Mutlos oder Schuld des (WM) Systems? Niederlande – Japan 2:2

2:2

Es trafen die beiden Favoriten der Gruppe aufeinander: „Wir regeln das in den anderen Spielen“ könnte das Motto des Spiels der Mannschaften gewesen sein.

Die Niederlande agierten gegen Japan in Ballbesitz aus einer klaren 1-4-3-3-Grundordnung mit sehr flachen Außenverteidigern und klaren Breitengebern sowie einer klaren Spitze (Malen) und zwei Zehnern (Rijnders und Gravenberch).

Japan verteidigte aus einem 1-5-4-1 Mittelfeldpressing, lenkten nach außen und pressten nur bei Abstoß der Niederlande höher. Um vom Mittelfeldpressing in ein aktiveres, lenkendes Mittelfeldpressing mit Zugriff auf den Flügel überzugehen, schoben sie links mit Maeda (nomininell die linke 10 im 1-5-4-1) in die erste Pressinglinie auf und pressten links mit Wingback Nakamura auf Dumfries durch. So wurde de Jong oft als freier Sechser lose von Japans Doppelsechs und dem sehr rückdeckenden Stürmer Ueda geschlossen. Japan löste ihr Pressing nur ganz situativ, gut abgestimmt zwischen der vordersten und mittleren Linie, aus, wenn ein Querpass einem kurzen Rückpass folgte und somit Aktion sowie Folgeaktion deutlich zu antizipieren und Passwege kurz und leicht nachzulaufen waren.

Niederländische Kontrollfreaks mit einer Ausnahme

Für die Niederlande im sehr positionstreuen und insbesonders statischen 1-4-3-3 lag im Ballbesitz ein besonderer Fokus darauf Kontrolle im Spiel, so auch die technisch starken Innenverteidiger mit kurzer Passdistanz als Fokusaufbauspieler einzubinden. War es in den meisten Test- und Nations-League Spielen so, dass mit van der Ven der linke Außenverteidiger sehr flach eine Art 3er-Kette formierte, während Dumfries höher schob sodass oft gegen tiefere/passive Blöcke eine Art 1-3-2-4-1 entstand, bleib auch Dumfries zu Beginn des Spiels beinah ausschließlich in der Aufbaulinie. Mit fortlaufender Spieldauer wurde Dumfries, im Gegensatz zu den Niederlanden im Gesamten, mutiger und schob situativ in die Halbspur oder sogar ballfern mit in die Box.

Für De Jong, der wie immer sehr dicht bei der Aufbaulinie seine Position wählte, wurde von beiden Achtern, die zwischen den Linien Japans agierten, der größstmögliche Raum freigezogen. Die niederländische Aufbaulinie versuchte die Distanz für Japans vorderste Linie durch eine flache 4er-Aufbaulinie zu vergrößern und zeigte in Ansätzen, welche spielerische Qualität durchs Zentrum, besonders über van Dijk und de Jong (teilweise mit einem kurzzeitig zurückfallenden Rijnders) von ihnen ausgehen kann, wenn sie Druck über ihre vergrößerten Distanzen der Außenverteidiger anlocken und dann zentral überspielen können. Japan war sich diesem bewusst und ließ sich nur selten locken, sodass die Niederlande immer wieder in einem „U“, um den japanischen Block gespielt hat. Die Niederlande traf keine riskanten Entscheidungen und wählte ihren Ballbesitz als defensives Mittel, keine Fehler zu machen oder japanische Konter zu laufen. Eine weitverbreitete Turniertaktik für technisch- und individuell überlegene Teams. Durch die Überzahl im Aufbau und dem Fokus auf einfache Pässe wurden kritische Ballverluste im Zentrum vermieden und mit einer ordentlichen Restverteidigung ergänzt. So extrem, mit einer Aufbaulinie als flache Viererkette, extrem positionstreuen Zehnern (keine Überladung, kein Ballfordern) sowie ohne Dribblings abgesehen von den breiten Außenspielern in höheren Positionen, war es allerdings eher eine Frage, wie die Niederlande vor hatte, aus eigener Kraft zu Chancen zu kommen.

Ein wiederkehrendes oder ausnahmslose Muster im niederländischen Aufbau war das gezielte Aufrücken über die linke Seite. Vor allem Gakpo wurde häufig in Eins-gegen-eins-Situationen gebracht durch saubere Bindungslaufwege von Rijnders. Gakpo wählte aber kein gegenerschlagendes 1vs1, sondern ganz deutlich ein leicht verzögerndes Dribbling mit dem Fokus, einen freien Passwinkel nach innen zu haben (auch mit dem Nachteil, dass weitere japanische Spieler sich hinter dem Ball positionieren und sein 1vs1 Räume versperren). Grund dafür war die niederländische Idee, Donley Malen, der sich bei Ballbesitz der Aufbaulinie gar nicht am Spiel beteiligten, in den Fuß anzuspielen, der sich mit seiner Wendigkeit gut behaupten konnte und ekelig zu verteidigen war. Anderseits wurde auf der rechten Seite durch einen klassischen Positionswechsel von Summerville mit Dumfries oder über lange diagonale Verlagerungen von Van Dijk auf Summerville langsam und mit dem Blick auf eher defensive Positionen aufgerückt. Malen hätte auch häufiger bereits früher im Aufbau gesucht oder angespielt werden können, aber entweder erkannte er diese möglichen Momente nicht, oder die niederländische Herangehensweise des defensiven Ballbesitz verbat dieses. Aus diesem Grund besetzte Gravenberch relativ früh bereits als ballferner Zehner die zentralen Räume hinter Japans Doppelsechs, wobei seine Mitspieler nicht wirklich auf seine Bewegungen eingingen (mit kurzen Dribblings nach innen oder ein Ausweichen Rijnders), weshalb er dies dann auch wieder rasch stoppte.

Simplizität als Mittel für Fehlervermeidung könnte das orangene Motto dieses Spiel sein.

Durch mehr Risiko entstand jedoch der beste Angriff der Niederlande. Pass in den Zwischenraum auf Gravenberch, Dribbling im 1v2, Hinterlaufen von Dumfries, das das 1v1 von Summverville zum 2v1 werden lässt und einen freien Schuss erzeugt. Alles Komponenten, die (zu ) selten in dem Spiel Anwendung fanden.

Fiel Japans noch weiter in einen extrem kompakten 5-4-1 tiefen Block um den eigenen Strafraum zurück, positionierten sich die niederländischen Außenverteidiger eher diagonal zwischen Innenverteidiger und Außenspieler und rückten somit leicht ein.

Tiefer Block ist kein Selbstzweck

Defensiv bei Abstoß Japans wählten die Niederlande einen sehr mannorientierten Ansatz und lenkten Japans Ketter auf seinen schwächeren Fuß an, um einen möglichst unpräzisen Abstoß in eine Kopfballduell, die Lufthohheit lag bei den Niederlanden, zu provozieren. Ansonsten ließ sich die Niederlande eher in ein passiveres 1-5-4-1 zurückfallen, bei dem De Jong häufig die letzte Linie auffüllte (um Doan oder Kubo bzw. dem rechten Zehner zu folgen).

Die Niederlande waren sehr deutlich darauf fokussiert, priorisiert die Tiefe zu sichern und keine Räume hinter / vor der Abwehr preiszugeben, was die niederländische Doppelsechs im Dilemma zwischen ihrer Mannorientierung (Japans bewegliche Doppelsechs im 1-3-2-4-1 ließ sich extrem weit fallen um anzukurbeln, Ito besetzte so situativ die linke Breite) und der vertikalen Kompaktheit zur passiven, im Zweifel eher zurückfallenden letzten Abwehrlinie von Oranje. Ein einzelner Stürmer im 1-5-4-1 ist zumeist relativ chancenlos, allerdings versuchte Malen auch nicht wirklich wirkungsvolle Funktionen für sein Team einzunehmen, während die äußeren Spieler des Blocks auf ihre vertikalen Manndeckungslinie des japanischen 3er-Aufbaus fokussiert waren. Dadurch bekamen die Niederlande nahezu gar keinen Druck auf Japans Aufbau, der sich frei entfalten konnte. Japans rotationsreiches Offensivspiel mit vielen beweglichen Spielern gegen Niederlandes körperliche, große Spieler wies am meisten Potential beim frühen Spiel zum Flügel mit Anschlussaktion nach innen auf.

Durch den nicht vorhandenen Zugriff der Niederlande konnte Japan saubere und schnelle Passaktionen direkt aus der Aufbaulinie, aber schon nah genug am hochgeschobenen Wing-Back ausführen, von wo aus dieser leicht in Zentrum spielen konnte, weil die Pressingwege der niederländischen Außenverteidiger zu lang waren, um bei der Ballannahme bereits zu stören. Kurz gesagt konnte Japan aufgrund des – in diesem Kontext – viel zu späten Drucks der Niederlande sauber und schneller zum Flügel spielen, als die Niederlande diesen unter Druck setzen konnte (weil sonst die niederländischen Außenverteidiger früh weiter rausgezogen wären, was der Idee des zentrum- und tiefenschließen der Niederlande zuwiderlief). Vom Flügel aus konnte Japan in Ansätze Kapital vom beschriebenen Dilemma der niederländischen Doppelsechs machen, die nun entweder in ihrer Mannorientierung (Rijnders) verblieben, wodurch Raum vor der Abwehrlinie geöffnet wurde oder an ihre Abwehrlinie rückten, aber kein Zugriff aus Zentrum vor sich hatten. Durch das Verlieren der 1v1 Duelle im Zentrum, im Verfolgen und der allgemeinen Passivität im Block kamen die Japaner auch zum Ausgleich: Fehlende Zuordnung beim Gewinnen der Höhe kommen die Japaner zum Boxeintritt und werden bis zum Torabschluss nur begleitet. Ironischer Weise wird Dumfries eine aktive Verteidigung zum Verhängnis, da er die Beine und somit die kurze Ecke für Nakamura öffnet.

K(l)eine gute Anpassung

Im Verlauf des Spiels passten die Niederlande die Anlaufwinkel und damit automatisch die Positionierung der äußeren Spieler der mittleren Linie an, sodass diese nicht vollends aber loser aus der Linie des höher geschobenen Wingbacks Japans Druck auf aufdribbelnde oder abkippende japanische Aufbauspieler geben konnten und Japan nicht so direkt wie bereits beschrieben zum Flügel spielen konnte. Allerdings stimmten weder Moment noch Richtung der niederländischen Spieler (Gakpo und Koopmeiners) ihrer Aktionen. Als Folge dieser Anpassung standen diese Spieler höher, konnten dementsprechend bei dennoch erfolgreichen Pässen nicht mehr in der Aktion mitverteidigen und hingegen etwas funktionslos in der Luft (komischerweise schlossen sie auf nicht die Rückpässe, was dem 1gegen1-Zuordnungen am Flügel geholfen hätte, sondern versuchten noch Anschluss herzustellen) was Japans Wingback sowieso mehr Raum am Flügel (sowie die Möglichkeit der Verlagerung ermöglichte). Größere Probleme zeigten die Niederlande defensiv auch, wenn das Flügelpärchen, besonders Gakpo, Rotationen verteidigen mussten. Während Koopmeiners Qualitäten im manndeckenden Verfolgen hat, verlor Gakpo hin und wieder seinen Gegenspieler im Rücken.

Ungewöhnlich anfällig war die Niederlande in der Organisation ihrer Verteidigung bei Ecken sowie Einwürfen.

Bei den wenigen Ballgewinnen waren Entscheidungsfindung und Konterstärke der Niederlande zu schwach, um effektiv Wirkung zu erzielen. Die horizontale Kompaktheit nahm im Laufe der Schlussphase auch immer weiter ab, was zu vermehrt freien japanischen Zwischenraumspielern führte. Fraglich ob diesem eher ein fussballfitnesstechnisches oder eine kognitive Ursache zugrunde liegt.

Defensivstrategie verstärkt oder bedingt individuelle Probleme

Da de Jong kein geprimter Innenverteidiger ist, sicherte die letzte Linie teilweise nicht sauber die Tiefe und van Dijk/van Hecke wählten eine andere Höhe als de Jong, was Japan aber zu selten ausnutzte. De Jongs Deckungsverhalten passt ebenfalls nicht zu dem sehr direkten, verfolgenden Deckungsverhalten von van Dijk und van Hecke. Während diese ihre Gegenspieler aus der letzten Linie häufig direkt dicht mitverfolgen, beschäftigt sich de Jong häufiger als ballferner Spieler mit der (Re)-Organisation der Verteidigung, weshalb freie Spieler im Zwischenraum entstehen, da die niederländische Doppelsechs auch mannbezogen verteidigt. Wenn de Jong dann doch rausverteidigt, zeigt er Probleme beim Druckausübung (in puncto Dynamik) nach dem Verteidigen des ersten Kontaktes des Gegenspielers beim rausrücken aus der Kette, was Japan immer wieder gegen Ende des Spiels ausnutze, um die Ballzirkulation in höhere Räume sauber aufrechtzuerhalten und zu verlagern. Ake ersetzte de Jong später im Spiel.

Auch der anderen Seite war es auffällig, dass insbesondere van Dijk mit seinem direkten, mannorientierten Verfolgen bei schnellen Wechselbewegungen (kurz-tief) der Japaner teilweise große Probleme im Aufnehmen und Verfolgen hatte (siehe Bild), was Japan aber durch fehlendes Timing und fehlende Präzision nicht ausnutzen konnte. Insgesamt gab es also vermehrt individualtaktische Defizite, die nicht gut zur gewählten passiven Defensivstrategie passten.

Anfälligkeiten und Ausblick

Im Ballbesitz besitzt die Niederlande hohe individuelle Qualität. Läuft ein Gegner ins offene Messer, können die Niederlande Dynamik durch alle Spieler im Zentrum auslösen. Der Ansatz des defensiven Ballbesitzes war aber doch sehr extrem und führte zu wenigen Torchancen, aber großer Spielkontrolle. Wahrscheinlich war es der Plan, häufiger Malen vom Flügel aus freizuziehen und einzubinden. Nichtsdestotrotz hat die Niederlande schon bei kleineren Risikoanpassungen riesiges Potential für gefährliches Offensivspiel und kann gegen jeden Gegner zu Tore kommen. Was einem aus niederländischer Perspektive eher Sorgen bereiten sollte ist die defensive Organisation. Die Balance zwischen Druck und Schließen des Zentrums/der Zwischenräume passt nicht zusammen, weil der Druck auf einem so minimalen (Priorisierungs-) Niveau liegt, dass Staffelungsfindung und weites Aufrücken für jede solide Mannschaft dieses Turniers keine Herausforderung ist und zulaufende Bewegungen der niederländischen Spieler Abmilderung statt Verhindern ist, ihre Bewegungen quasi ohne ein bisschen Druck wegpulverisieren. Extrem gut abgestimmt wirkt die letzte Linie sowie die Box-Verteidigung der Niederlande ebenfalls nicht. Probleme in den Mannorientierungen am Flügel, nahezu keine Konterchance aufgrund der tiefen/manndeckenden Positionen und eine allgemeine Schläfrigkeit bei Standards können der Niederlande schon in der Gruppenphase ordentlich zusetzen.

Und Depay?

In den Niederlanden sorgte die Einwechslung von Depay beim Stand von 2:1 bei vielen Zuschauer*innen für Irritationen. Tatsächlich konnte dieser nicht wirklich gewinnbringende Aktionen zum Spiel von Oranje beisteuern. Zu Gute halten muss man die wenig einflussreiche Position des einzigen Stürmers vor einem tiefen, nach hinten gerichteten, passiven 1-5-4-1 Blocks gegen einen 3-2 Aufbau des Gegners. Allerdings hätte den Niederländern besonders bei Ballgewinnen im Konter eine dynamischere, läuferische Spitze vermutlich besser getan.

HH ist an der niederländischen Grenze großgeworden, hat sich fußballtaktisch aber lieber Richtung Südeuropa orientiert. Neben Freelancer-Tätigkeiten für deutsche Proficlubs ist er seit zwei Jahren auch als Jugendtrainer bei der U17 von N.E.C. Nijmegen tätig.

LL hat durch Tuchels neue Denkansätze in Mainz seine Faszination für Inhalte im Fußball entdeckt. Im Umkreis der Narrenstadt ist er bereits im Amateur- und NLZ-Kontext tätig gewesen

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