Totale Diagonalität – ND
Während in der aktuellen Fußballwelt eine Mehrheit der Mannschaften im öden Einheitsbrei des Copycat Fußballs versinkt und alle brav dieselben Schablonen und Abläufe kopieren, verweigern sich der SC Verl und Tobias Strobl diesem Trend. Stattdessen lieferten sie den wohl spektakulärsten Ansatz aller deutschen Profiligen:
Spielerfokussiert – diagonal – attackierend
das sind die Begriffe, die ihre Philosophie auf den Punkt bringen. Im Folgenden werfen wir einen detaillierten Blick auf ihre Ideen und Motive…..
ND
Instruktion und Repetition oder Intuition und Relation?
Der Vergleich zwischen klassischer westlicher Kompositonsmusik und dem afroamerikanischen Free Jazz:
Schaut man sich die beiden Partituren im direkten Vergleich an, so wird deutlich: Obwohl beide grundlegend auf demselben Spielfeld spielen, offenbaren sich immense Unterschiede.
Auf der linken Seite steht mit Johann Sebastian Bachs „Das wohltemperiertem Klavier“ ein Beispiel der westlichen Kompositionsmusik, welches vorallem von Determinismus geprägt ist. Es ist ein System, das auf einer hohen Frequenz identischer Repetitionen, vollkommener Symmetrie und der minimierung von Abweichungen fusst. Jede Note, jeder Takt und jedes Timing ist im Vorfeld unverrückbar festgeschrieben; die Struktur steht über dem Individuum.
Demgegenüber steht in Form eines beispielhaften Graphic Scores des Jazzmusikers Anthony Braxton eine konträre Philosophie: Ein auf den ersten Blick wildes, chaotisches System, das bewusst auf Notenvorgaben verzichtet. An die Stelle rigider Instruktionen zeichnen Motive und Guidelines in Form von grafischen Symbolen, angedeuteten Tonverläufen und Tempowechseln ab. Diese Partitur fungiert nicht als Gesetz, sondern als Unterstützung für die Intuition des Künstlers und für die daraus entstehenden Relationen zum zuvor Gespielten.
Braxton beschreibt es wie folgt: „Notation is used as a guide or platform for improvisation […] so that the score is only one component of the total performance, whereas in the Western classical tradition there is generally more emphasis on a faithful rendition of the score as being the main focus and purpose of the performance.“ [3]
Dem gegenüber steht eine noch deutlich kleinere Gruppe von Anhängern der Philosophie, die dem Free Jazz deutlich näher ist; eben dort lassen sich die Ideen des SC Verl und von Tobias Strobl verorten. Ihr Ziel ist es nicht, Positionen und Aufgaben zu diktieren, sondern den Akteuren einen dynamischen Rahmen zu bieten, in dem sie frei improvisieren können, um daraus Relationen zueinander herzustellen. Richtig eingesetzt und vorbereitet können daraus extrem effektive und gefährliche Situationen entstehen, da die Impovisation ein Kontinuum ist welche sich von Moment zu Moment und Person zu Person, unterscheidet und somit oftmals für den Gegner unvorhersehbar ist.
Innerhalb dieses Rahmens gibt es Motive und Prinzipien, die dafür sorgen, dass es dennoch klare Leitplanken gibt, um nicht in ein komplettes „Chaos“ zu verfallen, ähnlich wie beim Graphic Score von Braxton. Strobl sprach im Podcast From Coach to Coach davon: „Es gibt Anhaltspunkte und dann können die Jungs frei entscheiden und aufeinander reagieren“ [5]. In einem anderen Interview sprach er davon: „Ich finde das Fussballspiel hat keine Systematiken mehr, […] im Ball ist alles so variabel geworden wo ich jetzt komplett von diesen Systematiken weggehen würde“ [6] Natürlich wird es in seiner Philosophie teilweise auch feste Aufgaben und Positionen geben, jedoch in einem deutlich freierem Handlungsrahmen.
Nun stellt sich die Frage wie sieht dieser Ansatz auf dem Spielfeld aus und welche Motive innerhalb des Rahmens exisitieren:
Spiel gg Pressing
Die Raute als Framework
Die Raute fungiert als Schlüsselmotiv im tiefen Spielaufbau. Hierbei wird sie meist dynamisch ausgebildet und flexibel besetzt, wodurch sie nur selten aus den klaren Startpositionierungen heraus entsteht; vielmehr formiert sie sich situativ durch die freien, ballorientierten und mitspielerorientierten Bewegungen der Spieler. Beispielhafte Anordnungen:

Raute +2 Diagonal
Neben diesen Beispielen existieren selbstverständlich etliche weitere möglich Konfigurationen, die sich an der Raute orientieren und von denen sich auch einige im Saisonverlauf des Sportclubs gezeigt haben. Dabei ist nicht nur das + X Angebot als solches, sondern vor allem auch der Phänotyp der einzelnen Strukturen die alle unter dem selben extrem breit gefächert:
Betrachtet man beispielsweise nur die Raute +1 Diagonal, die wohl am häufigsten auftretende Form beim SC Verl, so offenbaren sich nahezu endlose Variationsmöglichkeiten. Wie genau der freie +1 Spieler die Diagonale bildet, hängt maßgeblich davon ab, zu welchem Teil der Raute er sich anbietet: Orientiert er sich nach innen oder gibt ein Angebot in Richtung Außenseite. (Beim SC Verl haben innere Angebote die höchste Priotität um ihre Diagonalität zu maximieren). Der größter Unterschiedmacher ist hierbei jedoch der spezifische Winkel, in dem sich der Akteur positioniert. Es ist im Vorhinein unmöglich festzulegen, welches Angebot „das Richtige“ ist. Zu viele dynamische Variablen bestimmen den Moment: Wie setzt der Mitspieler seinen ersten Kontakt? In welchem Winkel und mit welchem Tempo wird der Ballführende angelaufen? Befinde ich mich gerade im Deckungsschatten? Braucht der aktuelle Ballführende überhaupt ein direktes Angebot oder biete ich mich strategisch besser schon so an, dass ich sofort als Anschlussstation für den nächsten Spieler fungieren kann? Diese und viele weitere Variablen können die Spieler in der Sekunde des Geschehens selbst weitaus besser einschätzen, als es rigide Vorgaben im Vorfeld je vermöchten.
Durch dieses permanente, dynamische Aufeinander-Reagieren im Raum gelingt es das starre System des klassischen Positionsspiels aufzubrechen. Die Raute verkommt dadurch nie zu einem statischen Element, sondern bleibt stetig flexibel, was es den Spielern erlaubt, immer wieder neue, intuitive und relationale Strukturen um das Kernmotiv herum zu komponieren.
Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass die Raute (+1 Diagonal) genau einen jener Anhaltspunkte darstellt, an denen sich die Spieler orientieren können und von denen auch Tobias Strobl sprach.
Aus statischer Raute in dynamische Anpassungen:
Natürlich gibt es aber auch Situation in denen die Raute + X Struktur statisch steht, wie etwa bei Standardsituation so auch bei diesem Einwurf:
Die Spieler formieren sich hier in einer Raute +1 +1 Diagonal Staffelung. Doch diese Anordnung bedeutet alles andere als das Ende der Strukturfindung, sie ist vielmehr der Startschuss: Durch einen Bouncepass von Eze zurück auf Mhamdi wird der Gegner gezielt manipuliert und „ins Springen“ gebracht. Dies ist ein absolutes Schlüsselprinzip im Spiel von Strobl: Es geht darum, gegen das Momentum der Anläufer zu agieren, deren Aggressivität auszunutzen und ins Leere laufen zu lassen sowie die Räume, die sich durch das Herausrücken in deren Rücken unweigerlich öffnen zubespielen.
Während die Duisburger auslösen, passen die umliegenden Spieler sofort ihre Positionen an. Sie ziehen sich zusammen, schaffen kurze Abstände und stellen im Raum direkt die nächste Rautenstruktur her. Die aktuell beteiligten Akteure, Ens und Mhamdi, verfügen dadurch jeweils über zwei Kurzpassoptionen sowie einen klaren Zielspieler in der Vertikalen, falls sie sich im Druck unsicherfühlen:
Doch von Unsicherheit ist hier absolut keine Spur. Das Gegenteil ist der Fall: Mhamdi demonstriert maximale Ruhe am Ball, stellt die Stollen auf den Ball, nachdem er ihn erneut von Ens erhält, und das, obwohl der Gegner kaum zwei Meter Distanz zu ihm hat. Das Ziel ist klar: Er will den Gegner noch mehr anlocken, als er aus dem Stabilen Stand startet legt Mhamdi auf Ens zurück, der sich zuvor durch einen geschickten Schritt nach hinten minimal von seinem Gegnerspieler abgesetzt hat und sich somit einen Kontakt verschafft: Diesen nutzt Ens perfekt, er leitet den Ball direkt weiter auf Gayret. Dieser lässt den Ball sofort auf Waidner klatschen, welcher direkt in den Laufweg des startenden Eze ablegt.
In dieser Szene lässt sich auch das Prinzip: Mit 2-3 Kontakten Gegner ins Pressing locken, nach Auslösung einen Gang hochschalten ins 1 Kontaktspiel. Welches sich auch extrem durch ihren tiefen Spielaufbau zieht:
https://x.com/Torwartkette_ND/status/2026663783205073266?s=20
Dynamisch ins Motiv
Raute
Erneut locken sie den Gegner gezielt ins Pressing, sodass sie über den entgegenkommenden Sechser mit dem ersten Kontakt auf den freien Innenverteidiger spielen können. Noch während der Ball zum Innenverteidiger unterwegs ist, scannt Eze bereits das Feld und erkennt den freien Raum in der Vertikalen.
Gleichzeitig lässt sich Mhamdi von der Mittellinie etwa auf die Höhe von Gayret fallen, wodurch der Raum in der Tiefe noch weiter geöffnet wird. Ens erkennt die Situation: Er weiß, dass Mhamdi seinen Gegenspieler mitzieht, und sieht genau, wohin Eze unterwegs ist, verzögert dadurch seinen Pass. Allerdings spielt Ens den Ball letztlich einen minimalen Moment zu spät, wodurch Eze auf den Ball im Raum warten muss anstatt dynamisch den Ball mitnehmen, so kann die vielversprechende Aktion nicht ihr ganzes Potenzial entfalten kann.
Raute + 1 Diagonal (innen)
In dieser Sequenz ist die Transformation aus einer ursprünglichen Mittelfeldraute hin zu einer langgezogenen Raute +1 Diagonal auf dem rechten Flügel perfekt sichtbar. Die Spieler beweisen dabei ein hohes Maß an Spielintelligenz, indem sie die Situation, die offenen Räume, die benötigten Passangebote bekennen.
Mhamdi erkennt, dass Ens angespielt wird und sofort unter Druck geraten wird, somit muss er eine Kurze Passoption in einem flachen Winkel schaffen: Er fällt zurück und schafft zusätzlich eine minimale Seperation zum Gegner. Währenddessen rückt Yari Otto horizontal, ballnah nach. Er erkennt wiederum, dass Mhamdi sofort attackiert werden wird, da Mhamdi in diesem Moment die einzige logische Option für Ens darstellt, muss Yari Otto sich zwingend für einen schnellen Folgepass anbieten. Noch während der Pass von Ens nach außen unterwegs ist, nutzt Otto die Zeit für einen Scan in die Vertikale, um seine Optionen nach dem er angespielt wird exakt zu kennen. Dabei sieht er, dass Eze bereits auf dem Weg ist, sich als tiefste Spitze der neuen Raute anzubieten.
Interessant ist hierbei das Verhalten von Eze und Waidner: Anders als in der zuvor analysierten Duisburg Szene stellen die beiden keine extrem kurzen Passdistanzen her. Da die Pressingdistanzen von Wehen Wiesbaden in dieser Szene eher lang sind und nur wenige gegnerische Spieler aktiv ins Pressing investieren, sind die ganz kurzen Distanzen nicht nötig. Waidner weiß ebenfalls, dass er kein direktes, unterstützendes Passangebot in der Nähe des Balls liefern muss, da Otto nach seinem Zuspiel keinen sofortigen Druck bekommen wird. Stattdessen positioniert sich Waidner clever im Deckungsschatten seines Gegenspielers, sodas er im nächsten Moment direkt für Eze anspielbar wird.
Da der Gegner trotz der längeren Wege aktiv presst, wird die gesamte Kombination von allen beteiligten Spielern über relativ locker über konsequente Direktpässe gelöst, da sie auch immer wieder gegen das Momentum der Anläufer spielen.
Das Motiv ist dabei jedoch keineswegs ein Dogma, das unter allen Umständen kurz ausgespielt werden muss insbesondere dann nicht, wenn der Gegner versucht, ihren Ansatz durch ein aggressives Überzahlpressing zu kontern, wie es Rostock im Rückspiel in Verl getan hat.
In dieser Szene spielen sie Ens über Otto und Schulze an, woraufhin sich um ihn herum sofort das gewohnte Rautenmotiv bildet, mit Waidner als diagonalem +1-Spieler. Doch anstatt stur in die gegnerische Pressingfalle zu kombinieren, beweisen die Verler ein hervorragendes Spielverständnis: Sei es durch eine In-Game-Ansage von außen, die vorherige Gegneranalyse oder das gezielte Training gegen solche Pressingmuster. Das Team erkennt sofort, dass es nun darum geht, schnellstmöglich nach dem Anspiel die -1-Situation in der letzten Linie zu attackieren. Folglich belaufen Gayret und Wörner schon während des Anspiels auf Ens sofort die Tiefe auf dem Flügel, um trotz des von innen nach außen pressenden Stürmers für Ens anspielbar zu sein.
Raute +1 diagonal (außen)
Auch in dieser Szene offenbart das gegnerische Pressing erhebliche strukturelle Schwächen: Die Pressingwege auf der ballnahen Seite sind viel zu lang und im defensiven Verbund herrscht Unklarheit darüber, ob gepresst oder in den Block gefallen werden soll. Kijewski nutzt die Zeit und den Raum, die ihm zur Verfügung stehen, indem er den Ball mit dem ersten Kontakt leicht ins Zentrum mitnimmt. Dadurch muss sein Gegenspieler nun von außen nach innen verteidigen, und für Kijewski ist es ein Leichtes, den Ball gegen die Verschieberichtung seines Anläufers nach außen zu spielen.
Dort passte Waidner den Winkel durch eine kleine Bewegung nach außen so an, dass er außerhalb des Deckungsschattens anspielbar ist. Auch Waidners Gegenspieler steht recht weit von ihm weg und weiß nicht, ob er pressen oder fallen soll. Mit dem Ball nach außen tritt ein weiteres klassisches Prinzip in Kraft: „Bei Pass von Innen nach Außen, ballnah tief“. Taz startet in die Schnittstelle und wird von Waidner bedient, sie kommen in eine aussichtsreiche Flankenposition.
Raute + 1 + 1 Diagonal
Überzahl durch das Motiv nach vorne übertragen:
Otto reagiert auf Stöckers Position und den Druck, den dieser bekommt, indem er sich im Raum diagonal vor ihm anbietet – auf einer Höhe mit Gayret, um so das Rautenmotiv zu kreieren, während sich Waidner und Arweiler diagonal zur der Raute anbieten.
Doch diese Struktur bleibt wie zuvor gesehen nicht statisch, nachdem sie einmal dynamisch aufgebaut wurde: Otto gibt den Ball nach außen. Obwohl er direkt wieder frei anspielbar wäre und seine Körperposition so anpassen könnte, dass er Spielfeldoffen steht, startet er einen Lauf nach außen in den Rücken von Gayrets Gegenspieler um so ein 2gg1 in 2 Ebenen zukreieren. Dies zeigt die Verler Intention, dass wenn Überzahl Situationen entstehen nich in einer tiefen Ebene nutzen wollen sondern wenn bestmöglicht und schnellstmöglich in die nächst höhere zu übertragen. Oftmals durch Spiel und Geh Dynamiken wie auch in dieser Szene.
Eze reagiert auf Ottos Bewegung, indem er dessen vakante Position besetzt. Einerseits bietet er Gayret damit eine direkte Passoption an, andererseits positioniert er sich zwischen dem eigenen Tor und dem Ball, um eine verlässliche Restverteidigung zu gewährleisten und diese Achse bei einem Ballverlust zunächst geschlossen zu halten. Gayret entscheidet sich jedoch dafür, Ottos Lauf zu bedienen, wodurch die Überzahl erfolgreich in die nächste Ebene transformiert wird. Durch das Herausrücken von Taz’ Gegenspieler öffnet sich sofort die nächste Möglichkeit hierfür: Taz bewegt sich in dessen Rücken reagiert dabei darauf, dass sich Besio bereits als Passoption für Otto anbietet, dieser jedoch ein Angebot für eine Anschlussaktion benötigt. Den Verlern gelingt es, die Überzahl aus der ersten Aufbaulinie, die durch die aktive Einbindung des Keepers entsteht, mithilfe des Motivs sowie mehrerer Subprinzipien wie Spiel und Geh und dem ständigen Aufeinander Reagieren in eine Situation zu übertragen, in der sie offen die letzte Linie des Gegners im 2gg2 attackieren.
Raute + 1 +2 Diagonal
Das Wissen über das Motiv als Gedankenvorsprung nutzen:
Waidner weiß, dass er kein sinnvolles direktes Angebot für Kijewski anbieten kann, da sein Gegenspieler direkt an ihm dransteht. Er könnte nur mit dem Rücken zum Spiel angespielt werden und hätte keine sinnvolle Anschlussaktion.
Stattdessen passt er seine Position bedingt durch den Gedankenvorsprung an: Er dreht sich um den Gegner herum in dessen Rücken, weil er weiß, dass ein Mitspieler dem Ballführenden Kijewski ein vertikales Angebot geben wird. Somit schafft er ein deutlich effektiveres Angebot er bietet sich als Klatsch Option für diesen Vertikalspieler an, wird schließlich von Stark angespielt, kann den Ball mit offener Körperstellung entgegennehmen und direkt verlagern.
Bogenläufe
Wie in den vorherigen Szenen häufig zu erkennen war, ist die Raute ein dynamisches Element, welches sich an den Gegebenheiten der Situation bedient und aus den Reaktionen der Spieler entsteht, anstatt starr aus den Grundpositionen hervorzugehen. Dadurch ist es unerlässlich, „richtig“ in die jeweiligen Zonen zu kommen. Das bedeutet in diesem Fall vor allem drei Punkte:
Passende Körperstellung:
Grundsätzlich ist es das Ziel, den Ball in einer offenen oder halboffenen Körperstellung zu empfangen, um bestmöglich für eine Progression vorbereitet zu sein. Teilweise sind jedoch auch geschlossene Angebote sinnvoll, wie beispielsweise vom Vertikalspieler der Raute. Dieser nutzt die geschlossene Stellung, um den Ball erst einmal festzumachen oder eine direkte Ablage auf einen bereits offen stehenden Mitspieler zu finden.
Für die umliegenden Spieler rund um den Vertikalspieler herum sind offene/halboffene Positionen hingegen essenziell. Hierbei bieten Bogenläufe einen enormen Vorteil: Durch die geschwungene Anlaufkurve kann der Spieler seine Körperstellung bereits während der Bewegung kontinuierlich anpassen. So kann beispielsweise ein Spieler, der sich im Zentrum noch in einer geschlossenen Körperstellung befindet, kann durch einen Bogenlauf in Ballnähe auf die Außenspur hervorragend in eine halboffene Körperstellung übergehen. Setzt er diesen Lauf bogenförmig weiter fort, kann er im Anschluss direkt mit offener Körperstellung und vollem Blickfeld die Tiefe belaufen.
Timing:
Grundsätzlich ist es das Ziel, das Eintreffen im Zielraum möglichst optimal auf den Passmoment des Mitspielers abzustimmen, unabhängig von der konkreten Art des Freilaufens. Kommt der Spieler zu früh, muss er seine Dynamik stoppen, kann nicht aktiv in den Ball reinarbeiten und macht es seinem direkten Gegenspieler leicht, sich auf die Situation einzustellen. Kommt er hingegen zu spät, schließt sich das Passfenster, der Ballführende gerät unter höheren Gegnerdruck und kann das Zuspiel nicht mehr angemessen spielen.
Auch beim Timing bieten Bogenläufe einen Vorteil: Sie lassen sich flexibler anpassen und bieten somit eine breitere zeitliche Spanne für ein passendes Timing als lineare Läufe. Allerdings sind lineare Läufe deutlich schneller können so situativ wenn der Druck auf den Ballführenden bereits so hoch ist, dass keine Zeit für ein Bogenlauf bleibt sinnvoler sein.
Separation zum Gegner:
Grundsätzlich ist es das Ziel, durch die eigene Lauf- und Auftaktbewegung eine größere Distanz zum Gegenspieler als zuvor zu kreieren, um sich so effektiv mehr Zeit für die Folgeaktion zu verschaffen. Um eine rein lineare Distanz zu schaffen, sind vor allem die Antrittsgeschwindigkeit sowie die Reaktionszeit des Gegenspielers entscheidend. Bogenläufe hingegen sind für den Verteidiger deutlich schwerer aufzunehmen: Wird der Lauf exakt verfolgt ist es durch eine halbkreisförmige Bewegung möglich, vor den Gegenspieler zu kommen, wird der Lauf nicht exakt verfolgt muss zunächst der Gegenspieler abwarten, wie sich die Laufkurve abzeichnet, durch dieses Zögern entsteht ein Zeitvorteil für den Spieler.
Waidner kommt aus einer geschlossenen Stellung über eine halboffene in eine offene, tiefenattackierende Position. Dabei kreiert er Separation zum Gegenspieler und läuft vor diesem in die Tiefe, da der Verteidiger den Lauf nahezu exakt verfolgt. Stark schafft es ebenfalls aus der geschlossenen in die halboffene Stellung und verschafft sich durch den Bogenlauf ein kleines Zeitfenster für eine etwaigen Pass auf Eze.
Intention
Erneut schaffen es die Verler, sich entlang des Motivs mithilfe von bogenförmigen (Frei-)Laufbewegungen, Spiel und Geh sowie durch ständiges Aufeinander Reagieren (bzw. das Reagiern auf die Dynamik der Situation) durch die Überladung zukombinieren und Gayret mit offenem Fuß zu finden. Anschließend diagonal auf Taz zu kommen, dieser kann durch die enge Markierung und die suboptimale, geschloßene Körperstellung den Ball nicht direkt fest machen und versucht stattdessen ihn in die Drehung mitzunehmen, ist jedoch nicht perfekt woduech die Rostocker den Ball auf auf der Überladungsseite erobern können.
Diese Szene zeigt beispielhaft, dass es egal ist, wie gut die Motive und Prinzipien sind, um durch das Pressing zu kombinieren. Es muss klare Intentionen als Anschlussaktionen geben, die es schaffen, den Vorteil nicht zunichte zu machen, sondern diesen optimal zu nutzen, um ihn weiter zu übertragen. Bei den Verlern lautete die Intention: Sie wollen einen offenen Spieler mit einer zentrumsorientierten Stellung finden, welcher Spieler und welche Zone dies genau ist, unterscheidet sich situativ. Anschließend wird zumeist versucht, direkt die letzte Linie zu attackieren, da sie häufig extrem viele Spieler herausziehen und so die Achse zur letzten Linie geöffnet ist. Dabei zeigten sich vorallem 2 Dynamiken:
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Diagonale Verlagerung: Direkte Verlagerung auf die ballferne Seite (oftmals auf Besio), um dort isolierte 1:1 Situationen zu erzeugen oder um den Spieler mit Tempo den freien Raum attackieren zu lassen.
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Ballnahe Tiefe: Sofortige Tiefenläufe auf der ballnahen Seite, um die entstehenden Räume vor oder hinter der letzten Linit zu attackieren.
Call and Response
Bereits in den vorherigen Szene war das aufeinander bzw auf die dynamik der Situation zuerkennen, hier lässt sich erneut der Einzusammen zwischen Free Jazz und Strobls/Verls Spielansatz gezogen, ahnlich wie bei einem Free Jazz Ensemble beruht dieses ebenso zu einem großen Teil auf der Kunst der kollektiven Improvisation aneinander, entlang von gemeinsamen Leitplanken und Motiven. Im Podcast From Coach to Coach [5] sprach er davon:
„Es gibt Anhaltspunkte, und dann können die Jungs frei entscheiden und aufeinander reagieren.“
Wie eben analysiert könnte die Raute eben so ein Anhaltspunkt sein. Der zweite und deutlich komplexere Teil liegt im freien Entscheiden dann aufeinander reagieren:
Im Jazz sprich man hier von Call and Response: „Einfach ausgedrückt, ist Call & Response ein Dialog zwischen zwei unterschiedlichen musikalischen Phrasen. […] Call & Response kann jedoch verschiedenste Formen annehmen: die einer Konversation zwischen Lead-Soloist:in und einem antwortenden Ensemble, einer instrumentalen Version des genannten Beispiels […] Bestimmend ist jedoch immer dasselbe dialoghafte Hin und Her zwischen zwei musikalischen Elementen.“ [4].
Dieses Konzept lässt sich exzellent auf den Fußball übertragen und als analytisches Framework nutzen. Dabei kann die fußballerische Umsetzung sogar noch deutlich breiter gefächert werden als in der Musik: Der Dialog muss nicht zwingend zwischen zwei Einzelpersonen stattfinden, sondern kann sich ebenso zwischen mehreren Gruppen abspielen, zwischen einer Gruppen und einem Einzelspieler oder sich zu einer Reihe von Calls und Responses entwickeln.
Der Grund für diese erweiterte Komplexität liegt in einer Besonderheit, dass die Spieler nicht nur dann eine akute Wirkung auf das Spiel entfalten, wenn sie aktiv im Ballbesitz sind, sondern dauerhaft durch ihre bloße Präsenz und Bewegung im Raum: Beispiel Spieler A hat einen offnen Fuß => Spieler B erkennt diesen Call und antwortet mit einem Tiefenlauf => Spieler C respondiert auf den Tiefenlauf in dem er stehen bleibt.
Als Grundlage für ein effektives Call and Response bedarf es zunächst eines grundlegenden Aktionsverständnisses als Fundament: Sprich, welche sinnvollen Antworten und Angebote auf bestimmte Aktionen geliefert werden können. Doch diese Grundlagen machen eine Mannschaft noch nicht zu etwas Besonderem, wie es der SC Verl teilweise in der abgelaufenen Saison war. Sie hatten als weiteren Pfeiler, ein fast intuitives Verständnis für die eigenen Mitspieler, das weit über das blinde Beherrschen von Laufwegen und ridigen Abläufen hinausgeht:
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Individuelle Stärken & Präferenzen: In welchen Räumen fühlt er sich wohl? Wie wird er am liebsten angespielt?
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Aktionstendenzen: Pass-first oder Dribbel-first? Beschleunigt oder entschleunigt er lieber?
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Bedarfsorientierte Unterstützung: Welche Hilfe benötigt der Mitspieler in seinen Aktionen?
Daneben ist die Situational Awareness unersetzlich: Die Spieler müssen durch qualitatives Scanning und Kommunikation untereinander immer wieder checken: 1. Welche Aktionen die Spieler um sie herum gerade tätigen – 2. Welche (Re)aktionen die umliegenden Gegnerspieler ausführen. Nur so können sie die bestmöglichen Antworten geben und verhindern, dieselbe Antwort zu liefern, die ein Mitspieler bereits gibt um sich somit nicht gegenseitig in die Quere zu kommen oder eine die ob des Gegnerverhaltens gar nicht möglich ist
Die Aktion startet aus dem Verler Rauten Motiv (Raute +1 Dia. + 1 Vert.), wobei der Vertikalspieler Longline angespielt wird. Eze und Mhamdi reagieren drauf, dass Wörner geschlossen + mit Gegnerdruck im Rücken agiert somit schlechst möglich ein Angebot für eine Anlage, optimalerweise für seinen rechten Fuß. Eze startet zunächst eine Bewegung diagonal ins Zentrum, l noch einmal nach hinten und nimmt dadurch wahr, dass Mhamdi ebenfalls nach innen startet. Er stoppt also seine Bewegung und bietet sich stattdessen nach außen an, um Wörner zwei Optionen zu geben.
Durch den anfangs gestarteten Lauf nach innen hat Ezes Gegenspieler nicht mehr wahrgenommen, dass Eze nach außen abgedriftet ist, verteidigt somit zentral nach hinten. Dadurch ist zwar die Ablage von Wörner auf Mhamdi nicht möglich, dafür aber auf Eze, der nun Raum auf der Außenbahn hat. Von dort aus kann er erneut den Wandspieler in der nächsten Ebene finden, wo Arweiler den Ball nicht festmacht und auf den offenen Mhamdi ablegen kann
Neben einer einfachen Reaktion auf die Aktion eines einzelnen Spielers können ebenso zwei unterschiedliche Reaktionen auf denselben Impuls parallel nebeneinander verlaufen, wobei die eigenständigen Reaktionen zu einer neuen Kombination zwischen den reagierenden Spielern untereinander führen kann.
Fynn Otto befindet sich in der Breite und wird von außen angelaufen. Taz kommt aus einer zentralen, höheren Position minimal entgegen und bietet eine diagonale Anspielstation. Parallel dazu weiß Eze, ohne dass er in diesem Moment einen aktiven Scan durchführt, dass sich ein Mitspieler als Diagonaloption für Otto angeboten hat. Der Grund hierfür ist vermutlich Ottos Blickrichtung sowie das Prinzip, diagonale Angebote zur Rautenbildung zu schaffen. Durch Ottos Körperstellung, sein Profil sowie die Dynamik der Situation ist für Eze zwar noch nicht klar, wer angespielt wird Waidner, er oder der Diagonalspieler. In dem Moment, als er sieht, wie der Ball Ottos Fuß verlässt, nutzt Eze diesen Gedankenvorsprung: Er startet in die Vertikale, um den nächsten Raum zu attackieren. Erst während des Laufes scannt er nach dem Mitspieler, um die exakte Position des Passempfängers im Raum zu erfassen und sich so bestmöglich für ihn anzubieten, was ihm auch gutgelingt die Ablage jedoch nicht sauber ist.
Ein häufig gesehens Call and Response, im Verler Spiel sind Bewegungen von innen nach außen, auf die mit Bewegungen von Außen nach innen geantwortet wird, dabei kann es sowohl zu direkten Dialoghaftem Hin und Her zwischen zwei Spielern kommen…
Mhamdi erhält den Ball auf der Außenbahn und wird vom Gegner diagonal angelaufen. Gayret, der zu diesem Zeitpunkt die Spitze der Raute bildet, reagiert sofort: Mit einer fallenden Bewegungen in die Breite, aus dem Deckungsschatten heraus, wo er auch gefunden wird => Mhamdi attackiert nach der Passabgabe sofort den von Gayret freigezogenen Raum und wird auch direkt wieder von Gayret ins Spiel gebracht. Dieser Ablauf war ein häufig gesehenes Muster, vor allem über Mhamdi. So schaffte sie es immer wieder, das Maximum aus den eigentlich eher ineffektiven Longline-Pässen herauszuholen, indem sie Spieler dynamisch und mit einer Zentrumsorientierung hinter der ersten Pressinglinie des Gegners finden konnten
…oder auch zu komplexeren Kombinationen wobei mehrere Spieler beteiligt sind:
Nachdem Taz gegen die Verschieberichtung des Gegners gefunden wird, legt er den Ball nach außen ab, bleibt jedoch in seiner Dynamik und attackiert sofort breitgehend die Tiefe. Auf diesen Call respondiert Gayret mit einer Gegenbewegung von außen nach innen. Da sich sein direkter Gegenspieler rein am Ball orientiert und Druck auf Mhamdi ausübt, wird Gayrets Laufweg nicht aufgenommen. Kann somit offen und ohne direkten Gegenspieler gefunden werden und die Überzahlsituation weiter transportieren, wie es auch durch ein 2gg1 auf Starks Gegenspieler passiert
Theoretisch wäre in dieser Situation auch das direkte Zuspiel auf den in die Tiefe laufenden Taz eine Option gewesen. Der Verler Fokus liegt nach dem Überspielen des initialen Drucks und dem Finden eines offenen, zentrumsorientierten Spielers häufig darauf, die ballferne Seite diagonal zu attackieren, insbesondere dann, wenn Besio auf dem Feld stand: Dieser bevorzugt Szenen, in denen er tief angespielt oder isoliert im 1gg1 gefunden wird, um schließlich mit seiner Dynamik und inversen Dribblingqualität das Tor zu attackieren, solche lassen sich excellent nach schnellen Verlagerungen kreieren:
Nach einer Verlagerung über den Sechser wird Ens als freier Innenverteidiger gefunden und dribbelt in die Breite an. Darauf reagiert Mhamdi, indem er aus einer höheren, zentralen Position nach außen abkippt und dem Ballführenden etwas entgegenkommt. Gayret antwortet auf Mhamdis Bewegung, indem er zunächst den Raum in der Halbspur nachbesetzt. Er erkennt jedoch, dass er dort aufgrund des diagonalen Pressingwinkels von Mhamdis Gegenspieler kein optimales Anspielangebot darstellt. Somit orientiert er sich gegengleich zu Mhamdis Bewegungsrichtung in eine höhere Position und zieht in die Breite, um so für Mhamdi anspielbar zu sein.
Während Gayrets Lauf kommt Waidner aus der Zentrale entgegen und besetzt den Raum, den Gayret verwaist hat, etwa auf Mhamdis Höhe. Durch dieses ständige Aufeinander Reagieren schaffen sie es erneut das Hauptmotiv der Raute im Spiel gg Pressing aus dem „Nichts“ zukreieren.
Indes bewegt sich Eze auch ballorientiert und biete sich als +1 Diagonalspieler zur Raute an, doch auch hier verkommt die Raute nicht nur zu einem statischen Element sondern: Nachdem Gayret nun Longline gefunden wird, startet Waidner einen Tiefenlauf, hierbei reagiert er darauf, dass Gayret sich nach innen aufdrehen kann, dass er durch das Rückwärtspressing ohne ein Angebot nicht anspielbar ist und auf das Prinzip Ball nach Außen Ballnah tief. Eze bleibt als Reaktion auf Waidners Bewegung einfach stehen, weil durch die er die Gegner ins Fallen bringt und dadurch den Passweg auf Eze öffnet. Dieser bespielt diagonal die Ballferne Seite, wobei Besio isoliert ins 1gg1 kommt und diese Dynamik effektiv ausnutzen kann
Wie man zuvor in den Szene erkennt konnte gibt es bei diesem Prinzip keine wirklich festen Positionsbindungen, viel mehr können sich Angepasst an die Situation Positionierungen. Während es in den vorherigen Spieler zentrale Spieler waren, die sich ballnah und reaktionär auf den Flügel bewegten so können diese Bewegungen ebenfalls in die andere Richtung funktionieren, je nach dem was die Situation bedarf. In beispielhaften Szene braucht er Keeper auf den Gerade das Gegnerische Pressing auslöst eine Passoption optimaler mit der auf den dadruch freien IV, die beiden 6er haben keine passenden Winkel dafür also reagiert der Rechtsverteidiger in Person von Oualid Mhmadi darauf. Diese Reaktion wirkt simpel, und tatsächlich würde nahezu jeder Profispieler solche Anpassungen grundsätzlich in seinem Repertoire haben, aber man würde diese Szene vermutlich bei einigen Teams nicht sehen. Bei Teams nämlich, wo ein Spieler trainiert hat, dass seine Aufgabe darin besteht, nur aus seiner Position zu spielen, klare Zonen zu besetzen und feste Abläufe zu befolgen. Ein solcher Spieler verliert die Fähigkeit zu urteilen. Die Entscheidung wird ihm abgenommen.
Die Studie „How experts deal with novel situations: A review of adaptive expertise“ (Bohle Carbonell et al., 2014) unterscheidet in zwei Arten der Expertise, Routine-Expertise und Adaptive Expertise.
Ein Beispiel für Routine-Expertise in diesem Kontext lautet: „Wenn der Torwart angelaufen wird, wollen wir ein Steil Klatsch über den 6er spielen.“ Die Spieler können eine solche Situation zwar gut ausspielen, sind aber häufig nicht in der Lage zu adaptieren, wenn die Dynamik der Situation genau dieses Muster nicht erlaubt. Möglicherweise greifen auch andere Spieler im Umfeld, die sinnvoll unterstützen könnten, nicht ein. Diese Expertise funktioniert ausschließlich in der nahezu exat so trainierten Situation.
Ein Beispiel für Adaptive Expertise hingegen könnte lauten: „Wenn der Torwart angelaufen wird, wollen wir versuchen, den dabei entstehenden freien Spieler zu finden.“ Hierbei ist sowohl das Spektrum der Aktionen als auch der Kreis der beteiligten Spieler deutlich breiter gefasst. Es wird einbezogen, dass die Dynamik solcher Situationen oft unterschiedlich ist und die finale Lösung somit nie vorgegeben werden kann.
Diese Dynamik beginnt mit der Lernumgebung und -strategie:
Menschen, die mit der Unterstützung von Leitplanken, Motiven und Prinzipien lernen, ihre eigene Lösungsstrategie zu entwickeln, bauen Adaptive Expertise auf. Der Schlüssel dazu ist das sogenannte Deep Learning. Hierbei findet eine komplexe, vernetzte Verarbeitung statt: Das Gehirn integriert neue Informationen aktiv in bestehende kognitive Strukturen, und die Person wird aktiv in die Lösungsfindung einbezogen.
Der kognitive Prozess verläuft dabei idealerweise wie folgt:
Situation verstehen -> Optionen erkennen -> Optionen evaluieren -> präferierte Option ausführen ->Handlung reflektieren.
Die Aufgabe des Trainers sollte es in diesem Kontext sein, die Spieler bestmöglich darin zu unterstützen, die Situation zu verstehen. Er kann ihnen Prinzipien und andere Hilfsmittel an die Hand geben, die ihnen helfen, Optionen zu finden und zu evaluieren, und sie anschließend bei der Reflexion begleiten.
Menschen, die hingegen lernen, nur vorgegebene Abläufe, Aufgaben und Positionen zu befolgen, entwickeln Routine-Expertise. Diese Expertise kann ebenso erfolgreich sein (Wie man in den letzten Jahren sehen konnte) und führt oft auch kurzfristig zum Erfolg. In einem Spiel beispielsweise, in dem der Gegner exakt so presst wie zuvor trainiert, funktioniert die Routine perfekt. In diesem Kontext spricht man vom Rote Learning. Das Gehirn speichert Informationen genau so ab, wie sie als Regel gegeben wurden, ohne sie mit bestehendem Wissen tief zu verknüpfen.
Der kognitive Prozess lautet hierbei:
Situation erkennen -> Regel wissen -> Regel anwenden -> Ausführung -> Ausführung reflektieren.
Der Trainer korrigiert in diesem Fall meist das Wissen um die Regel sowie deren technische Ausführung.
Eine andere effektive Call and Response Dynamik ist via Shadowplay:
Kurz bevor der Ball beim RV ankommt, scannt Yari Otto seine Umgebung. Er erkennt, dass sein Gegenspieler nicht seine innere, sondern seine äußere Schulter verteidigt. Als Reaktion darauf wird er aktiv und kommt entgegen. Waidner, der sich in diesem Moment horizontal zum Ball bewegt, scannt ebenfalls und erkennt, dass Otto ihm entgegenkommt und dabei eng verfolgt wird. Als Response auf den Call der fallenden Bewegung setzt Waidner zu einer tiefgehenden Bewegung an, er weiß, ebenso dass der Raum in Ottos Schatten frei wird und nicht verteidigt werden kann, weshalb in diese Zone sprintet. Otto nimmt diese Bewegung wiederum wahr und verfügt nun über alle nötigen Informationen für die optimale Entscheidung: Sein Gegenspieler steht ihm nicht im Weg und ein Mitspieler beläuft bereits die Passachse. Als der Pass gespielt wird, öffnet er die Beine und lässt den Ball passieren.
Jedoch passt das Timing nicht optimal: Waidner beläuft die Passachse einen Bruchteil zu früh, noch bevor der Ball ankommt. In diesem Moment als der Ball kommt steht Waidners Manndecker richtig und ihn initial abfangen. Durch die vielen Verler Spielern in Ballnähe schalten diese jedoch sofort ins Gegenpressing um und erobern den Ball umgehend zurück.
Gegen das gegnerische Momentum spielen
Um möglichst effektiv gegen die gegnerische Verschieberichtung zu spielen, gilt es zunächst einmal, den Gegner überhaupt in Bewegung zu bringen: Sprich das Pressing gezielt zu locken und die Dynamik des Gegners in die gewünschte Richtung zu lenken. Je mehr Tempo und je mehr Spieler der gegnerische Block in diese kollektive Verschiebebewegung investiert, desto effektiver wird der momentumbrechende Pass => schwieriger und riskanter zu spielen
Um also möglichst häufig erfolgreich die Verschieberichtung zu brechen, kommt es vor allem darauf an, die Pressingwinkel und Anlaufwege des direkten Gegners genau zu beobachten und zu verstehen, um die Aktion bewusst auszuspielen: Wie viele Kontakte habe ich Zeit? Wie muss ich den ersten Kontakt setzen, kurz und vorbereitend für den Pass oder lang in den freien Raum hinein? Nehme ich den Ball mit in die Richtung des Anläufers oder gegen seine Anlaufrichtung, um sein Momentum zu brechen und ihn sogar zu überspielen? Optimalerweise sind die Anlaufwege des Gegners so horizontal oder vertikal wie möglich, damit der diagonale Korridor komplett offen bleibt.
Eine Möglichkeit, schlechte gegnerische Pressingwinkel zu erzwingen, ist die Positionierung in derselben vertikalen oder horizontalen Achse wie der Gegenspieler, um so bewusst dessen Anlaufen für ein gewünschtes Vorhaben zu beeinflussen und einen Gedankenvorsprung zu erlangen. Dies funktioniert auch in den meisten Fällen, da die Verteidiger häufig eher auf den Ball achten, als auf jede minimale Positionsanpassung des Gegners zu reagieren.
Die Situation startet mit einem Pass vom Torwart auf Otto, der das gegnerische Pressing bewusst anlockt, den Ball anschließend nach außen weiterleitet und so den Verbund durch den doppelten Pass nach links ins Verschieben bringt. Dort hat sich Kijewski bereits auf derselben horizontalen Höhe wie sein direkter Gegenspieler positioniert. Da der Verteidiger seine Position nicht rechtzeitig anpasst, ist er in einer schlechten defensiven Ausgangslage: Kijewski schafft sich einen Gedankenvorsprung, da er genau weiß, dass er nach Ottos Zuspiel nur seitlich angelaufen werden kann. Er nimmt sich ganz bewusst noch die Zeit für einen kurzen Kontakt, weil er weiß, dass der diagonale Passwinkel ins Zentrum offenbleibt. Somit kann er sich mit dem ersten Ballkontakt den Diagonalpass vorbereiten. Mit dem anschließenden Zuspiel hebelt Kijewski das gegnerische Momentum komplett aus: Er überspielt sechs Gegner, die nun ihre Laufrichtung und Körperposition anpassen müssen, um wieder in die Aktion zu kommen.
Erneut spielen sie doppelt in dieselbe Richtung, um dann über außen diagonal und momentumbrechend zu agieren. Kijewski, der die Möglichkeit dazu hätte, entscheidet sich bewusst dagegen, die komplette Breite in seinem Angebot zu nutzen. Stattdessen bleibt er in der vertikalen Achse des gegnerischen Schienenspielers. Durch das Verbleiben auf dieser Linie zwingt er den Gegner zu einem geraden Anlaufweg, wodurch der diagonale Passwinkel ins Zentrum dauerhaft offenbleibt. Ein möglicher Bogenlauf des Verteidigers würde nämlich dazu führen, dass Kijewski ihn einfach überdribbeln könnte.
Eine weitere Möglichkeit, die Anlaufwinkel zu beeinflussen und den Gegner in Bewegung zu bringen, bietet sich durch die gewählten Kontakte:
Lehmann erhält den Ball von Schulze und setzt seinen ersten Kontakt diagonal nach außen, um den Gegner weiter in die Verschiebebewegung zu ziehen, und auf die Höhe der Startposition seines Anläufers, wodurch er einen horizontalen Pressingwinkel erzwingt. Dies birgt das Risiko, dass der Verteidiger schneller in den Zweikampf kommt, als wenn Lehmann den Ball weiter nach außen mitgenommen hätte, was jedoch den diagonalen Passweg zugestellt hätte. Das Risiko zahlt sich jedoch aus: Lehmann überspielt 6 Gegner, sodass Taz , nach einer Ablage offen, in einer 4gg4 Aktion auf die letzte Linie zudribblen kann und nur durch ein taktisches Foul zu stoppen ist.
Doch auch hinter der gegnerischen 1ten Pressinglinie greifen sie gern drauf zurück, insbesonder dann, wenn sie sich aus einer tiefen überladung rauskombiniern und im Zentrum einen tororientierten Spieler finden und dieser die Verlagerung spielen. Hierbei geht es auch weniger darum, denn Gegner zu suboptimalen Anlaufwinkeln zuzwingen, da die Verlagerung aus dem Druck heraus für den Gegner meist ein Signal ist um zufallen. Viel mehr geht um eine strategisch Kluge Positionierung im Raum, die möglichst große Distanzen zu den nächsten Gegenspieler herstellt aber auch den Verlagerungsball nicht zulange werden lässt:
Mhamdi steht in dieser Position perfekt: deutlich flacher als sein direkter Gegenspieler, aber per mittellangem Pass erreichbar. Somit muss der Gegenspieler weiter fallen, da er den Pass nicht sinnvoll attackieren kann. Bereits vor seinem ersten Kontakt schaut er diagonal nach Optionen und ebenso direkt nach dem ersten Kontakt. In dieser Zeit fallen die Aachener alle zurück, doch Mhamdi spielt entgegengesetzt gegen deren Verschieberichtung und bricht das Momentum sowohl das des Gegners aber auch das von seinem Mitspieler Taz:
Da sich dieser ebenso entgegengesetzt zum Passverlauf bewegt, entsteht zwischen der Passbahn und Taz‘ Laufweg eine nahezu rechtwinklige Überschneidung. Aufgrund dieser Orthogonalität der beiden Bewegungsvektoren existiert nur ein extrem enges Fenster: Der Pass muss quasi exakt auf die Schnittstelle beider Trajektorien getimt sein. Durch den leicht zu scharfen gespielten Ball ist Taz aufgrund seines Momentums jedoch nicht mehr in der Lage, seine Dynamik zu ändern und den Ball entgegenzunehmen. Würde er sich stattdessen auf einem vertikaleren Vektor dem Diagonalpass annähern, verliefen die beiden Trajektorien flacher zueinander, wodurch der Radius, in dem er den Ball entgegennehmen kann, deutlich größer werden würde.
(Doppelt linienbrechenden) Tiefenläufen
Die wohl wichtigste Komponente im Fußball, dies glit in jeder Spielanlage aber insbesonderem in extrem Bewegungsspielen wie das vom SC Verl. ist das konsequente Bedrohen und Belaufen der Tiefe: Trainer Tobias Strobl betonte im Podcast From Coach to Coach [5], wie entscheidend es ist, „bei all dem Wegschwimmen die Zielstrebigkeit zum Tor nicht zu verlieren“[5]. Genau dafür ist die permanente Tiefenbedrohung bzw Torbedrohung der Key, sie sorgt dafür, dass der Gegner gezwungen wird, sich vertikal auseinanderziehen zu lassen, wodurch größere Räume zwischen den Linie entstehen und der Tiefenpass hinten die letzte Linie immer gewährleistet ist: sei es als Ziel für Anschlussaktionen nach Verlagerungen, als Outlet bei zu hohem Druck oder um ein aggressives (Überzahl)pressing gezielt zu überspielen.
Im Spiel des Sportclubs zeigt sich dies meist wie folgt, nahezu permanent besetzt mindestens ein Akteur die maximale Höhe. Auf welcher horizontalen Ebene diese Tiefenbedrohung stattfindet, hängt primär von den individuellen Spielerprofilen auf dem Platz ab. Jonas Arweiler agiert im vorwiegend Zentrum, er positioniert sich meist mittig oder weicht in die ballnahen Halbspuren aus, um als Zielspieler Bälle festzumachen. Steht hingegen Alessio Besio auf dem Feld, wird die Tiefe vorallem auf der linken Spielfeldhälfte bedroht. Doch nicht immer sind die Spieler, die die Tiefe bedrohen die letzendlichen Tiefenläufer: Häufig sind es Spieler die aus der vorletzten Ebene starten und die Tiefe attackieren, hierbei durchbrechen sie meist mehrere gegnerische Verteidiungslinie, was extreme Zuordnungsprobleme für den Gegner herstellt, da der Tiefenlauf oft den unmittelbaren Radius von meheren Verteidigern durchkreuzt. Sollte der Lauf nicht direkt aufgenommen werden muss sich ein Verteidiger auf der letzten Linie aus dem seine Körperstellung anpassen und erst beschleunigen muss, während sich der Tiefenläufer schon in der Dynmaik befindet wodurch das Aufnehmen des Laufes extrem schwierg wird.
Tiefe über Call and Response:
Taz fällt aus der letzten Linie zurück, Waidner startet sofort einen tiefenlauf aus der vorletzten ebene in den freigezogen Raum. Waidners direkter Gegenspieler möchte ihn übergeben, da er nicht sofort den Lauf aufgenommen hat, und somit vermutlich nicht mehr entscheident hinterherkommt, jedoch doch dadurch, dass er die Schnittstelle zwischen Gürleyen und Schuster attackiert fühlen sich beide ebenso unsicher wer ihn aufnimmt unteranderem auch weil beide sehr an ihren direkt gegenspielern orientiert sind.
Dass diese vielversprechende Situation letztendlich verpufft, liegt an einer Dissonanz: Wörner erkennt Waidners Intention und dessen deutliches Armzeichen in den freien Raum nicht. Statt den Raum für Waidner freizuziehen, in dem er den Rücken seines Gegenspielers attackiert, startet Wörner in exakt dieselbe Zone=> sie blockieren sich gegenseitig und nehmen sich den Raum. Die Szene verdeutlicht exemplarisch, neben der Effektivität von doppeltlinienbrechende Tiefenläufen ebenso wie komplex und nuanciert das ständige Call and Response tatsächlich ist, obwohl es häufig sehr simpel aussieht.
Tiefe nur auf einer Seite bedrohen
Wie bereits vorher erwähnt hängt die Tiefenbedrohung extrem von den Spielern auf dem Platz ab, so gab es in dieser Saison immer wieder Szenen in den die Tiefe auf einer Seite ,vorallem auf der rechten Außenbahn, teilweise gar nicht bedroht wurde, selbst wenn der Ball auf der Rechten Seite war. In klassischen Juego de posicion Ansätzen wird so etwas selten und ungerne gesehen.
Nichtsdesto trotz schaffen sie es immer wieder in die Tiefe zukommen, oft schaffen sie es sogar besser hinter die letzte Linie als bei Mannschaften die mehr Tiefenbedroher auf dem Platz haben. Dies liegt unteranderem dran, da sie durch die vielen Spieler in Ballnähe entweder den Gegner extrem rausziehen oder wenn die Gegner nicht mitgehen die Überzahl in Ballnähe ausnutzen und diese dann auf die nächsten Ebenen übertragen daraus resultiern grundsätzlich zwei Optionen für den Gegner im Pressing wie sie damit umgehen, wenn die Tiefe nur auf dem Ballfernen Fügel bedroht wird:
Ballferne Tiefe Recht engmarkieren und +1 Spieler im Zentrum…
Diese Variante sorgt inital für eine solide Tiefensicherung, jedoch weniger Balldruck wodurch die Verler hierbei in einer höhen Frequenz, die Überladung in Ballnähe ausspielen und somit die Chance haben in die Tiefe zukommen. Auch hier greifen sie immer wieder doppeltlinienbrechenden Tiefenläufen, aus der Überladungszone zurück. Dabei ist der mögliche Raum für einen Tiefenlauf deutlich größer ist, dadurch weniger Abseitsanfällig und durch die längeren Weg kann oft eine klarere Seperation zum Gegner hergestellt werden. Jedoch aber mit einem deutlich höheren Invest verbunden, als bei eher kürzeren Antritten aus letzter Linie. Der größere Invest ist dabei nicht nur körperlich, sondern oft auch mental für die Spieler: Nur ein Bruchteil dieser Läufe wird letztendlich bedient. Dennoch sind sie unersetzlich, vorallem im Kontext des Verler Bewegungsspiel. Sprich: Ihnen muss ein Verständnis dafür übermittelt werden, dass diese selbstlosen Läufe auf den ersten Blick nicht immer einen direkten Effekt auf das Spiel haben, indem sie angespielt werden, aber dafür dass sie jedesmal eine Reaktionen beim Gegner erzwingen, dadurch Räume und Passweg öffnen oder dem Ballführenden mehr Zeit zugewähren.
Ein weiterer Vorteil der doppellinienbrechenden Tiefenläufe ist: Immer wenn sie aufgenommen werden, wird das gegnerische Mittelfeld extrem destabilisiert. Dadurch werden häufig Verlagerungs- oder Dribbeloptionen geöffnet und die gegnerische Abwehrkette reingedrückt, was die Distanz zwischen Abwehr- und Mittelfeldlinie vergrößert. Bei Läufen aus der letzten Linie hingegen wird oftmals nur die gegnerische Abwehrkette reingedrückt, das Mittelfeld bleibt jedoch meist kompakt und stabil.
…oder lose Mannorientierung auf die ballfernen Tiefenbedroher und Mann gg Mann auf der tiefenlosen Überladungsseite:
Hierbei ist der Druck in Ballnähe deutlich größer, wodurch die Verler seltener in aussichtsreiche Situationen kommen, um die Tiefe zu bespielen. Zudem ist die Chance auf einen Ballgewinn deutlich höher. Sollten die Verler jedoch die Drucksituation lösen, ist die Gefahr für die Tiefe extrem groß, bedingt durch die längeren Distanzen zu den Verler Tiefenläufern aufgrund des ballorientierten Durchschiebens
Diese High Risk High Reward Dynamik zeigte sich in den ersten drei Minuten des Spiels Verl gegen Duisburg perfekt: Die Duisburger schaffen es aufgrund des Mann gegen Manns auf der ballnahen Seite, den Ball im letzten Drittel zu erobern und im anschließenden Konter das 1:0 zu erzielen. Doch direkt im ersten Angriff nach dem Verler Anstoß können sie sich aus der Überladungszone lösen: Gayret kommt in eine offene tororientierten Stellung und kann den Duisburger Ansatz bestrafen: Indem er Besio in die Tiefe spielt, dieser kann ob der recht großen Distanz seinen Tiefenlauf perfekt vorbereiten, läuft zunächst horizontal auf der Mittelline, baut Tempo auf und warten bis der Ball Gayrets Fuß verlässt um nahezu ungehindert die Tiefe zu attackieren. Aus diesem Angriff können die Verler die Führung direkt wieder egalisieren.
Auch bei Tiefenläufen greifen die Verler gerne auf Bogenläufe zurück sei es, um nicht ins Abseits zu laufen, wie auch in der vorherigen Szene, oder um doppellinienbrechend die Tiefe zu attackieren und dabei auf die Vorteile der Bogenläufe zurückzugreifen, insbesondere die Körperstellung und die Separation zum Gegner. So kommt Waidner während des Laufs aus der halboffenen in die offene, attackierende Stellung und schafft es zudem in den Rücken seines Gegenspielers. Wodurch er nach der Arweiler Verlängerung 1:1 auf den Torwart hätte zulaufen können, hätte der Linienrichter nicht fälschlicherweise auf Abseits entschieden.
Steil Klatsch + Anschluss
In den letzten Jahren gibt es kaum ein häufiger gesehenes Muster im Spielaufbau: Der gegnerische Stürmer presst auf den Torwart, welcher den Ball flach auf ein entgegenlaufenden Mittelfeldspieler spielt. Dieser lässt den Ball direkt auf den Innenverteidiger „klatschen“, der durch das Herausrücken des Stürmers frei geworden ist. Dieses Element nutzt auch der Sportclub, wird der Topspieler angelaufen, erfolgt sofort ein dynamisches Anspielangebot im Zentrum. Als Reaktion auf diesen weitverbreiteten Mechanismus presst der gegnerische Mittelfeldspieler mittlerweile häufig direkt auf den freien IV durch und stellt den ablegenden Spieler dabei in seinen Deckungsschatten:
Die Verler zeigen darauf jedoch eine interessante Gegenreaktion: Sofort nach dem Klatschpass startet der ablegende Spieler eine horizontale, ballnahe Anschlussbewegung, um sich schnellstmöglich aus dem gegnerischen Deckungsschatten zu lösen und dem IV eine erneute Passoption anzubieten. Eine solche Dynamik ist gegen mannorientierte Pressingsysteme extrem schwer zu verteidigen: Der Gegner muss entweder komplett nach vorne durchschieben, oder er muss effektiv im Rückwärtspressing zugriff erlangen, um zu verhindern, dass der freie Spieler das Spiel progressiv fortsetzten kann oder die Überzahl in die nächste Ebene überträgen

In dieser Situation nehmen die Hoffenheimer Eze über die Rückzugsbewegung des initialen Anläufer auf den Keeper auf, dennoch besteht genug Seperation zwischen Eze und seinem Gegenspier. Jedoch ist Ezes Timing für den Lauf in den Raum bzw. das Passtiming nicht perfekt, wodurch er nicht in den Ball reinlaufen kann, sondern diesen im Stehen empfangen muss. Ebenso gelingt ihm durch seinen Lauf keine optimale Vorbereitung, um schnellstmöglich in eine offene Körperstellung zu kommen. Dadurch kann der Gegenspieler die Lücke schließen, bevor Eze sich richtig zum aufdrehen kann, sodass der Ball am Ende nur noch nach außen gespielt werden kann. Währenddessen reagiert Gayret auf die Situation, und besetzt die Position des Winkelspielers zwischen den IVs und Torwart nach.
In einem späteren Spiel zeigten sie, wie diese Dynamik besser ausgespielt werden kann und wie gezielt die Verler teilweise ihre Gedankenvorspürnge nutzen:
Erneut löst der Gegner auf den Keeper aus, Eze kommt entgegen klatscht raus auf den freien IV und sein Gegenspieler presst durch. Der Gedankenvorsprung liegt nur bei Ens, er weiß: Eze wird den Raum ballnah außerhalb des Gegnerischen Deckungsschatten belaufen.Diese können vielseitig erlangt werden, entweder durch klare Abläufe/Spielzüge, Prinzipien oder einfach durch das intuitive Verständnis zwischen den Spielern, ähnlich wie beim Call and Response.
In dieser Szene liegt die Anpassung im Vergleich zur vorherigen Aktion darin, wie Eze sich freiläuft: Während er sich zuvor horizontal freilief, nutzt er dieses Mal einen Bogenlauf in dieselbe Zone. Der Bogenlauf ermöglicht es ihm, den Ball in einer offeneren Körperstellung zu erhalten und so möglichst schnell Dynamik aufzunehmen. Zwar kommt er dadurch nicht ganz so schnell in die Zielzone, dadurch ergeben sich Situationen, in denen ein Bogenlauf sinnvoller ist, wie zum Beispiel, wenn der Weg zwischen Ablagenspieler und freiem IV relativ lang ist oder die Distanzen der Gegner zu der Zone, in die sich der Ablagenspieler freiläuft, recht groß sind. Der horizontale Lauf ist dagegen dann effektiv, wenn die Distanz zwischen dem Ablagenspieler und dem freien Spieler relativ kurz ist und somit auch der gegnerische Durchpressweg, um schnellstmöglich ein Anspielangebot zu schaffen. Ebenso ist der Pass diesmal besser gewählt: Er geht nicht direkt auf den Mann, sondern etwas schärfer in den Raum hinein, damit Eze aus der offenen Stellung direkt in den Ball hineinlaufen kann, und den Ball nach vorne treiben kann. Letztendlich schaffen sie es jedoch nicht, die Überzahl weiter in die nächsten Ebenen zu übertragen.
Stuktur/Positionsspiel
Während in vielen Analysen der Hauptfokus häufig auf der Struktur und den Positionierung der Spieler liegt, wurde dies bisher bewusst ignoriert. Der Grund dafür ist, dass es auf dem Platz insbesondere beim Ansatz von Strobl kaum darum geht. Vielmehr stehen die Motive, Interaktionen und Reaktionen im Vordergrund, die nur wenig mit Startpositionen zu tun haben. Dennoch gibt es ein grundlegendes Gerüst, welches im Spiel gegen das gegnerische Pressing das Fundament für alle weiteren Abläufe bildet. Dieses lässt sich am einfachsten in vier Zonen unterteilen:
1. Blau: Die IV Positionszone
Diese Zone ist in der Regel doppelt besetzt – dreifach besetzt, hierbei nimmt der Torspieler häufig aktiv teil und befindet sich in dieser Zone. Jedoch ist sie keineswegs bindend für die IV, sie können den Raum beispielsweise durch Andribbeln oder Spiel und Geh Aktionen verlassen. In diesem Fall wird die Zone gewöhnlich von einem nachrückenden Mitspieler aufgefüllt. Diese Positionszone ist permanent präsent selbst dann, wenn das Spiel stark auf eine Flügelseite verlagert wird, als Grundstein der Ballzirkulation
2. Gelb: Die Winkelspielerzone
Diese Zone existiert primär dann, wenn sich der Ball beim Torwart oder in der Zentralenspur befindet, hingegen nicht bei einer gezielten Überladung auf dem Flügel. Sie ist mindestens und meist einfach besetzt, gelegentlich auch doppelt. Eine Doppelbesetzung entsteht dabei meist dynamisch über zurückfallende, höher positionierte Akteure. Die Winkelspielerzone dient vor allem als Zielzone, sobald der Gegner das Pressing auf den Torhüter auslöst, um den freien Mann bestmöglich zufinden.
3. Schwarz: Die relative Breite
Die Außenzone wird auf beiden Spielfeldseiten fast durchgehend besetzt, unabhängig davon, wo sich der Ball befindet oder ob der Aufbau über den Keeper läuft beziehungsweise das Pressing durch ballnahe Überladungen gelöst wird. Befindet sich der Ball auf der ballfernen Seite, so verlagert sich diese Breite teilweise auf Höhe des Mittelpunkts, auch hier gilt: Die Zone wird in der Regel mindestens einfach besetzt.
4. Rot: Die Tiefenbedrohung
Diese Zone bildet einen universellen, festen Bestandteil der Verler Struktur und wird im Grunde durchgehend von mindestens einem Spieler besetzt, egal ob ballnah oder ballfern. Sollte sie phasenweise kurzzeitig unbesetzt werden, so wird der Raum unmittelbar danach wieder dynamisch durch Tiefenläufe attackiert.
Probleme:
Wenn man sich den Artikel bisher gelesen hat, so müsst Verl ungeschlagen Meister geworden, sein da bisher nur wenig über Downsides ihres Ansatzes im Spiel gg Pressing gesprochen wurden:
Eine wiederkehrende Gefahrenquelle, die regelmäßig in Ballverlusten und teilweise auch in Gegentoren resultierte, waren entgegenkommende Angebote mit geschlossener Körperstellung in der Breite:
Exemplarisch hierfür steht das 0:1 im Heimspiel gegen Jahn Regensburg: Beim Versuch, das gegnerische Pressing über flache Kurzpasskombinationen anhand des Rautenmotivs aufzulösen, kommt Besio mit hohem Tempo entgegen. Da sein Abkippweg, die hohe Dynamik sowie der unmittelbare Gegner im Rücken keine Anpassung der Körperstellung erlauben, kann er den Ball nur mit geschlossener Position und unter direktem Druck entgegennehmen. Dies führt zu einer Kettenreaktion: Der erste Kontakt ist unsauber und der Ball verspringt, gleichzeitig wird Besio von einem rückwärtspressenden Gegenspieler von vorne attackiert – genau aus der Richtung, in die der Ball gerade springt. Da dieser rückwärtspressende Stürmer den ursprünglichen Anspieler im Deckungsschatten hat, bleibt Besio als einzige Option nur der Querpass auf den gegenüberstehenden, äußeren Rautenspieler. Besio versucht, den Ball irgendwie dort rüberzubringen. Aufgrund der Gesamtsituation ist dies jedoch nahezu unmöglich, wodurch der Ball im Laufweg eines weiteren Gegenspielers landet, der daraufhin im 1:1 auf den Keeper zuläuft.
Ein möglicher Lösungansatz hierfür könnt eine verstärkten Nutzung von seitlichen (Lateral Movement) oder rückwärtigen Absetzbewegungen (Backpedaling) beim Entgegenkommen in der Breite.
Der offenkundigste Vorteil liegt in der Ausrichtung des Körpers: Durch das seitliche oder rückwärtige Entgegenkommen befindet sich der Akteur sofort in einer guten, halboffenen Körperstellung, um das Spiel bestmöglich fortzusetzen. Da die Seitenlinie das Spielfeld begrenzt, ist eine geschlossene Körperstellung dort besonders anfällig. Dazu kommt, dass während dieses Absetzens das Feld besser wahrgenommen werden kann: Er sieht gleichzeitig die Distanz zum Gegenspieler sowie Optionen im Zentrum und in der Tiefe.
Zudem stellt diese Bewegungsform den Verteidiger vor ein Dilemma. Verfolgt dieser das Absetzen nicht eng, öffnet sich ein kurzes Kontaktfenster. Schließt der Gegenspieler die Lücke jedoch mit hoher Vorwärtsdynamik, entsteht eine interessante Dynamik: Der Angreifer kann das Backpedaling stoppen und einen momentumbrechenden Antritt in den Rücken des Verteidigers ansetzen, welcher extrem schwer zu verteidigen ist. Da der Verteidiger in seiner Vorwärtsdynamik gebunden ist, benötigt er Zeit zum Richtungswechsel.
Demgegenüber stehen natürlich auch Risiken. Rückwärts- oder Seitwärtsschritte sind im Vergleich zum Sprint vorwärts langsamer und koordinativ deutlich anspruchsvoller, dadurch verkürzt der vorwärtsgerichtete Gegenspieler die Distanz etwas schneller. Zudem entfällt beim Rückwärts-/Seitwärtslaufen der Körperschutz: Der Rumpf kann nur schwer zwischen Ball und Gegner gebracht werden. Ein unpräzises Zuspiel oder ein unsauberer erster Kontakt kann vom Gegenspieler eher bestraft werden.
Das seitliche und rückwärtige Absetzen ist kein Wundermittel zur Behebung dieses Risikos, aber ein wirksames Werkzeug, um in der Breite die Spielfortsetzung nach vorne/innen zu sichern und isolierte Ballverluste zu vermeiden. Beide Bewegungsformen bringen spezifische Vor- und Nachteile mit sich, weshalb ihre Anwendung auch stark von den individuellen Spielerprofilen abhängt
Restverteidigung
Ein weiteres Problem, welches angesprochen werden muss, sind Situationen, in denen es dem Gegner gelingt, das initiale Gegenpressing aus dem Ballungsbereich heraus zu überspielen.
Häufig wird bei ihrer Motivbildung der Raum des ballfernen 6ers vernachlässigt. Diese Lücke entsteht oft durch das aktive Einschalten aller Mittelfeldspieler in Ballnähe. So auch in dieser Szene: Das nominelle Vierermittelfeld bestehend aus Gayret, Eze, Waidner und Taz ist vollkommen in die Offensivbemühungen eingebunden.
Erneut versuchen, sich die Verler über ihr Rautenmotiv durch das gegnerische Pressing auszuspielen, verlieren jedoch den Ball. Sofort startet das Gegenpressing: Drei Spieler attackieren den Pass auf den späten Vorbereiter des Gegners. Dieser legt den Ball jedoch direkt mit dem ersten Kontakt nach außen ab. Hätte er 2 Kontakte benötigt, wäre es für den Gegner nahezu unmöglich gewesen, die Situation aufzulösen, was zeigt, wie schnell und präzise solche Balleroberungssituationen ausgespielt werden müssen um aus dem Gegendruck rauszukommen. Gelingt dies jedoch so zeichnen sich gute Gegebenheiten für ein weiteres attackieren ab.
Das entscheidende Problem, welches sich in solchen Situationen häufiger gezeigt hat, ist jedoch nicht zwingend die fehlende 6er Raumbesetzung, sondern die Positionierung des ballfernen Innenverteidigers (in dieser Szene Fynn Otto). Die Innenverteidiger stehen häufig extrem stark auf Verlagerung und vernachlässigen dabei die Distanz zum ballfernen Stürmer, der in diesem Moment meist die einzig akute Torgefahr darstellt. So auch in dieser Szene: Der ballferne gegnerische Stürmer befindet sich weit auf der Überladungsseite, weshalb die Distanz zu ihm zu groß ist, um in der anschließenden Kontersituation direkten Zugriff zu erzeugen, obwohl Otto noch fast in eine Blocksituation kommt.
Ein möglicher Lösungsansatz zur besseren Verteidigung solcher Umschaltmomente wäre es daher, wenn der ballferne Innenverteidiger weniger stark auf eine reine Verlagerung spekuliert und stattdessen etwas enger am ballfernen Stürmer postiert ist. Aus dieser verminderten Distanz kann er sich im Falle einer tatsächlichen Verlagerung immer noch problemlos anpassen. Die optimale Positionierung ist dabei nicht einmal zentral hinter dem Stürmer, sondern vielmehr in der Achse zwischen dem Torwart und dem Stürmer, mit dem Ziel das lange Eck zuschließen.
Zu viel Risiko?
Die Treffer zum 0:1 gegen Regensburg, 0:1 gegen Essen oder 1:1 gegen Aue sind nur ein kleiner Auszug aus den 1 Station Konter Gegentoren, die der SC Verl durch Fehler im Spielaufbau kassiert hat vor allem diese drei Szenen hatten einen großen Anteil daran, dass die Verler bis zum Saisonende nicht im Aufstiegsrennen vertreten waren. Die typischen viel zu kurzgedachte Stammtischreaktionen: „Das ist viel zu naiv, viel zu riskant, wie die spielen“ und betrachtet man die Gegentor aus dieser wichtigen Saisonphase so mag es für viele zu riskant und gewagt wirken. Der absolute Wille, das Spiel unter jedem Druck mutig, flach und spielerisch von hinten heraus zu eröffnen, ist die Identität des SC Verls und von Tobi Strobl Was in der öffentlichen Diskussion nämlich fast immer untergeht: Auch das vermeintlich „hoch und weit bringt Sicherheit“ birgt ein immenses Risiko. Jeden Ball einfach stur lang zu schlagen, auf den zweiten Ball gehen zu können, wie es 80% der 3.Liga Vereine machen, ist kein risikofreier Fußball, nur dieses Risiko wird bloß völlig anders wahrgenommen. Bei einer solche Aktion ist das Risiko eines direkten Gegentors im unmittelbaren Anschluss zwar geringer als beim mutigen Aufbau hinterraus. Dafür verschiebt sich das Risiko aber auf die gegnerische Seite: Die Wahrscheinlichkeit, aus einem zufälligen zweiten Ball heraus ein eigenes Tor zu erzielen, ist um ein Vielfaches kleiner als nach einem mutigen lockenden pressingüberwindenden Aufbau.
Der SC Verl hat zudem selbst den Anspruch formuliert, seine Fans mit einem unterhaltsamen Fußball ins Stadion zu locken, dies gelingt allemal. Weiterer Pfeiler Philosophie ist darüber hinaus die Weiterentwicklung der Spieler. Der mutig Spielansatz fordert die Spieler konstant auf einem hohen Niveau, egal ob technisch, taktisch oder kognitiv. So schaffen sie es immer wieder Spieler dabei zu unterstützen den nächsten Schritt zugehen. Der Ansatz zeigt auch Früchte dafür genügt ein Blick auf die Verler Abgänge der letzten Jahre, sowohl Trainer als auch Spieler werden über diesen Weg kontinuierlich entwickelt. Somit stellt sich letztlich gar nicht die Frage, ob der Verler Ansatz ein Problem oder ein zu großes Risiko darstellt.
ND
Literatur:
[2] https://journals.openedition.org/filigrane/353
[3] https://www.criticalimprov.com/index.php/csieci/article/view/462/6400
[4]https://www.ableton.com/de/blog/afriqua-presents-principles-of-black-music-call-response/
[5] https://open.spotify.com/episode/7LfVfX0gEQatmd0wRu4Kxy?si=086494ebe9714569
[6] https://www.youtube.com/watch?v=fxPx0EwuMIM
[7] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1747938X14000116?via%3Dihub


































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