Türchen 21: Andrea Pirlo

Über den großen Maestro des italienischen Fußballs der 2000er und 2010er wurde bereits viel gesagt und geschrieben. Unbestritten war er eine wichtige Stütze für Milan, Juventus und die Squadra Azzurra.

Beginnen wir einmal mit Pirlos Zeit in Mailand. Die Hochphase der Rossoneri unter Carlo Ancelotti war vor allem von internationalen Erfolgen geprägt. In der Champions League kam Milan in der Regel sehr weit und erarbeitete sich einen gefürchteten Ruf. Insbesondere in Mittelfeld und Angriff war die Mannschaft hochkarätig bestückt – im Epizentrum befand sich bekanntermaßen Pirlo. Beeindruckend und zugleich ungewöhnlich war die Art und Weise, in der das Milan-Mittelfeld aufgebaut war.

Milan 2005

Auf dem Papier war es eine Raute. Allerdings spielte Pirlo auf der zentralen Sechserposition, während Gennaro Gattuso die halbrechte Position übernahm. Aufgrund seiner spielerischen Veranlagung trug Gattuso jedoch nur bedingt etwas zum Offensivspiel bei. Allenfalls zeichnete er sich durch Ballgewinne und Gegenpressing in der zweiten Welle aus. Gattuso blieb halbrechts zumeist tief, Clarence Seedorf schob dafür halblinks weiter nach vorn, während Cafu die rechte Seite mit seinen vorstoßenden Läufen beackerte.

Der jeweilige Zehner – beispielsweise Rui Costa oder Kaká – sollte sich entsprechend in den Zwischenräumen positionieren, wobei sich gerade Kaká eher als eine Art Schattenstürmer verstand. Pirlo zog dahinter die Fäden, leitete die Spielzüge ein und balancierte die Bewegungen all seiner Neben- und unmittelbaren Vordermänner. Das war aufgrund der komplexen Struktur eine Höchstleistung. Ohne Pirlo hätte Milan niemals so erfolgreich und erfolgsstabil agieren können. Das wurde immer dann deutlich, wenn der Spielmacher eine Pause brauchte und etwa Massimo Ambrosini im Zentrum das Kommando übernahm.

Hinter den Läufern bei Juventus

Bei Juventus war die Situation ein wenig anders. Als Pirlo zu den Bianconeri wechselte, hatte er noch mehr an Tempo eingebüßt und betätigte sich fortan seltener als Lückenschließer und mehr als reinrassiger Sechser. Aber da er neben sich dynamische Hybridspieler wie Claudio Marchisio und Paul Pogba hatte, gelang das Pirlo zwischen 2011 und 2015 auch meist hervorragend. Seine wichtigste Rolle bestand in der Auflösung von Spielaufbausituationen. Die Innen- und Außenverteidiger versuchten in der Regel, Pirlo über kurze Kombinationen anzuspielen und zugleich die erste gegnerische Linie zu brechen.

Anschließend versuchte Pirlo meist raumgreifende Zuspiele nach außen oder schickte einen der Achter durchs Mittelfeld. Natürlich konnte er den Fuß auch auf dem Bremspedal lassen und stattdessen den entspannten Querpass spielen. Aber Pirlos Hauptaufgabe war nun einmal, die Spielgeschwindigkeit von Juventus schlagartig zu erhöhen und die dynamischen Akteure in Mittelfeld und Angriff in Fahrt zu bringen. Ohne Pirlo wirkte das Spiel von Juventus meist um einiges träger und fahriger, was sich auch nach seinem Abgang 2015 sofort bemerkbar machte.

Wechselnde Umgebungen in der Squadra Azzurra

Seine Rolle in der italienischen Nationalmannschaft ähnelte stets der jeweiligen im Vereinstrikot. 2006 spielte Pirlo an der Seite von Gattuso in einer Doppelsechs, 2012 hingegen gab er den Solosechser und hatte mit Marchisio, Daniele De Rossi und Riccardo Montolivo drei laufstarke Akteure vor sich. Beim starken EM-Auftritt der Italiener 2012 war Pirlo ähnlich wie bei Juve ein Auslöser und Beschleuniger. Deshalb entschied sich Bundestrainer Joachim Löw auch im damaligen Halbfinale dafür, Pirlo in Manndeckung zu nehmen.

Der Plan wie auch viele andere Defensivpläne gegen Pirlo ging nicht auf, weil er sich trotz seines überschaubaren Tempos mit klugem Positionsspiel befreien oder Räume für seine Nebenmänner durch ausweichende taktische Bewegungen öffnen konnte. Aus diesem Grund war Pirlo in der Lage, selbst abseits des Balles noch gegen die Struktur des Gegners zu arbeiten. Wenn er am Ball war, dann gab es ohnehin einen linienbrechenden Flachpass oder raumöffnenden Flug nach dem anderen. Dafür wurde er berühmt und berüchtigt.

War Pirlo – entsprechend dem Motto des Adventskalenders – ein Systemträger? Auf jeden Fall. Das System bei Juventus und über weite Strecken auch in der Nationalmannschaft wurde sogar um ihn herum gebaut. Die Trainer versuchten eine perfekte Umgebung zu kreieren, damit Pirlo bestens agieren und der Rest des Teams davon profitieren konnte.

Lukas 28. Dezember 2021 um 14:08

„Insbesondere in Mittelfeld und Angriff war die Mannschaft [AC Milan] hochkarätig bestückt“

Guckt sich die Abwehr an: Maldini – Nesta – Stam – Cafu

!

Danke für den schönen Artikel! 😉

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Koom 6. Januar 2022 um 14:10

Ja, da hat man als Stürmer schon keinen Bock mehr. Wird ein sehr harter und schmerzhafter Tag. 😉

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