Der Spieltag nach dem Neustart

Hauptsächlich in Details war in der Bundesliga unter den besonderen Umständen und nach langer Pause das Spiel anders. Wie stellten sich diese Feinheiten dar? Eine Betrachtung aus individual-, gruppen- und mannschaftstaktischer Perspektive.

Vorweg ein kleiner Disclaimer: Dieser Artikel beschreibt Feinheiten und Details, ohne die aktuelle Situation nach dem „Neustart“ der Saison überbewerten zu wollen. Die ungewohnten Wettkampfbedingungen in der Vorbereitung und im Stadion und die lange Wettkampfpause lassen das Spiel einerseits nicht unbemittelt, andererseits bestimmen sie es nicht, vor allem nicht in seiner Grundfunktion. Einige Dinge sind momentan anders auf dem Platz und werden anders beeinflusst, viele aber auch nicht. Von außen lässt sich nicht immer in allen Fällen und auf allen Ebenen vollständig einschätzen und nachvollziehen, wie weit sich die Situation bis in letzter Instanz auf die Mannschaften auswirkt.

Wenn der Artikel manche Veränderungen und Differenzierungen beschreibt, rückt er diese in den Fokus der Betrachtungsweise, setzt sie damit in ihrer qualitativen Bedeutung jedoch nicht absolut. Insgesamt erscheint es gebührend, sich diesen Einflüssen zu einem frühen Zeitpunkt nach dem Neustart zu widmen und sie danach gar nicht mehr zu ausführlich an jeder Stelle hervorzuheben, sondern sie als (temporär) geltende Bedingungen vorauszusetzen und dem Spiel als dem Spiel in der aktuellen Lage gewissermaßen sein eigenes Recht zu lassen. Zumal ist ohnehin davon auszugehen, dass sich die meisten Kleinigkeiten schon bald abschwächen respektive zwischen den Mannschaften angleichen bzw. nivellieren dürften.

Individualtaktisch

Insgesamt entsteht nach dem ersten Spieltag nach längerer Zeit der Eindruck, dass die Bundesliga-Spieler sich grundsätzlich schnell auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt haben. Für die große Mehrheit der Palette an typischen Aktionen sind alte Gewohnheiten und Erfahrungen nicht verloren gegangen, auch in Feinheiten wie Körperdrehungen in bestimmten Situationen. Die Einschätzung von Dynamiken und von Abständen stellt sich im Wettkampf schnell ein, auch wenn zwischendurch einzelne schwächere Momente aufgetreten sein mögen.

An dieser Stelle gab es allein bei schnellen Dynamikwechseln innerhalb von Aktionsfolgen gelegentlich mal klarere Nachlässigkeiten. In Situationen, in denen sich ein Spieler in kurzen Zeitabständen mehrmals schnell hintereinander orientieren muss, konnte es vorkommen, dass die begleitende Ballführung nicht ganz so automatisiert und flüssig mitlief, sondern kurzzeitig „abbrach“, den betreffenden Spieler dadurch schließlich selbst etwas überraschte und am ehesten dadurch erst in wirklichen Improvisationszwang brachte. Das zeigte sich etwa im Derby zwischen Dortmund und Schalke beim hohen Ballverlust vor dem Konter zum 3:0. Es konnte aber auch in wesentlich tieferen Zonen bei defensiven Mittelfeldspielern passieren, so in sich zunächst andeutenden und dann zwischenzeitlich gebremsten gegnerischen Gegenpressinginitiativen.

Selbst die Wahrnehmung von Weite und Tiefe in Stadien ohne Zuschauerbesetzung macht bisher kaum Schwierigkeiten. Teilweise wirkt die räumliche Orientierung beispielsweise in und an Zwischenräumen sogar etwas klarer und zielstrebiger. Trotz der langen Wettkampfpause bewegen sich viele Spieler gut in potentielle Passkanäle oder dribbeln sauber an, bei weitem nicht nur beim Tor von Pierre Kunde für Mainz gegen Köln. Das könnte an dem verstärkten Kleingruppentraining liegen, vielleicht von jener veränderten räumlichen Wahrnehmungsdimension in den leeren Stadien sogar gefördert. Gerade bei eigenem Ballbesitz scheint die aktive Orientierung in den Raum aber vom gegnerischen Ansatz mit abzuhängen: Hauptsächlich wurde Freiraum innerhalb einer gleichförmigen, sauberen Kompaktheit überdurchschnittlich zielstrebig attackiert. Gegen Defensiven, die über flexibles, potentiell großräumiges Zulaufen von Räumen denn über Sauberkeit und Konstanz der Staffelungen funktionieren, ließ sich diese Auffälligkeit kaum festmachen.

Womöglich ist das einfach ein kurzfristiges Phänomen, als Nachwirkung des Pausenmodus: Die Spieler haben das 11gegen11 in dieser Form lange Zeit nicht praktiziert und auch nicht simuliert. Nun sind sie wieder mit bestimmten logischen Entscheidungen, die sich aus typischen Grundstrukturen ergeben (und im „Normalbetrieb“ im Zuge häufiger Wiederholungen sogar irgendwann gelegentlich auch übersehen werden), konfrontiert und erkennen die Situationen einerseits grundsätzlich unterbewusst schnell wieder, können andererseits kognitiv quasi wieder „unvoreingenommen“ und „elanvoller“ herangehen. Um es einfach zu formulieren, könnte man es als Folge von erhöhter Spielfreude nach bzw. durch Pause werten: Natürlich wirkt diese Spielfreude allgemein und nicht nur beim Anvisieren von Zwischenräumen, an der Stelle wird das nur recht sauber und simpel sichtbar.

Beim Passspiel wäre es möglich, dass die fehlende Zuschauer-Atmosphäre die strategische Entscheidungsfindung beeinflusst: Quantitativ wird minimal ruhiger und geduldiger gespielt und vor allem aufgebaut. Es gibt zudem mehr rationale Zuspiele in ballnahe Zwischenräume als sonst, in denen sonst die Geräuschkulisse von den Rängen unterbewusst die Neigung zu einer ambitionierteren Aktion verstärken oder im Anschluss an einen vorigen Beschleunigungsmoment beispielsweise leichte Hektik auslösen kann. Tendenziell scheint sich Letzteres gerade bei ohnehin guten und überlegten Passgebern aus Mannschaften mit normalerweise hohen Ballbesitzanteilen bemerkbar zu machen, bei denen gewissermaßen die seltenen schwächeren Momente noch geringer werden.

Gruppentaktisch

Insgesamt dürfte es eher so sein, dass sich Kleinigkeiten, die zuvor kaschiert wurden, an manchen Stellen stärker bemerkbar machen, als dass sie sich wirklich neu aus den veränderten Bedingungen heraus erst ergeben würden.

Das kann man auch im gruppentaktischen Bereich verfolgen: Generell deutete sich an diesem ersten Spieltag nach der Pause an, dass die ohnehin auf (klein-)gruppentaktischer Ebene starken Mannschaften gut zurechtkommen und von dieser Qualität noch ein wenig mehr zehren konnten als sonst. Der geringere Anteil an größeren Gruppeneinheiten, vor allem aber die geringe mannschaftstaktische Praxis dürften daran beteiligt sein. Insgesamt präsentierte sich auf einigen Plätzen das feine Bewegungsspiel speziell innerhalb kollektiver Aufrückmomente und -dynamiken als bereits überraschend hochklassig. Auch entwickelte sich bei mehreren Mannschaften ein gutes Gespür, wie sich man sich in unmittelbaren Ballumgebungen als Spielergruppe zueinander positionieren sollte.
Das viel diskutierte Thema Abstände kann man auch aus der sportlichen Perspektive bemühen. Gutes gruppentaktisches Gefühl gab es bei mehreren Teams auch in der Frage, welche Abstände innerhalb von situativen gruppentaktischen Strukturen etwa im Vorwärtsspiel effektiv eingenommen werden müssten: So weit wie möglich vom akuten gegnerischen Zugriffsradius entfernt zu sein und gleichzeitig so „hoch“ wie möglich und so nah wie möglich im Umkreis von Verteidigern zu bleiben, um sie zu beschäftigen und ihre Aufmerksamkeit zu binden. Solche Abwägungen geschehen intuitiv innerhalb von Sekundenbruchteilen – und gelangen einigen Teams ähnlich stark, wie es sie bereits in vorigen Phasen der Saison ausgezeichnet hatte. Das galt nicht nur für die Dortmunder Borussia.

Mannschaftstaktisch

Beim Spiel zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg gab es enorm hohe Laufleistungen und Sprintwerte, die sich insgesamt in den meisten Begegnungen zumindest nicht auf unterdurchschnittlichem Niveau bewegten. Zwar erlebten fast alle Partien zurückhaltende Anfangsphasen, in denen kurze Gewöhnungsmomente mit integriert schienen, aber letztlich nur kleine Verlängerungen von Ballbesitzphasen stattfanden. In der zweiten Liga gab es etwa beim Aufritt von Arminia Bielefeld gegen den Derbyrivalen aus Osnabrück ein ähnliches Bild häufiger tiefer Zirkulation, die man jedoch in dieser Art häufig vom aktuellen Tabellenführer sieht: Die genaue Umsetzung in Rhythmus und Entscheidungsfindung – nur mit minimalen Abstrichen in der Intensität – unterschied sich nicht grundlegend vom sonstigen Stil.

Nicht alle Mannschaften vollzogen eine ganz klassische Abtastphase, beispielsweise streute Hoffenheim gegen Hertha auch früh schon mehrmals lange Bälle oder weite Diagonalverlagerungen ein. Insgesamt ergaben sich auf der mannschaftstaktischen Ebene mit am wenigsten Besonderheiten des Geschehens oder Abweichungen in den Spielweisen. Dass es strategisch in den Anfangsphasen weniger hohe Pressingphasen gab, könnte schon am nächsten oder übernächsten Spieltag fast vorbei sein und hätte sich dann nur temporär und minimal ausgewirkt. Unter anderem gehörte Schalke zu denjenigen, die etwas weiter vorne zuzustellen versuchten.

Im Falle von Königsblau ging das Pressing bei der deutlichen Niederlage im Revierderby nicht wirklich auf, jedoch weniger aufgrund fehlender Intensität bzw. fehlender Grundlagen für Intensität. Am ehesten könnte das Thema der Praxis nach der Wettkampfpause die Umsetzung beeinflusst haben und zeigte sich demgegenüber sowohl im frühen Zustellen als auch im höheren Mittelfeldpressing. Von den Staffelungen her war Schalkes Vorgehen strukturell gar nicht so schlecht, insbesondere in der zweiten Halbzeit. Zunächst fehlte eher das Timing für das Vorrücken und die Entscheidungsfindung und die Selbstverständlichkeit in der gegenseitigen Orientierung aneinander, so dass der Pressingübergang teilweise ins Leere lief.

Das wurde gegen eine Mannschaft wie die aktuellen Dortmunder einfach unangenehm – gerade gegen ein Team mit guten Auftaktbewegungen, mit einem Aufbauspieler wie Hummels und in diesem Fall mit einrückenden Bewegungen von Guerreiro als einfachem Trigger für raumöffnende Übergänge auf Brandt und dann in die Zirkulation. Die generelle Spielqualität des Derbys – trotz der Leistungsunterschiede und der Klarheit des Ergebnisses – war nur eines von mehreren – beispielsweise neben den ansehnlichen Leipziger Offensivmomenten – Beispielen, dass es selbst nach mehrwöchiger Pause und nicht reibungsloser Vorbereitung sofort wieder ganz gutes Gekicke geben kann.

Fazit

Die letzten Wochen ohne Spielbetrieb haben am ersten Spieltag nach dem Neustart eine etwas andere Bundesliga hervorgebracht – es gibt auf dem Platz einige kleinere, aber insgesamt nicht wirklich als gravierend zu bezeichnende Veränderungen. Das Grundniveau blieb insgesamt in den meisten Bereichen erhalten. Strategisch agierten die Teams etwas zurückhaltender, so dass der Anteil des frühen Zustellens zunächst leicht zurückging. Ansonsten scheinen die Änderungen auf der mannschaftstaktischen Ebene mit am geringsten zu sein, abgesehen von den verschiedenen kleinen Nebenwirkungen fehlender bzw. geringer Praxis zu sein, die aber für alle Ebenen gelten kann

Bei Orientierung, Wahrnehmung und Dynamikeinschätzung gibt es einige veränderte Akzente, aber keine wirkliche Verschlechterung im Gesamtbild. Einzelne koordinative Aktionsmuster – in der Orientierung am Ball – in schnellen Momenten gehören zu den Ausnahmen. Demgegenüber wirkt das Andribbeln und Anspielen in klare, saubere Zwischenräume mitunter sogar rationaler, womöglich beeinflusst durch die fehlende Stadionlautstärke. Gruppentaktisch spielstarke Teams konnten dieses Potential am ersten Spieltag nach dem Neustart zumeist gut einbringen. Insgesamt deutet sich bei manchen spielerisch gelungenen Aktionen – ob besonders überraschender oder besonders „logischer“ Art – an, dass nach der Zwangspause neue „Anreize“ fußballerisch entstehen können.

studdi 25. Mai 2020 um 09:33

Ein Spieler von Kaiserslautern hat am Wochenende in einem Interview gemeint das es auch Spieler gibt die Absichtlich manchmal etwas „Überreagieren“ um die Fans mitzunehmen bzw. wenn Fans da sind extra bestimmte Aktionen machen um gut bei den Fans anzukommen. Das könnte auch dazu beitragen.
Also ich persönlich finde was die Fairness betrifft etc. das der Fußball momentan viel ansehnlicher ist als vorher mit Fans. Habe aber auch erst 4 Spiele in voller Länge gesehen…

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Koom 19. Mai 2020 um 09:30

Danke für den Artikel. Interessant auf jeden Fall. Kann mir vorstellen, dass das gemeingesellschaftliche Abstand halten durchaus für etwas Konfusion sorgen kann. Wenn man neuerdings 24/7 konditioniert wird, 1,50m Abstand zu halten, dann kann das auf dem Fußballfeld (wo man das eher nicht tun soll) kontraproduktiv wirken.

Letztlich ist natürlich die bisherige Probe mit einem Spieltag natürlich zu dünn um etwas für die restlichen Spiele abzuleiten. Und auch Spielverläufe (frühe Tore) verändern statistische Werte wesentlich mehr als 200 brüllende Fans auf der Tribüne. Trotzdem wird auch letzteres eine Rolle spielen und bestimmte Dinge „rationaler“ vermutlich werden. Gefühlt hätte ich gesagt, dass man etwas weniger auf Schwalbe gegangen ist und eher mal eine Situation, selbst im Strafraum, durchgezogen hat. Aber auch das ist sehr hypothetisch und schwer zu beweisen.

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studdi 19. Mai 2020 um 11:20

Im Bezug auf die Schwalben kann ich mir auch vorstellen das die Mannschaften neben der fehlenden Fans, durch die Pause, auch emotional noch nicht so ganz in der Saison drin sind. Rudelbildungen blieben ja auch komplett aus ( ist ja auch so vorgegeben).
Wenn es in den nächsten Wochen wieder etwas bewusster wird, das es um Abstieg etc. geht könnte sich da denke ich schon was ändern. So hatte es doch schon etwas von 1. Saisonspieltag oder sogar Testspiel, weil auch jeder natürlich versucht hat sich an gewisse Vorgaben zu halten.

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CHR4 21. Mai 2020 um 01:49

weniger Schwalben waren auch mein Eindruck, also bei Kooms Gefühl mal +1

fehlende Fans und kühlere Stimmung kamen mir da auch in den Sinn,
mir ist aber auch noch im Ohr, dass die Schiedsrichter jetzt zusätzlich akustisch die Fouls beurteilen können, was im lauten vollen Stadion nicht mehr möglich ist – eine Schwalbe wäre daher auch ohne Videobeweis noch leichter zu enttarnen

übrigens ist das jetzt die ideale Situation für den Videobeweis:
– keine Fans im Stadion, die „informiert werden müssen“ – Stimmung eh nahe Null, also auch kein Stimmungskiller …

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