Bochum gewinnt in Bielefeld – Analyse und Bilanz

Mit einer abgeklärten Defensivleistung und guter Effizienz entführt Bochum beim 0:2 in einer vielschichtigen Partie die Punkte aus Bielefeld. Peter Neururer kommt einmal mehr mit dem Wechsel auf mehr Abwarten und Absicherung zum Erfolg. Die Ideen und Anpassungen von Stefan Krämer gehen nicht ganz auf, zeigen aber wertvolle Ansätze.

Anmerkung: Dies ist eine Zusammenarbeit zwischen TR und unserem Leser TW, dessen Blog sich speziell dem VfL Bochum widmet.

Bochums Entwicklung

Die Bochumer haben in den vergangenen Wochen von ihrer vorwärtsgerichteten und teilweise chaotischen Spielweise vermehrt Abstand genommen und sich gegen den Ball immer abwartender zurückgezogen. In der Grundidee hatten sie dabei sehr vorhersehbar agiert, waren durch die Individualität der Ausführung und das weite Verschieben zum Flügel aber im Detail doch sehr wechselhaft aufgetreten. Die dadurch aufgetretenen Probleme, besonders im Defensivspiel und in der Konterabsicherung, werden mittlerweile durch gut auf den jeweiligen Gegner abgestimmte Mechanismen vermieden.

So konterte man die offensiven Außenverteidiger Kaiserlauterns mit Mannorientierungen der äußeren Mittelfeldspieler und die situative Bildung von Fünfer- und Sechserketten, während es gegen Köln gelang, durch eine gute Angriffslenkung und ein positionstreueres Verhalten der Sechser den Zwischenlinienraum zu verriegeln – gegen Bielefeld sollten Elemente beider Konzepte zum Tragen kommen. Dabei war es interessant, wie der VfL zwischen zonenbasierten und konsequenten Mannorientierungen sowie raumsichernden Positionen variierte. Zweikämpfe werden nur noch in Überzahlsituationen, also vor allem rund um den Strafraum, aggressiv geführt. Dies ist völlig konträr zum individuellen und improvisierten Pressingansatz, der in den letzten Monaten praktiziert wurde. Auf den Außen und in höheren Zonen lag das Hauptaugenmerk auf lenkenden oder verzögernden Aktionen.

Aufgrund der übergeordneten Bochumer Spielweise, die eben eine sehr vorsichtige ist, gab es für die Arminia in dieser Partie viele Aufbausituationen. Obwohl das Team unter Stefan Krämer häufig auf lange Bälle und Abpraller gesetzt hat bzw. dies immer noch tut, fächern sie dabei stets sehr konsequent auf und stellen in der Tiefe solche Strukturen her, wie man sie ansonsten eher bei konsequenten Ballbesitzmannschaften kennt.

Bielefelds Aufbau gegen die Gäste-Mauer

bielefeld-bochumAuch diesmal gab es die typischen Mechanismen der Ostwestfalen wieder zu sehen. Während die beiden Außenverteidiger – wenngleich aufgrund des Fehlens von Appiah auf rechts nicht ganz so extrem wie sonst – früh hochschoben, gab es eine Reihe an zurückfallenden Bewegungen aus dem Mittelfeld. Hier konnten beide Sechser sich nach hinten fallen lassen – mal der eine, mal der andere und manchmal beide. Während Schütz dabei in gewohnter Manier meistens auf die rechte Seite hinter Strifler herauskippte und dadurch situative Dreierketten mit dem aufrückenden Salger herstellen konnte, gingen Jerats Aktionen meistens zentral zu den Innenverteidigern zurück. Gänzlich ideal war dies nicht, da einer der fähigsten Bielefelder Offensivakteure nicht immer in den besten Ausgangspositionen starten konnte – allerdings überraschte er von hier auch mit einigen frühen und scharfen Verlagerungen auf die Flügel.

Beim überraschenden Sieg gegen Köln hatte Bochum einen bestimmten und spezifischen Pressingplan für deren zurückfallende oder herauskippende Sechser entwickelt, den man gegen Bielefeld in ähnlicher Form hatte erwarten können – doch dies trat nicht ein. Zwar begann das Defensivspiel des VfL erneut in einem eher tiefen und passiven 4-4-2, doch wurde dies meistens beibehalten – es gab kaum einmal die in bestimmten Fällen herausschiebenden Flügel zu sehen, wie sie gegen Köln noch deren Sechser attackiert und die Halbräume versperrt hatten. Stattdessen orientierten sich Tasaka und Bastians meistens grundlegend an Bielefelds Außenverteidigern, spielten dabei lose mannorientiert und gingen mit diesen nach hinten zurück, wo sie sich im Bereich der Höhe ihrer Sechser wiederfanden und positionierten.

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Mit einer flexiblen Mischung aus Mann- und Raumorientierung verteidigt Bochum hier einen der Bielefelder Überladungs-Flügelangriffe

Letzterer zeigte sich im linken Mittelfeld sehr diszipliniert und wechselte gezielt zwischen mannorientiertem Verfolgen, raumorientierten Blocken und lenkendem Stellen. Sein Gegenüber Yusuke Tasaka ist weniger spielintelligent, wurde jedoch durch die klare Aufgabe der Mannorientierung die Pflicht genommen – ein Zocken wie noch gegen St. Pauli war somit nicht möglich. Das lenkend raumorientierte Element der Aktionen wurde auf der rechten Seite von Tiffert initiiert, der dann oft leicht horizontal pendelnd vor dem zentral absichernden Jungwirth agierte.

Falls Bielefeld mit Schütz, Jerat oder gar den Innenverteidigern in die – diesmal nicht ganz so großen – offenen Flügelbereiche vorstoßen wollte, hatte der jeweils ballnahe Bochumer Angreifer die Aufgabe, passiv zurückzuweichen, den Bielefelder nach außen zu leiten und die Mitte zu versperren. Auch wenn vor allem im Verlauf der zweiten Halbzeit hier vermehrt Inkonsequenz auftrat und zumindest die Lücken zwischen Sechsern und Stürmern phasenweise zu groß wurden, gelang es Bochum doch zunächst einmal, Bielefeld aus möglichen Räumen in der Mitte fernzuhalten, die die spielstarken sowie engagierten Jerat und Müller zusammen mit dem gerne einrückenden Schönfeld hätten nutzen können. Stattdessen verlagerten die Ostwestfalen immer wieder früh auf die Außenverteidiger und griffen meistens über die seitlichen Bereiche an.

Die Außenverteidiger-Thematik

Dort fehlte eindeutig Appiah, dessen indirekte Beiträge für die Bielefelder Offensive schmerzlich vermisst wurden. Mit seiner – für die eigene Größe – sauberen Technik und einer besonderen Spielintelligenz gelingt es ihm normalerweise, seine gruppen- und teilweise mannschafstaktische Ineffektivität, die sich gerade bei entscheidenden Aktionen wie Flanken oder letzten Pässen zeigt, zu umgehen. Sowohl für das Aufrücken als auch für die Erzeugung und Stabilisierung der Offensivpräsenz ist Appiah normalerweise ganz entscheidend. Obwohl seine sichtbaren Aktionen gerade zuletzt immer seltener sofort auffällige Erfolge besorgen konnten, war er doch oftmals indirekt und über Umwege an gefährlichen Szenen beteiligt. Er bereitet diese nicht unmittelbar vor, sondern unterstützt und zementiert die Präsenz-beeinflussten Grundsituationen, aus denen die Chancen entstehen oder erzwungen werden können – ein Aspekt, der diesmal fehlte.

In Appiahs Abwesenheit versuchten die beiden Außenverteidiger, insbesondere der etwas tiefere Feick auf links, es nach Anspielen durch die hinteren Kollegen immer wieder mit direkten, sofortigen Pässe in die Vertikale. Diese sollten entweder am Flügel entlang oder zum Strafraum hinter die Abwehr der Gäste gespielt werden, oder man legte sie an diese letzte Linie herum, um dann mit Ablagen hinter die Bochumer Sechser zu kommen. Hierbei brachte Hornig, der eigentlich als Innenverteidiger spielt und sich nun in der Sturmspitze probieren durfte, seine überraschend ausweichende und raumschaffende Ausrichtung ein, mit der er gerade halblinks verwirren, zur Seite weggehen und Schönfeld den Halbraum öffnen sollte, während er für Müller gerne auch tief zurückfiel. Die flexible Bochumer Deckung konnte dies jedoch meist ersticken.

Rhythmusfragen und Anpassungen

Mit dem einrückenden Schönfeld, dem teilweise nach rechts gehenden Schütz, dem ohnehin seitlich helfenden Müller und schließlich dem unterstützenden Jerat versuchte Bielefeld immer wieder auch Flügelüberladungen, die sie gerade rechts verstärkt ansteuerten aber auch auf der anderen Seite einige Male initiierten. Allein die entscheidende Gefahr sprang dabei nicht heraus, weil häufig die letzte Konsequenz und Überraschung fehlten,  um andere Wege als den zur Grundlinie zu gehen, der gelegentlich durchkombiniert wurde. Hinzu kamen einige Szenen, in denen man sich durch die Nähe zur Seitenlinie etwas verunsichern und dann selbst bedrängen ließ, was sich mit dem Timing zwischen der Anzahl der beteiligten Akteure vermischte. Auch dies war ein psychologischer Punkt – Bielefeld fiel es schwer, die richtige Balance zu finden und hatte deshalb mal zu wenig Unterstützung und mal zu viel, wodurch sie sich untereinander in Ansätzen auch Räume wegnahmen. Es war nicht das erste Mal, dass sie ein wenig zu improvisiert und unstrukturiert bei spielerischem Stückwerk hängen blieben.

Für die letzten Minuten der ersten Halbzeit gab es bei den Hausherren dann eine sinnvolle Anpassung, die auch mit der nachlassenden Konsequenz und Ordnung bei den Bochumern zusammenfiel. Weil Schönfeld immer wieder von der linken Seite in die Mitte ging und Müller ohnehin sehr vielseitig durch die Gegend driftete, entstand aus der 4-2-3-1-Formation zunehmend eine asymmetrische Anordnung aus vier zentralen Mittelfeldakteuren, die untereinander schwer zu kategorisieren waren, aber ansatzweise verschiedene Rauten bildeten, und zwei Stürmern.

Dabei versuchte Hornig – meistens halblinks – zuarbeitend zu wirken, indem er die Gegner nach hinten drückte und dort band, was seinen zusammenspielenden Kollegen auf rechts bei ihren Kombinationsansätzen helfen sollte. Dagegen war Hille vor allem darauf ausgerichtet, diese Aktionen der übrigen Offensivkräfte zu vollenden, indem er sich meistens in den Schnittstellen bewegte, um den entscheidenden Pass am Ende des Spielzugs zu erhalten. Immer mal wieder tauchten die beiden Angreifer auch gemeinsam auf halbrechts auf – Hornig dann etwas höher, um direkt für Hilles Sprints hinter die Abwehr als Blocker zu agieren.

Aber gerade wenn die Bochumer dann in ihrer schwächsten Phase – geprägt durch den kurzzeitigen Verlust der grundsätzlichen Sicherheit und Abgeklärtheit ihres Defensivauftritts – sehr aktionistisch und wiederum ungeordnet versuchten, das einmal aufgetretene eigene Chaos zu beheben, ließ sich Bielefeld von dieser Fahrigkeit anstecken und zerstörte dadurch die eigenen Angriffe. Hinzu kam, dass sie die zuvor häufig genutzten Flankenwechsel nun seltener einsetzten, obwohl sie gerade in jener Phase für das Ansteuern bestimmter offener Bereiche besonders effektiv hätten sein können.

Aspekte des Bochumer Offensivspiels

In der Bochumer Entwicklung bestand die – neben den zu individuellen und löchrigen Leistungen der Defensive – zweite große Baustelle der Saison im Spielaufbau. Aufgrund der Berechenbarkeit dieses Konzepts gestalteten sich die Angriffsversuche in den ersten Partien sehr riskant. Durch die vielen Ungenauigkeiten oder gut pressende Gegner war der VfL teilweise massiv verwundbar. Auf diese Problematik antworteten Neururers Mann mit einer Stiländerung, die fast schon als „Aufbauverweigerung“ gesehen werden könnte – auch gegen den DSC war dies wieder zu sehen.

In typischer Manier rückten die Bielefelder immer mal wieder mit den vorderen Linien recht hoch nach vorne auf, zeigten sich dabei aber in einer recht passiven Ausrichtung und stellten daher keinen Zugriff. Je nach Gegner und genauen Wechselwirkungen kann dies sehr effektiv sein, aber auch große Probleme nach sich ziehen – in dieser Partie gab es zumindest keinen wirklich deutlichen Ausschlag zu ersterer Möglichkeit. Auf dieses Bielefelder Vorgehen reagierte der VfL meistens früh mit langen Bällen, was mit raumschaffenden Läufen gegen die Mannorientierungen der Hausherren kombiniert werden sollte.

Entweder schlugen sie die Zuspiele in offene Bereiche auf den Flügeln, die sie mit unterstützendem Personal fluten wollten, wobei es anstelle eines Rechtsfokus ein sehr gleichmäßiges Anspielen der Seiten gab, oder suchten direkt Mittelstürmer Sukuta-Pasu, der in diesen Situationen seine ganze Klasse zeigte. Seine Bewegungen auf die Flügel und ins Mittelfeld führte er sehr engagiert aus, löste sich gegebenenfalls in offene Bereiche und glänzte mit festgemachten oder sogar direkt abgelegten Bällen. Besonders beeindruckend war sein unfassbar gutes Timing – fast alle Entscheidungen bezüglich des Zeitpunktes und der Dauer seiner Aktionen waren richtig gewählt, was ihn auch für die gelegentlichen Konterangriffe zur gefährlichsten Waffe machte und nach einer solchen Szene auch ein Solo mit anschließendem Pfostenschuss heraufbeschwor.

Generell bespielten die Bochumer die Bielefelder Mannorientierungen durchaus geschickt, indem sie die Sechser herauslockten und dadurch einige Male große Distanzen zwischen Mittelfeld und Abwehr aufzogen. Allerdings wurden diese dann nicht gut genug ausgespielt, da der alte Flügeldrang hier immer mal wieder durchkam und somit die Vertikale gut, aber die Horizontale nicht vollends ausgeschöpft wurde. Überhaupt traten die allgemein nur durchwachsen gestaffelten Strukturen des VfL im letzten Mal auch in dieser Partie auf. Beispielsweise versuchten sie über rechts den Ball mit Freier gerne durch die Räume zu tragen, positionierten sich für Unterstützung aber nicht geschickt, da zu flach in letzter Linie, weshalb auch nur selten Abpraller aus solchen Situationen heraussprangen, in denen Tasaka seine Dribblings gegen drei oder vier Gegner probierte.

Überraschend waren in diesen Szenen, in denen Bochum konsequent über rechts attackierte, die interessanten Bewegungen von Bastians, der keinesfalls stark an seiner linken Seite klebte und dort für Verlagerungen bereitstand. Allerdings war er auch kein konstant nach rechts gehender Akteur, der sich in die Überladungen eingebunden hätte oder vor allem die Kompaktheit um diesen Bereich stärkte. Vor allem bestand seine Aufgabe scheinbar darin, auf chaotische Situationen zu warten und alle möglichen Freiräume anzusteuern, die sich durch den etwas fahrigen Spielcharakter, die eigene Laufhäufigkeit und die Bielefelder Mannorientierungen auftaten. Weil der überraschend zuarbeitende Ilsö ebenso wie Sukuta-Pasu einige Male auswich und Feick durch Tasaka häufig aus der Abwehr gezogen wurde, ergaben sich in diesem Bereich – zu einer der beiden Seiten von Salger – häufig größere Schnittstellen, in die Bastians mit von der anderen Flanke kommenden Läufen hineingehen konnte. So diente er einige Male als Ablagestation in letzter Linie, die situativ zur Grundlinie starten konnte, meistens aber für Tiefe im Bereich um das Strafraumeck sorgte.

Fazit und Ausblick

Vom Rhythmus, der Spielbalance und dem grundsätzlichen Charakter der Begegnung kam es durchaus in die vorher erwartete Richtung mit einem Wechsel aus intensiven, fahrigen, spannenden und ereignislosen, grauen Phasen. Allerdings war das grundsätzliche Niveau, auf dem diese Ausdifferenzierung des Charakters stattfand, etwas niedriger als erwartet. Zudem stellten sich die jeweiligen Einzelaspekte und Faktoren der Begegnung anders dar, was mit den taktischen und personellen Veränderungen zusammenhing, die vor allem auf Bielefelder Seite vorgenommen wurden. Auch die verschiedenen Formen und Szenen des Gegenpressings in beide Spielrichtungen stellten sich in bestimmten Phasen sehr wechselhaft und chaotisch dar, was für gelegentliche Überraschungssituationen sorgte, die der Partie kurzzeitige und momentane überraschende Wendungen außerhalb der eigentlichen Kräftebalance gaben.

Bielefeld versuchte die Partie zu dominieren, hatte auch deutlich mehr Szenen, bei denen sie nach vorne kamen, erzeugte daraus aber nicht konstant genug gute Chancen. Anfangs fehlte ihnen die richtige Dynamik für das Zusammenspiel, weshalb sie gegen die tiefen und disziplinierten Gäste nur selten in die zentralen Bereiche kamen. Als diese später nachließen und Bielefeld vermehrt Räume anboten, kamen diese besser in die Partie, was durch Krämers zeitweiligen Fokus auf rechts gestärkt wurde. Dennoch brachten sie nicht die letzten Strukturen und Staffelungen auf, die andererseits durch frühe Flanken oder direkte Pässe der Außenverteidiger ohnehin nicht immer konsequent bedient wurden.

Konsequenterweise war Peter Neururer durch seine Wechsel zudem daran interessiert, die Stabilität weiter zu erhöhen, was ihm auch gelang. Der offensiv – trotz seines Tores zum 0:2 im Anschluss an eine Standardsituation – weitgehend unglückliche Tasaka hatte sich defensiv in der Mannorientierung aufgerieben und wurde durch den Sechser Danny Latza ersetzt, wofür Tiffert auf den rechten Flügel wechselte. Später ging auch dieser vom Platz, so dass Freier ins Mittelfeld beordert wurde, während hinten Eyjolfsson als kopfstarker einrückender Außenverteidiger absicherte. Auf Bielefelder Seite stiegen mit der Einwechslung von Achahbar die spielerisch hochwertigen Aktionen noch einmal erheblich und hätten bei vernünftiger Chancenauswertung trotz Bochums Maßnahmen noch einen Treffer bringen können.

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Eine mögliche und äußerst interessante Formation für die nächsten Bielefelder Spiele

Für die nächsten Spiele zeigte der Niederländer aber, wie wichtig er aktuell in etwas tieferen Räumen für den DSC sein kann. Gerade wenn er einmal zusammen mit Jerat und Schönfeld auflaufen darf und dabei konsequente Strukturen für dieses Dreieck aufgebaut werden, könnte Bielefeld einen großen Sprung in Sachen konstruktiver Torgefahr machen. Auch die Bewegungen von Klos in die Halbräume zeigten bereits in den wenigen Minuten potentiell sehr interessante Synergien mit Achahbars Vorgehen in spielmachender Funktion, während Müller als technisch starker und etwas chaotischer Akteur eine unorthodoxe Rolle als wechselhafter Zuarbeiter für das Zusammenspiel der Offensivkollegen einnehmen könnte.

In defensiver Hinsicht lässt sich beim DSC konstatieren, dass die kleineren Schwächen in den Mannorientierungen und in der Dynamikwahl des Pressings auch bei dieser Niederlage wieder eine Rolle spielten, wenngleich es erneut nicht die zu allererst entscheidenden Punkte waren. Vielmehr wurden Bochum auf diese Weise einige Räume geboten, um schwierige Situationen nicht in Ballverluste ausarten zu lassen und in höhere Bereiche aufzurücken. Ersteres ist für Bielefeld ein generelles Problem – sie verteidigen durchaus improvisiert und unorthodox, weshalb sie oft nicht so richtigen Zugriff in klassischer Hinsicht herstellen können. Die eigentliche Defensivstärke ist daher auf wackeligen Beinen errichtet, für Inkonstanz sehr anfällig und auch Kontersituationen entstehen meistens auf umständlichem Wege, so dass in vielen Fällen die eigenen Angriffe stark auf Aufbausituationen setzen müssen.

Zweiterer Punkt war in dieser Partie durchaus entscheidend, da der VfL nach vorne aufrücken und dort dann spezielle und gegnerabhängige Mechanismen einsetzen konnte, mit denen sie ihre problematischen Grundsatzstrukturen teilweise ausglichen. So fiel der erste Treffer in untypischer Weise, weil Jungwirth auf dem linken Flügel Platz hatte und flanken konnte. In diesen Treffer spielte neben den Nachteilen der Bielefelder Mannorientierungen auch ein zweiter Problempunkt der Arminia mit hinein, der auch in einigen weiteren Szenen des VfL auftrat – gegen deren starke rechte Seite und die dortigen Bewegungen zwischen Tasaka, Freier und Tiffert (sowie situativ Ilsö und Bastians) wäre möglicherweise ein etwas tieferer Akteur wie Riese sehr wichtig gewesen. Die kleineren Unkompaktheiten kosteten somit auch in dieser Partie wichtige Punkte, wenngleich sie erneut eher als schwelende Nebenaspekte wirkten und die anderen spezifischen Aspekte ein wenig befeuerten.

Vor dem Hintergrund der funktionierenden Grundstrukturen, die auf die Offensive ebenso zutreffen wie auf die Defensive, und im Hinblick auf die Möglichkeiten, die sich taktisch zwischen Jerat, Schönfeld, Achahbar und Klos ergeben, bleibt die positive Prognose für Bielefeld weiterhin realistisch – auch wenn aktuell Platz 17 und sieben Niederlagen in Folge die Schlagzeilen bestimmen. Umgekehrt sieht es für die Bochumer nun gemütlicher aus, doch es sind immer noch diverse Punkte zu verbessern. Mit den aktuellen Anpassungen haben Peter Neururer und sein Team aber einen wichtigen Grundsatzschritt getan und die Defensive gut stabilisiert. Durch die Aufgabe des konstruktiven Spielaufbaus zu Gunsten von gut vorbereiteten langen Bällen konnten auch die dortigen Schwächen kaschiert werden. Die Kehrseite dieser Taktik ist jedoch die extreme Abhängigkeit von Sukuta-Pasu, der nun bereits seit einiger Zeit an der Grenze zur Gelbsperre wandelt. Auch im Ausspielen der Kontersituationen gibt es noch einige Luft nach oben. In den kommenden Woche besteht also vor allem bezüglich gruppentaktischer Mittel für das Aufbau- und Umschaltspiel Trainingsbedarf.

Anmerkung: Dies ist eine Zusammenarbeit zwischen TR und unserem Leser TW, dessen Blog sich speziell dem VfL Bochum widmet.

An dieser Stelle auch noch einmal der Verweis auf die etwas Bochum-fokussierte Version dieses Artikels, die man bei TW auf dem Blog findet.

TW 16. Dezember 2013 um 19:34

TR hat es im Artikel für Bielefeld vor gemacht. Hier jetzt meine Alternativformation für den VfL: http://blauweissetaktikecke.blogspot.de/2013/12/was-ist-mit-dem-kader-moglich-mogliche.html

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TW 15. Dezember 2013 um 18:26

Auch Bochum kann kräftig Tore kassieren. Wieso?: http://blauweissetaktikecke.blogspot.de/2013/12/vfl-bochum-1-fc-union-berlin-04.html

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TW 27. November 2013 um 23:32

Wem die Analyse hier zu Bielefeld-lastig ist, der bekommt hier die volle Dröhnung VfL Bochum 1848: http://blauweissetaktikecke.blogspot.de/2013/11/dsc-arminia-bielefeld-vfl-bochum-02.html
Der Text ist komplett überarbeitet und mit zahlreichen Abbildungen ergänzt. Dabei wird insbesondere auf die aktuellen Lösungen der Absicherungs- und Spielaufbauproblematik eingegangen.

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Jockel 26. November 2013 um 10:49

Stimmt, das hätte durchaus im Artikel erwähnt werden dürfen, dass Hornig eigentlich IV ist und dass man das irgendwie schon als Verzweiflungstat von Krämer interprtieren konnte. Das hatte fast schon Middendorpsche Züge 😉

Dass ohne Klos kaum Torgefahr besteht, sollte mittlerweile recht klar sein. Hier würden mich trotzdem Analysen interessieren, was die Probleme im Angriff mit Achahbar / Sembolo sind. Ebenso, warum man hinten fast nie zu Null spielen kann. Aber will mich nicht beklagen, dafür dass Arminia fast überall unter dem Radar läuft, gibt es hier durchaus erfreulich viele Berichte, danke dafür. Mehr schadet allerdings nie 😉

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TR 26. November 2013 um 11:08

Haha, Middendorpsche Züge; das ist ja auch ein bisschen gemein. Ursprünglich war die Hornig-Sache auch im Artikel drin, ist dann aber zusammen mit einem entfernten Absatz aus Versehen mit rausgeflogen. Daher habe ich jetzt im Text einen Satz dazugeschrieben. Geht auch als Antwort an @ Rasengrün. 😉

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Jockel 26. November 2013 um 13:06

Sollte nicht als gemein interpretiert werden die Aussage. Aber so eine Aktion sieht irgendwie nur gut bzw. dann fast schon genial aus, wenn es am Ende auch funktioniert. Da Appiah schon fehlte, musste so eigentlich unnötig eine zweite Position in einer Abwehr getauscht werden, die sowieso schon nicht so sicher steht.

Achahbar und Klos von Beginn an würde ich aber auch gerne einmal sehen.

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Rasengrün 27. November 2013 um 03:41

Jein, Salger gegen Ilsö zu stellen ist schon nachvollziehbar, würde ich zumindest nicht als großes Risiko betrachten. Offenbar war Krämer ein kopfballstarker und robuster Zielspieler wichtiger und das kann ich nachvollziehen. Arminia braucht die eindeutigen Situationen, die daraus oft folgen. Eindeutig in dem Sinne, dass es oft mehr darauf ankommt die Möglichkeit zu sehen und fix zu ergreifen, anstatt sie aus einem komplexen Muster entwickeln zu müssen, was eben auch eine komplexere, vieldeutigere kollektive Entscheidungsfindung bedeutet. Zumindest sicher keine Stärke Arminias.

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Jockel 27. November 2013 um 11:59

„[…] was eben auch eine komplexere, vieldeutigere kollektive Entscheidungsfindung bedeutet. Zumindest sicher keine Stärke Arminias.“
So kann man Defizite im Spielaufbau natürlich auch nennen. Ich sehe schon, da fehlt mir noch der passende SV-Wortschatz.

Beim nächsten Spiel sollten sich die Experimente denke ich von alleine erledigt haben. Salger gesperrt und hoffentlich Klos wieder von Beginn, da dürften Hornig/Hübener wieder die an sich bewährte IV bilden.

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Erkinho 26. November 2013 um 02:53

Vielen Dank für die Aufarbeitung.
Jetzt wollte ich noch kurz mal bei TR anfragen, ob denn in kurzfristiger Zeit eine weitere „Blick über den Tellerrand“ – Folge geplant ist.

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Philo 26. November 2013 um 01:59

Gibt es eigentlich einen besonderen Grund für die Niederlagenserie der Bielefelder oder sind das schlicht statistische Häufungen?

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Rasengrün 26. November 2013 um 05:28

Der Grund heißt Fabian Klos. Arminia ist extrem abhängig von ihm, er prägt die Spielweise, die eh auf ihn abgestellt ist und keiner der etatmäßigen Stürmer kann die Rolle eins zu eins übernehmen, von deutlich geringerer individueller Qualität mal ganz abgesehen. Viel deutlicher als in der ersten Grafik kann das gar nicht mehr werden, der gute Manuel Hornig, der ihn da vertritt, ist eigentlich Innenverteidiger. Das wirkt wie eine Verzweiflungstat und ist auch mehr oder weniger eine.

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