WM-Tagebuch: Mittelfeldmechanismen und deutsche Gruppengegner – FN, TR

Im neuen Format WM-Tagebuch beleuchten wir wöchentlich spannende Themen der WM-Spiele der vergangenen Wochen in kürzeren Aspektanalysen, sowie bei gegebenem Anlass Spieleranalysen. Heute stehen eine Kompaktanalyse zum Spiel Elfenbeinküste – Ecuador, sowie eine Aspektanalyse der Mittelfeldmechanismen Argentiniens beim Spiel gegen Algerien im Fokus.

Elfenbeinküste – Ecuador:

Wie das alte und aus der Mode gekommene 4-4-2 auch heute noch funktionieren kann, wenn man es nach bestimmten Mustern spielt, illustrierten die deutschen Gruppengegner Elfenbeinküste und Ecuador im direkten Duell. Dass der erste und einzige Treffer der Partie erst in der letzten Minute der regulären Spielzeit fiel, gab die Vielzahl der Torgelegenheiten in dem weitgehend spektakulären Schlagabtausch kaum wider.

Entscheidend für diese Qualität war bei beiden Teams ein Dreiklang: erstens schnelles Vorwärtsspiel in die „einzige“ wirkliche Zone, in der das traditionelle 4-4-2 strukturell stark ist, die Sturmspitze; zweitens die Hochwertigkeit der individuellen Aktionen und der kleingruppentaktischen Interaktionen in der Angriffsreihe; und schließlich drittens die Intensität im Nachrückverhalten der weiteren Spieler(gruppen).

Im Aufeinandertreffen zweier 4-4-2-Formationen ergeben sich automatisch zahlreiche direkte Duelle, die häufig auch in Pärchen ablaufen – also die Innenverteidiger-Duos gegen die Sturmduos und die Sechserduos in direkter Konfrontation zueinander. Mehrheitlich fanden genau diese Duelle zwischen Elfenbeinküste und Ecuador auf hohem Niveau statt, in einem verteilten Match mit viel schnellem Hin und Her und zwischendrin einigen Situationen, in denen die Individualisten und/oder die Teams unerwartete Lösungen fanden.

Leichte Vorteile in dieser umkämpften Begegnung lagen in der ersten Halbzeit auf der Seite Ecuadors und zumindest im ersten Teil des zweiten Durchgangs bei der Elfenbeinküste, ehe erst in den letzten 20 bis 25 Minuten Konzentration und damit die Qualität auf beiden Seiten abnahmen.

Ein gewichtiger Faktor für die leichten Vorteile des ersten Durchgangs waren die Aufbauvariationen bei den Ecuadorianern: Der rechte Außenverteidiger agierte etwas flacher, der linke mehr auf halber Höhe. Von dort rückte Hincapié häufig dynamisch nach innen ein, um den ivorischen Rechtsaußen als seinen nominellen Gegenspieler nach innen zu ziehen. Wenn so die gesamte Viereroffensive des Gegners eng gebunden war, wurden für Ecuador gleich auf beiden Seiten die Passwege auf ihre beiden Flügelstürmer leichter geöffnet. Auf der linken Seite kam durch die kurzfristige Bewegung Hincapiés mitunter noch ein Zeitvorteil für Außenstürmer Minda hinzu. Diese Rotation funktionierte auch zuverlässiger als das Herauskippen des linken Sechsers Vite, worauf die Elfenbeinküste einige Male mit schnellem Übergeben erfolgreich antworten konnte.

Auf der rechten Seite stellten die breiten Ausweichbewegungen von Plata aus der Doppelspitze einen weiteren unterstützenden Faktor für die leichten Vorteile Ecuadors dar. Der Angreifer stellte am Flügel eine Überzahl her, die die ivorischen Innenverteidiger nicht im direkten Duell verfolgen wollten. Entweder erschwerte Plata das Herausverteidigen des gegnerischen Linksverteidigers gegen Yeboah oder er konnte selbst frei werden, wenn der Abwehrspieler im 1gegen1 gebunden war. Punktuell ergab sich dadurch für Ecuador also ein freier Spieler auf dem rechten Flügel. Wenn in der Anschlussaktion Caicedo im rechten Halbraum aufrückte, konnte er entweder die Abwehr weiter beschäftigen oder einen gegnerischen Sechser wegdrücken und damit sichernde Rückwärtsdribbling vereinfachen. Im Ausspielen nach vorne profitierte Ecuador bei Dribblings und Distanzschüssen mehrmals vom offenen Rückraum bei der Elfenbeinküste, wenn die Abwehrkette sehr flach in den Strafraum zurückfiel.

Ein dritter Faktor waren schließlich anfängliche Probleme der Elfenbeinküste beim Zustellen, die Ecuador gerade aus Abstoßsituationen das Andribbeln erleichterten und damit Übergänge in den Ballbesitz, um die Flügelangriffe überhaupt in größerer Zahl initiieren zu können. Meistens blieben die Ivorer für das hohe Anlaufen in einer 4-4-2- bzw. 4-2-4-Struktur. Das bedeutete, dass die Stürmer nicht in Gleichzahl auf die Innenverteidiger pressen konnten, sondern sich auch um den zentralen Sechser kümmern sollten. Dies erschwerte aber das Auslösen auf den Torwart. Darüber hinaus wurden die Stürmer etwas enger gebunden und konnten Überdribbeln eines Innenverteidigers über die Breite nicht immer unterbinden.
Gerade an dieser Stellschraube konnten die Ivorer im Laufe der Partie drehen, um die leichten Vorteile des Gegners zu reduzieren. Indem sie aus einer stärker 4-1-3-2-haften Ausgangslage pressten, konnten sie schneller und einfacher direkte Manndeckungen zuordnen und so auch das Überdribbeln verhindern. In der Folge hatte es Ecuador deutlich schwerer, eigene Angriffe vorzubereiten, wovon die Elfenbeinküste auch in Form steigender eigener Feldanteile profitierte.

Bereits über die gesamte erste Halbzeit hatten die Ivorer aber gerade gegen Ecuadors mittleren Block wiederkehrend für Gefahrenmomente gesorgt und damit für viele wichtige Facetten des hohen Gesamtniveaus der Begegnung. Im Vergleich mit den flachen Außenverteidigern und doppelter Breite unter hohem Druck kam im zweiten Felddrittel gerade die Struktur mit halbhohen Außenverteidigern und engeren Flügeln gut zum Zuge. Das ecuadorianische 4-4-2-Konstrukt tat sich mitunter schwer, die Zwischenhöhe der Außenverteidiger zu beantworten, auch wenn stärkeres Andribbeln der Innenverteidiger und mehr Variation bei der Einbindung der Sechser dieses Dilemma nochmals hätten verschärfen können. Aber auch so gelangte die Elfenbeinküste mehrmals in Situationen, in denen die Außenverteidiger scharfe und flache Diagonalpässe direkt in die Spitze, meist an die letzte Linie heran, spielen konnten. Bei solchen Risikobällen brachten die vier Offensivkräfte wiederholt gute Folgeaktionen ein – vor allem schnelle Kreuzbewegungen und wuchtige Drehungen mit Anschlussdribblings, dazu auch ein paar Ablagen. Bei flacheren Außenverteidiger- und breiteren Flügelstürmerpositionen sorgten ferner die Dribblings von Diomandé aus der Breite, mit seinem breiten Repertoire in der Ballführung, für die erwarteten Glanzmomente.

Argentinien – Algerien:

Argentinien gewinnt ihr Auftaktspiel gegen Algerien souverän mit 3:0 und untermauert seine Ambitionen auf den Titel. Neben dem alles überragenden Messi, der mit drei Toren glänzte, stachen vor allem die Rollen der Mittelfeldspieler heraus. Dadurch gelang es Argentinien immer wieder aus der Kontrolle heraus das Zentrum zu bespielen und die Sechser des algerischen 4-4-2 Blocks geschickt zu binden. Diese Bewegungen der Mittelfeldspieler legten den Grundstein vor allem in der ersten Halbzeit in eigenem Ballbesitz dominante Vorstellung Argentiniens.

An dieser Stelle sind die Detailartikel von MH zu Argentinien im Zuge der WM-preview sehr zu empfehlen. Hier wird ein genauerer Einblick in die Entwicklung Argentiniens gegeben und was deren Spielweise grundsätzlich von den europäischen Nationen unterscheidet. Außerdem gibt es eine Einzelspieleranalyse zu Messis Rolle im Konstrukt dieser argentinischen Nationalmannschaft.

Durch den auf die Beziehungen unter den Spielern fokussierten Ansatz der Argentinier lassen sich diese Bewegungen der Mittelfeldspieler kaum durch fixe Räume und Strukturen erklären. Vielmehr gilt es die individuellen Rollen der Spieler in diesem Spiel zu verstehen.

Die am wenigsten mobile Rolle übernahm wohl Mac Allister. Dieser agierte zumeist als alleiniger Sechser hinter den Stürmern Algeriens. Dabei übernahm Mac Allister vielmehr die Funktion als zwischenzeitlicher Zielspieler hinter der ersten Pressinglinie, um aus dem gewohnt langsamen Spielrhythmus Argentiniens heraus eine Verbindung ins enge Kombinationsspiel im Zentrum zu schaffen. Der Liverpooler agierte hierbei sehr aktiv in den Freilaufbewegungen, löste sich immer wieder klug aus dem Deckungsschatten und konnte so mehrfach zwischen den Stürmern Algeriens gefunden werden. Mac Allister zeichnet in dieser Rolle vor allem ein sehr gutes Gefühl für dafür aus, wann unterstützende Bewegungen in enge Räume notwendig waren, und bewegte sich so immer wieder gut als dritter oder vierter Mann einer Kombination, um anschließend den öffnenden Ball zu spielen oder in den ballfernen Halbraum zu verlagern.

Eine Schlüsselrolle im Aufbau Argentiniens nahm aber vor allem Fernandez ein. Dieser löste sich immer wieder aus dem Gegnerdruck im Zentrum und versuchte über Abkippen vor den Pressingwall dem Spielaufbau Argentiniens Kontrolle zu verleihen. Dabei nahm dieser häufig eine Positionierung vor Romero ein und agierte als vermeintlicher Sechser, während Mac Allister den eigentlichen Sechser im Block gab.

Häufig wich Fernandez auch halblinks zwischen Lisandro Martinez und Medina aus. Aus dieser eher seitlich zum Block stehenden Positionierung hatte Fernandez vielmehr eine lockendere Funktion. Per auffällig langsamem Andribbeln auf die Bruchstelle zwischen Stürmer und Außenstürmer gelang es so immer wieder Boudaoui zum leicht diagonalen Rausschieben zu zwingen. Dadurch war zwar in den meisten Fällen keine durchbrechende Lösung ins Zentrum möglich, jedoch vergrößerten sich so die Abstände zwischen Boudaoui und Bentaleb, was im Anschluss Räume für mögliche Kombinationen im Block schuf und die Innenverteidiger Algeriens zu einem aggressiveren Springen in den Zwischenlinienraum drängte. Mit zunehmender Dauer der Ballzirkulation intensivierten sich diese Effekte zudem.

Nicht zu vergessen ist, dass dieses abkippen von Fernandez zwar einen wichtigen Part seines Aufgabenbereichs darstellte, jedoch keinesfalls statisch oder dauerhaft erfolgte. So übernahm auch er Aufgaben im Block und füllte nach erfüllter Funktion immer wieder im Block auf, um sich dort auch ins Kombinationsspiel einzuschalten. Dennoch geschah dies aufgrund der Verantwortung im Aufbau deutlich seltener als bei Almada.

An Almada war die Freiheit und Losgelöstheit von positionsbezogenen Rollen wahrscheinlich am deutlichsten zu erkennen. So hatte Almadas Spiel kaum etwas mit der auf dem Papier aufgebotenen Position als linker Außenstürmer zu tun. Dieser hielt sich viel mehr schwimmend im Zentrum auf und agierte ständig auf der Suche nach kleinräumigen Kombinationen. Teilwiese erfüllte Almada hier auch die Funktion des Bindens der Sechser. Hierfür agierte er in der Positionierung etwas links von Boudaoui, wodurch die Abstände zwischen den Sechsern vergrößert wurden. Dies half dabei die Kombinationen rund um Messi im rechten Halbraum zu vereinfachen und sorgte durch das gezwungene Rausstechen von Bensebaini teilweise für das Öffnen der Tiefe. Almada attackierte aus dieser bindenden Funktion bei freiem Fuß im Zentrum auch immer wieder den Zwischenlinienraum mit diagonalen Läufen, was für weitere Gegnerbindung beziehungsweise Angebote sorgte.

Der letzte im Bunde ist de Paul. Dieser nahm sowohl im Aufbau als auch im Kombinationsspiel eine unterstützende Funktion ein. Im Aufbau suchte de Paul als Reaktion auf das doch recht fixe Hochschieben von Rechtsverteidiger Montiel immer wieder das Abkippen als rechter Part der Kette. Dieses Abkippen war vor allem nach Rückzirkulation von links durch die Kette bemerkbar oder wenn kein direktes Vertikalspiel von den Innenverteidigern auf Mac Allister möglich war.

Aus dieser leicht eingerückten halbrechten Positionierung öffneten sich für de Paul mehrfach diagonale Passwinkel ins Zentrum. Chaibi agierte in diesen Situationen häufig zu lange an Montiel orientiert und lief so viel zu sehr im Bogen von außen an, wodurch man die diagonale kaum isolierte. Dadurch gelang es de Paul mehrfach eine direkte Verbindung auf Mac Allister zu schaffen und diesen ins Aufdrehen beziehungsweise Kombinieren zu bekommen. Algerien versuchte dieses Problem der diagonalen Isolation vermehrt dadurch zu lösen, dass Maza seitlich weit verschob und mit hohem Aufwand den Passweg blockte. Dadurch öffneten sich allerdings immer wieder bereits besprochene Vertikalpässe von den Innenverteidigern auf MacAllister.

Unmittelbar nach dem Erfüllen seiner Funktion – Querpass oder diagonale auf Mac Allister – suchte de Paul wieder den Weg in den Block. Diese Läufe überzeugten durch eine hohe Dynamik und waren durch das Durchschieben im Halbraum immer wieder gegnerbindend. Auffällig war auch die spürbar erhöhte Aktionszahl des Pauls nachdem Messi sich ab der 15. Minute aktiver zeigte. De Paul agiert im Block vor allem um Messi herum unterstützend, sei es durch freiziehende Läufe oder direkte Kombinationen miteinander.

Beispielhaft für die Effekte dieser Rollen im Mittelfeld ist eine Ballbesitzphase aus der fünften Minute, in der sich mehrere Merkmale dieser Rollen erkennen lassen.

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