TEs Bundesliga-Check: Die Manndeckung ist zurück – oder etwa nicht?

Ganz schön was los! TE erklärt, warum Schalke nicht mit vier Außenverteidigern gespielt hat, wieso Hannover das spannendste Taktikexperiment des Wochenendes gewagt hat – und wieso Rangnick richtig und zugleich falsch liegt mit seiner Effe-Kritik.

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag drei Aspekte raus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den “langen” Spielanalysen keinen Platz finden. Der Analysehappen für Zwischendurch.

Willkommen, liebe Schüler, zu einer neuen Taktik-Lehrstunde. Holt eure Stifte und den Block heraus. Und jetzt bitte alle mitschreiben:

Gelernte Position ist nicht gleich taktische Position.

Ein gelernter Innenverteidiger muss nicht immer auf der Innenverteidiger-Position spielen, ein Sechser nicht immer als Sechser etc. Deutschland hat bei der WM nicht mit vier Innenverteidigern gespielt. Deutschland hat mit vier gelernten Innenverteidigern gespielt, wobei zwei die taktische Position eines Außenverteidigers bekleideten. Thomas Müller spielt keine falsche Neun, wenn er im Sturm spielt, nur weil er sonst ein Mittelfeldspieler ist.

So würde es aussehen, wenn Schalke mit vier Außenverteidigern gespielt hätte. Was sie natürlich nicht getan haben.

So würde es aussehen, wenn Schalke mit vier Außenverteidigern gespielt hätte. Was sie natürlich nicht getan haben.

Und – hiermit komme ich zum eigentlichen Thema– Schalke hat gegen Frankfurt nicht mit vier Außenverteidigern gespielt. Schalke hatte vier gelernte Außenverteidiger auf dem Platz stehen, von denen zwei die taktische Position des Außenstürmers bekleideten. Das mag zunächst nur eine sprachliche Kleinigkeit sein. Genau diese sprachliche Kleinigkeit erschwert aber das Verständnis eines recht simplen taktischen Zusammenhangs.

Verschiedene Spieler füllen die gleiche taktische Position unterschiedlich aus. Wenn ich auf Linksaußen Sane aufstelle, interpretiert er die taktische Position anders als Kolasinac. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Spielweise einer Mannschaft.

Gegen Frankfurt dürfte das Kalkül von Andre Breitenreiter gewesen sein, auf den Flügeln defensiv stabil zu stehen. Das macht auf dem Papier Sinn gegen eine Frankfurter Mannschaft, die oft über die Flügel angreift. Gerade die Außenverteidiger rückten in der Vergangenheit häufig auf, um Alex ‚Phantomas‘ Meier mit Flanken zu füttern. Breitenreiter stellte also zwei gelernte Außenverteidiger auf die Außenstürmer-Positionen, um die Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger abzufangen.

Im Nachhinein betrachtet war es nicht unbedingt die beste Entscheidung. Frankfurt begann in einer Raute und spielte ungewohnt zentrumslastig. Schalke wiederum konnte durch die tiefe Rolle der Außenstürmer wiederum keine Konter über die leicht offenen Flügel einleiten. Ein defensiver Abnutzungskampf folgte.

Aber: Es ließe sich in diesem Fall auch für Laien ein interessantes taktisches Prinzip leicht erklären. Die Sky-Diskussionsrunde nach dem Spiel fokussierte sich jedoch auf die Analyse, Schalke habe vier Außenverteidiger aufgestellt. Schade, Chance vertan.

Hannovers Zentrumsüberladung

Wenn mir vor dem Wochenende jemand gesagt hätte, das spannendste taktische Experiment wagt Hannover 96, ich hätte womöglich vor Schock den Louis van Gaal gemacht. Tatsächlich hat Thomas Schaaf mal was ganz Anderes ausprobiert als das, was er sonst taktisch so spielen lässt.

Hannover gegen Stuttgart, die Grundformation. Kiyotake, Fossum und Karaman überluden den Zehnerraum.

Hannover gegen Stuttgart, die Grundformation. Kiyotake, Fossum und Karaman überluden den Zehnerraum.

Nominell begann Hannover mit einer 4-4-2-Formation, allerdings liefen im Sturm zwei gelernte Zehner auf (see what I did there?). Kiyotake und Fossum ließen sich bei eigenen Ballbesitz in den Zehnerraum fallen. Linksaußen Wolf startete in die Spitze und sorgte für die Tiefe im Spiel, Karaman lief von rechts ins Zentrum und unterstützte die Angreifer.

Hannover sicherte sich damit eine Überzahl im gegnerischen Zentrum. Das ist gegen Stuttgart keine schlechte Idee, ganz im Gegenteil: sogar eine sehr gute. Gentner und Die verlasseb im Pressing immer wieder das Zentrum, um die Stürmer zu unterstützen. Hannover bespielte dieses Herausrücken sehr bewusst. Sie leiteten einige starke Kombinationen aus dem Zentrum heraus ein. Dabei nutzten sie nicht nur Ablagen, sondern auch Dribblings. Gerade Fossum stach mit einigen guten Aktionen hervor.

Gerade in der Anfangsviertelstunde baute sich Hannover ein Übergewicht auf, war nach dem Rückstand in der 18. Minute sichtlich geschockt. Das Spiel drehten sie letztlich über Standards. In der zweiten Halbzeit war jedoch Stuttgart die wesentlich bessere Mannschaft, was auch an Hannovers Defensive lag. So gut die Offensivstrategie war, so löchrig gestaltete sich auch die Defensive. Angriffspressing gab es nicht, der Gegner wurde kaum geleitet, auf den Flügeln stand man sehr luftig.

Dennoch blieben am Ende drei Punkte – und ein spannendes taktisches Projekt. Viele Teams spielen momentan mit herausrückenden Sechsern. Stuttgart, Hamburg und Bremen kann man hier als Beispiel nennen. Hannovers Strategie scheint maßgeschneidert gegen diese Teams zu sein. Mal schauen, ob Teams sich daran wagen, diese Idee zu kopieren.

Näheres zu dem Spiel gibt es bei den Kollegen von VfBtaktisch (aus Stuttgarter Sicht) sowie Niemals Allein (aus Hannoveraner Sicht).

Rangnick kontra Effenberg

Das Thema Fußballtaktik schaffte es am Wochenende sogar auf jene Spalten der Sportteile, die sonst für Klatsch & Tratsch reserviert sind. Was war passiert? Ralf Rangnick formulierte eine sanfte Kritik an Stefan Effenberg. Zitat:

„Es war wirklich Manndeckung angesagt, wie ich es in der Form noch nie erlebt habe. Das ist völlig legitim, nicht dass da ein falscher Anstrich entsteht… Ich habe das zum letzten Mal vor 30 Jahren erlebt, dass eine Mannschaft so spielt wie Paderborn gegen uns“.

Effenberg konterte die Kritik und verwies auf die Statistiken: Seine Mannschaft habe mehr Zweikämpfe gewonnen, mehr Schüsse auf das Tor gebracht, mehr Großchancen gehabt. Bevor ich meinen Senf zu der Debatte abgebe, möchte ich kurz erklären, wie Paderborn am Wochenende gespielt hat. Eine Manndeckung im engen Sinne hat Paderborn nämlich nicht gespielt.

Grundsätzlich war die Formation die altbekannte Mischung aus 4-2-3-1 und 4-4-2. Innerhalb dieser Formation hatte jeder Verteidiger sein Planquadrat zu verteidigen. Es war keineswegs so, dass der Linksaußen seinen Gegenspieler auf die andere Seite verfolgte. Die Gegenspieler wurden schon übergeben. Allerdings verfolgte Paderborn die Leipziger recht weit und klebte eng an ihnen dran. Wir bei Spielverlagerung nennen es Mannorientierung. Näheres zum Spiel gibt es beim Rotebrauseblogger (aus Leipziger Sicht) und bei Schwarz und Blau (aus Paderborner Sicht).

Szene aus der Partie Paderborn gegen Leipzig: Die Außenstürmer des 4-4-1-1 waren nach hinten geeilt, die Außenverteidiger eingerückt. Aus einem 4-4-1-1 wird so ein 6-2-2. Fast alle Spieler haben einen Gegenspieler, an dem sie sich orientieren.

Szene aus der Partie Paderborn gegen Leipzig: Die Außenstürmer des 4-4-1-1 waren nach hinten geeilt, die Außenverteidiger eingerückt. Aus einem 4-4-1-1 wird so ein 6-2-2. Fast alle Spieler haben einen Gegenspieler, an dem sie sich orientieren.

Nun muss man etwas Hintergrundwissen in Rangnicks Kritik packen. In den 90ern kämpfte er lange Zeit gegen Windmühlen, als er die Raumdeckung propagierte. Die meisten Teams spielten damals so wie Paderborn gegen Leipzig, nur mit noch strengeren Deckungen, bei denen die Verteidiger auch mal ihre Zone verließen. Rangnicks Aussage, er habe „das zum letzten Mal vor dreißig Jahren erlebt“, ist faktisch falsch. Er hat in den 90ern Schlimmeres erlebt, und das ist noch keine dreißig Jahre her (Ja, ich kann Mathe).

Rangnick hat jahrelang gegen diese Spielweise argumentiert, gekämpft, gearbeitet. Da kann man seine Verwunderung verstehen, dass er sie jetzt wiedertrifft. Das Leben ist ein Kreis. Rangnicks Kritik verwundert dennoch, schließlich ist Paderborn nicht alleine, was den Trend zu Mannorientierungen angeht. Auf den Flügeln spielen die Hälfte aller Bundesliga-Teams mannorientiert, und auch im Pressing gibt es immer mehr Teams, die von einer Raum- auf eine Mannorientierung wechseln. Ich bin kein Experte für die zweite Liga, doch auch dort dürfte RB Leipzig bereits auf Teams getroffen sein, die mit ähnlichen taktischen Mitteln wie Effenberg arbeiten.

Ich glaube, Rangnicks Kommentar sollte eher als Seitenhieb auf die Konzepttrainer-Debatte gesehen werden, wie er auch in einem Nebensatz andeutet: „Wenn ich dann teilweise höre, welche Diskussionen da geführt werden von irgendwelchen sogenannten Experten über Laptop-Trainer oder Konzept-Trainer…“ deutete er nebulös an – ein klarer Seitenhieb auf Effenberg und Scholl. Sie kritisieren gerne Konzepttrainer und greifen dabei auf Strategien zurück, die so alt sind wie sie selbst.

Was Rangnick wohl sagen wollte, sich aber nicht getraut hat: „Ihr Experten kritisiert die Konzepttrainer, habt aber selbst nur alte Konzepte anzubieten.“

Bandenwerbung

Wer mehr über Ralf Rangnicks Kampf gegen die Manndeckung lernen möchte, dem sei mein Buch empfohlen: „Vom Libero zur Doppelsechs: Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs„. Das Buch erscheint am 22. April, kann aber bereits bei uns im Shop vorbestellt werden.

Und wo ihr gerade im Shop seid: Ich lege euch Marco Mesircas Finanzanalyse zu Manchester United ans Herz. Geballtes Finanzwissen auf über 50 Seiten für nur 4,95€ – zahlreiche Grafiken, Quervergleiche zu anderen Spitzenklubs und interessanten Infos über das wirtschaftliche Innenleben eines Fußballklubs inklusive.

Ausführliche Analysen des 23. Spieltags

VfL Wolfsburg – Bayern München
Borussia Dortmund – TSG Hoffenheim

Meohisto 2. März 2016 um 13:49

Der Kicker erwähnt Spielverlagerung in seiner Montagsausgabe. “ längenmäßig eindeutig überperformte Taktikanalysen, kilometerlange Elaborate, fast sämtlich vom Fernseher weg gefertigt, ohne die Tiefe des Raumes erkannt zu haben.“
Ich weiß gar nicht ob ich lachen oder weinen soll…

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dave 2. März 2016 um 15:37

Kann halt nicht jeder mit dem extrem objektiven und intern wie extern validen Instrument der Schulnoten Fußballspiele erklärbar machen. Können nur ganz wenige. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wann ich den letzten Kicker gekauft habe. Das war vielleicht mit 17 oder so.

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karl-ton 1. März 2016 um 22:41

Kann ich auch ein praktisches und baumschonendes E-Book kaufen? Vielleicht sogar für den Kindle? Oder gibt es das nur auf Papier?

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TE 2. März 2016 um 11:23

Ja, nur noch nicht bei Spielverlagerung. Hier muss ich nochmal mit dem Verlag reden. Bei Amazon wird es aber auch bereits als Ebook angeboten.

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Lavington 1. März 2016 um 20:31

@TE: Wird es zum Buch noch eine Leseprobe, zumindest ein InhaltsVZ geben oder gleich einen separaten Artikel dazu (in dem Fall sehr gern gesehene Eigenwerbung)? Die anvisierte Zeitspanne allein ist ja schon groß genug zum Ausschweifen…

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TE 2. März 2016 um 11:23

Das folgt alles noch, ja. Veröffentlichungsdatum ist ja noch knapp zwei Monate hin.

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Handtuch 1. März 2016 um 08:27

Gelernte Position ist nicht gleich taktische Position.

Sehr schöne Darstellung. War zwar nicht viel neues, aber anhand aktueller Beispiele schön erklärt. Mit 2 Offensiven Mittelfeldspielern im Sturm zu spielen hat Freiburg früher auch gemacht, müsste die Saison 13/14 gewesen sein.
Interessant finde ich den Artikel dadurch, dass zwar häufig davon gesprochen wird Spieler können unterschiedliche Positionen besetzen, aber eben selten das Positionen von unterschiedlichen Spielern besetzt werden können.

@TE:
Danke für den Buch Tipp.

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Koom 1. März 2016 um 11:06

Wenn man einen gelernten XY auf eine taktische Position stellt, bekommt man auch andere Ergebnisse auf dieser Position als mit einem anders gelernten.

Beispiel: Stelle ich Javi Martinez als 8er ins Mittelfeld, wird der immer absichernder, defensiver denken und spielen als wenn ich Thomas Müller darauf hinstelle. Die Wahrnehmung und Denkweise dieser Spieler hat sich durch Training und Veranlagung entsprechend angepasst, wodurch die Positionen vielleicht auf dem Taktikbrett die gleiche ist, aber die Interpretation davon sehr unterschiedlich wird.

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Handtuch 1. März 2016 um 11:55

Das ist mir schon klar. Genau das hat TE ja erklärt und ich geschrieben: „Interessant finde ich den Artikel dadurch, dass zwar häufig davon gesprochen wird Spieler können unterschiedliche Positionen besetzen, aber eben selten das Positionen von unterschiedlichen Spielern besetzt werden können.“

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Dr. Acula 29. Februar 2016 um 18:51

„ich hätte womöglich vor Schock den Louis van Gaal gemacht“
dieser satz hat das zeug, SV-geschichte zu schreiben, wie es bsplw Boatengs Laserpässe gemacht haben.

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AP 29. Februar 2016 um 17:18

sehr gut zwischen den Zeilen gelesen… Schade das Rangnick bei RB ist, sonst hätte er sich bestimmt nicht auf die Zunge gebissen… Diese Taktik Häppchen sind echt lecker, TE.

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blub 29. Februar 2016 um 16:59

Seit wann ist den Thomas Müller Mittelfeldspieler?
Der ist Stürmer, aber kein Mittelstürmer.
(Für mich zählt Robben auch ganz klar zu den Stürmern)

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Mike the Knight 1. März 2016 um 07:55

Ich hätte Müller auch eher als Hängende Spitze gesehen. Aber bei vielen „Offensiven Mittelfeldspielern“ denke ich ist das nicht so eindeutig. Ich würde Ribery z.B. nicht als Stürmer sehen, transfermarkt.de führt ihn als Stürmer und er wurde schon in anderen Medien als Stürmer bezeichnet.

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Mananski 29. Februar 2016 um 16:54

Ganz witzig ist, dass Bilbao in Valencia ähnlich wie Hannover gespielt hat: Muniain und Mikel Rico gegen den Ball vorne, Sabin Merino und De Marcos auf den Außen im 4-4-2. Mit Ball haben sich Merino und De Marcos vorne an der Schnittstelle Außen/Innenverteidiger aufgehalten, Mikel Rico war 8er mit Elustondo zusammen und Munian war einfach überall auf dem Feld. Und auf einmal war das Spiel von Bilbao wieder cool, nicht so Flanken-Aduriz-Garcia mäßig wie sonst immer 😉 Jetzt noch Iturraspe einbauen und ich bin glücklich.

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Petra 1. März 2016 um 20:57

Nichts gegen Flanken-Aduriz-Garcia! Wenn man Garcia und Aduriz auf dem Platz hat und da nicht mal die gelegentliche Flanke auspackt, würde ich das höchst fahrlässig nennen!

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