Aspektanalyse: Lille OSC unter Ancelotti – Wie Vertikalität PSG vor Probleme stellte – LE
Nachdem Davide Ancelotti beim FC Bayern München, Paris Saint-Germain, der SSC Neapel und dem FC Everton sowie zuletzt bei der brasilianischen Nationalmannschaft als Co-Trainer seines Vaters Carlo tätig war, stellte sich der 37-Jährige zur Saison 2025/2026 erstmals der Herausforderung als Cheftrainer. Er übernahm den brasilianischen Erstligisten Botafogo. Auf einen vielversprechenden Start folgten jedoch durchwachsene Ergebnisse, sodass seine Zeit am Zuckerhut bereits nach fünf Monaten vorzeitig endete. Zu Beginn dieser Saison unterschrieb Ancelotti schließlich einen Zweijahresvertrag beim französischen Traditionsverein Lille OSC. Dort traf er auf eine Mannschaft, deren Kader nach dem dritten Platz in der Vorsaison weitgehend zusammengehalten werden konnte. Lediglich Supertalent Bouaddi und Stürmer Fernandez-Pardo verließen den Verein im Sommer. Unter Ancelotti erwischten die Doggen einen guten Saisonstart. Nach acht Spieltagen stehen sie mit vier Siegen, drei Unentschieden und einer Niederlage zwei Punkte hinter Tabellenführer PSG auf Rang drei der Ligue 1. Grund genug, einen genaueren Blick in den Norden Frankreichs zu werfen und die Mannschaft von Ancelotti einer kurzen Analyse zu unterziehen – mit Fokus auf das Spiel mit Ball gegen den amtierenden Meister Paris Saint-Germain.
Ancelotti selbst beschreibt seinen Ansatz folgendermaßen:
„Ich mag es, wenn meine Mannschaften schnellen, vertikalen Fußball spielen – sodass sie den Ball nicht lange in den eigenen Reihen halten, nur um sich selbst zu schützen, sondern um dem Gegner weh zu tun! Ich bin davon überzeugt, dass der Fußball in seinen entscheidenden Aktionen, in den gefährlichen Momenten oder vor dem Tor Schnelligkeit braucht. Und ich ermutige meine Mannschaft sehr, schnell zu spielen.“
Sowie: „Hat schnelles Spielen einen Einfluss darauf, Räume leichter zu finden? Wenn man vertikal spielt und von hinten angreift, stiftet man Chaos, und das ist weitaus schwieriger zu verteidigen. Das ist es zum Beispiel nicht, wenn man von Seite zu Seite spielt. Da ist es einfacher, sich darauf einzustellen.“
Grundordnung und personelle Ausrichtung
Lille agiert meist in einer leicht asymmetrischen 4-2-3-1-Grundordnung. Ethan Mbappé rückt von der rechten Außenbahn immer wieder in den rechten Halbraum ein oder lässt sich weit bis in den Sechserraum zurückfallen. Dadurch übernimmt Rechtsverteidiger Santos häufig die Rolle des alleinigen Breitengebers auf der rechten Seite und agiert deutlich offensiver als sein Pendant auf der linken Seite, Perraud. Perrin auf links hält dagegen überwiegend die Breite. Im Zentrum lässt sich Bentaleb im Spielaufbau häufig zwischen die beiden Innenverteidiger zum Dreieraufbau zurückfallen. André agiert dann als Single-Pivot.
Vertikalität aus dem tiefen Aufbau
Im Spielaufbau gegen ein hohes Mann-gegen-Mann-Pressing verfolgt Lille einen Ansatz, der sich vom häufig praktizierten Vorgehen unterscheidet, zunächst den Torhüter als Überzahlspieler einzubinden, auf das Anlaufen des Torhüters zu warten und anschließend den freien Mann zu finden, um die Überzahl sukzessive nach vorne zu tragen. Stattdessen setzt Lille auf einen direkteren, konsequent auf Vertikalität ausgerichteten Ansatz, bei dem Progression vor allem über die Flügel entstehen soll.
Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die sechste Spielminute der Partie gegen Paris Saint-Germain:
PSG presst mannorientiert und löst das Pressing mit dem Anlaufen des Torhüter Özer aus. Ethan Mbappé hat sich auf der rechten Seite bereits in den Halbraum bewegt und lässt sich anschließend weit zurückfallen – bis in die Nähe des eigenen Strafraums. Sein direkter Gegenspieler folgt ihm, wodurch sich in der Tiefe Raum öffnet, den Lille gezielt bespielen möchte. Der Ball wird zunächst vom linken Innenverteidiger Ngoy auf Rechtsverteidiger Santos auf den Flügel gespielt. Da PSGs Linksverteidiger Zaire-Emery einen langen Anlaufweg zurücklegen muss, verfügt Santos kurzzeitig über genügend Zeit, um den Ball in offener Stellung anzunehmen.
Zeitgleich mit dem Pass auf Santos starten Haraldsson und André im Halbraum gegenläufige Bewegungen: Haraldsson kommt dem Ball entgegen, während André in den zuvor freigezogenen Raum in die Tiefe startet. Da Zaire-Emery inzwischen zu Santos aufgeschlossen hat, ist der direkte Pass in die Tiefe auf André nicht mehr möglich.
Santos entscheidet sich deshalb für den Pass auf den entgegenkommenden Haraldsson. Dieser dribbelt zunächst kurz in Richtung des eigenen Tores. Daraufhin startet Mbappé gegenläufig in die Tiefe. André bricht seinen Tiefenlauf ebenfalls ab und hält dadurch den Zielraum auf der linken Seite in der Tiefe frei.
Durch das Zusammenspiel dieser gegenläufigen Bewegungen verliert PSG kurzzeitig die Zuordnung innerhalb seiner Mannorientierung. Mbappés Tiefenlauf wird dadurch nur verzögert aufgenommen. Haraldsson spielt den Ball zurück auf Santos, der Mbappé anschließend mit einem Pass in den Lauf in die Tiefe schickt.
Mbappé setzt sich auf dem rechten Flügel durch und kann den Ball auf den völlig frei vor dem Tor stehenden Giroud querlegen. Dieser lässt die Großchance jedoch ungenutzt. Nach nur sechs Minuten hätte es somit bereits 1:0 für Lille stehen können.
Der Ansatz im tiefen Spielaufbau lässt sich damit klar zusammenfassen: Lille nutzt die gegnerische Mannorientierung gezielt, um Räume in der Tiefe freizuziehen. Anschließend versucht die Mannschaft, diese Räume über die Flügel und mithilfe gegenläufiger Bewegungen schnell und vertikal zu bespielen. Insbesondere gegen mannorientierte Pressingmechanismen stellt dieses Vorgehen ein wirkungsvolles Mittel dar, um die gegnerische Zuordnung aufzubrechen und in die Tiefe zu gelangen.
Der lange Ball als Alternative unter hohem Druck
Gerät Lille im tiefen Spielaufbau unter starken Gegnerdruck, greift die Mannschaft auf den langen Ball auf Zielspieler Giroud zurück.
Mit seiner Physis, Kopfballstärke, Spielintelligenz und außergewöhnlichen technischen Qualität im Kombinations- und Ablagenspiel bringt Giroud nahezu ideale Voraussetzungen mit, um lange Bälle festzumachen und für seine Mitspieler abzulegen. Auf diese Weise kann er den Ballbesitz sichern und seinen nachrückenden Mitspielern die notwendige Zeit verschaffen, um aufzuschließen und sich für die Anschlussaktion anzubieten. Hier verschaffen sich die Spieler im Zentrum Dynamikvorteile indem sich erst fallen lassen und sobald der lange Ball gespielt wird in die entgegengesetzte Richtung starten um in offener Stellung anspielbar zu sein.
Vertikalität auch aus dem höheren Aufbau
Auch im Mittelfeldpressing verteidigte PSG konsequent mannorientiert. Lille griff dabei auf dasselbe Grundmuster zurück, das bereits im tiefen Spielaufbau zu beobachten war.
Beispielhaft die 17. min:
Der Ball wird zunächst zum rechten Innenverteidiger Ngoy gespielt. Gleichzeitig rückt Mbappé erneut von der rechten Außenbahn in den Halbraum ein, wird von seinem Gegenspieler verfolgt und lässt sich weit zurückfallen. Dadurch wird der Raum auf dem rechten Flügel erneut gezielt freigezogen. Parallel dazu binden Giroud und André die beiden Innenverteidiger Pacho und Marquinhos im linken Halbraum. Damit soll verhindert werden, dass Pacho nach einem Angriff über den rechten Flügel noch rechtzeitig eingreifen und den bespielten Raum absichern kann.
Mbappé wird in seiner zurückfallenden Position angespielt. Zeitgleich kommt Haraldsson aus einer höheren Position im linken Halbraum entgegen und zieht dadurch Zaire-Emery mit sich. Der ohnehin freigezogene Raum in der Tiefe wird dadurch nochmals vergrößert. Mbappé dreht auf und spielt den Ball zu Haraldsson, der ihn in Richtung des eigenen Tores mitnimmt. Unmittelbar danach startet Mbappé erneut gegenläufig in die Tiefe. Haraldsson passt auf Santos, der Mbappé mit einem Pass in den Lauf bedient. Mbappé setzt sich im Laufduell gegen Zaire-Emery durch, dringt in den Strafraum ein und kommt in unmittelbarer Nähe des Fünfmeterraums aus aussichtsreicher Position zum Abschluss. Giroud stand zudem bereit, um einen möglichen Rebound zu verwerten. Auch in dieser Situation hätte Lille in Führung gehen können.
Erneut zeigt sich damit das zentrale Prinzip im Ballbesitzspiel von Lille: Durch gezielte Bewegungen werden Räume auf dem Flügel freigezogen, indem die gegnerische Mannorientierung bewusst manipuliert wird. Anschließend versucht die Mannschaft, den entstandenen Raum über den Flügel und mithilfe gegenläufiger Bewegungen schnell und vertikal in die Tiefe zu bespielen.
Dieses Muster zieht sich sowohl durch den tiefen Spielaufbau als auch durch höhere Ballbesitzphasen. Lille sucht nicht primär Kontrolle durch lange Ballbesitzsequenzen, sondern versucht, durch gezielte Raumöffnung, gegenläufige Bewegungen und vertikale Bälle in die Tiefe möglichst schnell in gefährliche Räume zu gelangen.
Fazit
Ancelottis Lille gelang es gegen PSG, durch gut vorbereitete, schnelle und vertikale Angriffe das aktionsdominante Team zu sein, obwohl Paris Saint-Germain über weite Strecken Spielkontrolle innehatte und deutlich mehr Ballbesitz verzeichnete.
Insbesondere gegen mannorientiert verteidigende Mannschaften lassen sich durch das gezielte Freiziehen von Räumen und gegenläufige Bewegungsabläufe schnell Tiefenräume bespielen und dadurch konstant gefährliche Situationen kreieren. Dass Lille seine Angriffe vorwiegend über die rechte Seite vortrug, dürfte unter anderem mit der Schnelligkeit Hakimis auf der gegenüberliegenden Abwehrseite zusammenhängen. In Kombination mit langen Bällen auf Zielspieler Giroud, der bei beiden Treffern von Lille die Vorlage lieferte, gelang es den Doggen, den amtierenden Meister an den Rand einer Niederlage zu bringen und beinahe drei Punkte einzufahren. Erst zwei Gegentreffer nach Ablauf der regulären Spielzeit verhinderten letztlich den Erfolg.
Interessant und in diesem Artikel nicht thematisiert bleibt, welche Lösungen Ancelotti gegen tief stehende Gegner, gegen die schnelles vertikales Spiel in die Tiefe schwer möglich ist, findet.
Die Liebe zum Spiel begleitet LE schon sein ganzes Leben. Aktuell ist er als Trainer im Amateurbereich tätig.



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