Letztlich die passende Konstellation

1:3

Nürnbergs 4-3-3 mit engen Stürmern und breitem Mittelfeld macht Hoffenheims Spiel zäh. Die Gäste versuchen viel und finden schließlich die zwei entscheidenden Räume.

Zwei Teams mit zuletzt eher negativen Erlebnissen im direkten Duell: Nürnberg setzte nach der schon zweiten hohen Auswärtspleite der Saison wieder auf den Heimeffekt, die Gäste standen angesichts der bisher durchwachsenen Ergebnisse ein Stück weit unter Zugzwang.

Enge Pressinglinie, breiteres Mittelfeld

Es dauerte eine Weile, bis Hoffenheim das passende Rezept beim Gastspiel in Nürnberg gefunden hatte und nicht zuletzt auch Julian Nagelsmanns Anpassungen letztlich in einen Auswärtssieg mündeten. Seine Kraichgauer mussten sich mit einem speziellen 4-3-3 vom Aufsteiger und deren Trainer Michael Köllner auseinandersetzen: Die Stürmer verteidigten vorne in der ersten Reihe sehr eng, das Mittelfeld dahinter wesentlich breiter. Ein Ziel dieser Ausrichtung dürfte es gewesen sein, nicht nur Präsenz gegen die drei Hoffenheimer Aufbauspieler zu haben, sondern mit einem kompakten Zentrumsblock deren zentralen, Verbindungen haltenden Sechser zuzustellen.

Grundformationen erste Halbzeit

So konzentrierten sich die beiden nominellen Außenstürmer zunächst stark auf diesen Raum und rückten hauptsächlich von „hinten“ in etwaige Pressingsituationen nach. Ihre dichte Anordnung in der Horizontalen behielten sie auch bei anschließenden Wegen zum Flügel bei: Oft orientierte sich der ballfernere Akteur weiterhin an Grillitsch, vor allem Misidjan rückte dabei aber weit mit in die Kompaktheit der entsprechenden Seite heran und kreuzte dafür häufiger auch hinter Ishak weiter zum Ball. Gegen jene enge Ausgangsstaffelung des Nürnberger Pressings wählte Hoffenheim zunächst einmal den Weg über die Flügel. Wenn Kaderabek bzw. Schulz das Leder erhielten, war dann die Schlüsselfrage, wie die Gäste die Anschlussoptionen würden gestalten können.

Bei Nürnberg konnten die Achter aus einer breiteren Grundposition starten und so recht gut auf die beiden gegnerischen Flügelverteidiger herausrücken. Jene Ausrichtung war womöglich eigentlich auch dazu gedacht, etwaige Ausweichbewegungen von den offensiv besetzten Achterpostionen auf die Flügel kontrollieren zu können. Vom Prinzip her ging das nicht so schlecht auf, wenngleich in der Realisierung etwas anders, da Hoffenheim häufig nicht in ihrer typischen 3-1-4-2-haften Struktur agierte, sondern von der Rollenverteilung eher mit zwei Mittelfeld- und drei Offensivspielern – ein Nebeneffekt ihrer Pressingaktionen, die sie oft in einem Dreiersturm angingen.

Unterzahl in den Zwischenbereichen

Wenn nun also der Nürnberger Achter gegen den Flügelläufer der TSG herausrückte, konnte er deren jeweils ballnächsten Offensivakteur noch in seiner unmittelbaren Nähe im Deckungsschatten halten, zumal dieser von Petrák als zentralem Mann aufgenommen wurde. Durch dessen weiträumiges Nachschieben zum Ball befand sich die erste diagonale Anspielstation der Hoffenheimer häufig in der Zange. Der dritte Mittelfeldakteur hielt sich dafür etwas breiter und erschwerte direkte Verlagerungen in den ballfernen Halbraum, wo sich links etwa Kramaric einige Male anzubieten versuchte.

Gegen das ballnahe Zurückschieben aus dem engen Nürnberger Angriffsdreieck fand Hoffenheim in diesen Situationen mit ihrer leicht veränderten Spielerverteilung nicht die Ruhe, um das Leder sauber zentral in die Zwischenräume durchzubringen, wo sie manches Mal schon noch Präsenz gehabt hätten. Die Unterstützungsbewegungen der Mittelfeldakteure für die Flügelläufer kamen etwas zu inkonstant, allerdings war dies auch ein schmaler Grat, diesen nicht die Räume zuzulaufen. Wenn Demirbay sich rechts aktiv anbot, konnte Nürnberg mit Petrák herausrücken und mit Palacios bzw. Misidjan zurückpressen.

In diesen Unterzahlsituationen war auch der ballnahe Offensivmann oft zugedeckt, die Hoffenheimer hätten aber beispielsweise noch Positionierungen von zwei der drei Angriffsspieler gemeinsam im ballfernen Halbraum häufiger fokussieren können. Im Grunde genommen ließ der „Club“ die Gäste zunächst über außen kommen, stellte dann aber zwei Spieler gegen die erste Anspielstation im Halbraum und zwei gegen jene im defensiven Mittelfeld. Gegen die drei ballnahen dieser vier Akteure plus den Flügelläufer bekam die TSG letztlich oft nur drei Spieler in die kleinräumigen, lokalen Szenen und musste viel horizontal zirkulieren.

Versuche und Umstellungen

Die Gäste versuchten aber einiges: Zwischenzeitlich dribbelten die Halbverteidiger mehr an, mal fokussierten sie nach Ablagen attackierende Steilpässe auf Kaderabek, mal spielten sie frühere Risikopässe in den gegnerischen Zentrumsblock hinein, speziell auf Demirbay im rechten Halbraum. Es fehlte den Hoffenheimern – schon im ersten Durchgang – auch nicht so viel: Unsauberkeiten in kleinen Details machten öfters den entscheidenden Unterschied aus, während die Nürnberger ihre Spielweise noch konsequenter umsetzten. So bildeten die kleinen Veränderungen, die Nagelsmann zur Pause vornahm, als solche insgesamt keinen kompletten „Gamechanger“, doch schon eine gewisse Gewichtsverschiebung genügte in dieser knappen Gemengelage, dass sich eine deutlich merkbare Dominanzsituation einstellte.

Bereits im letzten Teil des ersten Durchgangs hatte es kürzere 3-1-4-2-Phasen gegeben. Formativ kehrte bei den Gästen nun endgültig die gewohnte Struktur mit zwei vorwärts orientierten Achtern hinter zwei Stürmern zurück. Mit Demirbay dahinter als dem zentralen Sechser ergab sich nun überhaupt eine offensive Gesamtbesetzung, auch personell. Die hohen Positionen der beiden vorderen Mittelfeldspieler bewirkten etwas: Sie konnten die Nürnberger Achter und/oder Außenverteidiger weiter zurückschieben, teilweise ließen sie sich dann im Laufe von Aktionen wieder fallen und kreuzten mit einem ausweichenden Stürmer.

Horizontale Dribblings und kreuzende Bewegungsmuster

Da sich zusätzlich die Gastgeber ohnehin etwas zurückzogen und vorsichtiger agieren zu wollen schienen, also nicht mehr alle Wege zum Flügel mitgehen wollten bzw. konnten, reichte das dafür, dass Hoffenheim am Flügel etwas mehr Platz hatte. Schon hieraus konnten sich entscheidende Auswirkungen ergeben, auch wenn die Unterschiede insgesamt nicht enorm waren. Die neuen Möglichkeiten nutzte Hoffenheim recht gezielt mit einigen spezifischen Eckpunkten, insbesondere von der nun fokussierten linken Seite aus: Nico Schulz startete dort vermehrt diagonale bzw. horizontale Dribblings, bevor Nürnberg aus der Mittelfeld- oder der zurückfallenden Sturmreihe in Zugriffsreichweite kommen konnte.

Das ermöglichte es, in die Formation der Gastgeber hineinzuschneiden und das Spiel in den ballfernen Halbraum weiterzutragen. Teilweise wurden diese Aktionen auch mit aggressiven Nachstößen von Demirbay in jenen Zonen verbunden, um den Sechser auf diese Weise in die Aktionen zu integrieren und zusätzliches Personal nach vorne zu bringen. Zudem erhielt Nico Schulz durch den etwas geringeren Gegnerdruck die Möglichkeit, diagonale Pässe zwischen die Linien besser vorzubereiten. Im offensiven Bewegungsspiel fokussierte sich Hoffenheim zusehends auf die ballnahe Schnittstelle zwischen Valentini und Mühl:

Wenn Behrens langsam aus der Formation auf den ballführenden Hoffenheimer Flügelspieler herausrückte, orientierte sich der Rechtsverteidiger letztlich irgendwann hinterher, doch in dieser Konstellation gab es normalerweise nicht mehr die Chance, in Pressingübergänge zu kommen. Daher musste der ballnahe Anschlussraum nicht so kompakt geschlossen werden, wie im eigentlichen Standard-Ablauf vorgesehen. Nun kam es ohne den entsprechenden klaren Druckaufbau eher dazu, dass die geöffneten Räume im Rücken anspielbar wurden. In ihren typischen Rochaden bewegten sich die Hoffenheimer Angriffsspieler gut in jene Lücken. Wenn Joelinton beispielsweise für das Zusammenspiel mit Kramaric oder Nelson auswich, gab es nun mit Szalai weiterhin eine Anspielstation für Ablagen vorne.

Hoffenheim dominiert Halbzeit zwei

Ob nach einem solchen Muster oder im Anschluss an die Dribblings und Querpässe von Schulz: Letztlich wurden alle drei Hoffenheimer Tore in der zweiten Halbzeit von links eingeleitet, dann mit Angriffen sauber zwischen die Linien ins Zentrum weitergespielt und schließlich der Dynamikvorteil für Verlagerungen genutzt, die man im ersten Durchgang in dieser Aggressivität so nicht anzubringen vermocht hatte. Der ballferne Achter band jeweils mindestens den gegnerischen Außenverteidiger, Doppeltorschütze Nelson mit seiner guten Vorwärtsorientierung wurde zum Strafraum dann nicht passiv, sondern fügte daran konsequente Anschlussbewegungen an. Nun kam Nürnberg gegen die Flügelläufer in dieser Gemengelage trotz der breiteren Achter nicht mehr hinterher. In einer konstant passiveren Spielweise ging die Aufteilung in ihrem 4-3-3 weniger gut auf.

Insgesamt bestimmten die Hoffenheimer nach dem Seitenwechsel klar das Geschehen. Sie drückten Nürnberg nicht nur nach hinten, sondern konnten die Franken dort auch „halten“. In der dominanten Haltung hatten sie mit der klaren Besetzung der Sechserposition und den offensiven Achtern davor recht gute Präsenz im Rückraum, von denen der jeweils ballferne Akteur aus seiner aus der Formation gewichenen Startposition dann einrücken und auf Abpraller achten konnte. Gegen die Aggressivität der Flügelläufer und Achter, verteidigten bei Nürnberg nicht nur die Mittelfeldakteure flacher. Auch Palacios und Misidjan ließen sich teilweise in 4-1-4-1/4-5-1-artige Ansätze zurückfallen, zumindest etwas breiter. Hatten sie in der ersten Halbzeit noch einige Male offene Räume im Zentrum gefunden, kamen sie nun kaum mehr in Umschaltpositionen.

Ambivalentes Pressing im Dreiersturm

Im Laufe der Partie hatte Nagelsmann zudem schon in Pressingszenen die Verteidigungsarbeit seiner Mannschaft gelungen angepasst und auf diese Weise die Defensive gestärkt. Zu Beginn formierte sich die TSG gegen den Ball oft mit drei Spielern in der ersten Linie, die flexibel gegen die Viererkette der Gastgeber arbeiteten. Zur Ergänzung des Mittelfelds verließ anfangs Vogt die letzte Reihe und spielte knapp vor einer entstehenden Viererabwehr. Das geschah oft im Kontext der Nutzung langer Bälle seitens der Nürnberger auf Ishak als Zielspieler mit Behrens als direkt bis ganz vorne nachrückendem Ergänzungsakteur, deren Präsenz für zweite Bälle so vermutlich gekontert werden sollte.

Allerdings liefen die Gäste in diesem Zusammenhang manches Mal etwas zu früh an, so dass Nürnberg bei guten Staffelungen in der zweiten Reihe den einen oder anderen Abpraller festmachte. Probleme hatte Hoffenheim in dieser Konstellation dann, wenn sie doch wieder in einer Fünferkette mit tieferem Vogt verteidigten: Bei Nürnberg ließ sich Petrák häufig zentral zwischen die Innenverteidiger fallen, was seinem Team etwas Ruhe zur Vorbereitung der langen Bälle ermöglichte. In diesem Szenario stand Hoffenheim dann quasi mannorientiert über das Feld verteilt. Es konnte hinter dem Nachrückverhalten am Flügel gelegentlich passieren, dass sie lange Bälle schließlich im 3gegen3 gegen Nürnbergs Stürmer verteidigen mussten.

Beim – auch sehr ungeschickt verursachten – Elfmeter zum 1:0 ging eine solche Szenen voraus, in der Adams ohne Absicherung direkt ins Duell gegen Misidjan gehen musste. Wenn Nürnberg zweite Bälle festmachen konnte und sich so kürzere Ballbesitzmomente im Mittelfeld erarbeitete, wurden sie dagegen selten gefährlich. In der folgenden Zirkulation ließen sich die Achter oft sehr breit aus der Formation fallen, so dass das Hoffenheimer Zentrum recht komfortabel Überzahl nach hinten hatte. Manchmal wurden sie dadurch im unterstützenden Nachschieben zum Flügel nachlässig, so dass die Gastgeber dort in offenere 2gegen2-Szenen gegen Flügel- und Halbverteidiger kamen. Daraus ergaben sich einzelne Durchbrüche, die aber nicht auch noch die Strafraumverteidigung überwanden, zumal Nürnberg mit Behrens´ konsequentem Nachrücken zwar den Sechzehner gut besetzt hatte, aber den Rückraum nicht.

Gute Umsetzung des 3-1-4-2 gegen den Ball

Wie die Hoffenheimer ihr übliches 3-1-4-2 gegen den Ball nutzten, war nach der Pause insgesamt gut umgesetzt: Die beiden Stürmer bewegten sich grundsätzlich auf der Höhe von Petrák, rückten nicht zu weit darüber hinaus und stellten diesen erst einmal zu. Oft spielten die Nürnberger dagegen über den Außenverteidiger weiter, auf den Hoffenheim dann sehr aggressiv und weiträumig den ballnahen Achter ins Pressing gehen und diesen die druckvollen Aktionen übernehmen ließ. Die dahinter nachschiebenden anderen Mittelfeldspieler sorgten meist noch für genügend Präsenz im Zentrum, während direkt ballnah sogar noch der Flügelläufer hinter dem Achter stand.

In diesem Szenario mussten Nürnbergs Außenverteidiger insgesamt zu vielen langen Bällen greifen, oft den Flügel herunter. Doch die entsprechenden Ausweichbewegungen konnte Hoffenheim aus der nominellen Fünferkette heraus meist mit recht guter Absicherung beantworten. In den begrenzten Räumen auf der Außenbahn gelang es den Nürnbergern daher kaum mal, solche Zuspiele zu kontrollieren. So gingen bei den Gastgebern viele Bälle schnell verloren und dementsprechend auch einiges an Spielanteilen. Dementsprechend prägte die zweite Halbzeit ein klares Bild der Hoffenheimer Dominanz. Statistisch spiegelte sich das in 89 zu 310 Pässen von der 46. bis zur 85. Minute, in der die Gastgeber ihren ersten Abschlussversuch nach der Pause verbuchten.

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