:39

Vielen Dank! Ich erinnere mich noch an die Vorstellung der Teams in der Newsweek: „Lothar Matthäus: powerful Field General – the motor that drives the Teutonic Tanks …“

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Koom 6. Dezember 2018 um 09:25

Lothar Matthäus war ohne Zweifel ein Hammer-Fußballer. Und so ein bisserl für mich auch immer der Beweis, dass wir mit unseren Legenden eher schlecht umgehen können. Sicherlich war und ist Matthäus ein Dampfplauderer, aber das eint viele große Sportler (und andere Stars). Ich empfinde immer, dass deren undiskutierbar sportliche Legende durch das Tagesgeschehen, wo eben Skandale oder Dampfplauderei stark überhöht werden, immer in den Hintergrund rückt.

Oder anders gesagt: Wenn wir alle unsere Legenden gerade medial so behandeln könnten wie Beckenbauer (der halt die Aura des No-Fucks-to-Give hat), fände ich das schon toll. Stattdessen werden unsere Matthäuse, Beckers & Co. immer nur seltsam belächelt.

Back to topic: Matthäus war der Hammer. Selbst als alternder Libero fand ich ihn noch sehr eindrucksvoll.

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savona 6. Dezember 2018 um 12:03

Die sportlichen Verdienste von Leuten wie Matthäus oder Becker sind ja unbestritten. Wenn sie sich später darauf beschränken würden, mit ihrer sportlichen Expertise die Öffentlichkeit zu beglücken, sähe es um ihr Image mutmaßlich besser aus. Für diese These fallen mir diverse Beispiele ein, Steffi Graf ist ein augenfälliges aus dem Tennis; aber auch Oliver Kahn hat sich nach privaten Eskapaden gegen Ende seiner Sportlerkarriere ausschließlich als – nach Anlaufschwierigkeiten – recht seriöser Fußballexperte einen Namen gemacht.

Becker und Matthäus hingegen haben durch exzessive Ausbreitung von Privatem und die fatale Neigung, sich zu allem und jedem äußern zu wollen (besonders Becker) selbst in hohem Maße zu diesem unvorteilhaften Bild beigetragen. Dass der Umgang mit ihnen nicht immer fair ist, stimmt natürlich. Auch Politiker hatten z.B. schon Anlass, ihr Geturtel mit dem Boulevard zu bereuen (Schätzung, Wulff).

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savona 6. Dezember 2018 um 12:03

Scharping

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tobit 6. Dezember 2018 um 18:23

Beckenbauer stand lange nochmal auf einer ganz anderen Legendenstufe als Matthäus oder Becker. Mittlerweile ist er öffentlich schlicht nicht mehr existent. Wenn er es wäre, würde es ihm aber kaum besser ergehen als Matthäus oder Becker, da wäre wohl belächeln noch die schönste Alternative für ihn.

Die haben sich ihr Image alle selbst zuzuschreiben. Wer meint, sein Privatleben öffentlich ausbreiten zu müssen und zu allem eine mehr oder weniger (eher letzteres) qualifizierte Meinung zu haben, der wird halt dafür beurteilt. Auch in der eigentlichen Kernkompetenz konnte zumindest Loddar bisher nie wirklich überzeugen. Weder als Trainer, noch als Experte.

Kahn ist da finde ich ein sehr passendes Beispiel, wie man sein Image erfolgreich aufpoliert. An dem dürften sich gerne mehr Leute im Fussballmediengeschäft ein beispiel nehmen.

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Daniel 9. Dezember 2018 um 22:15

Seh ich nicht so. Ex-Spieler, die sich nach ihre Karriere aus der Öffentlichkeit mehr oder weniger zurückziehen, werden durchaus als Legenden anerkannt und gewürdigt (Steffi Graf, Max Schmeling, Gerd Müller, Uwe Seeler, Fritz Walter, gezwungenermaßen Michael Schumacher…). Wer nach dem Sportlerdasein eine „Karriere nach der Karriere“ beginnt wird halt irgendwann auch mit seiner aktuellen Tätigkeit identifiziert und nicht mehr primär mit der früheren Sportlerkarriere. Das ist nur natürlich. Ob dieses neue Image dann positiv oder negativ ist hängt davon ab, welche Rolle man für sich findet. Viele großartige Ex-Spieler haben heute einen sehr guten Ruf, der teilweise nur noch wenig mit ihrer Karriere als Sportler zu tun hat (Jupp Heynckes, Mathias Sammer, Karl-Heinz Rummenigge, Oliver Kahn…). Franz Beckenbauer kann man mit Matthäus und Becker überhaupt nicht vergleichen, weil er sich auch nach seiner aktiven Karriere große Verdienste um den deutschen Fußball erworben hat als Trainer und Funktionär: er führte Deutschland als Teamchef zum WM-Titel, Bayern zu Meisterschaft und UEFA-Pokal und wurde als Präsident auch CL-Sieger. Jetzt verwendet man seine Rolle bei der WM 2006, indem man moralische Maßstäbe der Mehrheitsgesellschaft des Jahres 2018 an eine WM-Bewerbung in den frühen 2000ern anlegt. Das Land wollte die WM und Beckenbauer hat sie geholt. Dafür hat er halt das getan, was man damals dafür machen musste (und wahrscheinlich auch heute dafür tun muss, was nur besser verschleiert wird).

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savona 9. Dezember 2018 um 23:53

Das kann man durchaus so sehen, finde ich. Wobei er insgesamt da jetzt auch keine sehr glückliche Figur gemacht hat und viele Fragen auch zur angeblich ehrenamtlichen Tätigkeit noch nicht abschließend geklärt sind. Jedenfalls kann man ihn nicht in einen Topf mit Matthäus & Co. werfen. Ich muss auch sagen, dass ich ihn schon lange nicht mehr medial wahrgenommen (und dabei auch nichts entbehrt) habe. Früher aber unterschied er sich sehr vorteilhaft von anderen Ex-Gurus durch seine nonchalante selbstironische Art.

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