Licht und Schatten bei Oranje (Niederlande-Schweden 5:1)
Die Niederlande macht gegen Schweden vieles besser. Trotzdem bleiben Zweifel. Eine Analyse.
Alte Formation, neue Dynamiken
Die Niederlande agierten erneut aus ihrer 1-4-3-3 Formation heraus, zeigten aber bereits von Beginn an im Ballbesitz eine andere Herangehensweise. Mit Brobbey als Spitze und Malen als nomineller Außenspieler, der diese Position nicht als reiner 1vs1-Breitengeber, sondern mehr nach innen gerichtet – ob tiefgehend oder verbindend – interpretierte, hatte man bereits eine positionell andere Dynamik für Angriffe geschaffen. Anders als im Spiel gegen Japan schob Dumfries bereits früher in die vorderste Linie, van der Ven positionierte sich nicht als 3er-Ketten-Aufbauspieler auf Höhe der beiden Innenverteidiger, sondern leicht vorgeschoben nach innen orientiert im Passweg zum Breitengeber auf vorderster Linie (Gakpo).
Da sich Malen mehr nach innen orientierte, (Gravenberch sowie) Reijnders mit mehr Freiheiten verseht war(en) tiefe Läufe, kreuzende Läufe oder einfach höhere Positionen zu wählen, hatten die Niederlande eine personell stärkere Besetzung der vordersten Linie. Besonders Brobbey fiel mit kluger Positionsfindung auf, weil er sich ständig in direkter Linie des schwedischen Druckgebers bewegte und von den klugen Freiziehbewegungen von Reijnders und Gravenberch profitierte. Mit van der Ven auf Höhe der niederländischen Sechserebene und Gravenberch immer wieder verbindend, ankurbelnd und leicht abkippend hatten die Niederlande eine bessere Balance und saubere Besetzung, um ihr Positionsspiel umzusetzen. Ihr Positionsspiel ist ausgerichtet darauf de Jong so zentral wie möglich freizuziehen und freizuspielen und von dort aus Richtung 1vs1 (Gakpo/Dumfries) am Flügel oder zentralen Steil-Klatsch-Tief-Abläufen mit Brobbey, sauber durchzubrechen. Zudem diente Brobbey als klarer Wandspieler für die seltenen Fälle, dass Schweden hohen Druck ausüben konnte, wie es beim Führungstreffer der Fall war – später wird dieser Treffer noch genauer beschrieben.
Schweden probierte sich in einem passiveren 1-5-3-2 Mittelfeldpressing. Der Vorteil der niederländischen Ballzirkulation war, dass sie durch Schwedens Passivität auf den Flügel und der jeweils eher flacheren Positionierung von Gravenberch abkippend oder van der Ven leicht aufrückend, Schwedens äußere Pressinglinie (ballnaher Wingback-ballnaher Mittelfeldspieler-ballnaher Stürmer) früh brachen und somit in alle Richtungen offen nach vorne konnten spielen – ob Long-line (Gakpo wurde gut freigezogen von frühen Bindungsläufen von Reijnders), ob nach innen-vorne oder zum freien de Jong, als Anker vor der Abwehr. Positionierungen zueinander und Risikomanagement der Niederländer zeigten eine deutlich mutigere, offensivere Haltung als es noch gegen Japan der Fall war. Insgesamt kann man sagen, dass das niederländische Spielgrundlage mehr und früher Spieler in Positionen und Aktionen mit mehr Torbezug brachte, als es im ersten Gruppenspiel der Fall war.
Exkurs: Oranje Meta-Diskussion über 1-4-3-3 (1-4-1-2-3)
In einem klassischen 1-4-3-3 Positionsspiel kommt man leicht/oft in Momente mit funktionslosen breiten, ballfernen Positionen – in große Symmetrie der Positionen um den Ball. Symmetrie bedeutet meistens eher längere Passdistanzen. Längere Passdistanzen sind gegen einen tiefen, passiven 5-3 Block wie der von Schweden eher unvorteilhaft (das ist auch der Grund warum 5er-Ketten-Verteidigungen gegen statisches Positionsspiel ein Vorteil sind).
Ein kleinerer Vorteil dieser ausgeglichenen Symmetrie wäre es, den größeren Raum der längeren Passdistanzen für lange (zentrale) Dribblings zu nutzen. Dies wäre aber wieder entgegen dem Risikomanagement des niederländischen Spiels. Die Rechnung geht aber auf, wenn Gravenberch zu Dribblings quer durch das Feld ansetzt, weil er bei seiner Qualität, zumindest gegen Gegner auf diesem Niveau, den Ball kaum verliert. In diesen Momenten konnten die Niederlande immer wieder gefährlich werden. Aber ansonsten gelang es ihnen in diesem Spiel oftmals, asymmetrische Positionen und kürzere Passdistanzen zu kreieren um sich zentral, am effektivsten von links nach rechts, zwischen den Linien durch zu kombinieren und eine ideale Hereingabeposition für aufgerückte Spieler wie Dumfries oder Gakpo zu kreieren, die mit ihrer Passqualität beinahe alle Tore gut vorbereiteten. Die notwendige, gute Box-Besetzung ist natürlich ebenfalls leichter herzustellen, wenn man aus zentralen Räumen und kürzeren Abständen zu einander in die Box laufen kann. Dass Brobbey trotz eines 1vs2/1vs3 zum Abschluss kam, lag auch an schwedischer Defensivschwäche – da die schwedische Idee gewesen ist, nicht mit ihren Halbverteidigern raus zu verteidigen und eine passivere letzte Linie zu wählen, hätten sie diesen Effekt positiverweise wenigstens in der Überzahl-Verteidigung gegen Brobbey nutzen müssen.
Was genau war der schwedische Plan?
Da Schweden mit ihrem passiven 1-5-3-2 probierte das niederländische Spiel mehr Richtung van Hecke zu lenken, kamen die Niederländer häufiger in mögliche Andribbelsituationen für den rechten Innenverteidiger. Diese Staffelungen konnte die Niederlande durch kleine Überladungen und die gute Positionsinterpretation von Dumfries gut herstellen.
Links versuchte die Niederlande wieder über Gakpo nach innen zu gelangen. Die Niederlande zeigt sich dort aber, als Wechselwirkung verursacht durch das Freiziehen von de Jong und von Gakpo links, verwundbar bei Ballverlusten beim Angriffsmuster von außen nach innen. Durch das frühe, nicht dynamisch-synchrone Freiziehen von Reijnders für einen abkappenden-inneren Dribbelwinkel von Gakpo, ist Reijnders früh sehr hoch positioniert, während de Jong sehr flach vor den Innenverteidigern verweilt. Ballverluste von Gakpo – ob Fehlpass oder Dribblings, würden unweigerlich in offene Ballgewinne gegen vier verbleibende niederländische Spieler führen. Gegenpressing ist so nicht wirklich möglich. Allerdings gelingt es Gakpo häufig durch gute Entscheidungsfindung und sehr explosivem Nachbewegen nach einem Pass dies individuell vorzubeugen.
Im 1-4-2 Aufbau war zu erkennen, dass die Niederlande immer wieder schwedische Bewegungsmuster der mittleren Linie nutzten, um De Jong freiziehen. So positionierte sich Rijnders eher höher und zentraler zwischen Nygren und Karlström, während Gravenberch eher abgekippter oder flacher agierte, was die Schweden vor die Herausforderung stellte, auf de Jong durchzudecken, während entweder Gravenberch zwischen ihren Rausrückbewegungen kurz oder Reijnders hinter ihren Verschiebe- und Rausrückbewegungen freikam, wenn sich das Spiel Richtung van der Ven orientierte. Nochmals ist anzumerken, dass Schweden ein 3vs1 vs. Brobbey hielt. Statt rauszurücken mit ihren Halbverteidigern. Man entschied sich also bewusst für ein Unterzahlpressing in vorderer und mittlerer Linie, besonders unter dem Gesichtspunkt, dass häufig auch Nygren auf den flachen van der Ven rausrücken musste. Die schwedische Lenkidee bestand auch darin, dass eben dieser Nygren auf de Jong von links nach rechts durchdeckte, was Reijnders mit seiner hohen (hinter jeglicher Bewegung), Gravenberch mit seiner kürzeren (Schwedens Karlström wird rausgezogen oder Ayari mit Deckungschatten gibt Zentrum auf) und de Jong mit seiner tiefen Position nah an beiden Innenverteidiger (weite Distanz) verhinderte/blockierte. Dass de Jong aber tatsächlich mitunter so dominant das Spiel kontrollieren konnte, lag auch daran, dass Schwedens vorderste Linie mit Isak und Gyökeres (in allen Positionen) keine Anstalten von Pressing nach hinten machten und die Deckungsschatten im situativen Anlaufen unsauber gewählt waren (was zugegebenermaßen eine große Aufgabe gegen de Jong und van Dijk ist).
Ein noch größeres schwedisches Defensivproblem!
Nach dieser Kritik an Schwedens schwacher Organisation des Mittelfeldpressings bekam Schwede allerdings sein erstes Gegentor aus einem Moment vom hohen Pressing im 1 vs. 1. Anstatt nach einem langen Ball von Verbruggen zu Brobbey den zweiten Ball gegnerbezogen zu verteidigen oder einfach nach zu verteidigen, konzentrierten sich alle Schweden auf dem Weg des Balles zu Brobbey, dessen starke Ablage die hohen Reijnders und Gravenberch erreichte, von dort aus spielten die Niederlande ihren Angriff mit ihrer hohen Qualität sauber zu Ende. Auch dies ist eine Warnung für alle zukünftigen niederländischen Gegner: beim hohen Druck muss die Verteidigung der zweiten Bälle lückenlos sein – oder besser: wie kann man es schaffen, dass Verbruggen keinen zentralen, kontrollierten langen Ball spielen kann, ohne über eine Dritte-Mann-Kombination über de Jong ausgespielt zu werden?
Die Kehrseite der Medaille: Niederländische Lücken und Kommunikationsprobleme
Schweden selbst baute aus einem 1-3-2-4-1 aus, wogegen die Niederlande ebenfalls einen mutigeren Ansatz verglichen zum ersten Spiel wählten und probierten über nach innen lenkende Außenspieler in direkte Mann-gegen-Mann-Duelle zu kommen. Ein effektives und simples Pressing, welches den Weltfußball inzwischen prägt. Brobbey wählte Momente, den schwedischen Keeper anzulaufen sehr klug und nutze seinen Deckungsschatten gegen Nordfeldt effektiv, sodass Nordfeldt unkontrollierte Bälle in Missmatches für Schweden (oder sogar direkt zum Ballbesitz für die Niederlande) spielte und somit kein Ballbesitz in tiefen Zonen erzielt werden konnte.
Während die Niederlande in Ballbesitz deutliche Fortschritte zeigten, kamen bei schwedischem Ballbesitz im tieferen Mittelfeldpressing/tiefem Block wieder alte Probleme auf, die nur mit schwedischer Ineffektivität im Abschluss und guten Paraden von Verbruggen nicht noch mehr zum Tragen kamen. De Jong orientierte sich in seiner Manndeckung wieder mehr an die letzte Linie, ohne aber konstant in diese zu fallen. Die Kommunikation auf Teamniveau, um die Mannorientierung über das ganze Feld halten zu können, kam häufiger zu Problemen, weil Malen und Dumfries nicht gut miteinander kommunizieren und sich am gleichen Gegenspieler orientierten. Die Manndeckung der Niederländer an sich (mittlere und vorderste Linie) ist besonders bei unüberschaubaren/zweiten Bällen oder nicht geordneten Situationen sehr plump am Mann orientiert, anstatt die Innenbahn zu sichern. So wurden Probleme kreiert, wenn die letzte Linie priorisiert damit beschäftigt ist, die Tiefe zu sichern. Van Dijk und van Hecke war anzumerken, dass sie weniger kurz vorausverteidigen wollten/sollten als es gegen Japan der Fall war, da es vermutlich der einzige Weg Schwedens war in dem offensiven 2v2 leichte Torchancen zu kreieren. Durch diese klassisch-plumpe Manndeckung und der entstehenden Unkompaktheit gibt es zu viel Raum zwischen den Ketten für Überzahlspiel oder Dribblings.
Erneut zeigten die Niederlande Problemen beim Verteidigen zum/am Flügel. Erneut wurden die Passwege zu diesen von Gakpo und nun auch Malen nicht gut geschlossen, durch die fehlende Kompaktheit konnte kein zeitiger Druck der Wingbacks gegeben werden und durch die sture Manndeckung der Sechser konnten Spieler zwischen den Linien oder vor der mittleren Linie einfach freigezogen werden. Unmittelbar nach dem 1:0 kam Schweden zu einer größeren Chance durch Gyökeres auf diese Art und Weise.
Auf Abseits spielen ist für die Niederländer bisher kein Thema bei dieser Weltmeisterschaft.
Ebenfalls ein größeres Problem sind die Übergaben zwischen der letzten Linie und der mittleren Linie (Sechser) bei vertikalen Positionswechsel des Gegners. Schwede konnte mit simplen vertikalen Positionswechseln im Halbraum vor van Hecke oder van Dijk effektiv freie Spieler mit Blick zum Tor zwischen den Linien kreieren, weil weder van Hecke noch van Dijk kommunizieren/rausrücken und die niederländischen Sechser Laufwege auf die letzte Linie stumpf folgen.
Noch größere Probleme nach der Trinkpause
Mit der schwedischen Umstellung auf eine Art 1-4-2-3-1/1-4-4-2, bei der Nygren immer wieder neben Gyökeres schob, tat sich die Niederlande in Ballbesitz nicht schwer. Durch das 3v2 im Zentrum konnte die Niederlande immer De Jong, ansonsten meist Gravenberch zwischen den Linien finden, da Lindelöf zögerlich im herausrücken agierte. Dies hatte aber zur Folge, dass Schweden gar kein Balldruck mehr in diesem Spiel erzeugen konnte und die Niederlande nach Belieben agieren konnte. Dazu kam, dass insbesondere Isak mit fortlaufender Spieldauer motivational und der eingewechselte und die offensiv stark belebende Elanga (RM) taktisch im Spiel gegen den Ball stark abfielen und die Räume im Zentrum zusätzlich vergrößerten.
In Ballbesitz fiel Schweden wieder in ihr 1-3-2-4-1, wobei Isak sich nun gezwungen sah mehr von links nach vorne-zentral zu schieben, was hin und wieder zu kleinen zentralen Überladungen führte. Während sich die letzte Linie immer mehr fallen ließ, bleib die mittlere Linie bei ihrer sturen Manndeckung, lediglich Gakpo und Malen probierten etwas nach innen zu schieben, um das Zentrum zu schließen, während Brobbey probierte in Unterzahl (1vs2-1vs3) anzulaufen. Somit hatten die Niederländer grundsätzlich keine klare Antwort darauf, wobei es diese durch die Unsauberkeit Schwedens selten Bedarf. Trotz vermehrt schlechter Pressingabläufe konnte die Niederlande immer wieder Umschaltsituationen durch Geschenke Schwedens kreieren.
Insgesamt muss man sagen, dass taktische Disziplin und die Intensität in allen Spielphasen mit dem 4:0 deutlich nachlies. Außer Summerville & Elanga, ließen insbesondere die Einwechselspieler an Input und Intensität vermissen. Dies ist aber auf Seiten der Niederlande mit einem klaren Spannungsabfall zu erklären, der hoffentlich nicht am Ende den Gruppensieg kosten wird. So Ist der Torjubel des 5:1 von Summerville eine gute Beschreibung der letzten halben Stunde des Spiels.
Fazit und Ausblick
Setzt man die Niederlande hoch unter Druck ohne Lösung für direkten Druck auf Verbruggen und will man nicht ausgespielt werden, braucht man ein stark-organisiertes Pressing – bei einer Weltmeisterschaft auf Teamniveau eine große Herausforderung. Lädt man die Niederlande ein, mit einer passiven 5er-Kette in der eigenen Hälfte, zu spielen oder probiert man in einem Mittelfeldpressing raumorientiert auf eine Seite zu lenken, wird man von dieser NEUEN Niederlande dominiert und/oder regelmäßig ausgespielt. Diese Leistung regt doch sehr zum Träumen ein, auch wenn die Schweden in ihrer Herangehensweise kritisiert werden müssen. Mit aggressivem Rausrücken aus einer 5er-Kette wird man gegen die Niederlande zwar immer Probleme bekommen, alles zu verteidigen – man wird aber auch Ballgewinne erzielen. Gegenpressingstruktur und Abstimmung in der Absicherung sind bei Oranje noch nicht so überzeugend wie der Ballvortrag zuletzt. Und – als Gedankenspiel – je mehr ein Team Gefahr ausstrahlt im Kontern, je passiver/risikominimierender könnte Koeman die Herangehensweise in Ballbesitz wählen, sodass Oranje wieder mehr mit Handbremse angreift.
Regt das Spiel mit Ball zum Träumen an, könnte die defensive Organisation im tiefen oder mittleren Block doch immer wieder zu großen Chancen für den Gegner führen. Gegen die größeren Mannschaften mit besserer individueller und offensiv-taktischer Qualität wird es Probleme geben.
HH ist an der niederländischen Grenze großgeworden, hat sich fußballtaktisch aber lieber Richtung Südeuropa orientiert. Neben Freelancer-Tätigkeiten für deutsche Proficlubs ist er seit zwei Jahren auch als Jugendtrainer bei der U17 von N.E.C. Nijmegen tätig.
LL hat durch Tuchels neue Denkansätze in Mainz seine Faszination für Inhalte im Fußball entdeckt. Im Umkreis der Narrenstadt ist er bereits im Amateur- und NLZ-Kontext tätig gewesen.





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