Sandhausen mannorientiert sich an Bielsa und Union

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In einem absichtlich zähen Spiel gewinnt Sandhausen gegen den Aufstiegsaspiranten aus Berlin und festigt seinerseits die eigene Position in der Spitzengruppe.

Während Union lediglich personell rotierte, passte sich Sandhausen auch in der Formation an die Berliner an. Die Mannschaft von Kenan Kocak begann mit Dreierkette, zwei Sechsern, und Daghfous in einer Zwischenrolle hinter den zwei Stürmern Höler und – an Stelle des bisher gesetzten Wright – Sukuta-Pasu.

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Die Grundformationen: Sandhausens 3412 spiegelt das 433/4231 von Union


Bei Union kam Neuzugang Atsuto Uchida rechts in der Viererkette zu seinem ersten Einsatz, spielte statt Sebastian Polter der ausweichendere und kombinativere Philipp Hosiner im Sturmzentrum und musste Christoph Schösswendter in der Innenverteidigung den verletzten Toni Leistner ersetzen. Für das Trio im Mittelfeld versuchte Keller eine neue Besetzung mit Stephan Fürstner und Damir Kreilach als Doppelsechs und Marcel Hartel vor ihnen auf der 10. Während Fürstner im defensiven Mittelfeld meist mehr darauf bedacht ist, das Pressing abzusichern und auszubalancieren, ist Kreilach dynamischer und spielte bisher in dieser Saison wenn Fürstner zum Einsatz kam auf der offensiven Mittelfeldposition. An diesem Abend ersetzte er dagegen Felix Kroos, der angeschlagen im Kader fehlte. Auf den offensiven Außen bekam in der englischen Woche Simon Hedlund eine Pause, dort spielten so Steven Skrzybski und Akaki Gogia.

Sandhausens Plan ohne Ball, offensiv

Obwohl Unions Gegenpressing in dieser Saison nicht immer so effektiv, kollektiv und zwingend war wie in der vergangenen, verzichtete Sandhausen (nach einigen beinahe-folgenreichen Ballverlusten in der Anfangsphase) sehr konsequent auf Spielaufbau zwischen Dreierkette und zentralem Mittelfeld und spielte nach Ballgewinnen in der letzten Linie fast immer sehr schnell lange Bälle in die Spitze. Diese konnte Höler mit nach vorn gerichteten Ballmitnahmen direkter verarbeiten als Sukuta-Pasu, der es aber im Laufe des Spiels immer besser verstand, sich im Raum zwischen Innen- und Außenverteidiger anzubieten und sich so etwas mehr Raum für Ballannahmen zu verschaffen. Trotzdem kam Sandhausen (von einer Chance in den ersten Minuten, als Paqarada einen zweiten Ball gewinnen und Höler einsetzen konnte, abgesehen) kaum zu Chancen. Im gesamten Spiel spielte Sandhausen nur 5 Pässe aus dem Zehnerraum/Zone 14, keinen davon vertikal oder in den Strafraum.

Das lag vor allem daran, dass es Union recht gut gelang, die Stürmer der Gastgeber zu isolieren und am Zusammenspiel mit den Flügelverteidigern zu hindern. Die hatten strukturell die meisten Freiräume, da sich weder Unions offensive Außen bis zu ihnen fallen ließen, noch – in der ersten Halbzeit – die Außenverteidiger auf sie herausrückten.

Sandhausen war so in der ersten Halbzeit recht limitiert, auch, weil der individuell vielleicht gefährlichste Offensivspieler, Nejmeddin Daghfous, im offensiven Mittelfeld kaum eingebunden wurde.

Sandhausens Plan ohne Ball, defensiv

Besser funktionierte dagegen das defensive Konzept von Trainer Kenan Kocak, dessen Kernkomponente Mannorientierungen über den gesamten Platz waren. Die Dreierkette und das darauf aufbauende 3412 System erlaubten es, überall direkte Zuordnungen herzustellen – ein Ansatz, den Sandhausen bereits gegen Dresden verfolgte. Anders als Dresden verzichtete Union aber in den meisten seiner Aufbausituationen auf einen zurückfallenden Sechser. So konnten die Spitzen Sandhausen Unions Innenverteidiger anlaufen, während Daghfous sich am tieferen der beiden Sechser Unions orientierte. Das war überraschenderweise Kreilach (auch in einigen Pressingszenen). Was der Plan hinter dem Rollentausch des dynamischeren Kreilach und von Fürstner war, dessen Stärken darin liegen, sowohl mit seinen Annahmen als auch seiner Ballverteilung offene Räume zu finden, blieb offen.

Stattdessen kam keiner der beiden zu vielen guten Aktionen, nur in wenigen Ausnahmesituation konnten sich die drei Mittelfeldspieler der Köpenicker mit Rochaden untereinander aus den Mannorientierungen lösen, fanden dann aber auch nicht zu Kombinationen untereinander. Unions Trainer Jens Keller machte dafür nach dem Spiel verantwortlich, dass seine Mannschaft die „großen Räume vor der Abwehr [Sandhausens] nicht so angelaufen sind […] wie wir das trainiert haben.“

Kontraproduktiv war dagegen, dass sich Hartel immer wieder eher in der Spitze als im offensiven Mittelfeld aufhielt und auch die Außen Gogia und Skrzybski sich zunächst eher für Schnittstellenpässe in der letzten Linie anboten. Erst im Lauf des Spiels kehrten sie zu den Mustern der letzten Spiele zurück und positionierten sich tiefer in den Halbräumen, um sich Freiheiten neben Sandhausens Mannorientierugen zu schaffen. Skrzybski begann dabei übrigens, anders als zu erwarten war, links, tauschte aber schon nach acht bis zehn Minuten mit Gogia die Seiten. Letzterer, zu dieser Saison aus Dresden nach Köpenick gewechselt, wurde dabei am ehesten bei Union zu so etwas wie einem Aktivposten. Sandhausen beantwortete diese ausweichenden Bewegungen, in dem die Halbverteidiger weiter herausrückten um Gogia oder Skrzybski zu verfolgen. Zu so aggressiver Interpretation ihrer Rolle ist die Hintermannschaft der Badener ohnehin bereit, um im Pressing vertikale Kompaktheit zu bewahren.

Sandhausen gelang es so in der ersten Halbzeit insgesamt gut, die Verbindungen innerhalb des Union Mittelfeldes, zwischen Mittelfeld und der Offensivreihe sowie zwischen den Angreifern zu stören. Union kam mit deutlich mehr Ballbesitz zwar zu 24 Pässen aus Zone 14, von dort aber nur zwei Mal in den Strafraum. Selbst bei Unions bestem Angriff (nach 11 Minuten) bedurfte es eines sehr genauen Passes von Schönheim in der Spieleröffnung, die so nicht erfolgsstabil war, und etwas Glück in zwei Zweikämpfen für Uchida und Skrzybski, um Hartel frei zu spielen, der Hosiner in allerdings nicht idealer Position einsetzte.

Zweite Halbzeit: Union erst riskant, dann panisch

Mit dem Unentschieden und vor allem den eigenen Offensivbemühungen offensichtlich unzufrieden änderte Union zur zweiten Halbzeit seine Spielweise in einigen Details, die das defensive Risiko, das Jens Kellers Mannschaft einging, erhöhten. So rückten die Außenverteidiger, die mit Ball ohnehin schon weit – bis ins Angriffsdrittel – aufrückten, nun auch in der defensiven Grundordnung weiter heraus. Damit waren die Innenverteidiger öfter gegen Sukuta-Pasu und Höler isoliert, was nach gut 50 Minuten zu einem Elfmeter nach nicht gepfiffenem Foul des aushelfenden Hartel hätte führen können.

Die Führung für Sandhausen fiel weniger später dennoch, als Daghfous einen Ball umsichtig durchließ und Paqarada so frei zu einem Fernschuss kam, mit dem er zu einer durchaus verdienten Führung seiner Mannschaft traf.

Nach der Führung zog sich Sandhausen nicht insgesamt zurück – mittlerweile in einer klareren 523 Staffelung übten die Spitzen weiter Druck aus und erhielten mit ihrer hohen Positionierung die Gefahr bei Kontern aufrecht. Allerdings gaben die Sechser nun etwas mehr Raum in der Zentrale auf, verfolgten ihre Gegenspieler weniger und konzentrierten sich stattdessen darauf, den Raum vor der Abwehr zu sichern und Anspiele in die Spitze zu verhindern. Union fand dagegen keine Mittel, und vor allem Hosiner kaum mehr statt. Je weniger Zeit Union zur Verfügung stand, desto panischer wirkten die Versuche, die eigene Offensive ins Spiel zu bringen. Die Ungeduld in den Aktionen stieg dabei paradoxerweise gerade, wenn es einmal gelang, die inzwischen eingewechselten Hedlund oder Polter in Sandhausens engen Zwischenlinienräumen anzuspielen. So war ein druckloser Kopfball von Polter aus einer Halbfeldflanke Unions bester Abschluss.

Fazit

Sandhausen erarbeitet sich mit einer disziplinierten Leistung und vielen Mannorientierungen einen verdienten Sieg, während Union ohne Gelegenheiten zum Gegenpressing ein Spielmacher fehlt.

vgwort

kalleleo 21. September 2017 um 13:10

Ich habe leider diese Saison nicht die Gelegenheit, oft Spiele in der zweiten Liga zu verfolgen. Habt ihr generell den Eindruck, dass es Mannschaften hinbekommen relativ konstant bestimmte Spielweisen umzusetzen? Oder ist durch das niedrigere individuelle Niveau soviel Schwankung drin, dass die Konzepte der Trainer (so vorhanden) nur hin und wieder mal greifen wenn es gut laeuft?

Die 2.Liga scheint mir jedes Jahr ziemlich durcheinandergeworfen zu werden, Teams die letztes Jahr schwach waren sind jetzt oben dabei und umgekehrt.

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dr 21. September 2017 um 14:59

Ich denke – auf zugegebenermaßen nicht ganz umfassender Anschauungs-Grundlage – dass es schon einige Mannschaften gibt, die ziemlich stringent ihren Plan verfolgen. Neben den beiden hier genannten kann man das zum Beispiel auch über St. Pauli, Dresden oder Braunschweig sagen, aber sicher auch noch über andere. Das (nicht durchgehend hohe beziehungsweise ligaweit ausgeglichenere) individuelle Niveau bedeutet eher, dass die Umsetzung dieser Pläne nicht bei allen erfolgsstabil ist und so kommen Leistungs- und Ergebnisschwankungen zu Stande.

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Schorsch 22. September 2017 um 00:09

Es sind zwar bereits 7 Spieltage in der 2. Bundesliga absolviert in dieser Saison, aber ob eine erfolgreiche oder weniger gelungene Anfangsphase Rückschlüsse auf das Saisonende zulässt, glaube ich eher weniger. Heidenheim ist z.B. nicht sehr gut in die Saison gestartet, dennoch erwarte ich persönlich hier eine kontinuierliche Leistungssteigerung, die sich dann auch in den Ergebnissen niederschlagen wird. Ob Düsseldorf sich an der Spitze halten kann? MEn eher nein, allerdings haben von Friedhelm Funkel trainierte Teams durchaus schon sehr stabile Erfolgsphasen gezeigt. Bei Sandhausen würde es mich überraschen, wenn das Team nicht wieder in der Rückrunde nachlässt. Auch Kiel sehe ich am Ende nicht im oberen Tabellendrittel.

Die Fürther und dem FCK wiederum wird mMn eine sehr schwere Saison bevorstehen. Beide Clubs haben sich bereits von ihren jeweiligen Trainern getrennt, die in der letzten Saison wiederum für andere Trainer als ‚Retter‘ verpflichtet wurden. Wie soll sich da Kontinuität entwickeln, die Voraussetzung wäre für die Umsetzung eines Konzepts? Ob diese Trainer ein adäquates Konzept besaßen, ist sicherlich eine andere Frage.

In diesem Zusammenhang finde ich auch die beiden Bundesligaabsteiger der letzten Saison interessant. Die Lilien und die Ingolstädter hatten beide in recht aussichtsloser Situation neue Trainer verpflichtet. Beide konnten durchaus Achtungserfolge erzielen, den Abstieg letztlich aber nicht verhindern. Nun haben die Schanzer sich aber bereits von Walpurgis getrennt, während man in Darmstadt mit dem Lutscher doch recht zufrieden scheint.

An der Stelle sei einmal hervorgehoben, dass Torsten Lieberknecht von der Braunschweiger Eintracht und Frank Schmidt von Heidenheim die beiden dienstältesten Trainer in den beiden Bundesligen sind (in Bezug auf ihre Trainertätigkeit bei ihren jeweilgen Clubs). Nur auf die Bundesliga bezogen sind dies Christian Streich vom SCF, gefolgt von Peter Stöger vom EffZeh und dann kommt bereits Pál Dárdai von der Hertha.

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kalleleo 22. September 2017 um 12:00

Auf die Trainer hatte ich gar nicht wirklich geachtet aber bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass 9 von 18 ihren Posten erst im Kalenderjahr 2017 angetreten haben. Wahnsinn. Und ausser den beiden von dir genannten ist nur Neuhaus bei Dynamo der schon zwei komplette Spielzeiten bei seiner Mannschaft ist.

Das erklaert auch einen Teil dieser massiven Schwankungen…

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Schorsch 22. September 2017 um 16:04

Wechselnde Trainer wären im Prinzip weniger ein Teil des Problems, wenn die Clubs eine bestimmte fußballerische Ausrichtung / eine bestimmte Spielweise etc. für ihr Team als Richtung vorgeben würden und nur solche Trainer verpflichten würden, die zu dieser Vorgabe passen. Dann würden unter den wechselnden Trainern zwar jeweils neue und unterschiedliche Akzente gesetzt, aber die Richtung bliebe dieselbe. Das ist allerdings schon bei etablierten Erstligaclubs selten und in der 2. Bundesliga eine große Ausnahme. Wenn aber Trainer A einen gänzlich anderen Fußball präferiert als Trainer B und dieser wiederum einen anderen als Trainer C (und diese 3 aufeinander folgen), dann geht das nur in seltenen Fällen gut. Zumal oftmals keinem dieser Trainer genügend Zeit eingeräumt wird (oder auch eingeräumt werden kann), seine Vorstellungen auch wirklich längerfristig umsetzen zu können.

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tobit 22. September 2017 um 16:50

Das frage ich mich z.B. bei Bochum. Warum holt man nach Verbeek Atalan? Der eine will ein mannorientiertes Ballbesitzsystem und kann das auch phasenweise etablieren – der andere ist mir aus dem Pokal als Trainer einer ziemlich üblen Tretertruppe im Gedächtnis geblieben (waren auch die unfairste Mannschaft in der Liga), die wenig spielerische Akzente setzen konnte (also noch weniger als ich von einem unterklassigen Gegner erwartet hatte).

Das Problem in unserer (und allen) zweiten Ligen ist, dass es Teams gibt die aufsteigen. Die besten Teams des letzten Jahres sind im nächsten nicht dabei – man hat also deren Qualität verloren. Von oben kommen dann entweder Teams wie Darmstadt runter, deren Kader nicht besser ist als der der anderen, oder völlig zerrupfte Rumpfteams, die dann mit ablösefreien, Leihen und Zweitligaspielern von der Konkurrenz (Absteiger haben immer noch mehr Geld) aufgefüllt werden. Die Hierarchie verändert sich also jedes Jahr sehr deutlich, was dann immer wieder Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit (am krassesten wohl bei 1860) erzeugt.
Nimm in der Bundesliga nach der letzten Saison Leipzig und Bayern (plus evtl. den BVB – je nach Relegation) raus und füge Leverkusen (zerrupft worden) und Hertha (nicht sonderlich überdurchschnittlich) nochmal hinzu. Wenn man das jedes Jahr macht, gleicht sich die sportliche Qualität immer weiter an, so dass jeder permanent gegen den Abstieg kämpft, obwohl er eigentlich aufsteigen wollte.
Die finanzielle Ausstattung ist bei den meisten auch nicht gerade komfortabel. Eine Zeitlang saßen in der zweiten Liga etliche Traditionsclubs, die sich an Stadionneubauten übernommen hatten und jeden Euro jetzt dreimal umdrehen mussten. Die sind jetzt fast alle entweder insolvent oder abgestiegen. Ersetzt wurden sie durch Vereine mit noch weniger wirtschaftlichem Potential oder weitere ehemalige Erstligisten, die nicht direkt wieder aufsteigen konnten.
Was mir in den letzten Jahren besonders auffällt ist, dass die Aufsteiger meist nicht lange in der Liga waren. Darmstadt, und Paderborn sind von der dritten Liga aus durchmarschiert, Ingolstadt und Leipzig sind meine ich im zweiten Jahr aufgestiegen, Stuttgart, Freiburg und Hannover sind nach dem Abstieg (dank sportlicher und finanzieller Überlegenheit) direkt wieder aufgestiegen. Leipzig, Stuttgart und Hannover (die überlegensten Zweitligisten seit langem) haben dabei den Trainer gewechselt. Die zweite Liga (wie auch die Regionalligen, aber das ist ja ein Thema für sich) scheinen sich zu einem Vereinsgrab zu entwickeln – einmal richtig drin, geht es nur noch abwärts.

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Schorsch 24. September 2017 um 00:42

Verbeek ist ein Individualist und wird häufig als Querkopf wahrgenommen. Auch in Bochum war es ein (wiederholter) Alleingang, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich fand es schade, weil in der Tat das Team unter ihm so etwas wie ein fußballerisches Gesicht bekommen hatte. Zu Atalan kann ich nichts sagen.

Ich persönlich sehe den Auf- und Abstieg prinzipiell nicht als Problem der 2. Bundesliga an. Vielmehr ist es mMn der mangelnde Realitätsbezug und das Anspruchsdenken der handelnden Personen in nicht wenigen Clubs, was zu Problemen führt. Man muss wissen, was mit den vorhandenen Ressourcen darstellbar ist und sich auch mit dem zufriedengeben können. Ein positives Beispiel für einen funktionierenden Zweitligaclub ist für mich der BTSV Eintracht Braunschweig. Jahrelang in den jeweiligen dritten Ligen verschwunden und hoch verschuldet, wurde die Wende zum einen durch Änderungen der Strukturen (Auslagerung der Fußballabteilung), zum anderen durch eine Neubesetzung der wichtigsten Positionen im Club eingeleitet. Und vielleicht am wichtigsten: Mit diesen neuen Personen (Ebel / Arnold / Lieberknecht; letzterer bereits etwas eher) kehrte nicht nur Bodenständigkeit, Realitätssinn und Sinn für die richtigen Prioritäten ein, sondern auch eine entsprechend neue Ausrichtung in sportlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Ganz wichtig: Profilierungsorientierte Politiker haben keinen Einfluss mehr. Man konzentrierte sich bei der Verpflichtung neuer Spieler auf junge Talente aus unteren Ligen und minimierte die Personalkosten. Lieberknecht formte auf Basis seiner Idee von Fußball ein Team, das in die 2. Bundesliga aufstieg und sich dort etablierte. Dabei hatte (und hat) er unbedingte Rückendeckung der Clubverantwortlichen. Die Schulden verringerten sich und man stieg sogar auf. Man verzichtete auf teure Neuverpflichtungen, konnte die Liga (knapp) nicht halten, blieb aber besonnen. Die Bundesliga war kein Abenteuer, durch die Umsatzsteigerungen (bei gleichbleibenden Personalkosten) konnte man die letzten Verbindlichkeiten ablösen. Man ging mit demselben Trainer wieder in Liga 2 und ist dort weiterhin eines der Spitzenteams. Mal kommt man in Aufstiegsnähe, mal nicht. Man weiß, was man ist und sein kann und man weiß, was utopisch ist. Gut möglich, dass Lieberknecht früher oder später doch wechselt (u.a. Werder wollte ihn schon einmal verpflichten). Aber noch weiß er, was er an Braunschweig hat und man weiß dort, was man an ihm hat.

RB Leipzig war kein normaler Zweitligist, ebenso wenig wie es die TSG Hoffenheim war. Absteiger wie z.B. der VfB Stuttgart, Hannover 96 oder mittlerweile auch (mit Abstrichen) der SC Freiburg sind aufgrund ihres hohen Personaletats auf den direkten Wiederaufstieg angewiesen. Man hat das Geld, den Kern des Teams halten oder nicht unbedingt kostengünstige neue Spieler verpflichten zu können. Steigt man nicht direkt wieder auf, dann wird es sehr eng. U.a. deshalb, weil man sich nicht mit einer Rolle als Zweitligist abfinden will (was für Freiburg wohl nicht gilt).

Aufsteiger in die 2. Bundesliga (generalstabsmäßig geplante und durchgeführte Konzernprojekte wie RB Leipzig mit Erstligaetats einmal ausgenommen) können sich dann halten, wenn man Plan, Bodenständigkeit, Augenmaß und Spielidee mitbringt. Heidenheim ist hier mit das beste Beispiel.

TW 24. September 2017 um 02:59

Der VfL Bochum ist eigentlich genau diesem Ideal gefolgt. Aufbauend von Gertjan Verbeeks Idee des dominanten Fußballs wurde die gesamte Jugendakademie ausgerichtet. Ismail Atalan wurde unter der Prämisse verpflichtet, diese Idee weiter voranzutreiben und zu entwickeln. Seine vorherigen Mannschaften waren keine reinen Tretermannschaften, sondern hatten auch die klare Ambition durch hohes Pressing und Ballbesitz das Spiel (soweit wie möglich) zu dominieren. Nicht umsonst hatte er unmittelbar vor der Verpflichtung noch bei Pep Guardiola hospitiert. Der aktuelle VfL unter Atalan zeichnet sich ja auch durch viel Ballbesitz und hohes Pressing aus. Bezeichnender Weise ist die fehlende Aggressivität aktuell sogar der Hauptkritikpunkt vieler Fans.

tobit 25. September 2017 um 21:06

Dann habe ich Atalan wohl falsch eingeschätzt. Mir war nur das DFB-Pokalspiel in Erinnerung geblieben, bei dem es (gerade von den Ex-Schalkern bei Lotte) ordentlich auf die Socken gab.

Dass Verbeek als Person ziemlich unleidlich war/ist und zu Alleingängen neigt, hatte ich auch (schon in Nürnberg, wo er wohl mehr an einigen alten Führungsspielern scheiterte) mitbekommen. Ist halt bitter, dass man sich genau in einer entscheidenden Saisonphase trennen muss. Weiß man da genaueres, was letztlich das Fass zum überlaufen brachte?

Schorsch 25. September 2017 um 21:42

@tobit:
Es ging mWn nicht um etwas, was den sportlichen Bereich betrifft. Sondern um die von Verbeek im Trainingslager allein, ohne Absprache mit der sportlichen Leitung bzw. anderen Clubverantwortlichen getroffene Entscheidung, allen Journalisten keinen Zugang zum Training und für (bereits vereinbarte) Interviews mehr zu gewähren, nachdem er mit einem von ihnen über Kreuz gelegen hat. Für solche Dinge scheint Verbeek immer gut zu sein und das war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

tobit 25. September 2017 um 22:57

Danke für die Info. Genie und Wahnsinn liegen halt auch im Fussball nah beieinander.

tobit 9. Oktober 2017 um 18:03

Und der nächste Wahnsinnsmoment: Bochum hat nach neun Spieltagen den zweiten Trainer entlassen und den Kapitän suspendiert. Da muss es intern (schon wieder) richtig geknallt haben, wenn man sich gegen Ende der Länderspielpause so unter Druck setzt. Wären es rein sportliche Gründe, hätte man ja bereits früher reagieren können bzw. müssen (wie es die Bayern, wenn auch ebenfalls nicht nur sportlich motiviert, getan haben).

Schorsch 9. Oktober 2017 um 19:40

Man muss den Neururer Peter nicht mögen, aber sein Statement zur Clubführung (Wilken Engelbracht, Christian Hochstätter) scheint mir vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen: „Geballte Inkompetenz!“

Inwieweit Atalan eine sportliche Fehlentscheidung war, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich habe einmal zwei, drei Leute zu seiner Tätigkeit in Lotte gefragt, denen ich bezüglich ihrer Kompetenz einiges zutraue. Und ich habe unterschiedliche Einschätzungen bekommen. Das Gleiche gilt für seine kurze Zeit beim VfL. Man kann mit einigem Recht die bisherigen Ergebnisse kritisieren, man kann ebenso auf durchaus ansprechende Leistungen verweisen. 3, 4 Punkte mehr bis jetzt wären absolut möglich gewesen. Dann sähe die Situation hinsichtlich des Anschlusses an einen Aufstiegsplatz etwas anders aus. Hätte, Wenn und Aber. Momentan sind es 7 Punkte auf den Relegationsplatz, das ist nicht schön, aber auch noch keine absolute Alarmsituation. Andere Favoriten sind in eine ähnlichen Situation aktuell. Hochstätter / Engelbracht haben das Ziel ‚Aufstieg‘; auch die vor ein paar Tagen verabschiedete Ausgliederung des Profiteams ist unter diesem Aspekt zu sehen. Atalan hat man die Erreichung dieses Ziels aber wohl aus anderen Gründen nicht zugetraut. Er soll sich sehr unsicher im Umgang mit der Mannschaft gezeigt haben; die Autoritätsfrage hing wohl im Raum. Auch von Überforderung ist die Rede.

Zur Suspendierung Bastians gibt es keine klar erkennbaren Gründe. Es gab den Vorfall rund um das Spiel in Nürnberg, zu dem die Mannschaft mit dem Regionalexpress anreisen musste. Verantwortlich dafür war wohl das Trainerteam. Bastians hat dies offen und heftig kritisiert, auch (unautorisiert) der Presse gegenüber. In dem Zusammenhang steht möglicherweise auch seine plötzliche Krankmeldung. Ob er sich im Ton vergriffen hat, weiß ich nicht. Aber angeblich soll es noch einen anderen Vorfall gegeben haben. Ob Lappalie oder nicht, kann ich im Moment nicht sagen. Bastians ist ein eminent wichtiger Spieler im Team. So jemanden suspendiert man nicht einfach so. Schon letzte Saison wurde ihm die Kapitänsbinde abgenommen, offensichtlich weil er Auseinandersetzungen mit der Clubführung hatte. Verbeek soll ihn angeblich als Unruheherd bezeichnet haben und seinen Verkauf gefordert haben.

Wie auch immer, das alles sieht nicht nach überlegtem, planvollem Handeln aus. Mal schauen, wer nun der dritte Trainer in dieser Saison wird. Und das Anfang Oktober…

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